Montag, 20. Juni 2011

Standpunkt, Ausgabe 22 - Dossier - China


Top-Thema: China

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns ausschliesslich mit China, am Schluß noch ergänzt um einige Anmerkungen zu den anderen Schwellenländern Brasilien, Russland und Indien, denen mittlerweile ebenfalls von westlichen Ökonomen und Managern der Status von „Weltwirtschaftsrettern“ verpaßt wurde.

Wir wollen uns mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Hochstimmung dieser Experten mit den Fakten, soweit sie im Westen überhaupt bekannt sind, zusammenpassen. Das Ergebnis werden wir vergleichen und bewerten. Dazu stützen wir uns auf Informationen, die das Internet zur Verfügung stellt, wie immer ergänzt durch unsere eigenen Quellen. Wir haben sorgfältig recherchiert, trotzdem sind die folgenden Äußerungen das Ergebnis unserer persönlichen Bewertungen der ermittelten Fakten. Auf die politischen Verhältnisse gehen wir nicht näher ein. Wir wollen Denkanstöße geben, keine „Meinungen bilden“. Wir stellen unsere Bewertung zur Diskussion und freuen uns über jede Zustimmung oder Kritik.

Beginnen wir mit einem kleinen Rückblick: Schon in unserer 1. Ausgabe vom 06.12.2010 haben wir uns mit China und seinen Plänen beschäftigt. Wir hatten damals darauf hingewiesen, dass die riesigen Währungsreserven es dem Land erlauben, sich in der ganzen Welt, einschliesslich Europa, einzukaufen. Unser Fazit war: Hier wächst der neue Champion heran.

Bereits in der folgenden Ausgabe haben wir über ernste Probleme im Reich der Mitte berichtet. Auslöser war für uns eine Empfehlung der Royal Bank of Scotland an ihre Kunden, sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern. Wir waren davon überzeugt, dass die Statistiken längst den wahren Zustand der chinesischen Wirtschaft kaschieren. Andererseits nutzt die Führung konsequent die Schwäche der Industrienationen, um seine politischen und wirtschaftlichen Interessen zu sichern.

In der Ausgabe 3 haben wir uns mit Chinas angekündigten Investitionen in Europa beschäftigt. Es gibt entscheidungsreife Pläne, in den PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) zu investieren. Außerdem wurden mit Russland, Indien und Pakistan milliardenschwere Handelsabkommen geschlossen. Unsere Aussage: China justiert seine Exporte neu.

In der nächsten Ausgabe sind die Inflation und Immoblienblase Thema gewesen. Außerdem verschafft sich China weiter Vorteile in Afrika und investiert 31 Mrd. $ in die Sicherung der Rohstoffversorgung.  

Unsere Warnung in Ausgabe 6: China nimmt maßgeblichen Einfluss auf die Finanz- und Wirtschaftpolitik der EU. So wird das jahrelange Waffenembargo der EU kurzfristig fallen. Schweizer Unternehmer finden, China habe aktuell die Regierung mit der höchsten Wirtschaftskompetenz auf der Welt.

Ausführlich beschäftigen wir uns in der Jahresvorausschau 2011 mit China. Bitte dort nachlesen. Unser Fazit: Das Land wird nicht der Retter der Weltwirtschaft.
In der Doppel-Ausgabe 7/8 beschäftigen wir uns mit der HANDELSBLATT-Aussage „Von der Geldmacht zur Weltmacht“. Wir beleuchten Chinas Rolle in der Euro-Krise, bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln, als Kreditgeber der Entwicklungsländer. Kurz, mit dem schwindenden Einfluss des Westens in der Welt. Außerdem mit den Zuständen im Land selbst.

Inflation bei 35 %, die Bevölkerung demonstriert für mehr Lohn, Druck auf den Arbeitsmarkt, so unsere Nachrichten in Ausgabe 9. Ökonomen befürchten das Platzen der Immobilienblase.

Ausgabe 10: China kritisiert die US-Notenbank FED. Der deutsche Mittelstand setzt weiter auf die chinesische Karte. Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND nennt es am 03.02.2011 „Kaufkraft statt Billiglohn“. 

Die Regierung zahlt armen Familien bereits Zuschüsse für Nahrungsmittel, deren Preise teilweise auch subventioniert werden. Wir zweifeln an Chinas Fähigkeit, 600 Millionen Menschen in die angestrebte Radikal-Industrialisierung einzubinden. Nachzulesen in Ausgabe 12.

Die Immobilienblase wächst weiter. Außerdem massieren sich die Proteste im Land. Von der „Jasmin-Revolution“ ist schon die Rede. Wir hoffen, dass die „chinesische Kolonialisierung der Welt“ wieder an Kraft verlieren könnte, sich wenigstens deutlich verlangsamt. Einzelheiten dazu in Ausgabe 13.

China will dem Dollar den Rücken kehren und die eigene Währung zur Weltwährung aufbauen. Das Land kämpft mit Inflation, schlechter Gesundheitsvorsorge, einer tiefen Einkommenskluft, Korruption. Der Westen redet China stark. Die Industrie lebt vom West-Konsum. Binnennachfrage so gut wie keine. Wir erwarten, dass Teile der Landbevölkerung exportiert werden, z. B. nach Afrika. Näheres in Ausgabe 14.

Doppel-Ausgabe 15/16: Die Ratingagentur Fitch prophezeit China eine Banken- und Systemkrise. Können wir nachvollziehen.

Chinas Unternehmer industrialisieren den afrikanischen Kontinent. Für beide Seiten ein lukratives Geschäft: Rohstoffe gegen Infrastruktur. Bericht in Ausgabe 17.

Neues aus dem Wirtschaftswunderland China in Ausgabe 18: Zunahme des Kreditvolumens in 2010 um 140 %, Anstieg der Einzelhandelspreise um 17 %, der Eigenheimpreise im Jahresvergleich um 26 %, die Inflation beginnt zu galoppieren.

Die chinesische Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten. Die Lohnkosten steigen, Arbeitnehmer werden entlassen. Die Wettbewerbsfähigkeit bröckelt. Jetzt warnt auch die Weltbank vor dem Platzen der Immobilienblase. Hier braut sich ein gewaltiges Gewitter zusammen, 60 % des BIP hängen an der Bauwirtschaft. Ausführlicher in Ausgabe 19.

In Ausgabe 20 setzen wir uns mit China als neues wirtschaftliches und politisches Machtzentrum in der Welt auseinander. Wir glauben noch nicht daran.

Mit dieser Auffassung stehen wir nicht alleine, sind jedoch Teil einer absoluten Minderheit. Die Mehrheit der Experten lobt China für seine Wirtschaftspolitik und seine großartigen Leistungen als Motor der Weltwirtschaft. Hier eine kleine Auswahl dieser Experten-Meinungen:

Das WIRTSCHAFTSBLATT/AT berichtet am 25.05.2011 unter der Überschrift „Weltkonjunktur brummt, EU-Motor noch nicht in Fahrt“ über „den bedeutendsten Wirtschaftsmotor“, gebildet von den asiatischen Schwellenländern mit ihren Exporten und der kräftigen Investitions- und Konsumnachfrage.

