Donnerstag, 21. Juli 2011

Standpunkt, Ausgabe 32 - Journalisten-Euro-Krise


Deutsche Journalisten im DM-Wolkenkuckucksheim?

Perfektes Timing: Pünktlich zum heutigen Euro-Krisengipfel schreibt die deutsche WIRTSCHAFTSWOCHE in ihrer Online-Ausgabe die Rückkehr zur D-Mark hoch. Beste Lektüre für den langen Anreiseweg in Europas heimliche Hauptstadt? Mitnichten. Aufmachung und Inhalt zeugen von schlechter Recherche und legen die Befürchtung nahe, dass hier auf unerträgliche Weise in die Meinungsbildung eingegriffen werden soll. Selbst der Leiter des Hauptstadtbüros ist sich nicht zu schade, seine journalistische Reputation für diese einseitige Schönschreibung in die Waagschale zu werfen. Diese Meinungsmache fordert unseren energischen Widerspruch heraus.

Es sind drei Artikel, die uns zum Kochen bringen: „Mit der D-Mark zurück zu alter Stärke“ von Malte Fischer, uns bisher schon wiederholt als Anti-Europäer aufgefallen, „Glücklich ohne Euro“ von Henning Krumrey, dem besagten Leiter des Hauptstadtbüros, und „Euro-Verweigerer im Stimmungshoch“, gleich von einer ganzen Truppe, Yvonne Esterházy, Florian Willershausen, Helmut Steuer, Dirk Ruschmann, geschrieben.

Mit Malte Fischer sind wir relativ schnell fertig. Dessen Aussagen stützen sich auf Umfragen und Schätzungen, von deren Standfestigkeit der Autor einfach mal ausgeht, ohne dass es dafür irgendwelche Erfahrungen aus der Vergangenheit gibt. Weder hat es für die Einführung der Euro-Zone, noch für die Überschuldung eines oder mehrerer Staaten als Teil einer solchen Währungszone, irgendeine gültige Vorlage gegeben, aus der Erfahrungen abgeleitet werden können. Der Wert von Umfragen ist hinreichend bekannt, ebenso das Theoretisieren in Studien. Der praktische Wert ist regelmäßig gleich Null. Beispielhaft denken wir dabei an die vielen Konjunkturprognosen oder Steuerschätzungen seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland, von denen nie eine eingetroffen ist. Nehmen wir noch die schöne, aber trotzdem reißerische Aussage „Boom trotz Aufwertung“. Der Autor behauptet, „ein Einbruch der Exporte wäre (trotz kräftiger Aufwertung der neuen D-Mark) nicht zu erwarten“. Den Wert einer solchen Aussage zeigt ein aktueller Blick über die Grenze in die Schweiz. Dort sind die Zeitungen voll von Nachrichten über die Probleme der exportabhängigen Unternehmen wegen des exorbitant starken CHF- Kurses. Vogelwilde Ideen machen schon die Runde. Angefangen vom festen Wechselkurs gegenüber dem Euro bis hin zu einem Euro-Beitritt. Was hilft es da wenn sich im Gegenzug, wie behauptet wird, die Importe verbilligen.

Sehr interessant auch die Behauptung, dass „wenn es im Rahmen eines solchen Austritts nicht zu anderweitigen Turbulenzen kommt, würden „die Exporte und die Konjunktur der restlichen Euro-Länder ankurbeln und so die Absatzchancen deutscher Anbieter auf diesen Märkten verbessern.“ Eine sehr unwahrscheinliche Annahme, für die wieder nur Studien (von wem bleibt offen) herhalten müssen, die diese Aussage belegen sollen. Das ist einfach zu wenig für so eine weit tragende Behauptung.

Auf die Auswirkungen für die Sparer und die Kosten der Transfer-Zahlungen an die verlassenen Krisenländer gehen wir nicht mehr weiter ein. Alleine die Probleme der Lebensversicherer und der Rentenversicherungsanstalten sind hier nicht darstellbar. Die mindestens 20 Milliarden Euro (Berechnung eines Finanzwissenschaftlers) Transfer-Zahlungen an die Rest-Euro-Länder sind eine lächerlich geringe Summe. Die Leistungen solcher Theoretiker lassen sich ganz gut an der Pleite des Hedgefonds LTCM 1998 ablesen. Dessen beiden Spitzenkräfte wurden ein Jahr vorher mit dem Nobelpreis für Mathematik ausgezeichnet. Da bleibt doch kein Auge trocken.

