Montag, 20. Juni 2011

Standpunkt, Ausgabe 22 - Dossier - China


Top-Thema: China

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns ausschliesslich mit China, am Schluß noch ergänzt um einige Anmerkungen zu den anderen Schwellenländern Brasilien, Russland und Indien, denen mittlerweile ebenfalls von westlichen Ökonomen und Managern der Status von „Weltwirtschaftsrettern“ verpaßt wurde.

Wir wollen uns mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Hochstimmung dieser Experten mit den Fakten, soweit sie im Westen überhaupt bekannt sind, zusammenpassen. Das Ergebnis werden wir vergleichen und bewerten. Dazu stützen wir uns auf Informationen, die das Internet zur Verfügung stellt, wie immer ergänzt durch unsere eigenen Quellen. Wir haben sorgfältig recherchiert, trotzdem sind die folgenden Äußerungen das Ergebnis unserer persönlichen Bewertungen der ermittelten Fakten. Auf die politischen Verhältnisse gehen wir nicht näher ein. Wir wollen Denkanstöße geben, keine „Meinungen bilden“. Wir stellen unsere Bewertung zur Diskussion und freuen uns über jede Zustimmung oder Kritik.

Beginnen wir mit einem kleinen Rückblick: Schon in unserer 1. Ausgabe vom 06.12.2010 haben wir uns mit China und seinen Plänen beschäftigt. Wir hatten damals darauf hingewiesen, dass die riesigen Währungsreserven es dem Land erlauben, sich in der ganzen Welt, einschliesslich Europa, einzukaufen. Unser Fazit war: Hier wächst der neue Champion heran.

Bereits in der folgenden Ausgabe haben wir über ernste Probleme im Reich der Mitte berichtet. Auslöser war für uns eine Empfehlung der Royal Bank of Scotland an ihre Kunden, sich gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls abzusichern. Wir waren davon überzeugt, dass die Statistiken längst den wahren Zustand der chinesischen Wirtschaft kaschieren. Andererseits nutzt die Führung konsequent die Schwäche der Industrienationen, um seine politischen und wirtschaftlichen Interessen zu sichern.

In der Ausgabe 3 haben wir uns mit Chinas angekündigten Investitionen in Europa beschäftigt. Es gibt entscheidungsreife Pläne, in den PIIGS-Staaten (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) zu investieren. Außerdem wurden mit Russland, Indien und Pakistan milliardenschwere Handelsabkommen geschlossen. Unsere Aussage: China justiert seine Exporte neu.

In der nächsten Ausgabe sind die Inflation und Immoblienblase Thema gewesen. Außerdem verschafft sich China weiter Vorteile in Afrika und investiert 31 Mrd. $ in die Sicherung der Rohstoffversorgung.  

Unsere Warnung in Ausgabe 6: China nimmt maßgeblichen Einfluss auf die Finanz- und Wirtschaftpolitik der EU. So wird das jahrelange Waffenembargo der EU kurzfristig fallen. Schweizer Unternehmer finden, China habe aktuell die Regierung mit der höchsten Wirtschaftskompetenz auf der Welt.

Ausführlich beschäftigen wir uns in der Jahresvorausschau 2011 mit China. Bitte dort nachlesen. Unser Fazit: Das Land wird nicht der Retter der Weltwirtschaft.
In der Doppel-Ausgabe 7/8 beschäftigen wir uns mit der HANDELSBLATT-Aussage „Von der Geldmacht zur Weltmacht“. Wir beleuchten Chinas Rolle in der Euro-Krise, bei Rohstoffen und Nahrungsmitteln, als Kreditgeber der Entwicklungsländer. Kurz, mit dem schwindenden Einfluss des Westens in der Welt. Außerdem mit den Zuständen im Land selbst.

Inflation bei 35 %, die Bevölkerung demonstriert für mehr Lohn, Druck auf den Arbeitsmarkt, so unsere Nachrichten in Ausgabe 9. Ökonomen befürchten das Platzen der Immobilienblase.

Ausgabe 10: China kritisiert die US-Notenbank FED. Der deutsche Mittelstand setzt weiter auf die chinesische Karte. Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND nennt es am 03.02.2011 „Kaufkraft statt Billiglohn“. 

