Freitag, 30. September 2011

Standpunkt 79 - Euro-Krise

Martin Feldstein: Europas Vabanquespiel



Feldstein, Wirtschaftsprofessor an der renommierten Harvard University, war wichtigster Wirtschaftsberater unter Präsident Reagan und ist nach unserer Einschätzung nach wie vor ein führender Vertreter der Neokons in den USA. Der folgende Artikel ist ein guter Beweis dafür, wie subtil auf der einen und vorgeblich wissenschaftlich fundiert auf der anderen Seite, die Schlammschlacht der Wall Street und ihrer Verbündeten gegen den Euro unterstützt wird. Gerade deshalb drucken wir den vor zwei Tagen auf www.project-syndicate.org erschienen Artikel hier ab. Bei dem Text handelt es sich um die originale deutsche Übersetzung. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.


CAMBRIDGE – Der griechische Staat muss einer unmöglichen, anders nicht mehr zu bewältigenden Situation entkommen. Die Staatsschulden sind auf untragbarem Niveau (150 Prozent des BIP, wobei der Anstieg allein in diesem Jahr 10 Prozentpunkte betrug). Die Wirtschaft bricht zusammen (das BIP ist heuer um über 7 Prozent gesunken, wodurch die Arbeitslosigkeit auf 16 Prozent stieg). Der Staat leidet unter einem chronischen Zahlungsbilanzdefizit (aktuell bei 8 Prozent des BIP) und insolventen Banken, denen rapide die Einlagen abhanden kommen. 

Der einzige Ausweg für Griechenland ist, den Schuldendienst einzustellen. Wenn das geschieht, müssen mindestens 50 Prozent des Nennwerts dieser Schulden abgeschrieben werden. Der aktuelle Plan, den Barwert der privat gehaltenen Anleihen um 20 Prozent zu reduzieren, ist nur ein erster Schritt in diese Richtung. 

Wenn Griechenland nach einer Pleite den Euro verlässt, kann es seine neue Währung abwerten, um so die Nachfrage anzukurbeln und letztlich zu einem Handelsbilanzüberschuss zu gelangen. Eine derartige Strategie der „Pleite und Abwertung“ ist für Länder in anderen Teilen der Welt die Norm, wenn sie mit untragbar hohen Staatsschulden und einem chronischen Leistungsbilanzdefizit kämpfen. In Griechenland kann das nicht geschehen, weil Griechenland in der Einheitswährung gefangen ist.  
Die Märkte sind sich vollkommen bewusst, dass Griechenland insolvent ist und letztlich bankrott gehen wird. Das ist der Grund, warum der Zinssatz für dreijährige griechische Staatsanleihen in letzter Zeit auf über 100 Prozent gestiegen ist und die Rendite der zehnjährigen Anleihen bei 22 Prozent liegt. Daraus ergibt sich, dass eine in zehn Jahren zu zahlende Forderung im Wert von 100 Euro, heute weniger als 14 Euro wert ist. 

Warum aber geben sich nun die politischen Spitzen in Frankreich und Deutschland die größte Mühe, das Unvermeidliche zu verhindern – oder, genauer gesagt, hinauszuschieben? Dafür gibt es zwei Gründe. 

Erstens haben Banken und andere Finanzinstitutionen in Deutschland und Frankreich enorme Bestände an griechischen Anleihen in den Büchern. Dies sowohl direkt, als auch über Kredite, die man an griechische und andere Banken der Eurozone vergeben hat. Der Aufschub des Bankrotts gibt französischen und deutschen Finanzinstitutionen Zeit, Kapital aufzubauen und ihr Engagement bei griechischen Banken zu reduzieren, indem fällige Kredite nicht mehr erneuert und griechische Anleihen an die Europäische Zentralbank verkauft werden. 

Der zweite und wichtigere Grund für den französisch-deutschen Kampf um einen Aufschub eines griechischen Staatsbankrotts, ist die Gefahr, dass eine derartige Entwicklung, Staatspleiten in anderen Ländern oder einen Sturm auf die Banken, vor allem in Spanien und Italien, auslöst. Diese Gefahr wurde durch die jüngste Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens durch Standard & Poor’s noch hervorgehoben. 

