Mittwoch, 13. Juli 2011

Standpunkt, Ausgabe 25/2 - Dossier


Jahresvorausschau 2011 – Halbzeit - Europa

Dieses Dossier setzt die Reihe fort, mit der wir die Anfang Januar veröffentlichte Einschätzung der Entwicklung auf der Grundlage unserer eigenen Recherchen und neu zu bewerten und, falls nötig, korrigieren.

Schon mehrfach haben wir unsere damaligen Aussagen in den folgenden Publikationen ergänzt. Soweit sinnvoll, werden wir diese Ergänzungen hier noch einmal wiederholen, um ihre Wirkung zu vertiefen und allen Lesern entgegen zu kommen, die erst später zu uns gestoßen sind.

Zur besseren Lesbarkeit bieten wir kein vielseitiges Gesamt(kunst)werk an, sondern zerlegen das Ganze in seine Einzelteile. Erst zum Schluß bieten wir die Gesamtschau als pdf-Datei zum Herunterladen an.

Unsere Vorhersagen haben sich mit traumwandlerischer Sicherheit erfüllt oder sind gerade dabei, sich zu erfüllen. Einfach nachlesen.

Es hat nichts geholfen: „Politiker und Banker rufen Ende der Euro-Krise aus“, wie das HANDELSBLATT schon am 30.01.2011 (!) meldet und berichtet, dass führende Politiker und Banker auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erklärten, dass „sich die Lage spürbar beruhigt habe und das Schlimmste überstanden sei“. Christine Lagarde, Frankreichs damalige Wirtschaftsministerin, wird mit dem Satz zitiert, „ich denke, die Euro-Zone hat die Kurve bekommen“ und Wolfgang Schäuble, immer noch deutscher Bundesfinanzminister, warnte gar Anleger davor, noch gegen den Euro zu wetten. Dazu fällt uns ein Zitat von Albert Einstein ein: Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Madame Lagarde ist mittlerweile Nachfolgerin von Strauss-Kahn als Chef des IWF. Wir sind gespannt, welche Fehleinschätzungen zukünftig aus dieser Ecke kommen. Taugen werden sie nichts.

Wieviel klarer sehen wir die Dinge: Schon seit vielen Monaten erklären wir unseren Lesern die weitere Entwicklung des Währungskrieges gegen den Euro direkt vor unserer Haustür. Spanien, Italien sind für uns nur weitere Wegmarken dieser Auseinandersetzung zwischen der Welt-Leitwährung US-Dollar und der Welt-Reservewährung Euro (vgl. Ausgabe 7/8). Es wird noch nicht das Ende sein. Dafür verbürgen wir uns. Nicht für die Euro-Zone, aber auch nicht bei den übrigen Mitgliedsstaaten der EU. Ganz besonders im Fokus stehen für uns die EU-Staaten in Osteuropa. Viele sind schon pleite und werden nur mit IWF/EU-Geldern über Wasser gehalten, bei Rumänien und Slowenien ist jüngst sogar China mit Millionenbeträgen eingesprungen. Diese Länder geniessen lediglich den Vorzug, dass ihre Probleme völlig von der Euro-Krise verdeckt werden und auch keine nennenswerte mediale Aufmerksamkeit geniessen. Für die Banken, besonders die österreichischen, trotzdem ein dickes Problem. Fällt der Euro, dann fällt die EU, dann fallen diese Staaten, dann fallen viele Banken, dann kommt das Ende von allem. Eine weitere Zwangs-Bankenrettung ist in dem Fall definitiv ausgeschlossen. Wahrscheinlich ist dann eher die überstürzte Flucht der vielen unfähigen Führer aus Politik und Finanzwirtschaft (bei dieser Vorstellung müssen wir dann doch lächeln).

Bei der Abwehr dieser Angriffe auf die Gemeinschaftswährung fehlt es in Europa an der nötigen Aufrichtigkeit. Nicht nur bei den Politikern, Bankern, Ökonomen und sonst Verantwortlichen, sondern auch bei den Normalsterblichen. Letztere plappern überwiegend die unsinnigen, unwahren, populistischen Phrasen nach, die ihnen genau von denen vorgesetzt werden, die in den vergangenen zwanzig Jahren für den Mist verantwortlich sind, der heute vor unseren Haustüren liegt und stinkt. Es gibt wirklich nur ein kleines Häuflein aufrechter Journalisten in Presse, Funk und Fernsehen, die wichtige Wahrheiten ans Licht zerren, oder Ökonomen, die sich nicht scheuen, die Zusammenhänge zu verstehen und auch zu verbreiten. Es sind zu wenige.

