Mittwoch, 17. August 2011

Standpunkt, Ausgabe 53 - Kapitalismus-Untergang?

Nouriel Roubini: Ist der Kapitalismus dem Untergang geweiht?


Heute kommt bei uns zum ersten Mal Nouriel Roubini zu Wort. Den Text haben wir von www.project-syndicate.org in der angebotenen deutschen Übersetzung übernommen. Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an gleicher Stelle. 

Roubini nimmt für sich in Anspruch, die Finanzkrise pünktlich vorhergesagt zu haben. Immer wieder macht er mit provokanten Aussagen von sich reden, u. a. auch zur Euro-Krise. In dem folgenden Artikel gibt Roubini ein gelungene Zusammenfassung der derzeitigen Situation in der Welt und verdient deshalb gelesen zu werden. Obwohl er eine klare Antwort auf seine selbst gestellte Frage schuldig bleibt.


“NEW YORK: Die massive Volatilität und steile Korrektur der Aktienkurse, die die globalen Finanzmärkte derzeit treffen, signalisieren, dass die meisten hochentwickelten Volkswirtschaften am Rande einer w-förmigen Rezession (Double Dip) stehen. Eine durch eine zu starke Verschuldung und Fremdkapitalisierung des privaten Sektors verursachte Finanz- und Wirtschaftskrise führte zu einer massiven neuerlichen Kapitalaufnahme im öffentlichen Sektor, um eine Große Depression 2.0 zu verhindern. Doch die hierauf folgende Konjunkturerholung verlief in den meisten hochentwickelten Volkswirtschaften angesichts schmerzhafter Entschuldungsmaßnahmen bisher unterdurchschnittlich und blutleer. 

Eine Kombination aus hohen Öl- und Rohstoffpreisen, Turbulenzen im Nahen Osten, Erdbeben und Tsunami in Japan, Schuldenkrisen im Euroraum und Haushaltsproblemen (und jetzt der Herunterstufung des Ratings) in Amerika haben zu einer enormen Zunahme der Risikoaversion geführt. Wirtschaftlich gesehen befinden sich die USA, der Euroraum, Großbritannien und Japan noch immer im Leerlauf. Selbst schnell wachsende Schwellenmärkte (China, die asiatischen Schwellenländer und Lateinamerika) und exportorientierte Volkswirtschaften, die auf diese Märkte angewiesen sind (Deutschland und das ressourcenreiche Australien), erleben steile Konjunkturabschwünge.
Bis letztes Jahr konnte die Politik immer wieder ein neues Kaninchen aus dem Hut zaubern, um die Vermögenspreise anzukurbeln und eine wirtschaftliche Erholung auszulösen. Steuerliche Anreize, Zinsen in Nähe des Nullpunktes, zwei Runden „quantitativer Lockerung“, die Abschottung notleidender Kredite und Billionen an Dollars an Bailouts und Liquiditätsbereitstellungen für Banken und Finanzinstitute: Alles wurde probiert. Aber jetzt sind der Politik die Kaninchen ausgegangen. 

Die Fiskalpolitik ist gegenwärtig sowohl im Euroraum als auch in Großbritannien ein Bremsklotz für das Wirtschaftswachstum. Selbst in den USA senken die Einzelstaaten und Kommunen, und jetzt auch die Bundesregierung, die Ausgaben und verringern die Transferzahlungen. Nicht mehr lange, und sie werden die Steuern erhöhen. 

Eine weitere Runde von Bankenrettungen ist politisch inakzeptabel und wirtschaftlich undenkbar: Die meisten Regierungen vor allem in Europa stecken derart in finanziellen Schwierigkeiten, dass Rettungsaktionen für sie unbezahlbar sind; tatsächlich heizen die staatlichen Ausfallrisiken derzeit Bedenken über die Gesundheit der europäischen Banken an, die den Großteil der zunehmend fragwürdigen Staatspapiere halten. 

Auch die Geldpolitik ist keine besondere Hilfe. Im Euroraum und in Großbritannien sind einer quantitativen Lockerung durch die über dem Zielwert liegende Inflation Grenzen gesetzt. In den USA dürfte die Federal Reserve eine dritte Runde der quantitativen Lockerung (QE3) einleiten, doch dies ist zu wenig und kommt zu spät. Im letzten Jahr bewirkten die QE2 im Umfang von 600 Milliarden Dollar sowie Steuersenkungen und Transferleistungen von einer Billion Dollar ein Wachstum von gerade mal 3% – ein Quartal lang. Dann sackte das Wachstum in der ersten Jahreshälfte 2011 auf unter 1% ab. QE3 dürfte viel kleiner ausfallen und viel weniger tun, um die Vermögenspreise wieder anzukurbeln und das Wachstum wiederherzustellen. 

