Mittwoch, 20. Juli 2011

Standpunkt, Ausgabe 25/5 - USA


Jahresvorausschau 2011 – Halbzeit - USA

Dieses Dossier setzt die Reihe weiter fort, mit der wir die Anfang Januar veröffentlichte Einschätzung der Entwicklung auf der Grundlage unserer eigenen Recherchen neu bewerten und, falls nötig, korrigieren. Bisher sind Ausgabe 25/1 (Finanzkrise), 25/2 (Europa), 25/3 (China) und 25/4 (Rohstoffe) erschienen.

Schon mehrfach haben wir unsere damaligen Aussagen in den folgenden Publikationen ergänzt. Soweit sinnvoll, werden wir diese Ergänzungen hier noch einmal wiederholen, um ihre Wirkung zu vertiefen und allen Lesern entgegen zu kommen, die erst später zu uns gestoßen sind.

Zur besseren Lesbarkeit bieten wir kein vielseitiges Gesamt(kunst)werk an, sondern zerlegen das Ganze in seine Einzelteile. Erst zum Schluß bieten wir die Gesamtschau als pdf-Datei zum Herunterladen an.

Unsere Voraussagen für die USA waren bereits im Januar alles andere als zuversichtlich. Eher im Gegenteil: Wir waren äusserst pessimistisch eingestellt und hatten ein düsteres Bild gezeichnet. Daran hat sich nichts geändert. Unsere Einschätzung über den Zustand und die nächsten Schritte der Entwicklung haben sich voll und ganz bestätigt, wurden hier und da sogar noch übertroffen.

An unseren grundsätzlichen Bewertungen gibt es nach wie vor nichts zu rütteln. Diese bitte in unserer Jahresvorausschau 2011 nachlesen. Deshalb aktualisieren wir heute nur einige Eckdaten, die wir für wichtig und aussagekräftig halten:

Mittlerweile beziehen rund 44,7 Millionen Menschen Lebensmittelmarken, betroffen davon sind auch viele Kinder. Weil bereits heute eigentlich 60 Millionen Menschen die geforderten Voraussetzungen für den Bezug der Food Stamps erfüllen, erwarten wir weiter einen kontinuierlichen Anstieg. Er kann sich zeitweise verlangsamen (wenigstens in den offiziellen Angaben), gestoppt wird er nicht.

Es fehlen Jobs, Jobs, Jobs. Nach wie vor wird die US-Arbeitslosenquote massiv manipuliert, um wenigstens auf dem Papier eine Wirtschaftserholung dokumentieren zu können. Mit der Wirklichkeit haben die offiziellen Zahlen nichts zu tun. Selbst regierungsfreundliche Statistiker wie GALLUP kommen auf eine Quote von 16%, unser US-Zahlenlieferant, shadowstats.com, errechnet nach wie vor über 22%, das Bureau of Labor Statistics (BLS) nennt 9,2% für Juni.

Das Versprechen der Regierung Obama, jeden Monat bis zu 500 000 neue Arbeitsplätze zu schaffen, ist jedenfalls kläglich gescheitert. Bis zum Ende seiner Amtszeit wird der Präsident hier auch keine Erfolge mehr verbuchen können. Zuletzt waren es läppische 50 000 neue Stellen im Monat. IT-Konzerne wie CISCO (über 11 000 Jobs) und die Finanzkonzerne der Wall Street entlassen demnächst einige Tausend Menschen, statt neue Stellen zu schaffen.

Gedreht wird natürlich auch an anderen Daten. Nehmen wir den Konjunkturindex der US-Einkaufsmanager, der immer wieder den Aufschwung bestätigt. Aktuell im vergangenen Monat, als er – entgegen den Analystenerwartungen – gestiegen ist. Dieser Index ist mit dem Ifo-Index vom Münchner Ifo-Institut des Hans-Werner Sinn vergleichbar und genauso „aussagekräftig“. Oder die Inflationsrate: Offiziell sind es 3,6% im Juni (BLS), unsere Quelle nennt beinahe 11%.