Die Regierung zahlt armen Familien bereits Zuschüsse für Nahrungsmittel, deren Preise teilweise auch subventioniert werden. Wir zweifeln an Chinas Fähigkeit, 600 Millionen Menschen in die angestrebte Radikal-Industrialisierung einzubinden. Nachzulesen in Ausgabe 12.

Die Immobilienblase wächst weiter. Außerdem massieren sich die Proteste im Land. Von der „Jasmin-Revolution“ ist schon die Rede. Wir hoffen, dass die „chinesische Kolonialisierung der Welt“ wieder an Kraft verlieren könnte, sich wenigstens deutlich verlangsamt. Einzelheiten dazu in Ausgabe 13.

China will dem Dollar den Rücken kehren und die eigene Währung zur Weltwährung aufbauen. Das Land kämpft mit Inflation, schlechter Gesundheitsvorsorge, einer tiefen Einkommenskluft, Korruption. Der Westen redet China stark. Die Industrie lebt vom West-Konsum. Binnennachfrage so gut wie keine. Wir erwarten, dass Teile der Landbevölkerung exportiert werden, z. B. nach Afrika. Näheres in Ausgabe 14.

Doppel-Ausgabe 15/16: Die Ratingagentur Fitch prophezeit China eine Banken- und Systemkrise. Können wir nachvollziehen.

Chinas Unternehmer industrialisieren den afrikanischen Kontinent. Für beide Seiten ein lukratives Geschäft: Rohstoffe gegen Infrastruktur. Bericht in Ausgabe 17.

Neues aus dem Wirtschaftswunderland China in Ausgabe 18: Zunahme des Kreditvolumens in 2010 um 140 %, Anstieg der Einzelhandelspreise um 17 %, der Eigenheimpreise im Jahresvergleich um 26 %, die Inflation beginnt zu galoppieren.

Die chinesische Wirtschaft steckt in Schwierigkeiten. Die Lohnkosten steigen, Arbeitnehmer werden entlassen. Die Wettbewerbsfähigkeit bröckelt. Jetzt warnt auch die Weltbank vor dem Platzen der Immobilienblase. Hier braut sich ein gewaltiges Gewitter zusammen, 60 % des BIP hängen an der Bauwirtschaft. Ausführlicher in Ausgabe 19.

In Ausgabe 20 setzen wir uns mit China als neues wirtschaftliches und politisches Machtzentrum in der Welt auseinander. Wir glauben noch nicht daran.

Mit dieser Auffassung stehen wir nicht alleine, sind jedoch Teil einer absoluten Minderheit. Die Mehrheit der Experten lobt China für seine Wirtschaftspolitik und seine großartigen Leistungen als Motor der Weltwirtschaft. Hier eine kleine Auswahl dieser Experten-Meinungen:

Das WIRTSCHAFTSBLATT/AT berichtet am 25.05.2011 unter der Überschrift „Weltkonjunktur brummt, EU-Motor noch nicht in Fahrt“ über „den bedeutendsten Wirtschaftsmotor“, gebildet von den asiatischen Schwellenländern mit ihren Exporten und der kräftigen Investitions- und Konsumnachfrage.

Der Ökonom Stephen S. Roach veröffentlicht am 27.05.2011 unter www.project-syndicate.org einen Artikel mit der Überschrift „Zehn Gründe, warum China anders ist“ und lobt darin Chinas Strategie der Fünfjahrespläne, seine Disziplin „im Kampf gegen Inflation, Spekulationsblasen und sinkende Kreditqualität“, die hohe „inländische Sparquote von über 50 %“, die „Migration vom Land in die Städte“ und deren „solide Grundlage für Investitionen in Infrastruktur und Wohnungsbau“, das „Entwicklungspotenzial“ beim Konsum durch die „Schaffung von Arbeitsplätzen, Lohnerhöhungen und soziale Sicherung“, das „Entwicklungspotenzial“ im Bereich Dienstleistungen“ als wichtiger „Bestandteil von Chinas Konsumförderungsstrategien – insbesondere transaktionsintensive Großindustrien wie Vertrieb (Groß- und Einzelhandel), inländischer Transport, Lieferkettenlogistik sowie Gastgewerbe und der Freizeitbereich“, die „enormen Anstrengungen zur Bildung von Humankapital“, außerdem die geplanten Innovationen bei „aufstrebenden strategischen Industrien“. Roach liefert eine umfassende Lobeshymne, nennt China „das beeindruckendste Entwicklungswunder der modernen Zeit“.