Eine Währungsabwertung ist keine praktikable Alternative für alle hochentwickelten Volkswirtschaften: Sie alle brauchen eine schwächere Währung und eine bessere Handelsbilanz, um das Wachstum wiederherzustellen, aber sie können das nicht alle gleichzeitig haben. Auf die Wechselkurse zu setzen, um die Handelsbilanzen zu beeinflussen, ist ein Nullsummenspiel. Am Horizont drohen daher Währungskriege; Japan und die Schweiz schlagen derzeit erste Schlachten, um ihre Wechselkurse zu schwächen. Andere werden in Kürze folgen. 

Währenddessen laufen im Euroraum jetzt Italien und Spanien Gefahr, ihren Zugang zu den Märkten zu verlieren, und auch der finanzielle Druck auf Frankreich wächst. Aber Italien und Spanien sind beide zu groß, um scheitern zu dürfen, und auch zu groß, als dass man sie retten könnte. Fürs Erste wird die Europäische Zentralbank einige ihrer Anleihen aufkaufen – als Brücke zur neuen Europäische Finanzstabilisierungsfazilität. Doch falls Italien und/oder Spanien den Zugang zum Markt verlieren, könnte die Kriegskasse der EFSF von 440 Milliarden Euro bis Ende 2011 oder Anfang 2012 aufgebraucht sein. 

Anschließend bestünde, sofern nicht der EFSF-Topf verdreifacht würde – ein Schritt, dem sich Deutschland widersetzen würde –, die einzig verbleibende Option in einer geordneten Zwangsumstrukturierung der italienischen und spanischen Schulden, so wie sie in Griechenland erfolgt ist. Als Nächstes käme eine Zwangsumstrukturierung der unbesicherten Verbindlichkeiten insolventer Banken. Obwohl also der Prozess der Entschuldung gerade erst angefangen hat, werden Schuldenerlässe nötig werden, falls Länder ihre Schuldenprobleme nicht durch Wachstum, Sparen oder Inflation lösen können. 

Es scheint also, als hätte Karl Marx teilweise Recht gehabt, als er argumentierte, dass Globalisierung, Amok laufende Finanzmittler und die Umverteilung von Einkommen und Vermögen von der Arbeit hin zum Kapital den Kapitalismus zur Selbstzerstörung führen würde (auch wenn seine Sicht, dass der Sozialismus besser wäre, sich als Irrtum erwiesen hat). Die Firmen bauen Arbeitsplätze ab, weil die Endnachfrage nicht groß genug ist. Doch der Abbau von Arbeitsplätzen reduziert das Arbeitseinkommen, steigert die Ungleichheit und verringert die Endnachfrage. 

Die jüngsten Großdemonstrationen vom Nahen Osten bis Israel und Großbritannien und die steigende Wut der Menschen in China – und bald auch in anderen hochentwickelten Volkswirtschaften und Schwellenmärkten – werden alle durch dieselben Probleme und Spannungen angeheizt: wachsende Ungleichheit, Armut, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Selbst die weltweite Mittelklasse bekommt den Druck fallender Einkommen und abnehmender Chancen zu spüren. 

Um die marktorientierten Volkswirtschaften in die Lage zu versetzen, so zu operieren, wie sie das sollten und können, müssen wir zur richtigen Balance zwischen Märkten und der Bereitstellung öffentlicher Güter zurückkommen. Dies bedeutet, dass wir uns sowohl vom angelsächsischen Modell des Laissez-faire und der Voodoo-Ökonomie und vom kontinentaleuropäischen Modell defizitorientierter Wohlfahrtsstaaten verabschieden müssen. Beide sind gescheitert. 

Die richtige Balance heute erfordert die Schaffung von Arbeitsplätzen teilweise durch zusätzliche Steueranreize, die auf produktive Investitionen in die Infrastruktur abzielen. Sie erfordert zudem eine stärker progressive Besteuerung, mehr kurzfristige Steueranreize bei mittel- und langfristiger Haushaltsdisziplin, Unterstützung durch die Währungsbehörden als Kreditgeber letzter Instanz, um ruinöse Bankenstürme zu verhindern, die Verringerung der Schuldenlast insolventer Haushalte und anderer überschuldeter Wirtschaftsakteure sowie eine strengere Aufsicht und Regulierung des Amok laufenden Finanzsystems und die Aufsplitterung jener Banken, die zu groß sind, um sie scheitern zu lassen, sowie oligopolistischer Trusts. 

Im Laufe der Zeit werden die hochentwickelten Volkswirtschaften in Humankapital, Fertigkeiten und soziale Sicherheitsnetze investieren müssen, um die Produktivität zu erhöhen, die Flexibilität zu steigern und in einer globalisierten Volkswirtschaft zu prosperieren. Die Alternative lautet – wie in den 1930er Jahren – endlose Stagnation, Depression, Währungs- und Handelskriege, Kapitalkontrollen, Finanzkrise, Staatsinsolvenzen und massive gesellschaftliche und politische Instabilität. Nouriel Roubini ist Chairman von Roubini Global Economics, Professor an der Stern School of Business der New York University und Mitverfasser des Buches Crisis Economics.”  

Copyright: Project Syndicate, 2011.
www.project-syndicate.org  
Aus dem Englischen von Jan Doolan