Ein Bankrott eines dieser großen Länder hätte katastrophale Auswirkungen für Banken und andere Finanzinstitutionen in Frankreich und Deutschland. Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität ist groß genug, um den griechischen Finanzbedarf zu decken, aber nicht ausreichend, um Italien und Spanien zu finanzieren, wenn sie den Zugang zu den privaten Märkten verlieren. Die europäischen Politiker hoffen daher auf folgende Entwicklung: Wenn die privaten Märkte sehen, dass sogar Griechenland den Bankrott verhindern kann, werden sie ausreichend Vertrauen in die Lebensfähigkeit Italiens und Spaniens gewinnen, um ihnen dann weiterhin Kredite zu vernünftigen Zinsen zur Verfügung zu stellen und ihre Banken zu finanzieren. 

Tatsächlich werden Pleiten Spaniens und Italiens auf den Märkten als wahrscheinlicher betrachtet, wenn Griechenland in den nächsten Wochen den Bankrott erklären darf. Dadurch könnten die Zinsen für Spanien und Italien ebenso sprunghaft ansteigen wie deren Staatsschulden, wodurch sie praktisch insolvent wären. Durch den Aufschub eines griechischen Bankrotts um zwei Jahre hoffen die europäischen Politiker, Spanien und Italien genug Zeit zu verschaffen, um sich als finanziell überlebensfähig darzustellen. 

Diese zwei Jahre  könnten den Märkten zeigen, ob Spaniens Banken den Niedergang der lokalen Immobilienpreise verkraften oder ob faule Hypothekendarlehen zu weit verbreiteten Bankzusammenbrüchen führen, wodurch die spanische Regierung gezwungen sein könnte, enorme Einlagengarantien abzugeben. In den nächsten zwei Jahren würde sich überdies die finanzielle Lage der regionalen Regierungen in Spanien offenbaren, die ebenfalls Schulden angehäuft haben, für die letztlich die Zentralregierung haftet. 

Zwei Jahre könnten auch Italien genug Zeit verschaffen, um zu zeigen, ob das Land einen ausgeglichenen Haushalt erreichen kann. Die Regierung Berlusconi verabschiedete jüngst einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, die Steuereinnahmen zu erhöhen und bis 2013 einen ausgeglichenen Haushalt aufzuweisen. Das wird schwierig, denn eine haushaltspolitische Straffung führt zu einer Senkung des jetzt schon kaum wachsenden italienischen BIP, wodurch wiederum die Steuereinnahmen sinken. In zwei Jahren können wir also mit einer Debatte darüber rechnen, ob zu diesem Zeitpunkt ein konjunkturbereinigter Haushalt erreicht wurde. Außerdem würde sich zeigen, ob sich die italienischen Banken in besserer Verfassung befinden, als viele heute fürchten. 

Wenn Spanien und Italien am Ende dieser zwei Jahre besser dastehen, können die politischen Spitzen Europas den Bankrott Griechenlands ohne die Gefahr einer gefährlichen Ansteckung erlauben. Portugal könnte Griechenland mit einem Staatsbankrott und dem Austritt aus der Eurozone folgen. Aber die größeren Länder wären in der Lage, sich selbst zu vernünftigen Zinssätzen zu finanzieren und das gegenwärtige System der Eurozone könnte weiter bestehen. 

Wenn Spanien und Italien allerdings die Märkte in den nächsten zwei Jahren nicht von ihrer finanziellen Gesundheit überzeugen, werden die Zinsen für beide Staaten und deren Banken drastisch steigen und die Insolvenz wird klar zutage treten. Zu diesem Zeitpunkt werden sie bankrott gehen. Sie könnten zumindest zeitweise keine Kredite mehr aufnehmen und wären stark versucht, die Einheitswährung zu verlassen. 