Ähnlich, wenn auch mit einem deutlich kritischeren Unterton, äußert sich am 01.06.2011 auf www.project-syndicate.org Michael Spence, Ökonom und Nobelpreisträger, unter der Überschrift „Asiens neues Wachstumsmodell“. Er hält China, zusammen mit Indien, für die Motoren der globalen BIP-Entwicklung der kommenden drei Jahrzente.

Der Schweizer TAGES-ANZEIGER titelte am 07.06.2011 „Wenn China die Welt regiert“. Das Blatt zitiert u.a .den IWF, der „in seiner neuesten Einschätzung davon [ausgeht], dass China 2016 (…) die größte Volkswirtschaft der Erde sein wird“. Weiter heißt es dort: „Chinas wirtschaftlicher Aufschwung wird damit begründet, dass es in Wirklichkeit kapitalistischer geworden ist als der Westen.“ Jedenfalls scheint klar zu sein, „Europa spielt ohnehin keine Rolle mehr“.

Der von uns wegen seiner konstruktiven Kommentare überwiegend geschätzte Manfred Gburek schreibt am 09.06.2011 in der WIRTSCHAFTSWOCHE „Europa pennt, Amerika drängt, China rennt“. Seine Aussagen über die wirtschaftliche und politische Entwicklung in China sind sehr wohlwollend. Er sieht das Land wegen „einer weitgehend funktionsfähigen Infrastruktur und blühenden Wirtschaft“ schon nicht mehr als Schwellenland.

Thomas Fricke überschreibt seine Kolumne am 10.06.2011 mit „Was schert uns Amerika?“ und feiert dort bereits Chinas Stärke als neue No. 1 der Weltwirtschaft.

Bestätigen die Fakten überhaupt diese positiven Einschätzungen? Zweifel sind angebracht. Das geht schon los bei den von China kommunizierten Wirtschaftsdaten. THE EPOCH TIMES DEUTSCHLAND (epochtimes.de) hat sich am 25.06.2009 ausgiebig mit der Frage beschäftigt, wie weit die staatlichen Statistiken Chinas glaubwürdig sind. Überschrift: „Trau, schau wem – eine Frage des Überlebens“. Der Autor beruft sich in seinem Artikel auf Wall Street Journal, Credit Suisse, die norwegische Consultingfirma Wilhelmsen Marine Consultants oder die renommierte Philadelphia Pennsylvania School of Business, und trifft folgende Feststellungen: China habe „in der Sache des Bruttoinlandsprodukts schon immer gelogen“. Die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung sieht die Wirtschaftsdaten als verfälscht an (lt. einer Internet-Umfrage 90,66 %). „Jeder auf der Erde sollte wissen, dass die chinesischen Wirtschaftsdaten voll Wasser sind. Nur alle haben sich daran gewöhnt. (…) Durch die Lügen des chinesischen Regimes und weil die Wirtschaftsexperten auch nicht wagen, die Wahrheit auszusprechen, ist die internationale Gemeinschaft noch von dem Scheinbild der chinesischen Wirtschaft verwirrt. (…) An den offiziell veröffentlichten Wirtschaftszahlen könne man schwer das wahre Bild der Wirtschaft Chinas erkennen.“ Der vergangene Wirtschaftsboom sei „nur ein Schein gewesen“. Der Artikel endet mit einem Zitat von Warren Buffett: „Erst wenn die Flut zurückgeht, sieht man, wer nackt gebadet hat“.

Offensichtlich hat Chinas Führung nicht nur die technischen Errungenschaften, sondern auch bereits die Tricks und Kniffe statistischer Schönfärbereien aus dem  Westen übernommen. Keine gute Ausgangslage für die Beurteilung der heutigen und zukünftigen Rolle Chinas in der Welt.

Auf Basis der offiziellen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist China jedenfalls ein wirtschaftliches Federgewicht. Zuletzt betrug das Pro-Kopf-BIP in China $6.567, in den USA $46.381, in Deutschland $40.875, in Europa durchschnittlich $30.494. Im Vergleich mit den anderen Schwellenländern: Brasilien $8.220, Russland $8.694, Indien $2.941. Selbst bei einem durchschnittlichen Wachstum von hohen 8 % pro Jahr vergehen mehr als 20 Jahre, bis in China das heutige deutsche Pro-Kopf-BIP erreicht sein wird. Wächst Deutschland durchschnittlich nur um geringe 1,5 % jährlich, was zu schaffen sein sollte, so liegt bis dahin das deutsche Pro-Kopf-BIP schon bei über $58.000. Wir sind davon überzeugt, selbst die USA werden sich weiter entwickeln.

