Montag, 15. August 2011

Standpunkt, Ausgabe 47 - London brennt


Unruhen in England – aber doch nicht bei uns!

Schnell waren sie bei der Hand, Psychologen, Soziologen, Professoren, um uns zu erklären, es sei nur der englische Mob, dessen Seele kocht. Für Deutschland bestehe überhaupt keine Gefahr, selbst der Berliner Innensenator meldet sich zu Wort und hält so eine Entwicklung in seiner Stadt für unmöglich. Stimmt das wirklich? Soll uns nicht wieder gleich ein X für ein U vorgemacht werden, quasi in allerbester Politikermanier?

Natürlich erinnert sich niemand an die brennenden Autos in Berlin oder Hamburg. Wie auch, es wird ja nicht darüber berichtet. Wer denkt in diesem Moment an die diversen Ausschreitungen regelmäßig an den Wochenenden in den Fußballstadien in Ostdeutschland. Berichte darüber sind absolute Mangelware. Höchstens ungläubig zu bestaunen im Internet auf den einschlägigen Plattformen.

Objektive Bewertungen zu den Unruhen in Großbritannien und Ursachenforschung waren bisher in den deutschen Medien nicht vorhanden. Es war der Mob, basta. Leider werden wir erleben, dass diese Erklärung - wieder einmal - zu kurz greift. Der Glaube daran sogar die Probleme in Zukunft, auch für Deutschland, nur verschärfen wird. Deshalb verdient dieser Zustand unsere ungeteilte Aufmerksamkeit.

In Großbritannien ist man immerhin schon einen Schritt weiter. Der angesehene britische Journalist Charles Moore, Erzkonservativer vom Scheitel bis zur Sohle, hat sich am 22.07.2011, deutlich vor den Unruhen, im Londoner“Daily Telegraph“ mit dem Zustand der bürgerlichen Werte beschäftigt: „I’m starting to think that the Left might actually be right“. Seine Bewertung ist für das bürgerliche Lager so niederschmetternd, dass sich gestern sogar der „Bürgerliche“ Frank Schirrmacher in der FAZ unter der deutschen Übersetzung „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ mit diesem Artikel von Charles Moore auseinandergesetzt hat. Einige seiner Aussagen halten wir für so bemerkenswert, dass wir sie hier vorstellen.

Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftspolitik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht. (…)

Die Stärke der Analyse der Linken“, schreibt Moore, „liegt darin, dass sie verstanden haben, wie die Mächtigen sich liberal-konservativer Sprache als Tarnumhang bedient haben, um sich ihre Vorteile zu sichern. „Globalisierung“ z. B. sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier Handel. Jetzt heißt es, dass Banken die Gewinne internationalen Erfolgs an sich reißen und die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder Nation verteilen. Die Banken kommen nur noch „nach Hause“, wenn sie kein Geld mehr haben. Dann geben unsere Regierungen ihnen neues.“ (…)

Das komplette Drama der Selbstdesillusionierung des bürgerlichen Denkens spielt sich gerade in England ab. (…) „Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir als Journalist diese Frage stelle, aber in dieser Woche (vom 22.07.2011, Anm. d. Verf.) spüre ich, dass ich sie stellen muss: Hat die Linke nicht am Ende recht?“ (…)

Das politische System dient nur den Reichen? (…) „Denn wenn die Banken, die sich um unser Geld kümmern sollen, uns das geld wegnehmen, es verlieren und aufgrund staatlicher Garantien dafür nicht bestraft werden, passiert etwas Schlimmes. Es zeigt sich – wie die Linke immer behauptet hat - , dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert.“ So Moore. Er geht es alles durch: Murdoch, von dem er sagt, dass ihn die Linke schon durchschaute, als die Rechte Populismus noch für Demokratie hielt, die Kredit- und Finanz-krise, den Rechtsbruch europäischer Regierungschefs, (…) und schließlich die Krise der Euro-zone selbst. (…)

Es mag sein und wird auch sofort gesagt werden, dass die Lage in England eine andere ist. Und dennoch sind die Übereinstimmungen unübersehbar (…).

Die CDU (…) hat nicht nur keine Verantwortung für pleitegehende Banken verlangt, sie hat sich noch nicht einmal über die Verhunzung und Zertrümmerung ihrer Ideale beklagt. (…)

Das große Versprechen an individuellen Lebensmöglichkeiten hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Es ist Moore, der hier spricht (…): „Ihre Chancen für einen Job, für ein eigenes Haus, eine anständige Pension, einen guten Start für Ihre Kinder, werden immer kleiner. Es ist, als ob man in einem Raum lebt, der immer mehr schrumpft. Für Menschen, die nach 1940 geboren wurden, ist dies eine völlig neue Erfahrung. Wenn es noch länger so weiter geht, wird sie ziemlich schrecklich werden.“

Die CDU aber, (…) sieht nicht, wer in diesen schrumpfenden Räumen sitzt: Lehrer und Hochschullehrer und Studenten, Polizisten, Ärzte, Krankenschwestern, gesellschaftliche Gruppen, die in ihrem Leben nicht auf Reichtum spekulierten, sondern in einer Gesellschaft leben wollen, wo eindeutige Standards für alle gelten, für Einzelne, für Unternehmen und für Staaten, Standards von Zuverlässigkeit, Loyalität, Kontrolle.

Angela Merkel war bisher nicht in der Lage, die moralischen Folgen der Krise in der Eurozone zu thematisieren. (…)

Ein Bundespräsident aus dem bürgerlichen Lager (…) schweigt zur größten Krise Europas, als glaube er selbst schon nicht mehr an die Rede, die er dann halten muss. (…) Frau Schavan ist inexistent. Dass Gesundheit in einer alternden Gesellschaft nicht mehr das letzte Gut sein kann, weil sie nicht mehr finanzierbar sein wird – eine der großen Wertedebatten der Zukunft, die jede einzelne Familie betreffen wird, zu der man eine sich christlich nennede Partei gerne hören würde, ja hören muss - : kein Wort, nichts, niemand. (…)

Der geradezu verantwortungslose Umgang mit dem demographischen Wandel – der endgültige Abschied von Ludwig Erhards aufstiegswilligen Mehrheiten – macht in seiner gespenstischen Abgebrühtheit einfach nur noch sprachlos. Ein Bürgertum, das seine Werte und Lebensvorstellungen von den „gierigen Wenigen“ (Moore) missbraucht sieht, muss in sich selbst die Fähigkeit zu bürgerlicher Gesellschaftskritik wiederfinden.

Sicher, zu der einen oder anderen Aussage Schirrmacher’s fällt uns Ergänzendes ein. Wollen wir aber nicht verwenden. Wir halten seine Auffassung, ähnlich wie kürzlich bei George Soros, für bedenkenswert.