Allerdings besteht eine größere und akutere Gefahr: Selbst wenn sich Spanien und Italien als grundsätzlich gesund erweisen, könnte es sein, dass es keine zwei Jahre mehr gibt, um das herauszufinden. Das Niveau der griechischen Zinsen zeigt, dass die Märkte an einen sehr baldigen Bankrott Griechenlands glauben. Und sogar noch vor einer Pleite Griechenlands wäre es möglich, dass die Zinsen für spanische und italienische Anleihen drastisch steigen und diese Länder auf einen finanziell untragbaren Weg bringen. Die Politiker der Eurozone könnten die bittere Erfahrung machen, dass der Versuch, die Märkte zu täuschen, eine gefährliche Strategie ist. 


Dienstag, 27. September 2011

Standpunkt 78 - Barack Obama


Barack Obama: Der Schelm aus Washington



Was erleben wir gerade? Die Profilneurose des US-Präsidenten auf Kosten Europas? Eine neue Finte im Kampf Dollar vs Euro?  Wahlkampf? Ernsthaftes Bemühen um eine Lösung der Euro-Krise? Oder die Zeilen aus Goethe’s Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister werd’ ich nicht mehr los“?

Es könnte alles sein. Die Überschriften aus den letzten Stunden sprechen Bände. Hier einige Beispiele: „Obama erklärt Euro-Retter zum Welt-Schreckgespenst“ und „Obama bemängelt europäisches Krisenmanagement“ (ftd.de, von heute), „Obama rechnet mit Europas Krisenmanagern ab“ (SPIEGEL ONLINE, von heute). Unterstützt von US-Finanzminister Geithner, der mit seiner Schelte in Breslau noch abgeblitzt war, auf der IWF-Jahrestagung aber nachgelegt hat: „Geithner fordert von Europäern „Schutzwall“ gegen die Krise“ (ZEIT ONLINE, 24.09.2011). In einem Interview mit der britischen BBC fordert Geithner, daß die „Regierungen enger mit der EZB zusammenarbeiten und einen „Schutzwall“ einziehen, damit sich die Krise nicht weiter verschlimmere“ und „die Bedrohung durch kaskadenartige Pleiten, bank runs und katastrophaleRisiken müssten endlich vom Tisch.“ Es geht noch weiter: „Andernfalls würden alle Anstrengungen untergraben, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, sowohl in Europa als auch weltweit. Die Entscheidungen darüber, wie es in Europa weiter gehe, könnten nicht warten, bis dieKrise noch schlimmer werde.“ Interessant: Entgegen der vielen offiziellen Sprachregelungen räumt Geithner offensichtlich ein, dass die Weltwirtschaft am Boden liegt und Anstrengungen unternommen werden, sie wieder in Gang zu bringen.

Obama’s Äußerungen sind ähnlich „aufschlussreich“: „Die europäische Schuldenkrise ängstigt die ganze Welt. Die Maßnahmen zur Krisenbekämpfung seien von den europäischen Entscheidungsträgern nicht rasch genug ergriffen worden.“ Es geht noch weiter: „Europa habe sich nie vollständig von der Finanzkrise im Jahre 2007 erholt und nie umfassend auf die Herausforderungen reagiert, denen ihr Bankensystem ausgesetzt war. Die Schuldenkrise habe sich auf Übersee ausgeweitet und bedrohe auch die US-Wirtschaft.“ Die Financial Times Deutschland schreibt: „Der erste Mann in Washington erneuerte seine Kritik am Krisenmanagement der Euro-Retter und warf seinen transatlantischen Partnern vor, die Wirtschaftsschwäche in den USA durch zu spätes Handeln verursacht zu haben.“ Eine interessante Aussage vor dem Hintergrund, dass in Washington am vergangenen Montag gerade wieder einmal ein Finanzkollaps der US-Regierung verhindert wurde. In SPIEGEL ONLINE heißt es: „Für Barack Obama ist die Sache klar: Europa trägt die Verantwortung für die Schuldenmisere.“ Bei den Amerikanern kann Obama damit punkten: Er wird für diese Äußerungen in vielen US-Blogs gefeiert.

Uns steht immer noch der Mund offen über so viel Chuzpe. Wir sind vor allen Dingen überrascht, für wie dumm der US-amerikanische Präsident uns Europäer hält. Zu Recht?