Es erscheint uns wenig wahrscheinlich, dass China Jahr für Jahr 8 % echtes Wachstum erwirtschaftet. Bereits heute wird das Wachstum nämlich nur durch massive Konjunkturmaßnahmen gestützt, die immer größere Blasen bilden und die demnächst platzen werden. Wenig Anlass, an die Leistungsfähigkeit der chinesischen Wirtschaft zu glauben.

In diesem Zusammenhang möchten wir einem Artikel Aufmerksamkeit verschaffen, den die ZEIT am 08.03.2007 unter der Überschrift „Der Koloss braucht unsere Hilfe!“ veröffentlicht hat. Zugegeben, die Aussagen dort haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel, sind aber – so finden wir – immer noch sehr aktuell. Hier nun einige Auszüge:

„Chinas Aufstieg ist ungeheuerlich. So ungeheuerlich, dass wir uns fragen, ob das 21. Jahrhundert ein chinesisches (…) wird. (…) in einer von China dominierten Welt gäbe es keine Garanten mehr für unsere im Grundsatz liberale Kultur und jene globalen Institutionen, die aus der Tradition der freiheitlichen Gesellschaften im Westen entstanden sind. (…) Chinas Wachstumsraten sind der Neid der ganzen Welt. (...)

China wird den Westen wirtschaftlich nicht von der Bühne fegen. Die (…) Führung betont, dass sie ein ganz besonderes Wirtschaftsmodell entwickele: eine sozialistische Marktwirtschaft. (…) Dieser Zustand ist instabil, ungeheuerlich ineffizient, extrem ungerecht und langfristig nicht aufrechtzuerhalten. (…) die Partei (…) dem Diktum folgt, sie besitze ein Monopol über die Bestimmung der Politik und die Kontrolle der Gesellschaft. (…) Deswegen hat sich die Leistung der staatseigenen Betriebe, die zwei Drittel des Industrievermögens kontrollieren, (…) kaum verbessert. Sie sind unprofitabel und stehen finanziell am Rande des Ruins. Etwa ein Drittel aller chinesischen Angestellten sind übeflüssig. Es gibt glaubwürdige Schätzungen, nach denen eine winzige Zinserhöhung oder ein minimaler Einbruch der Nachfrage dazu führt, dass die Chinesen 40 bis 60 Prozent ihrer Schulden nicht mehr bedienen können. Das gesamte chinesische Bankensystem wäre damit bankrott. (…) Von einer arbeitenden Bevölkerung, die fast 800 Millionen Menschen umfasst, leben 200 Millionen als miserabel bezahlte Wanderarbeiter und Industrienomaden. Die Ungleichheit ist atemberaubend. Korruption (…) hat monumentale Ausmaße erreicht. Die Zerstörung der Umwelt ist unvorstellbar schlimm. (…) Die Ignoranz des Westens gegenüber Chinas Schwächen ist unverzeihlich und führt zu einer maßlosen Übertreibung der sogenannten chinesischen Gefahr. (…) China ist (…) Exportweltmeister (…), aber deswegen bleibt es trotzdem ein Subunternehmer des Westens.“

Soweit die Auszüge, die klar und deutlich die Schwächen des chinesischen Modells aufzeigen, die sich durch die Finanzkrise 2008 nur noch verschärft haben. Dafür gibt es, trotz der chinesischen Zensur, klare Hinweise. Politische Unruhen sind längst an der Tagesordnung (siehe u. a.: FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, 26.05.2011, WELT ONLINE, 16.06.2011, SÜDDEUTSCHE, 18.06.2011). Korruption an der Tagesordnung. Inflation in China legt weiter zu, offizielle Teuerungsrate 5,5 %, Lebensmittelpreise stiegen im Mai um offizielle 11,7 % (MANAGER MAGAZIN, 14.06.2011). China selbst sorgt für den Druck auf die Nahrungsmittelpreise: Chinas Reiskammer trocknet aus, weil der Wasserstand des Jangtse, Chinas wichtigste Wasserressource, so niedrig ist wie noch nie. Wirtschaftlicher Schaden für das Land bisher 2,3 Mrd. US-Dollar. Heftige Regenfälle führen gerade zu einer weiteren Katastrophe. Die Ära chinesischer Billigprodukte geht zu Ende. Die Löhne steigen weiter, angeblich von der politischen Führung gewollt, um den Binnenkonsum zu stärken. Teilweise aus: FOCUS, CHINADAILY.COM.CN, FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND, SPIEGEL ONLINE.