Der Ökonom Stephen S. Roach veröffentlicht am 27.05.2011 unter www.project-syndicate.org einen Artikel mit der Überschrift „Zehn Gründe, warum China anders ist“ und lobt darin Chinas Strategie der Fünfjahrespläne, seine Disziplin „im Kampf gegen Inflation, Spekulationsblasen und sinkende Kreditqualität“, die hohe „inländische Sparquote von über 50 %“, die „Migration vom Land in die Städte“ und deren „solide Grundlage für Investitionen in Infrastruktur und Wohnungsbau“, das „Entwicklungspotenzial“ beim Konsum durch die „Schaffung von Arbeitsplätzen, Lohnerhöhungen und soziale Sicherung“, das „Entwicklungspotenzial“ im Bereich Dienstleistungen“ als wichtiger „Bestandteil von Chinas Konsumförderungsstrategien – insbesondere transaktionsintensive Großindustrien wie Vertrieb (Groß- und Einzelhandel), inländischer Transport, Lieferkettenlogistik sowie Gastgewerbe und der Freizeitbereich“, die „enormen Anstrengungen zur Bildung von Humankapital“, außerdem die geplanten Innovationen bei „aufstrebenden strategischen Industrien“. Roach liefert eine umfassende Lobeshymne, nennt China „das beeindruckendste Entwicklungswunder der modernen Zeit“.

Ähnlich, wenn auch mit einem deutlich kritischeren Unterton, äußert sich am 01.06.2011 auf www.project-syndicate.org Michael Spence, Ökonom und Nobelpreisträger, unter der Überschrift „Asiens neues Wachstumsmodell“. Er hält China, zusammen mit Indien, für die Motoren der globalen BIP-Entwicklung der kommenden drei Jahrzente.

Der Schweizer TAGES-ANZEIGER titelte am 07.06.2011 „Wenn China die Welt regiert“. Das Blatt zitiert u.a .den IWF, der „in seiner neuesten Einschätzung davon [ausgeht], dass China 2016 (…) die größte Volkswirtschaft der Erde sein wird“. Weiter heißt es dort: „Chinas wirtschaftlicher Aufschwung wird damit begründet, dass es in Wirklichkeit kapitalistischer geworden ist als der Westen.“ Jedenfalls scheint klar zu sein, „Europa spielt ohnehin keine Rolle mehr“.

Der von uns wegen seiner konstruktiven Kommentare überwiegend geschätzte Manfred Gburek schreibt am 09.06.2011 in der WIRTSCHAFTSWOCHE „Europa pennt, Amerika drängt, China rennt“. Seine Aussagen über die wirtschaftliche und politische Entwicklung in China sind sehr wohlwollend. Er sieht das Land wegen „einer weitgehend funktionsfähigen Infrastruktur und blühenden Wirtschaft“ schon nicht mehr als Schwellenland.

Thomas Fricke überschreibt seine Kolumne am 10.06.2011 mit „Was schert uns Amerika?“ und feiert dort bereits Chinas Stärke als neue No. 1 der Weltwirtschaft.

Bestätigen die Fakten überhaupt diese positiven Einschätzungen? Zweifel sind angebracht. Das geht schon los bei den von China kommunizierten Wirtschaftsdaten. THE EPOCH TIMES DEUTSCHLAND (epochtimes.de) hat sich am 25.06.2009 ausgiebig mit der Frage beschäftigt, wie weit die staatlichen Statistiken Chinas glaubwürdig sind. Überschrift: „Trau, schau wem – eine Frage des Überlebens“. Der Autor beruft sich in seinem Artikel auf Wall Street Journal, Credit Suisse, die norwegische Consultingfirma Wilhelmsen Marine Consultants oder die renommierte Philadelphia Pennsylvania School of Business, und trifft folgende Feststellungen: China habe „in der Sache des Bruttoinlandsprodukts schon immer gelogen“. Die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung sieht die Wirtschaftsdaten als verfälscht an (lt. einer Internet-Umfrage 90,66 %). „Jeder auf der Erde sollte wissen, dass die chinesischen Wirtschaftsdaten voll Wasser sind. Nur alle haben sich daran gewöhnt. (…) Durch die Lügen des chinesischen Regimes und weil die Wirtschaftsexperten auch nicht wagen, die Wahrheit auszusprechen, ist die internationale Gemeinschaft noch von dem Scheinbild der chinesischen Wirtschaft verwirrt. (…) An den offiziell veröffentlichten Wirtschaftszahlen könne man schwer das wahre Bild der Wirtschaft Chinas erkennen.“ Der vergangene Wirtschaftsboom sei „nur ein Schein gewesen“. Der Artikel endet mit einem Zitat von Warren Buffett: „Erst wenn die Flut zurückgeht, sieht man, wer nackt gebadet hat“.

Offensichtlich hat Chinas Führung nicht nur die technischen Errungenschaften, sondern auch bereits die Tricks und Kniffe statistischer Schönfärbereien aus dem  Westen übernommen. Keine gute Ausgangslage für die Beurteilung der heutigen und zukünftigen Rolle Chinas in der Welt.

Auf Basis der offiziellen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist China jedenfalls ein wirtschaftliches Federgewicht. Zuletzt betrug das Pro-Kopf-BIP in China $6.567, in den USA $46.381, in Deutschland $40.875, in Europa durchschnittlich $30.494. Im Vergleich mit den anderen Schwellenländern: Brasilien $8.220, Russland $8.694, Indien $2.941. Selbst bei einem durchschnittlichen Wachstum von hohen 8 % pro Jahr vergehen mehr als 20 Jahre, bis in China das heutige deutsche Pro-Kopf-BIP erreicht sein wird. Wächst Deutschland durchschnittlich nur um geringe 1,5 % jährlich, was zu schaffen sein sollte, so liegt bis dahin das deutsche Pro-Kopf-BIP schon bei über $58.000. Wir sind davon überzeugt, selbst die USA werden sich weiter entwickeln.

Es erscheint uns wenig wahrscheinlich, dass China Jahr für Jahr 8 % echtes Wachstum erwirtschaftet. Bereits heute wird das Wachstum nämlich nur durch massive Konjunkturmaßnahmen gestützt, die immer größere Blasen bilden und die demnächst platzen werden. Wenig Anlass, an die Leistungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft zu glauben.

In diesem Zusammenhang möchten wir einem Artikel Aufmerksamkeit verschaffen, den die ZEIT am 08.03.2007 unter der Überschrift „Der Koloss braucht unsere Hilfe!“ veröffentlicht hat. Zugegeben, die Aussagen dort haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel, sind aber – so finden wir – immer noch sehr aktuell. Hier nun einige Auszüge:

„Chinas Aufstieg ist ungeheuerlich. So ungeheuerlich, dass wir uns fragen, ob das 21. Jahrhundert ein chinesisches (…) wird. (…) in einer von China dominierten Welt gäbe es keine Garanten mehr für unsere im Grundsatz liberale Kultur und jene globalen Institutionen, die aus der Tradition der freiheitlichen Gesellschaften im Westen entstanden sind. (…) Chinas Wachstumsraten sind der Neid der ganzen Welt. (...)

China wird den Westen wirtschaftlich nicht von der Bühne fegen. Die (…) Führung betont, dass sie ein ganz besonderes Wirtschaftsmodell entwickele: eine sozialistische Marktwirtschaft. (…) Dieser Zustand ist instabil, ungeheuerlich ineffizient, extrem ungerecht und langfristig nicht aufrechtzuerhalten. (…) die Partei (…) dem Diktum folgt, sie besitze ein Monopol über die Bestimmung der Politik und die Kontrolle der Gesellschaft. (…) Deswegen hat sich die Leistung der staatseigenen Betriebe, die zwei Drittel des Industrievermögens kontrollieren, (…) kaum verbessert. Sie sind unprofitabel und stehen finanziell am Rande des Ruins. Etwa ein Drittel aller chinesischen Angestellten sind übeflüssig. Es gibt glaubwürdige Schätzungen, nach denen eine winzige Zinserhöhung oder ein minimaler Einbruch der Nachfrage dazu führt, dass die Chinesen 40 bis 60 Prozent ihrer Schulden nicht mehr bedienen können. Das gesamte chinesische Bankensystem wäre damit bankrott. (…) Von einer arbeitenden Bevölkerung, die fast 800 Millionen Menschen umfasst, leben 200 Millionen als miserabel bezahlte Wanderarbeiter und Industrienomaden. Die Ungleichheit ist atemberaubend. Korruption (…) hat monumentale Ausmaße erreicht. Die Zerstörung der Umwelt ist unvorstellbar schlimm. (…) Die Ignoranz des Westens gegenüber Chinas Schwächen ist unverzeihlich und führt zu einer maßlosen Übertreibung der sogenannten chinesischen Gefahr. (…) China ist (…) Exportweltmeister (…), aber deswegen bleibt es trotzdem ein Subunternehmer des Westens.“