Nicht wirklich besser ist der Vortrag von Herrn Krumrey. Lassen wir das nette Beiwerk weg und befassen wir uns nur mit den behaupteten „harten“ Fakten. Den Euro mit dem Dollar in einen Topf zu werfen und als „die beiden schwächsten Währungen der Welt“ zu bezeichnen ist, pardon, völlig deppert (bayerischer Ausdruck für idiotisch). Das ist Populismus in Reinkultur, mit der Faktenlage hat das nichts zu tun. Die muss ein Journalist in einer so exponierten Stellung kennen, es genügt nicht der Hinweis auf das hauseigene Geld-Ressort. Da sitzen übrigens dann die falschen Leute.

Die Entwicklung von CHF, Schweden-Krone, Polen-Zloty und Goldpreis als Schwäche des Euro auszulegen ist schlicht unanständig. Tatsachen werden einfach weg gelassen. Wir haben in unseren jüngsten Ausgaben dazu schon eine hinreichende Faktenlage entwickelt. Die Entwicklung des Goldpreises hat nichts mit der Krise der europäischen Einheitswährung zu tun, ebensowenig die vorgebliche Stärke der angeführten Währungen. Dazu nehmen wir im Zusammenhang mit dem dritten Artikel ausführlich Stellung. Natürlich, wie sollte es auch anders sein, beruft sich der Autor auf „etliche Studien“, um andere Thesen zu untermauern. Woher die Studien stammen bleibt im Dunkeln. So geht es doch nicht, Herr Krumrey! Seriöse journalistische Arbeit sieht anders aus.

Auf umfangreichen sieben DIN-A-4-Seiten beschreibt die Autoren-Truppe die Hochstimmung bei den Euro-Verweigerern. Dazu unsere Kernaussage gleich zu Beginn: Die Recherche ist erbärmlich. Sehen wir uns die Aussagen deshalb im Einzelnen an:

Großbritannien: Das Land ist pleite, bankrott, arm. Die Staatsverschuldung von 80% drückt das nur unzulänglich aus. Ein bisschen Lesen in der englischen Presse oder in den öffentlich zugänglichen Statements der Bank of England zu den Themen Wirtschaftskraft, Konsum, Lebensqualität, hätte schon geholfen. Leitzins oder Inflationrate spielen für die Menschen dort keine große Rolle. Es sind die unmenschlichen Sparpläne der Regierung, die täglich Tausende auf die Straßen treiben, ohne daß in den deutschen Medien davon Notiz genommen wird. Diese Sparpläne werden, genau wie bei vergleichbaren Aktionen in anderen europäischen Ländern, das Land endgültig ruinieren. Da hilft es auch nichts, wenn die Regierung beispielsweise die Hälfte der staatlichen Forsten, den Hafen von Dover oder einen ausgemusterten Flugzeugträger, die „Ark Royal“, das einstige Prunkstück der Royal Navy, verkaufen will. Übrigens, ein nagelneuer Flugzeug-Träger kann nicht in Dienst gestellt werden, es fehlt das Geld für die Flugzeuge. Die von den Autoren als „dynamischer Faktor“ hoch gelobte Finanzwirtschaft ist die wichtigste Stütze des BIP (Anteil 75%) und mit Giftmüll aus dem Spiel im weltweiten Finanz-Casino bis unter die Dachziegel belastet. Es ist die Euro-Zone die froh sein kann, nicht auch noch für dieses marode Land sorgen zu müssen. Das übernehmen erst einmal noch die Amerikaner. Das ist aber eine andere Geschichte, die wir schon früher, im Zusammenhang mit dem Währungskrieg gegen den Euro, bewertet haben. Jedenfalls ist es grundfalsch, Großbritannien und das Pfund zu heroisieren.

Polen: Klar will sich das Land in der Euro-Krise profilieren. Die nächsten Monate werden zeigen, auf wessen Kosten. Jedenfalls ist es ein Witz, ein „üppiges“, EU-mitfinanziertes, Konjunkturprogramm, aus dem sich das Wirtschaftswachstum generiert, als polnische Leistung darzustellen, geschuldet der eigenen Währung. Einen wunderbaren Einblick in die polnische Situation gibt der Artikel „Die vergessenen Opfer der Euro-Krise“ von Thomas Dudek, veröffentlicht gestern auf heise.de/telepolis. Das ist die Realität. Wir ersparen uns weitere „böse“ Kommentare zu den Polen-Beschönigungen.