Bei so vielen „hausgemachten“ Problemen macht es Sinn, dass China seine gigantischen Währungsreserven nutzt und in der ganzen Welt auf Einkaufstour geht (MANAGER MAGAZIN, 06.01.2011). Kein Erdteil bleibt davon verschont. Afrika, Australien, Europa, Nord- und Südamerika, sind die bevorzugten Ziele. Gesucht: Land, Öl und andere wichtige Rohstoffe vorzugsweise in Afrika, Australien, Süd-Amerika. Unternehmenskäufe, Beteiligungen quer durch die Wirtschaft, in Europa und Nord-Amerika. Auf absehbare Zeit wird China z. B. in Afrika eine Vormachtstellung gegenüber dem Westen erreichen. Wir warnen schon lange vor einer Kolonialisierung der Welt durch China, die US-Außenministerin Hillary Clinton hat erst kürzlich, während ihrer Afrikareise, eine entsprechende Warnung ausgesprochen (SPIEGEL ONLINE, 13.06.2011). Sehr informativ in diesem Zusammenhang ist ein Bericht in der ZEIT vom 10.01.2008 mit dem Titel „Afrikas neue Freunde“, lesenswert. In Europa beteiligt sich das Land an der Bewältigung der Schuldenkrise (WIRTSCHAFTSBLATT/AT, 17.06.2011), natürlich nur zum eigenen Vorteil. Diese Entwicklung wird Europa noch schwer zu schaffen machen.

Jetzt sind auch die USA dran. Es reicht China nicht mehr nur, das US-Haushaltsdefizit zu finanzieren. Im US-Bundesstaat Idaho soll ein chinesischer Brückenkopf entstehen. Der chinesische Staatskonzern China National Machinery Industry Corp. will in der Nähe der Provinzhauptstadt Boise auf einer Fläche fast so groß wie Frankfurt am Main (219 Quadratkilometern) eine autarke Industriestadt errichten. Geplant sind Fabriken, Lagerhallen, Großhandelszentren, Logistik, komplette Wohngebiete mit eigener Energieversorgung. US-Medien sprechen schon von einer Sonderwirtschaftszone, vergleichbar Shenzhen oder Xiamen in China. In Shenzhen leben heute 14 Mio. Menschen, in den 1970er Jahren war es nur ein kleines Fischerdorf. „China hat sich zu einer Invasion der USA entschlossen, (…) mit einer Armee von Arbeitern, die eine eigene Freihandelszone errichten werden“, so ein Kritiker. Idaho geht es mittlerweile so schlecht, dass mit nennenswerten Widerständen von den einheimischen Politikern nicht zu rechnen ist. Der örtliche Wirtschaftsminister wird mit dem Satz zitiert: „Die Chinesen schauen sich nach einem Brückenkopf in den USA um, Idaho ist bereit, einen anzubieten.“ Weitere chinesische Delegationen sind in Ohio, Michigan und Pennsylvania unterwegs. Idaho hat aber die besten Chancen, das Versuchslabor für eine neue Außenwirtschaftsstrategie gegenüber den USA zu werden. Zu stoppen nur durch Washington. Deutsche Quelle: MANAGER MAGAZIN, 14.06.2011. Eine geradezu wahnwitzige Idee.


Fazit

Beginnen möchten wir damit, aus einem Interview zu zitieren. Es ist am 26.05.2011 im Schweizer TAGES-ANZEIGER unter dem Titel „China ist ausser Kontrolle“ erschienen. Geführt mit Albert Edwards und Dylan Grice, den „alternativen“ Chefstrategen von Société Générale, der französischen Großbank. Ihre Meinung deckt sich ausdrücklich nicht mit der offiziellen Strategie der Bank. Edwards vertrat schon vor zehn Jahren die Meinung, dass ein Kollaps des Finanzsystems nur eine Frage der Zeit sei. Grice wird mit seinen Thesen weltweit von den renommiertesten Wirtschaftszeitschriften zitiert. Ihre Aussagen in dem Interview kommen auf den Punkt, sind richtig und können von uns nicht besser formuliert werden. Schon seit Wochen äußern wir uns ähnlich.