Soweit die Auszüge, die klar und deutlich die Schwächen des chinesischen Modells aufzeigen, die sich durch die Finanzkrise 2008 nur noch verschärft haben. Dafür gibt es, trotz der chinesischen Zensur, klare Hinweise. Politische Unruhen sind längst an der Tagesordnung (siehe u. a.: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 26.05.2011, WELT ONLINE, 16.06.2011, SÜDDEUTSCHE, 18.06.2011). Korruption an der Tagesordnung. Inflation in China legt weiter zu, offizielle Teuerungsrate 5,5 %, Lebensmittelpreise stiegen im Mai um offizielle 11,7 % (MANAGER MAGAZIN, 14.06.2011). China selbst sorgt für den Druck auf die Nahrungsmittelpreise: Chinas Reiskammer trocknet aus, weil der Wasserstand des Jangtse, Chinas wichtigste Wasserressource, so niedrig ist wie noch nie. Wirtschaftlicher Schaden für das Land bisher 2,3 Mrd. US-Dollar. Heftige Regenfälle führen gerade zu einer weiteren Katastrophe. Die Ära chinesischer Billigprodukte geht zu Ende. Die Löhne steigen weiter, angeblich von der politischen Führung gewollt, um den Binnenkonsum zu stärken. Teilweise aus: FOCUS, CHINADAILY.COM.CN, FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, SPIEGEL ONLINE.

Bei so vielen „hausgemachten“ Problemen macht es Sinn, dass China seine gigantischen Währungsreserven nutzt und in der ganzen Welt auf Einkaufstour geht (MANAGER MAGAZIN, 06.01.2011). Kein Erdteil bleibt davon verschont. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, sind die bevorzugten Ziele. Gesucht: Land, Öl und andere wichtige Rohstoffe vorzugsweise in Afrika, Australien, Süd-Amerika. Unternehmenskäufe, Beteiligungen quer durch die Wirtschaft, in Europa und Nord-Amerika. Auf absehbare Zeit wird China z. B. in Afrika eine Vormachtstellung gegenüber dem Westen erreichen. Wir warnen schon lange vor einer Kolonialisierung der Welt durch China, die US-Außenministerin Hillary Clinton hat erst kürzlich, während ihrer Afrikareise, eine entsprechende Warnung ausgesprochen (SPIEGEL ONLINE, 13.06.2011). Sehr informativ in diesem Zusammenhang ist ein Bericht in der ZEIT vom 10.01.2008 mit dem Titel „Afrikas neue Freunde“, lesenswert. In Europa beteiligt sich das Land an der Bewältigung der Schuldenkrise (WIRTSCHAFTSBLATT/AT, 17.06.2011), natürlich nur zum eigenen Vorteil. Diese Entwicklung wird Europa noch schwer zu schaffen machen.

Jetzt sind auch die USA dran. Es reicht China nicht mehr nur, das US-Haushaltsdefizit zu finanzieren. Im US-Bundesstaat Idaho soll ein chinesischer Brückenkopf entstehen. Der chinesische Staatskonzern China National Machinery Industry Corp. will in der Nähe der Provinzhauptstadt Boise auf einer Fläche fast so groß wie Frankfurt am Main (219 Quadratkilometern) eine autarke Industriestadt errichten. Geplant sind Fabriken, Lagerhallen, Großhandelszentren, Logistik, komplette Wohngebiete mit eigener Energieversorgung. US-Medien sprechen schon von einer Sonderwirtschaftszone, vergleichbar Shenzhen oder Xiamen in China. In Shenzhen leben heute 14 Mio. Menschen, in den 1970er Jahren war es nur ein kleines Fischerdorf. „China hat sich zu einer Invasion der USA entschlossen, (…) mit einer Armee von Arbeitern, die eine eigene Freihandelszone errichten werden“, so ein Kritiker. Idaho geht es mittlerweile so schlecht, dass mit nennenswerten Widerständen von den einheimischen Politikern nicht zu rechnen ist. Der örtliche Wirtschaftsminister wird mit dem Satz zitiert: „Die Chinesen schauen sich nach einem Brückenkopf in den USA um, Idaho ist bereit, einen anzubieten.“ Weitere chinesische Delegationen sind in Ohio, Michigan und Pennsylvania unterwegs. Idaho hat aber die besten Chancen, das Versuchslabor für eine neue Außenwirtschaftsstrategie gegenüber den USA zu werden. Zu stoppen nur durch Washington. Deutsche Quelle: MANAGER MAGAZIN, 14.06.2011. Eine geradezu wahnwitzige Idee.


Fazit

Beginnen möchten wir damit, aus einem Interview zu zitieren. Es ist am 26.05.2011 im Schweizer TAGES-ANZEIGER unter dem Titel „China ist ausser Kontrolle“ erschienen. Geführt mit Albert Edwards und Dylan Grice, den „alternativen“ Chefstrategen von Société Générale, der französischen Großbank. Ihre Meinung deckt sich ausdrücklich nicht mit der offiziellen Strategie der Bank. Edwards vertrat schon vor zehn Jahren die Meinung, dass ein Kollaps des Finanzsystems nur eine Frage der Zeit sei. Grice wird mit seinen Thesen weltweit von den renommiertesten Wirtschaftszeitschriften zitiert. Ihre Aussagen in dem Interview kommen auf den Punkt, sind richtig und können von uns nicht besser formuliert werden. Schon seit Wochen äußern wir uns ähnlich.

„China ist die grösste Blase überhaupt. Die Erwartungen der Investoren sind im Verhältnis zum möglichen Ergebnis viel zu optimistisch. (…) Eine monetäre und schuldeninduzierte Blase soll zu einem Soft landing abgebremst werden. Aber die Blase ist bereits ausser Kontrolle. Das ist das grosse Risiko für die Weltwirtschaft. China hat kaum Lehren aus dem Debakel des Westens gezogen. Durch die laxe Geldpolitik wurde die Spekulation geradezu provoziert. (…) Einen durch negative reale Zinsen induzierten Bauboom sahen wir schon in Spanien, Irland und Amerika. Dasselbe machen nun die Chinesen (…). Sie glauben an ein Wunder, das nicht eintreten wird. (…) Zentralbanken auf der ganzen Welt wissen nicht wirklich, wie die Wirtschaft funktioniert. (…) Die Welt denkt, Peking verfolge eine bessere Geld- und Konjunkturpolitik als die westlichen Entscheidungsträger. Marktteilnehmer glauben, die chinesischen Behörden hätten die Lage unter Kontrolle (…). (…) Die Annahme, Peking könne jedes gewünschte Ergebnis herbeiführen, birgt viel Raum für Enttäuschungen. (…) Jüngst wurde Unternehmen mit Strafverfolgung gedroht, falls sie die Preise für ihre Produkte anheben würden. Das ist das unterste Niveau von Wirtschaftspolitik. (…) Die Lage in China ist angespannt. (…) Die Inflation läuft davon, und Peking versucht die Zahlen zu manipulieren, indem das Gewicht von Lebensmitteln im Konsumentenpreisindex reduziert wird. (…) in China braut sich ein neues USA 2007 zusammen.