Schweiz: Die Meinung der Schweizer in allen Ehren, aber wie ist die Wirklichkeit? Zugegeben, die Autoren haben wenigstens die Probleme des Schweizer Exports durch den starken Franken bemerkt. Nur, was ist mit den bereits öffentlich diskutierten Arbeitsplatzverlusten, den Ideen zum festen Wechselkurs oder dem Eintritt in die Euro-Zone? Nichts, finden offensichtlich die Schreiber. Uns fällt zu dem starken CHF eine Menge Zündstoff ein, der bisher von den deutschen Medien nicht beachtet wird: Die Schweiz ist ein einziger riesiger Hedge-Fonds. Jeder der knapp 8 Millionen Schweizer Bürger, die Ausländer ausdrücklich eingeschlossen, ist nämlich wegen der Staatsgarantien für die beiden Großbanken UBS und Crédit Suisse bis über beide Ohren verschuldet. Die fast 70.000 $ (58.000 CHF) Pro-Kopf-BIP werden von den Derivateschulden in den Bilanzen der beiden Banken in Höhe von 450.000 CHF pro Kopf, sehr deutlich übertroffen. Bemerkenswert: Die UBS fährt mit einer Eigenkapitalquote von 1,9% durch die Gegend (Quelle: Privatbank Wegelin). Alle Risiken aus den Schweizer Rettungsgarantien belaufen sich auf sagenhafte 4.500.000 CHF pro Bürger. Wir haben schon in der Ausgabe No. 5, vom 03.01.2011, darüber aufgeklärt, ergänzt in den Ausgaben No. 12, No. 20 und No. 21. Die sichere Schweiz ist nur noch ein Mythos, aber der wird bestens vermarktet, wie uns auch die Autoren zeigen. Träumt weiter, können wir nur ausrufen.

Schweden: Warum wird dieses Land als Vorbild immer wieder gefeiert? Okay, vor Jahren wurde eine Bankenkrise ganz ordentlich bewältigt, mehr aber auch nicht. Als Blaupause für die heutigen Probleme kann diese Aktion nicht dienen. Sehr zum Leidwesen vieler Meinungsmacher bei uns. Das Land marschiert direkt auf eine Immobilienblase zu, seine Industrieperlen (Scania, Volvo, Saab) sind von ausländischen Investoren übernommen worden. Schwedens Vorbild-Charakter hält sich nach unserer Einschätzung doch sehr in Grenzen. Die so positiv herausgestellte Staatsverschuldung von rund 40% ist nur eine relative Größe, Bulgarien hat nur 16%, Estland sogar nur knapp 7%. Ach so, die Maastricht-Kriterien werden erfüllt. Wir hätten doch fast vergessen, wie wichtig diese Grenze für die Beurteilung einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik ist. Fliegt Schweden der Immobilienmarkt um die Ohren, dann dürfen wir gespannt sein, wie sich die Dinge entwickeln. Schwedens Banken werden dann auf jeden Fall ein neues Waterloo erleben. Was macht Schweden wirklich besser?

Dänemark: Richtig, Dänemark ist nicht auffällig, von den neuen Grenzkontrollen abgesehen. Was wir aber in dem Artikel vermissen, sind einige Worte zu den pleitebedrohten Banken im Land. Solides Wirtschaften sieht anders aus. Da darf die EU dann gerne wieder helfen, so wie in der Finanzkrise 2008 bereits geschehen.

Tschechien: Zu diesem EU-Land fällt selbst uns nichts ein, außer dass es wirtschaftlich keine besonders große Rolle spielt. Und der Staatspräsident ständig gegen EU und Euro stänkert, was auch die Autoren feststellen. Ebenso die Schwäche der eigenen Währung. Danke. Unsere These: Dem Land geht es nur gut, wenn es Deutschland gut geht. Die Abhängigkeit ist offensichtlich. Da kann der Präsident leicht noch eine Weile dicke Backen machen.


Fazit: Diese Journalisten haben sich ihre eigene Sicht der Dinge geschaffen, wichtige Fakten, die dazu nicht passen, einfach ignoriert. Stattdessen wird lautmalerisch mit Studien hantiert, die aber nicht näher benannt werden. Der deutsche Michel wird begeistert sein, sieht er sich doch noch ein weiteres Mal darin bestätigt, dass an den Stammtischen der Republik endlich wieder mit D-Mark bezahlt werden muss.