In den vergangenen Monaten haben wir hier immer wieder ausführlich über die Situation in den USA berichtet. Beispielsweise in den Ausgaben No. 9, 10, 13, 14, 18, 19, der Jahresvorausschau 2011, vom 08.01.2011, und deren Update in Ausgabe No. 25/5, vom 20.07.2011. Davon nehmen wir keinen Deut zurück! Amerika ist längst auf den Stand eines Dritte-Welt-Landes abgesackt. Die Herabstufung durch die Ratingagentur Standard & Poor’s spiegelt keinesfalls die Wirklichkeit wieder. Obama ist regelrecht gezwungen ständig neue Attacken zu reiten, vorzugweise gegen Europa, um von dem eigenen Versagen abzulenken, schlimmer noch, Europa zur Bedrohung für die USA zu erklären.  Wer sich ausführlich mit der US-Wirklichkeit beschäftigen will, der sollte in den zitierten Ausgaben nachlesen.

Wir beschränken uns hier auf einige Zahlen, mit denen wir die ausweglose Situation der früheren Wirtschaftssupermacht skizzieren wollen. Die US-Staatsschulden belaufen sich auf rund 55 Billionen US-Dollar, das US-Immobilienvermögen beträgt rund 17 Billionen US-Dollar, die US-Wirtschaftsleistung betrug im vergangenen Jahr knapp 15 Billionen US-Dollar, die US-Goldreserven –  einschliesslich des dort eingelagerten deutschen Goldes – betragen 0,3 Billionen US-Dollar, dazu die in ihrer höher nicht abschätzbaren Verpflichtungen der US-Banken aus der 700 Billionen US-Dollar (BIZ-Zahl) dicken Welt-Derivate-Blase, 45 Millionen Amerikaner beziehen jeden Monat Food Stamps, 59% aller Amerikaner erhalten irgendeine Unterstützung von der Regierung, die Arbeitslosenquote liegt bei nahe 23% (Regierung: 9%, GALLUP: 16%), die Inflationsrate bei 9% (Regierung: 2,1%), 41% der Arbeitsplätze liegen im Niedriglohnsektor, mehr als 20% der Kinder leben unterhalb der Armutsgrenze, die Regierung hat - vorsichtigen Schätzungen zufolge - für Bankenrettung und Konjunkturprogramme 23,7 Billionen US-Dollar im Obligo stehen, den Pensionsfonds fehlen 20 Billionen US-Dollar, mehr als 50 Millionen Bürger sind ohne Krankenversicherung, über 3 Mio. Menschen sind obdachlos.

Die FED-Programme zur Ankurbelung der Konjunktur verpuffen wirkungslos. Zahlungsausfälle drohen bei den Kommunalanleihen der Bundesstaaten und Kommunen. Der Immobilienmarkt zeigt keinerlei Anzeichen sich zu erholen. Im Gegenteil: Nach übereinstimmender Ansicht der Analysten ist der Boden hier noch nicht erreicht. Millionen Häuser stehen leer. Das Wirtschaftswachstum findet nur in den US-Statistiken und den Prognosen von Goldman Sachs statt.

Die jüngste politische Auseinandersetzung mit den Republikanern, bzw. der Tea Party-Bewegung, um die Erhöhung der Schuldenobergrenze war für Obama ein Desaster. Und nicht sein letztes. Gerade wird seine neue Idee, Milliarden Dollars für neue Jobs bereitzustellen, vom politischen Gegner auseinandergenommen. Der Präsidentschaftswahlkampf hat begonnen, da bleibt keine Zeit mehr, noch wichtige Gesetzesvorhaben auf den Weg, oder gar zum Abschluss zu bringen.

Die miese Stimmung zu Hause muss kompensiert werden. Da kommt dem Präsidenten die Euro-Krise gerade recht. Nachdem in den letzten Wochen Greenspan, die Ratingagenturen und die vielen US-Freunde aus nah und fern, Europa mit ihren abfälligen Äusserungen vor sich her getrieben haben, greifen jetzt der Präsident und sein Finanzminister ein. Der Schwarze Peter wird flugs den Europäern untergeschoben.