Soweit die Interview-Auszüge. Uns erinnert der China-Hype sehr an die Aussagen diverser Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten zu Japan in den 1980er Jahren. Sehr gut nachzulesen bei H. O. Eglau, in seinem Buch „Kampf der Giganten“, Europa, USA und Japan im Wirtschaftswettstreit, erschienen im ECON Verlag, 2. Auflage 1982. Damals gab es viel Lob für Japans staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die japanische Innovationsfähigkeit, die Markteroberung durch die japanischen Konzerne, usw. Kurz, Japan galt als Modellökonomie. Nur wenige Jahre später, seit 1990, erlebt Japan eine schwere Wirtschaftskrise, die bis heute anhält. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mehrere Rezessionen sorgten seit dem für ein durchschnittliches gesamtwirtschaftliches Wachstum im Jahresdurchschnitt der Jahre 1992 – 2001 von mageren 1,1 % (Hans Günther Hilpert, Japans endlose Wirtschaftskrise, Dezember 2002). Zu wenig für eine Wende. Wen Einzelheiten zu Japans ersten Jahren in der Depression und deren Ursachen interessieren, dem empfehlen wir: „Japan: der verwaltete Stillstand“ von Michael Ehrke, Digitale Bibliothek der Friedrich Ebert Stiftung. Wir jedenfalls sehen viele Parallelen zur heutigen Situation in China.

Die Hurra-Rufe der Ökonomen und Konzernlenker zu China und den anderen Schwellenländern liegen glatt daneben, sind höchstens interessengesteuert, blenden die Fakten aus. Der Hinweis auf die riesigen Währungsreserven reicht als Begründung nicht aus. Alle, die diesen Meinungen bedenkenlos folgen, werden bald eine böse Überraschung erleben. 

China wird an die Spitze gebetet, gilt als Heilsbringer. Den Beweis bleibt das Land schuldig.  

Selbst die Gesamtheit der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) verfügt nicht über die nötigen Instrumente,  der Weltwirtschaft neue Impulse zu geben, die bei der Lösung der vielen Probleme in den westlichen Industriestaaten helfen. Die Folgen der vielen Staatsbankrotte und Pleitebanken der Welt haben diese Staaten längst erreicht. Sie sind deshalb Teil der weiteren Entwicklung zum Finanzkollaps. 


Samstag, 11. Juni 2011

Standpunkt, Ausgabe 21: China, Finanzkollaps, USA, Europa, Krisenvorsorge


Nachlese:

Diese Ausgabe hat sich verzögert. Heftige Diskussionen mit einigen Lesern über unsere Aussagen zu Griechenland und die Verstrickung der deutschen Banken in die Finanzkrise (bevorzugt in Ausgabe 20) sind daran schuld. In den Diskussionsbeiträgen dieser Leser haben wir eines ganz besonders vermisst: Die Erkenntnis logischer wirtschaftlicher Zusammenhänge und Funktionsweisen. Außerdem, wenigstens im Ansatz, eigene Überlegungen und Meinungen. Oder auch die Einsichtsfähigkeit gegenüber den besseren Argumenten. Stattdessen wurden wir regelrecht „beschossen“ mit den bekannten öffentlich zugänglichen Argumenten, deren Wahrheitsgehalt eher unterdurchschnittlich ist und mittlerweile auch nicht zugenommen hat. Sehr beliebt in diesem Zusammenhang auch die Meinungsmacher vom Schlage Sinn, Henkel, Starbatty, Hankel und Konsorten. Deren falsche Bewertungen und wertlosen Vorschläge zur Lösung der Euro-Krise begegnen uns immer wieder. Erstaunlicherweise werden diese Ansichten in den sogenannten „unabhängigen Medien“ und verwandten Blogs regelmäßig gefeiert. Dem können wir nur unseren missionarischen Eifer entgegensetzen. Jedenfalls nehmen wir diese Diskussionen zum Anlass, heute unsere Aussagen weiter zu ergänzen.

Stellenweise erleben wir die Euro-Krise als Schmierentheater. So z. B. wenn die Ratingagentur Standard & Poor’s allen Ernstes erklärt, Irland habe „gute Chancen, im kommenden Jahr ohne zusätzliche Hilfen von EU und IWF an die Kapitalmärkte zurückzukehren“ (gefunden in FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 01.06.2011). Nur zur Erinnerung: Irland erhielt bisher 85 Mrd. Euro Stütze aus dem „Euro-Rettungsschirm“ und es ist noch nicht das Ende. Wer etwas wissen will über die tatsächlichen Zustände Irlands seit den Hilfen von EU und IWF sollte in unseren früheren Aussgaben blättern. Hier die Kurzform: Irland ist platt, völlig überschuldet durch eine maßlose Bankenrettung, auf Generationen verschuldet durch ein internationales Rettungsprogramm, das diesen Namen nicht verdient.

Griechenland wird gerade ausgeplündert. Das Land wird gezwungen, sein letztes Vermögen zu opfern, an internationale Finanz- und Wirtschaftskonzerne, zu Ausverkaufspreisen. Erinnert sehr an ähnliche Aktionen des IWF in der Vergangenheit (vgl. Argentinien). Längst gilt die Devise „rette sich wer kann“ und viele Griechen ziehen ihre Spargelder ab (FOCUS, 24.05.2011). Auf der anderen Seite schrumpfen die Konsumausgaben der privaten Haushalte und setzen so das BIP massiv unter Druck, was automatisch die Staatsschuldenquote weiter erhöht. Die geforderten neuen Sparmaßnahmen, in Verbindung mit neuen Hilfskrediten, verschärfen diese Zustände ins Unerträgliche. Der US-amerikanische Zukunftsforscher Gerald Celente rekrutiert u. a. aus dieser Entwicklung seine Prognose von Aufständen und Unruhen in Europa schon in diesem Jahr. Seit Monaten schon finden in Griechenland, bisher meistens unbeachtet in Deutschland, regelmäßig heftige Proteste statt. Längst ist der Funke auf andere europäische Länder übergesprungen. Länder, in denen ebenfalls EU/IWF begonnen haben, Finanzhilfen an wahnsinnige, irrationale Sparprogramme zu knüpfen. Europas Politiker haben damit begonnen gegen die Interessen der Menschen zu handeln, denen sie eigentlich kraft ihrer Verfassungen verpflichtet sind. Das wird nicht gutgehen. 
 
Wir erwarten bei Griechenland eine Umschuldung. Dilettantisch geplant und durchgeführt. Sozusagen ein Probelauf. Nur Dummköpfe können glauben, damit ist die Euro-Krise dann ausgestanden. Die Liste der nächsten Kandidaten ist lang, genauso die Liste neuer Pleite-Fälle: Im Osten Europas ziehen schwarze Wolken auf. Besonders pikant: Lettland, gerne als Musterknabe beschrieben, gehört dazu. Gerade jetzt ist dort die politische Einflußnahme der USA besonders ausgeprägt, wie das österreichische WIRTSCHAFTSBLATT am 29.05.2011 schreibt. Lettland gehört für uns zu den amerikanischen Freunden in Europa. Genauso wie Polen, von Obama kürzlich als „regionale Führungsmacht“ gelobt, mit „Vorbildfunktion für die ganze Region“ und ein „Player in Europa“. Obama nennt Polen einen der „engsten Verbündeten Amerikas“. Quelle: NEUE ZÜRICHER ZEITUNG, 28.05.2011. Wir halten Polen, gemeinsam mit Großbritannien, für einen Brückenkopf US-amerikanischer Interessen in Europa. Sehr subtil, aber wirkungsvoll, wie uns die Euro-Krise zeigt, bzw. deren weitere Entwicklung noch zeigen wird.

