Mittwoch, 31. August 2011

Standpunkt, Ausgabe 63 - Bernanke träumt


J. Bradford DeLong: Ben Bernankes Traumwelt


Der Autor, US-Wirtschaftswissenschaftler an der University of California, Berkeley und ehemaliger Stellvertreter des US-Finanzministers Lawrence Summers unter Präsident Clinton, war früher ein strammer Verfechter der Neoklassik und Teil des amerikanischen Neokonservatismus, einer sehr konservativen wirtschaftspolitischen Strömung in den USA. Aufgrund der Ereignisse seit 2007 hat DeLong eine klare Abschwächung seiner konservativen Haltung vorgenommen. Sehr gut nachzulesen in einem früheren Statement, z. B. In der FINACIAL TIMES DEUTSCHLAND oder auch auf projekt-syndicate.org mit dem Titel “Geständnisse eines finanziellen Deregulierers”. DeLong hat in gewisser Weise eine Wandlung vom Saulus zum Paulus vollzogen. In dem folgenden Artikel zur aktuellen Situation des FED lassen sich einige aufschlussreiche Thesen nachlesen, die auch einen Blick in die nahe Zukunft erlauben. Den Text haben wir original von www.project-syndicate.org in der angebotenen deutschen Übersetzung übernommen, wo er gestern erschienen ist. Dort liegt auch das Copyright. Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an gleicher Stelle.

“BERKELEY – US-Notenbankchef Ben Bernanke wird nicht als jenes Orakel betrachtet, wie sein Vorgänger Alan Greenspan vor der Finanzkrise. Dennoch wurde Bernankes Rede vom 26. August in Jackson Hole (Wyoming)von den Finanzmärkten mit größter Aufmerksamkeit verfolgt. Was sie zu hören bekamen, war etwas konfus.

Erstens schlug Bernanke keine weitere Lockerung der Geldpolitik zur Unterstützung der ins Stocken geratenen – oder eher: der nicht vorhandenen -  Erholung vor. Zweitens versicherte er seinen Zuhörern, dass „wir eine Fortsetzung und sogar Stärkung der bescheidenen Erholung erwarten.“ Dies deshalb, weil es auch „den privaten Haushalten gelungen ist, einige Fortschritte bei der Bereinigung ihrer Finanzen zu machen – sie sparen mehr, borgen weniger und reduzieren die finanziellen Verpflichtungen aus Rückzahlungen und Schulden.“ Außerdem werden auch sinkende Rohstoffpreise „einen Beitrag zur Stärkung der Kaufkraft leisten.“ 

Schließlich behauptete Bernanke, dass sich „die Fundamentaldaten der USA im Hinblick auf das Wachstum durch die Schocks der letzten vier Jahre offenbar nicht permanent verändert haben.” 

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie Bernanke zum gegenwärtigen Zeitpunkt solche Feststellungen treffen kann. Auch wenn er und der Rest des Offenmarktausschusses vor zwei Monaten glaubten, dass sich das prognostizierte Wachstum der nominalen Ausgaben in den USA auf einem angemessenen Erholungskurs befand, so kann man dies doch momentan nicht annehmen. Zwei Monate voll schlechter Wirtschaftsnachrichten in Kombination mit drastischen Neubewertungen der Zukunft durch die Anlagemärkte – die ebenfalls Ursache eines langsameren zukünftigen Wachstum sind, da sinkende Preise für Vermögenswerte die Firmen von Investitionen abhalten – diese zwei Monate also bedeuten, dass eine Politik, die vor 60 Tagen ihre Berechtigung hatte, heute zu sehr auf Einschränkung ausgerichtet ist. 

