Dienstag, 12. Juli 2011

Standpunkt, Ausgabe 25/1 - Dossier


Jahresvorausschau 2011 – Halbzeit - Finanzkrise

Anfang Januar haben wir unsere Jahresvorausschau vorgelegt, mit der wir den Versuch unternommen haben, für die folgenden 12 Monate eine Einschätzung der Entwicklung auf der Grundlage unserer eigenen Recherchen und Beurteilungen vorzunehmen und unseren Leserinnen und Lesern an die Hand zu geben. Es ist an der Zeit, unsere Vorhersagen neu zu bewerten.

Schon mehrfach haben wir unsere damaligen Aussagen in den folgenden Publikationen ergänzt. Teilweise werden wir diese Ergänzungen hier noch einmal wiederholen, um ihre Wirkung zu vertiefen und den Lesern entgegen zu kommen, die erst später zu uns gestoßen sind.

Zur besseren Lesbarkeit bieten wir kein vielseitiges Gesamt(kunst)werk an, sondern zerlegen das Ganze in seine Einzelteile. Erst zum Schluß bieten wir die Gesamtschau als pdf-Datei zum Herunterladen an.

Die Finanzkrise entwickelt sich nach Plan. Deshalb müssen wir keine unserer getroffenen Aussagen zurück nehmen, höchstens noch verschärfen. Was wir bereits in der Ausgabe 18 getan haben. Seit der Ausgabe 19 ist für uns die Finanzkrise zum Finanzkollaps mutiert. Krise ist etwas Vorübergehendes, Beherrschbares. Davon sind wir schon weit entfernt. Hier noch einmal einige Zahlen, die den ausweglosen Zustand des Welt-Finanzsystems klar und deutlich bestätigen: Die gesamten US-Staatsschulden belaufen sich auf rund 54 Billionen US-Dollar. Dagegen stehen ein US-Immobilienvermögen von rund 17 Billionen US-Dollar, Weltwährungsreserven von rund 9 Billionen US-Dollar, weltweite Zentralbank-Goldreserven von geschätzten 1,3 Billionen US-Dollar, oder eine US-Wirtschaftsleistung 2009 von rund 14 Billionen US-Dollar (Quellen: Bloomberg, BIZ). Dazu kommen noch 1.000 Billionen US-Dollar weltweit ausstehender Derivate (eigene Quellen und Hera Research Newsletter, HRN). Gerne geben wir an dieser Stelle die Zahl der BIZ bekannt, die „nur“ rund 700 Billionen US-Dollar an ausstehenden Derivaten beziffert. Diese Differenz, so gewaltig sie auch ist, macht letztendlich keinen Unterschied, auch die 700 Billionen sind nicht zu bewältigen. Genauso wenig aber auch die US-Staatsschulden, die sich Jahr für Jahr mit einem atemberaubenden Tempo erhöhen. Die Situation anderer ausgewählter Staaten in Europa oder anderswo auf der Welt ist hinlänglich bekannt und ebenfalls negativ zu bewerten. Selbst China gehört dazu, gerade wegen seiner riesigen Dollar-Währungsreserven und seiner riesigen Kredit- und Immobilienblase. Wir stufen mehr als 60 Staaten als pleite ein. Dazu gehören neben den bekannten auch so klangvolle Namen wie Großbritannien im Westen oder Rußland im Osten.

Nach wie vor sind wir davon überzeugt, dass viele der längst bekannten Blasen rund um die Welt noch 2011 platzen werden. Für die betroffenen Staaten, Finanzkonzerne, Märkte wird es immer schwieriger diese explosiven Zustände weiter zu kaschieren. Die Fortsetzung der unbegrenzten Liquidität sorgt nur für eine schöne Scheinwelt, verschärft jedoch massiv die Probleme in der realen Welt.

Die Politiker sind macht- und ratlos. Sie haben unmittelbar nach den Ereignissen in 2008 die einmalige Chance verpaßt, die hemmungslose Zockerei der Finanzkonzerne im Welt-Finanz-Casino rigoros zu unterbinden. Statt dessen geschieht das genaue Gegenteil. 
 
Die wenigen zaghaften Regulierungsversuche werden von den Betroffenen einfach unterlaufen. Mit dem Ergebnis, dass deren Gewinne und Boni weiter sprudeln und die Risiken nur noch weiter steigen. Wir zitieren hier aus der Ausgabe No. 10 vom 07. & 08.02.2011: „Ursache dafür ist das weltweite Finanzsystem mit seiner grenzenlosen Liquidität und die Finanzkonzerne mit ihren Schattenbanken. Wir haben immer wieder darauf hingeweisen, dass die bisherigen halbherzigen Regulierungen in den USA und Europa, vollmundig angekündigt, weder das internationale Finanzsystem nachhaltig stabilisieren, noch den Casino-Betrieb der Finanzkonzerne beendet haben. Der Casino-Betrieb geht unvermindert weiter, alle damit verbundenen neuen, viel größeren Risiken werden wieder nur in sogenannten Schattenbanken vor der Öffentlichkeit versteckt. Wir betonen den Begriff „Öffentlichkeit“ ausdrücklich, die Insider, Banker, Ökonomen, Regulierer, Kontrolleure, Politiker, wissen nämlich ganz genau Bescheid über die Sprengkraft dieser Entwicklung. Beispielhaft zitieren wir das HANDELSBLATT vom 03.02.2011 mit der Überschrift „Ökonomen warnen vor neuen Risiken für Finanzsystem“. Dort wird beschrieben, dass „das Problem „too big to fail“ (zu groß, um zu scheitern) noch größer geworden ist“ und selbst „regionale Bankenriesen vergrößern ihre Marktmacht“. Es geht in dem Artikel um die großen US-Banken, jedoch betrifft diese Entwicklung alle Finanzkonzerne der Welt, egal ob in Europa, Asien, Südamerika oder Australien. Sogar Russland und China sind betroffen. Sehr ausführlich beschäftigt sich die ZEIT unter der Überschrift „Gewächse im Verborgenen“, ebenfalls am 03.02.2011, mit dieser Entwicklung. Es ist bemerkenswert, dass die Bankkonzerne ganz offen damit umgehen und die im Rahmen der Regulierungen neu geschaffenen Gesetze für diese forcierte Entwicklung verantwortlich machen. D. h., die neuen Vorschriften werden schlicht unterlaufen. Scheinbar wird es schon als Fortschritt angesehen, dass diese Diskussion heute in aller Offenheit stattfindet, was früher nur im Verborgenen ablief. Der DGB hat sich ebenfalls damit beschäftigt und titelte am 01.02.2011 „Neue Schattenbanken im Keim ersticken“ (Quelle: dgb.de). Dort findet sich u. a. eine sehr aufschlussreiche Grafik über die Verbindlichkeiten von Geschäfts- und Schattenbanken in den USA. Danach überstiegen im vergangenen Jahr (gemessen zur Jahresmitte, eigene Anm.) die Verbindlichkeiten der Schattenbanken die der Geschäftsbanken um 2,3 Billionen US-Dollar. Die Gesamtvolumina betragen gewaltige 15,3 Billionen zu 13 Billionen US-Dollar. 10 Jahre früher, im Jahr 2000, beliefen sich die Verbindlichkeiten der Schattenbanken auf ca. 8,5 Billionen, die der Geschäftsbanken auf „nur“ rund 6 Billionen US-Dollar. Die Zahlen sprechen für sich.“

Vor dem Hintergrund des Ende Januar veröffentlichten Berichtes, der von Präsident Obama eingesetzten Kommission zur Untersuchung der Finanzkrise, der blanke Hohn. Deren Ergebnis ist eindeutig: Die Finanzkrise war vermeidbar. Ursache der Krise war enormes Versagen von Regierung und Finanzaufsicht einerseits sowie ein rücksichtsloses Risikomanagement der Geldindustrie andererseits. Der 633-seitige Untersuchungsbericht liegt uns vor. Er ist gespickt mit strafwürdigen Tatsachen, die jedoch nicht zu nennenswerten Konsequenzen führen werden. Vorsorglich haben nämlich die republikanischen Mitglieder der Kommission den Abschlußbericht nicht mit unterschrieben, sondern geben einen eigenen heraus.

Die Berichte, Kommentare und Meinungen dazu beziehen klar Stellung. Hier eine kleine Auswahl: „Gier, Unachtsamkeit, beides“ titelte SPIEGEL ONLINE schon am 26.01.2011. Das HANDELSBLATT berichtete am 27.01.2001 unter „Gier und Inkompetenz schufen die Finanzkrise“ und „Das große Versagen der amerikanischen Notenbank“ über das Ergebnis. Noch einmal SPIEGEL ONLINE am 28.01.2011 unter der Überschrift „Hall of Shame der Finanzkrise“, wo auch die persönliche Schuld vieler Verantwortlicher aus Politik und Finanzwirtschaft beschrieben wird. Die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND befasste sich ebenfalls am 28.01.2011 ausführlich mit dem Thema: „Wie Gier die Finanzkrise auslöste“. Interessante Randnotiz: Den Verfehlungen der Deutschen Bank sind alleine rund 50 Seiten gewidmet.