Nur zur Auffrischung – unsere Leser wissen eigentlich längst Bescheid – hier noch einmal am Beispiel Griechenlands die Fakten: Ständig wird behauptet, Griechenland habe sich die Aufnahme in die Euro-Zone mit geschönten Zahlen „erschummelt“. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Allen Beteiligten, auch der damaligen Bundesregierung und ihren ratgebenden Ökonomen, war im Jahr 2000 klar, dass Griechenland die strengen Auflagen nicht erfüllt. Trotz tatkräftiger Hilfe der Spezialisten von Goldman Sachs, die im Auftrag der übrigen Mitglieder, allen voran Deutschland und Frankreich, der Euro-Zone tätig waren. Damals war es politisch gewollt, dass Griechenland der Europäischen Währungsunion (EWU) beitritt. Deshalb hat man auch die korrekten (!) Zahlen der griechischen Nationalbank geflissentlich übersehen. Stattdessen wurden die nachweislichen Anstrengungen der griechischen Regierung zur Konsolidierung des Haushalts positiv bewertet. Den Erfolg dieser Anstrengungen bestätigte der IWF in einem Bericht aus dem November 2001. Früher noch, Anfang Mai 2000, stellte die EU-Kommission ein positives Zeugnis für die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone aus (Quelle: Berliner Zeitung, 19.05.2000). Erst später, im Jahre 2004, wurden die manipulierten Zahlen Griechenlands dann aufgebauscht und als große Überraschung dargestellt, z. B. bei stern.de, 15.11.2004. Die Wahrheit: Geschummelt haben Kommission und IWF bei der Bewertung Griechenlands als Kandidat für die Aufnahme in die Euro-Zone.

Die EU-Industrieländer, wie Deutschland, nutzen Griechenland schon seit vielen Jahren gerne als brauchbaren Absatzmarkt für ihre Produkte, z. B. Rüstungsgüter, die mit weiter steigenden Schulden bezahlt werden. Die dauerhaften Strukturprobleme in der griechischen Wirtschaft waren spätestens seit der Aufnahme des Landes in die EU, am 01. Januar 1981, bekannt und früher absolut kein Grund zu irgendeiner Besorgnis. Mit dieser Situation hätten Griechenland und Europa noch jahrelang gut leben können. Was Griechenland überhaupt erst aus dem Tritt gebracht hat, war die, unter Führung Deutschlands, EU-weit beschlossene Zwangs-Bankenrettung nach der Lehman-Pleite 2008. Diese Aktion überforderte Griechenland, wie übrigens auch Irland, Portugal, Spanien, usw. Schlagartig erhöhte sich dadurch das Defizit in diesen Ländern. Weil es mindestens 60 Staaten auf der Welt ähnlich geht, einschliesslich den USA und Großbritannien, wäre diese Situation immer noch kein Problem.

Erst die prinzipielle Zahlungsunfähigkeit der USA und deren viel zu große, unerfüllbare Verbindlichkeiten (Prof. Kotlikoff, Boston University, FAZ, 09.05.2011) sorgen für die Spekulationen gegen den Euro, vorläufig adressiert an die PIIGS-Staaten. Diese Aktionen lenken, bisher erfolgreich, von den Schwächen des US-Dollars ab. So lange Europa sich nicht endlich der Stärke seiner Wirtschaft und folglich auch seiner Währung bewußt wird und danach handelt, wird dieses dreiste Schauspiel weitergehen. Außerdem müssen die USA-Helfer innerhalb Europas kalt gestellt werden. Die Zusammenhänge haben wir in Ausgabe 20 bestens beschrieben, ebenso die wenig durchdachten Vorschläge der deutschen Professoren-Riege. Bitte dort nachlesen.