Aber konzentrieren wir uns auf Bernankes vierte Feststellung. Selbst wenn wir von einer relativ raschen wirtschaftlichen Erholung ausgehen, sobald diese kleine Depression vorbei ist, wird es in den USA einen Fehlbetrag von mindestens 4 Billionen Dollar bei Investitionen geben. Bis dieser Fehlbetrag ausgeglichen ist, wird das fehlende Kapital das reale BIP in den USA um zwei volle Prozentpunkte senken. Amerikas Wachstumskurs wird also 2 Prozent unter jenem Wert liegen, der erreicht worden wäre, wenn man die Finanzkrise erfolgreich gemeistert und die kleine Depression vermieden hätte. 


Hinzu kommt, dass Haushaltskürzungen auf bundesstaatlicher und lokaler Ebene die Investitionsgeschwindigkeit in den Bereichen Humankapital und Infrastruktur bremsen, wodurch ein dritter Prozentpunkt im langfristigen Wachstumskurs des Landes verloren geht.

Nach der Großen Depression der 1930er Jahre glich eine riesige Investitionswelle in industrielle Kapazitäten während des Zweiten Weltkriegs die mangelnden Investitionen des verlorenen Jahrzehnts aus. Aus diesem Grund warf die Depression auch keinen Schatten auf das zukünftige Wachstum – oder besser: der Schatten wurde durch das gleißende Licht von fünf Jahren Mobilisierung für den totalen Krieg gegen Nazi-Deutschland und das japanische Kaiserreich erhellt. 

Der Schatten, den die kleine Depression momentan wirft, wird jedoch von keiner ähnlichen Lichtquelle erhellt. Im Gegenteil, dieser Schatten wird in Ermangelung wirksamer Strategien zur Wiederherstellung der nominalen Ausgaben in der ganzen Volkswirtschaft mit jedem Tag länger.

Außerdem besteht eine weitere Ursache für die schleppende Entwicklung. Ein überaus wirksamer Faktor, der das wahrgenommene Risiko verminderte und Investitionen sowie Unternehmergeist nach dem Zweiten Weltkrieg ankurbelte, war der so genannte „Roosevelt Put.” Die Regierungen der Industrieländer auf der ganzen Welt machten die Bekämpfung der Depression zu ihrer ersten und obersten wirtschaftspolitischen Priorität, so dass Sparer und Firmen keinen Grund zur Annahme hatten, dass die schweren Zeiten nach 1873, 1884 oder 1929 wiederkehren würden.

Das trifft nicht mehr zu. Die zukünftige Welt wird ein gefährlicherer Ort sein als wir dachten – nicht, weil die Regierung keine Garantien mehr anbietet, was sie von vornherein hätte lassen sollen, sondern eher, weil das reale Risiko, dass die Verbraucher in einer längeren Depression abhanden kommen könnten, wieder da ist.


Ich weiß nicht, um wie viel dieses zusätzliche Risiko das Wachstum in den USA und anderen Ökonomien behindert. Eine Überschlagsrechnung ergibt, dass eine fünf Jahre anhaltende, alle 50 Jahre wiederkehrende kleine Depression, die die Wirtschaft zusätzlich um 10 Prozent unter ihr Potenzial drückt, die durchschnittlichen Renditen aus Investitionen vermindern und private Investitionen so stark bremsen würde, dass das Wirtschaftswachstum jährlich um zwei Zehntel eines Prozentspunktes zurückginge. Infolgedessen wäre Amerika am Ende dieser Episode nicht nur um 3 Prozent ärmer, als es hätte sein können; die Kluft würde auch noch wachsen – auf 7 Prozent bis 2035 und auf 11 Prozent bis 2055. 

So ungefähr wird sich die Lage präsentieren, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden, um eine rasche Erholung aus dieser kleinen Depression auf den Weg zu bringen und Strategien umzusetzen, durch die privates Kapital, Infrastruktur und Bildungsinvestitionen auf ein Trendniveau zurückgebracht werden. Vielleicht reicht das aus, um den Menschen zu versichern, dass die aktuelle Resignation politischer Entscheidungsträger während eines längeren wirtschaftlichen Rückgangs ein schrecklicher Fehler war, der sich nicht wiederholen wird..”

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier.