Samstag, 23. Juli 2011

Standpunkt, Ausgabe 37 - Euro-Krise, Prof. Otte


Prof. Max Otte mit „Neuigkeiten“: „Finanzexperte sieht die nächsten Länder auf der Kippe.“

So titelt heute die Online-Ausgabe des FOCUS. Namen nennt Max Otte nicht. Eingangs wird sein gutes Gespür gelobt, weil er 2006 die weltweite Finanzkrise vorher sah. Da hat sich der Verfasser dieser Zeilen dann aber auch einmal selbst kräftig auf die Schulter geklopft (es war leider gerade sonst niemand in der Nähe), schliesslich verfügte er bereits im August 2004 anlässlich eines Vortrages in der hessischen Provinz über die gleichen „hellseherischen“ Fähigkeiten. Lächeln und Kopfschütteln unter den damals Anwesenden war die Reaktion, was die Herrschaften heute noch bedauern. Zwei Jahre später war eine solche Aussage sicherlich mutig, hatte aber mit Gespür wenig zu tun: In den USA war seit einem Jahr die Subprime-Krise voll im Gange.

Es ist auch keine große Leistung, schon seit Monaten „Vorhersagen“ über die Länder zu treffen, die in der Euro-Krise demnächst von den Spekulanten heimgesucht werden. Unsere Jahresvorausschau 2011 vom Januar ist voll davon. Dafür, dass wir richtig liegen, feiern wir uns aber nicht, wir bedauern es nur.

Die von Otte geforderte Insolvenzordnung für Euroländer und die positive Einschätzung der von Frankreich geforderten Finanztransaktionssteuer – sie könne „die Spekulationswirtschaft zum Wohle der Realwirtschaft zurückdrängen“ geht gar nicht: 1. Die Insolvenz eines Staates innerhalb einer so großen Wirtschaftsmacht ist reine Theorie, noch nicht einmal Lehre, oder haben wir im Unterricht nicht aufgepaßt? 2. Die Spekulationssteuer ist nutzlos, die immer noch verherrlichte Spekulationswirtschaft gehört abgeschafft, ohne Wenn und Aber, ohne irgendwelche Regularien, die doch nur wieder unterlaufen werden, ohne Aufsichtsbehörden, die unterbesetzt, schlecht ausgebildet, ohne Vollmachten und ohne Weisungsbefugnis sind und deshalb gleich beide Augen zudrücken.

Eine europäische Ratingagentur, egal in welcher Form, ist wieder nur ein zahnloser Tiger und dient der Volksbelustigung, sorry Volksberuhigung muss es natürlich heißen, hat deshalb wenig zu tun mit souveräner Außenpolitik. Übrigens, was wir schnellstens brauchen, wäre eine gemeinschaftliche Finanz- und Wirtschaftspolitik, die den Bürgern aber auch bei ihrer Einführung verständlich gemacht wird. Bisher wird doch jeder Vorstoss in diese Richtung von den „grauen Eminenzen“ aus Wirtschaft und Wissenschaft als Teufelswerk verdammt.

So wie die Wissenschaftler immer wieder ihre Theorien wiederholen, so fallen uns auch immer wieder die gleichen stimmigen Zitate dazu ein:

Die Vorurteile eines Professors nennt man Theorie.“ Danke, Mark Twain.