Es ist nämlich (noch) nicht gelungen, den Euro entscheidend zu schwächen. Amerika, so unsere Einschätzung, hätte einen schnellen Erfolg gebraucht, um den US-Dollar nachhaltig als Weltleitwährung zu stützen. Statt dessen ringt Europa seit Monaten um eine Lösung, ohne dass der Euro in dieser Zeit seinen Status als Weltreservewährung ernsthaft gefährdet. Andererseits mehren sich die Forderungen nach einem neuen Weltwährungssystem, in dem der US-Dollar nur eine Währung unter vielen sein soll. Eine Entwicklung, bei der Amerikas Wirtschaftsmacht weiter zerfällt.

Während des zähen Ringens in Europa hat sich die Situation im Rest der Welt weiter dramatisch verschlechtert. Eine neue Stufe der Bankenkrise scheint erreicht, bei der auch die US-Geldhäuser in schwerste See geraten können. Schon verlieren zehntausende Bankangestellte ihren Job und die Neuordnung von Geschäftsfeldern hat – wieder einmal - begonnen. Es ist einfach ein Irrtum zu glauben, die Krise französischer, griechischer, italienischer, englischer und chinesischer Banken, um nur eine kleine Auswahl zu nennen, bleibt regional begrenzt. Selbst wenn im fernen Australien demnächst der Immobilienmarkt kollabiert, sind die Auswirkungen auf der ganzen Welt spürbar. Die Verflechtungen, alleine über die Derivate-Super-Blase, sind so stark, dass längst ein Lehman 2.0 erwartet wird. Sollte den Amerikanern gerade ein Licht aufgehen? Hier greift dann die Geschichte vom Zauberlehrling. Oder, wie es André Kostolany einmal formuliert hat: „Die Rothschilds können eine Hausse hervorrufen, aber eine Baisse nicht verhindern.“

Obamas jüngste Äusserungen sind eine propagandistische Meisterleistung. Viele werden erst einmal darauf hereinfallen. Glücklicherweise ist die Nachhaltigkeit nur sehr gering. In wenigen Tagen ist alles schon wieder vorbei (vgl. die Greenspan-Äusserungen zum Euro). Der Schwarze Peter sucht sich dann wieder sein altes Zuhause. 

Standpunkt 77 - Ben Bernanke zaubert



Ben Bernanke: „Twist“ and schaut!


Wieder einmal treibt Mr. B. eine grell bemalte Sau durchs Dorf, um das Volk zu unterhalten. Frisch ist die Sau nicht mehr: 50 Jahre ist es her, dass zu Zeiten John F. Kennedys die Operation „Twist“ eingesetzt wurde, um die US-Wirtschaft anzuschieben.

Der Erfolg ist eher ungewiss, aber spielt auch augenblicklich keine große Rolle. Es geht nur um ein bisschen mediale Aufmerksamkeit hier, der Beweis von Handlungsfähigkeit da. Außerdem das klare Signal in Richtung China, (noch) von QE3 die Finger zu lassen.

Die damalige „Operation Twist“ wurde später als Fehlschlag interpretiert, wie die britische Zeitschrift The Economist  aus einer älteren Forschungsarbeit zitiert („Is the Treasury undermining QE?“, 15.03.2011). Eric T. Swanson von der FED in San Francisco muss deshalb zwangsläufig in einem im Feburar 2011 veröffentlichten Working Paper eine andere Ansicht vertreten. Er bescheinigt dieser Maßnahme gute Erfolgsaussichten.