Selbst die Rolle des IWF war in diesen Jahren erbärmlich. Ein interner Untersuchungsbericht wirft dem Internationalen Währungsfonds massives Versagen bei der Einschätzung der weltweiten Finanzkrise vor. Quelle: HANDELSBLATT, 09.02.2011, „IWF räumt massives Versagen bei Finanzkrise ein“. Hoppla, was für eine Aussage. Der damalige Chef des IWF, Strauss-Kahn, nannte die Unfähigkeit, vor der Krise zu warnen, einen „demütigenden Fakt“. Die Zeitung zitiert weiter, „die Risiken im Zusammenhang mit dem Immobilienboom und neuen Finanzinstrumenten wurden heruntergespielt“ und es sei den Verantwortlichen nicht gelungen, die Zusammenhänge zu erkennen. Kritische Meinungen zu den Vorgängen seien innerhalb des IWF unbeachtet geblieben. Würden diese Aussagen tatsächlich zutreffen, müsste der Laden wegen Unfähigkeit sofort geschlossen werden. Vieles spricht jedoch dafür, dass den Verantwortlichen im IWF die Folgen des eigenen Handels sehr wohl bewusst waren. Schliesslich hat der IWF über Jahre hinweg tatkräftig mitgeholfen, in vielen Ländern überhaupt erst die gesetzlichen Grundlagen für die Geschäfte mit den neuen Finanzinstrumenten zu schaffen. Deutschland ist nur ein Bespiel dafür (vgl. Gesetz zur weiteren Fortentwicklung des Finanzplatzes Deutschland, Viertes Finanzmarktförderungsgesetz, vom 21. Juni 2002). Möglicherweise wollte Strauss-Kahn hier einiges ändern, was ihn den Job gekostet hat. Madame Lagarde muss sich dazu erst noch erklären.

Alle G20-Staaten geben eine miserable Figur ab. Sehr schön am letzten Gipfel abzulesen. ZEIT ONLINE titelt am 19.02.2011: „Aus der Krise nichts gelernt“. An anderer Stelle heißt es: „Auf dem internationalen Parkett streitet jedes Land wieder ungeniert für seine Interessen.“ Sehr treffend: „Das aktuelle Weltwährungssystem ist in Wahrheit ein Nicht-System. Jeder tut, was er will.“ Besser kann man es nicht zusammenfassen. Deutschland gab bei dieser Gelegenheit – wieder einmal – den selbst ernannten Musterschüler, China grummelte ein bisschen herum und arbeitete verdeckt im Hintergrund, Rußland war irgendwie nicht da, die USA bewegten sich nicht.

Was kann Amerika tun? Nichts, tatsächlich ist die Schuldenlast nicht mehr beherrschbar. Wer etwas anderes behauptet lügt. Der Präsident ist schwach und versucht sich nur noch, in die Wiederwahl zu retten. In US-Umfragen steht Friedensnobelpreisträger Obama auf einer Stufe mit Jimmy Carter, der gilt in den USA als schlechtester Präsident aller Zeiten. Seine Zustimmungsrate liegt, dem Schauspiel um Osama Bin Laden zum Trotz, irgendwo bei kläglichen 32%. Viel zu wenig, um ernsthafte Politik zu betreiben, obwohl er sie immer wieder bei jeder sich bietenden Gelegenheit ankündigt. Wirtschafts- und Finanzpolitik werden in den USA – the same procedure as ever - von den Abgesandten aus der Wall Street gemacht. So sieht diese Politik dann auch aus: Die Wirklichkeit wird einfach nicht zur Kenntnis genommen, Wirtschaftsindikatoren entweder frisiert oder ignoriert. Realitätsverlust auf der ganzen Linie.

Niemand darf den Versprechungen der Politiker glauben, dem Urteil der Leute in den Zentralbanken oder den Koryphäen der Wall Street, die nur ihre eigenen Interessen im Auge haben. Bei den Politikern sitzen die Unfähigen und Unwissenden an den Schalthebeln der Macht, die wenigen Wissenden (1%) führen auf den Hinterbänken einen aussichtslosen Kampf. Beispiele: Das Gezerre um die Heraufsetzung der Schuldengrenze in den USA und die bis heute trostlose Entwicklung der Euro-Krise. Die Insolvenz-Risiken nehmen hier wie dort zu.

Wir liegen mit unserer ursprünglichen Einschätzung richtig, erwarten aber noch weit größere Verwerfungen wie bisher. Verursacht durch neue Kriege, Hungersnöte, politische Unruhen in ölreichen Ländern, usw.

Die Lunte brennt längst am Markt für US-Staatsanleihen, der Basis des internationalen Finanzsystems. Es genügt nur noch eine Kleinigkeit und das Ganze geht in die Luft. Die Folge: Unvorstellbares Chaos. Alles bisherige nur ein laues Lüftchen. Garantiert.