Ein Nachtrag zu unserer Ausgabe No. 3, in der wir die chinesischen Interessen in Europa kommentiert haben. Passend dazu eine Meldung von WELT ONLINE am 27.05.2011, nach der 500 chinesische Arbeiter zum Dumpingpreis in Polen ein Teilstück der Autobahn von Berlin nach Warschau bauen. Vorbote einer Entwicklung die sich weiter verstetigt und in der Folge viele Arbeitsplätze in Europa kosten wird. In diesem konkreten Fall begünstigt durch Aufträge der öffentlichen Hand und gefördert mit EU-Geldern. Das ist praktische politische Verantwortungslosigkeit.

In der Ausgabe No. 5 haben wir uns sehr ausführlich mit dem Hedgefonds Schweiz beschäftigt. Die Entwicklung des Schweizer Franken straft uns bisher Lügen (siehe „Schweizer Franken: Die Rekordjagd ist nicht aufzuhalten“, WIRTSCHAFTSBLATT/AT, 24.05.2011). Auf unsere Meinung zur Schweiz nimmt die vermeintliche Stärke der Schweizer Währung keinen Einfluss. Irgendwann müssen die riesigen Derivatepositionen der beiden Schweizer Großbanken aufgelöst werden, für die der Schweizer Staat mit Milliardenbeträgen einsteht, die nur einen Bruchteil der Verpflichtungen von UBS und Crédit Suisse absichern. Dieser Müll reicht aus, um das Land unter sich zu begraben. Dann ist auch der harte Schweizer Franken Geschichte.

Wir haben auch einen Nachtrag zu Fukushima, von uns in den Ausgaben No. 15 – 17 besonders behandelt und kommentiert. Mittlerweile hat nämlich der Betreiber die Kernschmelze in zwei weiteren Reaktoren bestätigt (Quelle: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 24.05.2011). Ebenfalls, wenigstens teilweise, werden unsere Aussagen zur Verstrahlung der Region um Fukushima bestätigt. Die Strahlenwerte außerhalb der 20-Kilometer-Schutzzone sind teilweise lebensgefährlich hoch (Quelle: „Land around Fukushima now radioactive dead zone; resembles target struck by atomic bomb“, NaturalNews.com, 31.05.2011). Bei dieser Nachrichtenlage ist es nicht wirklich verwunderlich, wenn die Intern. Atomenergieorganisation (IAEA) in einem Bericht zu Fukushima der japanischen Regierung und dem Betreiber tatkräftig hilft, die Pannen und Schlampereien zu verschleiern. In diesem Bericht (Quelle: iaea.org) wird das Krisenmanagement vor Ort als „beispielhaft“ bezeichnet. Die Evakuierung, von der Regierung hinausgezögert, sei „beeindruckend und extrem gut organisiert“ gewesen. Hier wird menschenverachtende Politik betrieben. Wer glaubt, so etwas ist in Europa unmöglich, der wird sich in den kommenden Monaten die Augen reiben.

Eine kleine USA-Nachlese: Nun warnt auch die Ratingagentur Moody’s Amerika vor einer möglichen Herabstufung durch den Entzug der Bestnote (Quelle u. a.: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 02.06.2011). Lesen Sie noch einmal Ausgabe No. 18, dort finden Sie reichlich Hintergrundinformationen. Verantwortlich für die Entwicklung sind auch die Arbeitsmarktzahlen, jüngst als schockierend eingestuft (Quelle wie vor, 03.06.2011). Seit unserer 1. Ausgabe vom 06.12.2010 weisen wir auf genau diese Zustände hin, ebenso in unserer Jahresvorausschau 2011. Die Amerikaner sind Meister in der statistischen Schönfärberei. Deshalb sind sogar die berichteten 54.000 Neueinstellungen im Mai ein Taschenspielertrick, nicht mehr. Spätestens in drei Monaten wird dieses Ergebnis deutlich nach unten korrigiert. Wir rechnen mit einem dicken Minus. Erschreckend ist die Zahl der Food-Stamps-Bezieher, die mittlerweile auf 44,587 Millionen (Stand März 2011) angestiegen ist. Wir erwarten noch einen Anstieg bis 60 Millionen Bezieher. Wirtschaftserholung sieht anders aus.


Grundsätzliches:

Die Quellenangaben sind gestrafft. Wir haben eigene Quellen, die wir aus verschiedenen Gründen nicht nennen wollen. Dafür bitten wir um Verständnis. Diese Quellen sichern uns einen entscheidenden Wissensvorsprung, den wir auch in der vorliegenden Ausgabe wieder nutzen.

Wir stellen nur echte, belastbare Informationen bereit, die wir allgemein verständlich kommentieren.

Ausdrücklich weisen wir darauf hin, dass die folgenden Äußerungen unsere persönliche Bewertung wiedergeben, die wir mit großer Sorgfalt erarbeitet haben.

Wer sich nicht regelmäßig mit Wirtschaft & Politik und deren Folgen auf die persönlichen Lebensumstände beschäftigt, bzw. beschäftigen kann, sollte sich für die folgenden Seiten unbedingt Zeit nehmen. Der Nutzen ist enorm und wächst mit jeder weiteren Ausgabe, die wir regelmäßig, kostenlos und ohne jede Verpflichtung, bereitstellen.

Denken Sie aber bitte auch daran, diese Informationen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, etc., etc., zugänglich zu machen. Die Ereignisse erfordern Hintergrundwissen und machen Denkanstöße zwingend notwendig.

Nutzen Sie unsere Erfahrung für Ihre Entscheidungen. Vertrauen Sie nicht länger den Politikern, Ökonomen, den Mainstream-Wirtschaftsjournalisten oder gar Bankern. Nur Letztere wissen was sie tun, nie haben sie dabei jedoch die Interessen ihrer Kunden im Blick, ausschliesslich ihre eigenen.

Nehmen Sie endlich die Scheuklappen herunter, Sie werden sofort eine bessere Sicht auf das Wesentliche haben. Ignorieren Sie nicht länger die Fakten und handeln Sie, die Zeit drängt!

Für Rückfragen, Anregungen, Kommentare, persönliche Beratungen, unsere Email-Adresse: benner-kemmer@web.de.

Ab sofort haben wir für Sie und alle Interessierten im Internet einen Blog eingerichtet. Sie finden uns unter der-oekonomiker.blogspot.com!


Top-Thema: China

In der letzten Ausgabe haben wir bereits anklingen lassen, dass eine Reihe von Ökonomen und Manager glauben, China werde sich zum politischen und wirtschaftlichen Machtzentrum in der Welt entwickeln. Aus diesem Grund wollen wir uns in einer eingehenden Bewertung damit beschäftigen. Wegen des Umfanges haben wir uns dazu entschlossen, in einigen Tagen eine Ausgabe zu veröffentlichen, die sich ausschliesslich mit China beschäftigt. So lange bitten wir um Geduld.


Finanzkollaps:

Wir wissen, Teile unserer Leser sind nicht begeistert, dass wir dieses Thema immer wieder ins Licht halten. Nur, die Krise geht weiter. Da hilft kein Ignorieren oder Verdrängen. Besser, Sie lesen Ausgabe No. 18.