„China ist die grösste Blase überhaupt. Die Erwartungen der Investoren sind im Verhältnis zum möglichen Ergebnis viel zu optimistisch. (…) Eine monetäre und schuldeninduzierte Blase soll zu einem Soft landing abgebremst werden. Aber die Blase ist bereits ausser Kontrolle. Das ist das grosse Risiko für die Weltwirtschaft. China hat kaum Lehren aus dem Debakel des Westens gezogen. Durch die laxe Geldpolitik wurde die Spekulation geradezu provoziert. (…) Einen durch negative reale Zinsen induzierten Bauboom sahen wir schon in Spanien, Irland und Amerika. Dasselbe machen nun die Chinesen (…). Sie glauben an ein Wunder, das nicht eintreten wird. (…) Zentralbanken auf der ganzen Welt wissen nicht wirklich, wie die Wirtschaft funktioniert. (…) Die Welt denkt, Peking verfolge eine bessere Geld- und Konjunkturpolitik als die westlichen Entscheidungsträger. Marktteilnehmer glauben, die chinesischen Behörden hätten die Lage unter Kontrolle (…). (…) Die Annahme, Peking könne jedes gewünschte Ergebnis herbeiführen, birgt viel Raum für Enttäuschungen. (…) Jüngst wurde Unternehmen mit Strafverfolgung gedroht, falls sie die Preise für ihre Produkte anheben würden. Das ist das unterste Niveau von Wirtschaftspolitik. (…) Die Lage in China ist angespannt. (…) Die Inflation läuft davon, und Peking versucht die Zahlen zu manipulieren, indem das Gewicht von Lebensmitteln im Konsumentenpreisindex reduziert wird. (…) in China braut sich ein neues USA 2007 zusammen.

Soweit die Interview-Auszüge. Uns erinnert der China-Hype sehr an die Aussagen diverser Ökonomen und Wirtschaftsjournalisten zu Japan in den 1980er Jahren. Sehr gut nachzulesen bei H. O. Eglau, in seinem Buch „Kampf der Giganten“, Europa, USA und Japan im Wirtschaftswettstreit, erschienen im ECON Verlag, 2. Auflage 1982. Damals gab es viel Lob für Japans staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die japanische Innovationsfähigkeit, die Markteroberung durch die japanischen Konzerne, usw. Kurz, Japan galt als Modellökonomie. Nur wenige Jahre später, seit 1990, erlebt Japan eine schwere Wirtschaftskrise, die bis heute anhält. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mehrere Rezessionen sorgten seit dem für ein durchschnittliches gesamtwirtschaftliches Wachstum im Jahresdurchschnitt der Jahre 1992 – 2001 von mageren 1,1 % (Hans Günther Hilpert, Japans endlose Wirtschaftskrise, Dezember 2002). Zu wenig für eine Wende. Wen Einzelheiten zu Japans ersten Jahren in der Depression und deren Ursachen interessieren, dem empfehlen wir: „Japan: der verwaltete Stillstand“ von Michael Ehrke, Digitale Bibliothek der Friedrich Ebert Stiftung. Wir jedenfalls sehen viele Parallelen zur heutigen Situation in China.

Die Hurra-Rufe der Ökonomen und Konzernlenker zu China und den anderen Schwellenländern liegen glatt daneben, sind höchstens interessengesteuert, blenden die Fakten aus. Der Hinweis auf die riesigen Währungsreserven reicht als Begründung nicht aus. Alle, die diesen Meinungen bedenkenlos folgen, werden bald eine böse Überraschung erleben. 

China wird an die Spitze gebetet, gilt als Heilsbringer. Den Beweis bleibt das Land schuldig.  

Selbst die Gesamtheit der BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) verfügt nicht über die nötigen Instrumente,  der Weltwirtschaft neue Impulse zu geben, die bei der Lösung der vielen Probleme in den westlichen Industriestaaten helfen. Die Folgen der vielen Staatsbankrotte und Pleitebanken der Welt haben diese Staaten längst erreicht. Sie sind deshalb Teil der weiteren Entwicklung zum Finanzkollaps.