Erschreckend, was die FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND (FTD) aus diesem Einkaufsmangerindex „herausholt“: Sie titelt dazu am 04.07.2011 „Amerika rettet Weltkonjunktur“ und führt damit die Leser vollkommen in die Irre. Allen Ernstes wird dort behauptet, „dass die US-Wirtschaft sich wieder gefangen hat und die Rolle des Hoffnungsträgers übernimmt. (…) Auch der Häusermarkt und die Finanzlage der Unternehmen bessere sich zusehends.“ Es gebe „einige hoffnungsvolle Signale für die zweite Jahreshälfte“ wird ein Ökonom von Goldman Sachs zitiert. Wir wissen es besser: Längst mit dem Hintern nicht mehr hoch kommen das Verbrauchervertrauen und, schon den sechsten Monat in Folge, die Bauausgaben. Beides sind untrügliche Zeichen für den maroden Zustand der Wirtschaft. Dem Autor der FTD hätte ein bisschen Recherche geholfen, um den Tatsachen auf die Spur zu kommen.

Der Bundesstaat Minnesota ist pleite. Weitere werden folgen, nur eine Frage von wenigen Wochen, höchstens Monaten. Wisconsin war eigentlich schon vorher dran, konnte sich aber trickreich nach hinten mogeln. Die US-Analystin Meredith Whitney, ausgewiesene Spezialistin für die Anleihen der Bundesstaaten und Kommunen, warnt schon lange vor massiven Zahlungsausfällen, jüngst im Zusammenhang mit dem Staat New Jersey (Quelle: cnbc.com, 28.06.2011). Zur Erinnerung: Deutsche Banken und Versicherungen aller Couleur sind mit Milliarden-Summen in diesen Papieren investiert. Bisher wehren sich Washington und FED dagegen, Hilfe zu leisten. Wir erwarten höchste Ausfallrisiken.

Die USA ruinieren sich. Das unsägliche Schauspiel um die Erhöhung der Schuldenobergrenze ist nur wahltaktisches, öffentlichkeitswirksames Säbelrasseln zwischen den beiden politischen Lagern. Schädlich für Land und Leute. Der Präsident ist führungsschwach, seine Berater – allesamt entliehen aus den Giftküchen der Wall Street – keine Unterstützung. Die dienen ihren wahren Herren von Goldman Sachs, JP Morgan, Citigroup, Bank of America, etc., etc., nicht dem amerikanischen Volk. Es wird noch einmal die Schuldenobergrenze angehoben. Was danach kommt, wissen wir noch nicht. Die Zeichen mehren sich, dass die US-Schulden-Bombe demnächst explodiert. Der Weg ist vorgezeichnet, eine Umkehr unmöglich. Die Banken verbraten in ihrem Finanz-Casino ständig neue Dollars, während die Wirtschaft in Lumpen geht.

Das Land braucht ein Bündel an Wirtschafts- und Sozialreformen wie 1933 von Franklin D. Roosevelt initiiert, einen „New Deal“. Wer hätte heute den Mumm, die Einkommen der Reichen mit 90% zu besteuern, so wie damals von Roosevelt und seinen Beratern beschlossen und verkündet? Niemand auf der politischen Bühne Amerikas ist heute dazu in der Lage, diese Dinge durchzusetzen, niemand. Deshalb wird weiter gewurstelt bis es knallt. Zahlen zu diesen Zuständen – Schulden insgesamt und pro Kopf, Leistungsbilanzdefizit, Industrieproduktion, usw. - haben wir immer wieder in unseren bisherigen Ausgaben veröffentlicht. Bitte dort zur Auffrischung nachlesen.

Winston Churchill, früherer engl. Premierminister, soll gesagt haben: „Amerika wird es immer richtig machen, aber erst nachdem alle anderen Optionen ausgeschöpft sind.“

Klammern wir uns daran.