Die WIRTSCHAFTSWOCHE nennt es am 31.05.2011 „Kartell der Derivate-Zocker“ und berichtet ausführlich über ein Banken-Kartell im Billionengeschäft mit Kreditversicherungspapieren. Es wird deutlich, was wir schon immer kommunizieren: Das Finanz-Casino lebt, intensiver noch wie vor der Lehman-Pleite 2008, befeuert von rund 2,7 Billionen Dollar Liquidität (Quelle: TAGES- ANZEIGER/CH, 31.05.2011), die – statt damit Arbeitsplätze zu schaffen – von den Finanzkonzernen verzockt werden. Es sind die altbekannten Namen, denen wir begegnen. Dazu gehören die Deutsche Bank, aber auch wieder die Landesbanken, z. B. BayernLB oder HSH Nordbank, oder die Sparkassen (hört, hört). Regulierung dieser Geschäfte? Fehlanzeige! Die Gründe beschreibt der US-Politologe Nicholas Ziegler im MANAGER MAGAZIN am 30.05.2011 unter der Überschrift „Die US-Finanzindustrie verhindert mit viel Geld politische Reformen“. In den USA laufen Klageverfahren gegen Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan, in der EU wird gegen verschiedene Banken, u. a. wieder die Deutsche Bank, wenigstens ermittelt. Die Ergebnisse werden dürftig ausfallen. Tatsache ist vielmehr, dass die demokratischen Verantwortungsträger in Politik, Justiz und Medien versagen.

Überlassen wir an dieser Stelle Gordon Brown das Wort, früherer britischer Schatzkanzler (= Finanzminister, Anm. d. Verf.) und späterer Premierminister, der am 26.05.2011 in einem Interview mit der ZEIT äußert: „Ich bin sehr davon überzeugt, dass es in der Marktwirtschaft wie auch in der Politik selbstsüchtige Interessen und Machtkonzentrationen gibt, die ein moralisches Korsett benötigen. Ich hatte übrigens schon 1998 (damals brit. Finanzminister, Anm. d. Verf.) infolge der Asienkrise <…> gefordert, dass wir ein System zur Beaufsichtigung der weltweiten Finanzströme benötigen, ein Frühwarnsystem, einen Krisenbekämpfungsmechanismus. Ich habe gesagt, dass wir sonst eine weitere Krise erleben würden, eine Rückkehr zu den ungebremsten Exzessen der dreißiger Jahre. Meine Kollegen konnte ich damals aber nicht überzeugen.“

Leider hat Gordon Brown es aber später versäumt, sich wenigstens für eine Regulierung in Europa stark zu machen. Die Macht des Finanzplatzes London war dann doch zu groß.


USA:

Die wirklich schlechten Nachrichten haben wir bereits bei der Nachlese kommuniziert. Hier noch einige Anmerkungen zum Land der z. Zt. sehr begrenzten Möglichkeiten:

Der Zustand der US-Wirtschaft ist schlecht. Die Konzerne sitzen auf prall gefüllten Geldsäcken, statt zu investieren und neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Maßnahmen der FED zur Stabilisierung der Wirtschaft bleiben erfolglos. Der Immobilienmarkt zeigt keinerlei Erholung, die Preise fallen weiter. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mittlerweile 90 % aller neuen Hypotheken durch den amerikanischen Steuerzahler garantiert werden. Der US-Hypothekenmarkt ist praktisch verstaatlicht. Die Banken treten quasi nur noch als Makler auf. Mittlerweile ist auch der Markt der Gewerbeimmobilien stark gefährdet. Aktuell stehen weit über 800 Banken auf der FDIC-Liste der gefährdeten Arten (FDIC = US-Einlagensicherungsfonds). Tendenz steigend. Politisch bewegt sich nichts. Die Anhebung der Schuldenobergrenze, nötig bis spätestens Anfang August, wird zum Spielball der politischen Interessen und schon beeinflußt vom kommenden Präsidenten-Wahlkampf. Obamas Wahlkampf-Slogan „Yes, we can“ hat bis heute nicht den Weg in die reale US-Politik gefunden. US-Umfragen setzen Obama auf eine Stufe mit dem Ex-Präsidenten Jimmy Carter, der im öffentlichen Bewusstsein als schwach, schwächer noch als Gorge W. Bush, eingestuft wird.

Die Stimmen mehren sich, die für die USA harte Zeiten vorhersehen. Stephen King, Analyst bei der Großbank HSBC, erwartet „japanische Verhältnisse“, d. h. weiter niedrigste Zinsen, fehlender konjunktureller Aufschwung (WIRTSCHAFTBLATT/AT, 30.05.2011). PIMCO wettet gegen den Dollar, andere Analysten ebenfalls. Trotz Euro-Krise. Zu schlecht werden die Aussichten bewertet. Quelle: siehe wie vor, 25.05.2011. Zwischenzeitliche Erholungen sind natürlich immer möglich, der langfristige Trend bleibt aber eher mau. Die UN warnt „vor Dollar-Vertrauenskrise“, sogar von einem möglichen Kollaps ist die Rede (FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 26.05.2011). Bei dieser Gemengelage spielt China eine entscheidende Rolle: Erlahmt demnächst Chinas Interesse am Dollar, wird vielleicht sogar der Euro bevorzugt oder die eigene Währung mehr in den Vordergrund geschoben. Europa scheint hier keine Rolle zu spielen, es fehlt der politische Wille, die eigene Stärke durch eine schnelle Beendigung der Euro-Krise zu dokumentieren.


Europa:

Der Kampf gegen den Euro geht weiter. Und es wird noch schlimmer. Nach Griechenland, Irland, Portugal und Spanien geraten jetzt Italien, Belgien, Frankreich ins Visier der Währungskrieger (politisch korrekt müßte es eigentlich „der Märkte“ heißen, stimmt aber nach unserer Auffassung nicht, Anm. d. Verf.). Die Ratingagenturen Standard & Poor’s und Fitch greifen die Bonität Italiens und Belgiens an. Beide Länder werden verwarnt und der Ausblick jeweils von „stabil“ auf „negativ“ gesenkt. Vor wenigen Tagen wurde dann sogar Frankreich angemahnt. Nur eine Fußnote ist die Herabstufung des Euro-Landes Zypern, dem seine Abhängigkeit von Griechenland zum Verhängnis wird. Griechenland wurde von Moody’s gleich noch einmal um drei Stufen abgewertet, das ist absolutes Ramschniveau. Quellen: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 21.05.2011, 31.05.2011 und 01.06.2011, HANDELSBLATT, 23.05.2011.

Derweil hofft die EU bei der Portugal-Rettung auf China. Bei Griechenland, Spanien, und, und, und, natürlich auch. Wir haben das schon früher kommentiert: Diese Einladung an China wird die europäischen Probleme nicht lösen, sogar noch verschlimmern. Einen besseren Markteintritt für Europa kann sich das Land nicht wünschen. Allerdings gab es bisher aber nur vollmundige Ankündigungen, Geld ist noch nicht gefloßen.

Die öffentliche Diskussion, ob, wie und wann ein Land der Euro-Zone pleite geht, gerettet wird, umschulden muß, ist höchst schädlich. Kakophonie in Reinkultur. Dabei würde, gerade im Zusammenhang mit Griechenland, ein gut vorbereiteter strategischer Schlag gegen die Währungskrieger die Euro-Krise zügig beenden und die Aufmerksamkeit zurück über den großen Teich lenken. Wird nur leider nicht passieren. Wenigstens nicht, so lange „agitatorische Nationalökonomen“ wie Professor Sinn aus München Gehör finden. Der Mann hat von praktischer Wirtschaft keine Ahnung, vermittelt jedenfalls diesen Eindruck. Kommt mit Ideen daher aus der Urzeit der Wirtschaftswissenschaften. Hantiert gegenüber den betroffenen Ländern mit falschen Anschuldigungen und bedient so den deutschen Mainstream: „Bild Dir Deine Meinung“ by Prof. Sinn. Dabei wäre die Lösung ganz einfach, hier die Eckpunkte: Die Euro-Zone erklärt mittels der EZB bis auf weiteres feste Wechselkurse gegenüber den wichtigsten Währungen, US-Dollar eingeschlossen. Die EU27-Staaten legen ein Wirtschaftsprogramm auf, mit dem die bekannten Strukturschwächen in den betroffenen Ländern mittelfristig behoben werden, statt sich irgendwo auf der Welt mit viel EU-Geld-Förderung neue Märkte zu erschliessen, die dann doch absaufen, oder hintenherum wieder absatzfinanziert werden müssen. Ein bisschen John Maynard Keynes würde hier sicher helfen. Nennen wir es deutlich innereuropäische Entwicklungshilfe. Produziert wird dann eben in Portugal, Griechenland, Irland, sogar Großbritannien, statt in der Türkei, Ägypten, Vietnam, China, sonst irgendwo in Asien, usw. Unternehmen, die sich daran nicht halten, zahlen Strafe. Die Globalisierung, so wie wir sie kennen, ist erst einmal gescheitert. Die Strukturschwächen in der EU, ganz besonders in der Euro-Zone, sind nicht neu und wären ohne die Folgen der Finanzkrise auch weiter nicht sonderlich störend gewesen. Jetzt ist aber alles anders.