Wie geht es weiter? Mit Italien ist das nächste Opfer gefunden. Das sorgt für einen heißen Sommer in Europa. Frankreich rückt ins Blickfeld. Weitere Aspiranten sehen wir am Horizont. Alle reden von Belgien, wir außerdem von Schweden und Dänemark. Längst auch von Großbritannien und der Schweiz. In Schweden droht eine Hypothekenkrise, in Dänemark eine Banken-Pleitewelle, Großbritannien hängt am US-Tropf, die Schweiz ist ein einziger riesiger Hedge Fonds (vgl. Ausgabe 5, 12). Ach so, Island nicht zu vergessen. Wurde kürzlich erst von der OECD dafür gelobt, dass „viel getan wurde, um den Finanzsektor wieder in einen gesunden Zustand zu versetzen“. Von Wirtschaftswachstum ist die Rede. Da spielt es dann keine Rolle, dass die Staatsverschuldung bei 120% des BIP liegt, doppelt so hoch wie erlaubt. Nur zur Erinnerung: Island hat die Einlagensicherung für seine Banken auf Druck der Bevölkerung außer Kraft gesetzt und verhandelt auf Regierungsebene immer noch mit Großbritannien und Holland über die Ansprüche der Sparer gegen die isländischen Banken. Ein schlechter Witz, sonst nichts.

Wegen der zaghaften deutschen und französischen Haltung toben sich auch die Rating- Agenturen aus. Ramsch-Niveau für Griechenland, Portugal, Irland, erste Herabstufungen für Spanien und Italien, Drohungen an Belgien. Weitere Herabstufungen für diese Länder werden – natürlich – nicht ausgeschlossen. Vorsorglich wird schon einmal von Standard & Poor’s das italienische Sparpaket, am selben Tag vom Chef der Bank UniCredit ausdrücklich gelobt, als unzureichend eingestuft. Paßt in unser Bild: Italien wird gerade sturmreif geschossen. Merkel und Konsorten schauen tatenlos zu oder machen nutzlose Vorschläge. Alles nur aus Angst vor unpopulären Entscheidungen, die zu Hause Stimmen kosten werden. Das vorläufige Ergebnis: Groteske Rettungsversuche.

Die Rolle der Ratingagenturen verdient in diesem Währungskrieg besondere Beachtung. Deren Bewertungen sind nicht nachvollziehbar und widersprechen immer wieder den Fundamentaldaten. Die Agenturen sind kommerzielle, profitorientierte Unternehmen, frei von jeder Haftung für ihre Ratings. Deshalb haben deren Einstufungen nichts zu tun mit der Wirklichkeit in den betroffenen Ländern, siehe USA und Japan. Beide Länder werden ihre Schulden nie und nimmer bedienen können, geniessen aber immer noch beste Bonität. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.

Bisher gilt für die Euro-Krise: Gut vorbereitete Angriffe treffen auf eine schwache Verteidigung.

Erhält sich Europa einen letzten Rest von Souveränität, was aus unserer Sicht heute noch nicht entschieden ist, dann wird die Euro-Krise einem Bumerang gleich in den USA einschlagen. Italien könnte der Auslöser werden, hier sind US-amerikanische Geldmarktfonds, ähnlich wie in Spanien, stark investiert. Selbst für die USA ist es deshalb längst ein Ritt auf der Klinge, immer weiter den Euro noch unter Druck zu setzen. China übrigens muß gute Miene zu diesem bösen Spiel machen, schliesslich sind 3,2 Billionen US-Dollar ein starkes Argument zu Gunsten der US-amerikanischen Währung. Andererseits haben sich im Reich der Mitte runde 2 Billionen US-Dollar Schulden aufgetürmt, da wirkt ein schneller Wertverlust wie ein Brandbeschleuniger.
Der deutsche Michel hört es nicht gerne: Eine gemeinsame Steuer- und Wirtschaftspolitik muss her. Teil davon muss auch ein Länderfinanzausgleich nach deutschem Muster sein (endlich: Deutschland als Vorbild!). Bis es soweit ist, müssen die Angriffe gegen den Euro hart und mit allen zur Verfügung stehenden Mittel – auch protektionistischen - abgewehrt werden. Fairness, Anstand, Moral = vergessen wir diese Begriffe. Was wir meinen: Feste Wechselkurse für den Euro, einseitiges Verbot des Devisenhandels unter Strafandrohung, Auflösung der auf US-Dollar lautenden Währungsreserven, Sicherung der Goldreserven (über 80% des „deutschen“ Goldes lagert in den USA und Großbritannien und dienen dort als Faustpfand), Aufbauplan für Süd-Europa (wir erinnern an deutsche Fabriken in Spanien und Portugal), Master-Plan zur Regulierung der Finanzwirtschaft (vorzugsweise zuerst in Europa). Ein Traum, ein schöner Traum. Die Realität wird anders aussehen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.