Der bisher eingeschlagene Weg ist falsch. 25 % Zinsen für zweijährige griechische Anleihen sind ein Witz, keine Lösung. So weit hätte es erst gar nicht kommen dürfen. Korrekturen dringend notwendig. Andernfalls werden sich die Proteste massiv ausweiten. Aktuell sind sie bereits in Italien und Frankreich angekommen. Sieben Länder sind insgesamt davon betroffen. Es wird unruhig in Europa.

Übrigens, wer ernsthaft nach Lösungen sucht, sollte Keynes und auch Ludwig Erhard gelesen. Wir haben es längst getan, viele der verantwortlichen Politiker sicher nicht. Zeit, es nachzuholen.


Deutschland:

Der Terror wird mal wieder zur Gefahr erklärt und die besorgte Bundesregierung „will die Bundeswehr im Inland einsetzen“. Bundesinnenminister Friedrich möchte dafür das Grundgesetz ändern. Die Bundeswehr soll zukünftig zur Terrorabwehr eingesetzt werden können. Es fehle jedoch an der erforderlichen Mehrheit für eine Verfassungsänderung. Quelle: WELT ONLINE, 21.05.2011. Diese Sau hat die CDU/CSU schon einmal durchs Dorf gejagt. Ohne Erfolg. Hoffentlich bleibt es dabei.

Immer noch gibt es phantastische Neuigkeiten zum deutschen Jobwunder. Das MANAGER MAGAZIN meldete am 31.05.2011 nach einer aktuellen Umfrage „Dax-Riesen wollen Tausende einstellen“. 40.000 sollen es sein, die noch in diesem Jahr eingestellt werden sollen. Vor einigen Wochen waren es sogar 70.000 Stellen, die die Industrie schaffen wollte. Es wird schon weniger. Setzt man die Stellenstreichungen (das MANAGER MAGAZIN nennt es „Stellenabbau gegen den Trend“) bei ThyssenKrupp (35.000), bei Bayer (2.000), der Commerzbank (7.400) dagegen, dann entpuppt sich das Jobwunder sehr schnell als heiße Luft. Sogar von den ursprünglich 70.000 bleibt dann nicht mehr viel an neuen Stellen übrig.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt erklärt den deutschen Aufschwung zum Dauerzustand und hält sogar einen Rückgang der Arbeitslosen in Richtung 2,5 Mio. für möglich. Zur Unterstützung meldet WELT ONLINE am 24.05.2011 „Experten erwarten das zweite Boomjahr in Folge“. Diese Jubelmeldungen dürfen aber nicht den Blick für die Tatsachen verstellen. Der Aufschwung generiert sich aus den Ungleichgewichten und Fehlentwicklungen eines überkommenen deutschen Geschäftsmodells, dessen Laufzeit zu Ende geht. Die starke Exportlastigkeit hängt am Schicksal der Weltkonjunktur, die wir als sehr störungsanfällig einstufen.

Negativ: Der Aufschwung bleibt nur in den Gewinnen der Unternehmen hängen, bei den Menschen kommt nichts davon an. Die Lohnsteigerungen reichen nicht aus, die Inflationsrate für das laufende Jahr von erwarteten 2,4 bis 3 % auszugleichen. Zusätzlich bittet der Staat zur Kasse. Bei einem Prozent mehr Lohn müssen zwei Prozent mehr Einkommensteuer gezahlt werden, so der Bund der Steuerzahler. Dazu kommen die Erhöhung der Beitragssätze in der Kranken- und Arbeitslosenversicherung.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit dem Aufschwung von einem deutschen Konsumwunder geredet. Besonders gerne vom Bundesfinanzminister und der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg. Wir schreiben seit Monaten: Die Wirklichkeit sieht anders aus. Jetzt ist die GfK selbst ein Stück weit zurückgerudert und wird am 25.05.2011 vom HANDELSBLATT mit der Aussage zitiert „Schuldenkrise vermiest Deutschen Kauflaune“. Trotzdem behauptet die GfK weiter die Mär von einer grundsätzlich „guten Konsumneigung“. „Wesentliche Stütze dafür sei die sehr erfreuliche Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt“. In der Vergangenheit haben wir immer wieder zu der Situation am Arbeitsmarkt Stellung bezogen. Sehr ausführlich in der Jahresvorausschau 2011. Die in der Öffentlichkeit diskutierten Zahlen haben nur eine geringe Aussagekraft. Nicht so schlimm wie in den USA, werden auch in Deutschland die Arbeitslosenzahlen kreativ verschönert.


Rohstoffe:

Die Nahrungsmittel- und Energiepreise verharren kurz unterhalb des bisherigen Allzeithochs. Wir schließen uns nicht den Analysten an, die hier unter Hinweis auf eine zurückgehende Nachfrage starke Preiseinbrüche erwarten. Gold bleibt stabil, Silber ist immer noch einigermaßen unentschlossen um die 35 $ herum. Eine klare Linie ist noch nicht erkennbar, immer noch gibt es Verkaufsangebote ängstlicher Anleger, die nicht an einen weiteren Kursanstieg bei Silber glauben. Gold wird anders bewertet, auch wegen der Käufe aus China und Mexiko. Wir erwarten trotz der Wackel-Anleger bei Silber nun doch keinen Rückgang mehr bis herunter auf 25 $. Investments zur Vermögenssicherung sind bei den aktuellen Preisen auf jeden Fall richtig. Ob Gold oder Silber ist egal. Wir bevorzugen Silber, das „Gold des kleinen Mannes“. In diesem Zusammenhang noch einmal der Hinweis auf unsere Kurz-Kolumne 19/1 vom 08.05.2011, außerdem auf die Jahresvorausschau 2011.


Krisenvorsorge:

Im Zusammenhang mit unserer „Bankenschelte“ zwei Nachrichten: „EU-Banken dürfen auf Erleichterung bei Basel III hoffen (WIRTSCHAFTSBLAT/AT, 27.05.2011) und „Die EU möchte Schlupflöcher für ihre Banken (TAGES-ANZEIGER/CH, 28.05.2011). Diese Forderungen kommen zu aller erst aus Deutschland, zum Schutz der Privatbanken-Konzerne, der Landesbanken, der Sparkassen und Genossenschafts- und Raiffeisenbanken. Keinesfalls aus Sorgfalt gegenüber den Anlegergeldern. Dafür bleibt weiter der Staat zuständig. Denken wir nur an die Garantieerklärung der Bundeskanzlerin im Oktober 2008. Die deutschen Banken sind Zockerbuden, mal mehr, mal weniger. Die Deutsche Bank ist da nur die Spitze des Eisberges. Übrigens wurde vor wenigen Tagen in Südkorea, im Zusammenhang mit Börsenmanipulationen, Vermögen dieser Bank vom Staat beschlagnahmt. Wer zweifelt da noch ernsthaft an den von uns in der letzten Ausgabe zitierten Aussagen des Schweizer Journalisten und Buchautors Leo Müller? Gerne lassen wir uns vom Gegenteil überzeugen. Informationen, die eine andere Sichtweise erzwingen, sind uns ganz bestimmt willkommen. Natürlich werden die dann hier auch vorgestellt. Den Verbindlichkeiten deutscher Banken steht durchschnittlich eine Eigenkapitalquote von 2,6 % gegenüber. Beispiel: Die 500 Milliarden Euro Kredite an die Problem-Länder in Europa (PIGS) sind lediglich mit 13 Milliarden Euro Eigenkapital unterlegt.

In diesen Tagen erleben wir, dass LeserInnen mit den Begriffen Devisenzwangswirtschaft, Zwangsanleihen, Zwangshypotheken, oder auch Lastenausgleich wenig, bzw. nichts, anfangen können. Deshalb werden wir an dieser Stelle ab heute diese Begriffe näher erklären, besonders aber auch die neuen Wortschöpfungen vorstellen, die sich die Politiker und ihre Finanzfachleute dafür einfallen lassen.

Beginnen wir mit den Zwangsanleihen, heute finanzielle Repression (= Schaffung einer künstlichen Nachfrage nach Staatsanleihen) genannt. Gängige Methoden sind beispielsweise die Vorgabe an Banken und Pensionsfonds, Staatsanleihen zu halten oder Zinsobergrenzen für Bankeinlagen. Es ist nichts anderes als der Versuch von Staaten, über regulatorische Maßnahmen Anleger zum Kauf der eigenen Staatsanleihen zu drängen. Der jeweilige Staat schafft sich so eine feste Abnahmegruppe für seine Anleihen, für die er dann auch keine marktüblichen Zinsen anbieten muss. Augenblicklich werden erst einmal nur die institutionellen Anleger (Banken, Fondgesellschaften, Versicherungen, usw.) damit belastet. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis diese Maßnahmen auch gegenüber den Privatanlegern ergriffen werden. Deutschland versucht es bisher auf freiwilliger Basis, Spanien oder Japan sind da schon weniger zimperlich. Japan hat seine Staatsschulden (offiziell 200 % des BIP) auf diese Weise hauptsächlich bei der eigenen Bevölkerung „geparkt“. Sehr deutlich hat sich dazu Bill Gross, Chef des weltgrößten Anleihenfonds PIMCO, geäußert: Er nannte es „Taschendiebstahl“ (Quelle: pimco.com).

Eigentümer von Immobilien sollten sich mit den Begriffen Zwangshypothek und Lastenausgleich vertraut machen, im Internet finden sich dazu aufschlussreiche Quellen. In diesem Zusammenhang interessant: Sogar das Grundgesetz erlaubt in Artikel 14 (3) eine Enteignung. Dort heißt es: „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.“ (Quelle: Juris). Für den Lastenausgleich im Zusammenhang mit der Währungsreform in den Anfangstagen der Bundesrepublik Deutschland wurde so am 14.08.1952 das Lastenausgleichsgesetz (LAG) geschaffen. Merke: Der Lastenausgleich ist eine Vermögensabgabe, mit der auch die schuldenfreien Immobilien-Eigentümer kräftig zur Kasse gebeten werden.

Deutschland ist ein Land der Lebensversicherten. 2,5 Billionen Euro garantierte Auszahlungsansprüche. Selbst für deren Enteignung ist vorgesorgt. Wir haben schon in unserer Jahresvorausschau 2011 darüber berichtet, wollen es heute noch einmal wiederholen. Die Regelung versteckt sich im neu formulierten § 89 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) und regelt die Herabsetzung von Leistungen. Durch diese Vorschrift ist es u. a. möglich, Auszahlungen aus Lebensversicherungen zeitweise oder ganz zu stoppen, falls die Vermögenslage des betroffenen Unternehmens dies erfordert. Außerdem wird festgelegt, dass die Pflicht der Versicherungsnehmer, die Beiträge in der bisherigen Höhe weiterhin zu bezahlen, vom Auszahlungsstopp unberührt bleibt. So eine Regelung lässt nur den Schluss zu, dass Konzerne und Politik mit dem Schlimmsten rechnen, oder wenigstens auf das Schlimmste vorbereitet sein wollen. In dem Gesetz heißt es: „Alle Arten Zahlungen, besonders Versicherungsleistungen, Gewinnverteilungen und bei Lebensversicherungen der Rückkauf oder die Beleihung des Versicherungsscheins sowie Vorauszahlungen darauf, können zeitweilig verboten werden.“ Damit sind jederzeit rückwirkende Eingriffe möglich. Beispiel: Verliert eine der Gesellschaften im Verlauf der Euro-Krise große Teile ihres angelegten Vermögens, so erlaubt diese Vorschrift, zukünftige und/oder laufende Leistungen zu versagen, die vereinbarten Beiträge müssten aber weiter bis zum Vertragsende bezahlt werden. Leistungen am Vertragsende gibt es nicht. Für Hypothekenfinanzierungen, bei denen eine oder gar mehrere Versicherungen als Sicherheit oder zur Tilgung eingesetzt werden, kommt es zu einer völlig irren Situation: Die Sicherheit für die Hypothek ist weg und/oder die Tilgung ist schlagartig auf Null gestellt. Folge: Die Bank will neue Sicherheiten, einen Ausgleich für die verlorenen Ansprüche aus der für die am Ende der Versicherungslaufzeit vorgesehene Tilgung, im schlimmsten Fall kommt es zur Zwangsversteigerung. Obwohl jeden Monat pünktlich die Beiträge gezahlt wurden und genau diese Beiträge weiter bezahlt werden müssen, ohne noch irgendeinen Wert zu haben. Die neue Tilgungsvereinbarung mit der Bank belastet den Etat zusätzlich. Jeder kann sich selbst an Hand seiner eigenen Situation die Folgen einer solchen Entwicklung überlegen.

Wir sind uns sicher, 99 % der Lebensversicherten kennen diese Gesetzesregelung nicht. Passt perfekt in den schleichenden Prozess des Niedergangs, so wie wir ihn erwarten. Niemand darf sich davon mehr ablenken lassen. Alleine seit 2007 ist die offizielle Staatsverschuldung in Deutschland von 64,9 % auf 83,2 % gestiegen. Die Verbindlichkeiten sind in dieser Zeit von 1,6 Billionen auf 2,1 Billionen gestiegen. Alles ohne die Kosten des EU-Rettungsschirms. Unsere Politiker betreiben längst Insolvenzverschleppung.

Unruhige Zeiten voraus. Eigenverantwortliches, revolutionäres Handeln ist nötig, um sich auf die unvermeidlichen Dinge vorzubereiten. Weg mit allen vertrauten Anlage-Gewohnheiten. Wer diesen Rat nicht beherzigt, kommt sprichwörtlich unter die Räder. Wem dazu trotzdem noch der Mut fehlt, wir helfen gerne in einem persönlichen Gespräch. Kontaktaufnahme über benner-kemmer@web.de.

Übrigens, selbst die gesetzlichen Krankenkassen sind kein sicherer Hort mehr. Nach der City-BKK sind weitere 22 Krankenkassen gefährdet, u. a. so bekannte Namen wie die DAK und die AOK Bayern. 28 Millionen von insgesamt 40 Millionen Menschen sind betroffen, 40 % aller Versicherten. Es werden Bilanzen frisiert und mangelhafte Haushaltspläne erstellt. Ähnlich wie bei den Banken, sind diese Missstände dem Gesundheitsministerium und der Versicherungsaufsicht bekannt. Quelle: WIRTSCHAFTSWOCHE/D, 28.05. und 31.05.2011.