Um was geht es? Das österreichische Wirtschaftsblatt erklärt es so: „Die Fed tauscht um und kauft um 400 Milliarden Dollar langlaufende Staatsanleihen. Parallel werden kurzfristige Titel abgestoßen. Die US-Notenbank greift zur Unterstützung der lahmenden Konjunktur einmal mehr in die Trickkiste. Sie werde bis Mitte kommenden Jahres 400 Milliarden Dollar (293 Mrd. Euro) in die Hand nehmen, um lang laufende Anleihen zu erwerben, teilte die Federal Reserve am Mittwoch in Washington mit. Parallel sollen aus den Beständen der Fed kurz laufende Treasuries mit Laufzeiten unter drei Jahren verkauft werden. Fed-Chef Ben Bernanke will mit dem an die so genannte "Operation Twist" der Fed 1961 angelehnten Schritt die langfristigen Zinsen senken. Dadurch werden - so das Kalkül - Kredite tendenziell billiger. Dies soll Wirtschaft und Verbrauchern helfen.“

Also ein Taschenspielertrick. Die Wirkung in der Wall Street war aus diesem Grund auch nur von sehr kurzer Dauer. Warum, dass war in der Online-Ausgabe des Focus nachzulesen:

„Experten zweifeln an der Wirksamkeit der neuen Maßnahme: Sie wird die Wirtschaft nicht entscheidend beflügeln, die US-Wirtschaft wird sich weiter nur sehr langsam erholen“, schrieb die Commerzbank in einem Kommentar. Das Zinsniveau sei bereits sehr niedrig und die Unternehmen verfügten über eine ausgezeichnete Liquidität. Trotzdem investierten die Konzerne kaum. „Vermutlich wollte die Fed in einer für die US-Wirtschaft schwierigen Situation nicht als untätig oder hilflos angesehen zu werden“, spekulieren die Analysten.“

Natürlich steht die FED unter Zugzwang. Dazu noch einmal der Focus: „Die Fed stemmt sich mit ihren Maßnahmen gegen eine sich abzeichnende deutliche Abkühlung, wenn nicht gar eine neue Rezession in den USA in den nächsten Monaten. Hinzu kommt der schwache Arbeitsmarkt. Derzeit finden gut 14 Millionen US-Amerikaner, die arbeiten wollen, keinen Job.“ (Anmerkung: Die Arbeitslosenquote liegt tatsächlich bei 23%, nachzulesen bei shadowstats.com)

Mit dieser Maßnahme werden jedenfalls keine der dringend benötigten Jobs geschaffen, das Verbrauchervertrauen gestärkt oder die erwartete Rezession verhindert. Apropos Rezession: Es hat in den USA seit 2005 keinen auch noch so kleinen Aufschwung gegeben. Die damals begonnene Rezession setzt sich weiter fort, allen gegenteiligen Meinungen zum Trotz. Deshalb warten wir weiter auf die richtigen Entscheidungen in Amerika. Bis dahin wird täglich die Angst zunehmen, dass langsam aber sicher die Lichter ausgehen, im Banken-Finanz-Casino und in der realen Welt. 


Sonntag, 25. September 2011

Standpunkt 76 - Schuldenkrise

Robert J. Shiller: Die große Schuldenangst


Shiller, Wirtschaftsprofessor an der renommierten Yale University, genießt einen ausgezeichneten Ruf. Er ist Mitbegründer des Case-Shiller-Index, dem führenden Immobilien-Index in den USA. Außerdem ist Shiller Co-Autor wichtiger Wirtschaftsbücher, z. B. gemeinsam mit George Akerlof Autor von Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert.

Mit dem folgenden Artikel, kürzlich auf www.project-syndicate.org erschienen, setzen wir die Reihe fremder Beiträge fort, die wir hier zusätzlich zur Meinungsbildung anbieten. Wir geben zu, die Auswahl ist subjektiv, so erhalten “deutschnationale Ökonomen” (Zitat aus einem Kommentar) bei uns keine Redezeit. Deren Meinungen verbreiten hinreichend die gewöhnlichen Medien in Deutschland.

Bei dem abgedruckten Text handelt es sich um die originale deutsche Übersetzung. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.


“NEW HAVEN – Eigentlich ist es schwer zu glauben, dass das grundlegende wirtschaftliche Vertrauen durch die Staatsschuldenkrise Europas und die wachsende Unsicherheit über die Schulden der Vereinigten Staaten so erschüttert wird. Aber offensichtlich ist genau dies passiert. Und Vertrauensverlust, der zu weniger Konsum und Investitionen führt, kann zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung werden und genau die Wirtschaftsschwäche hervorrufen, vor der alle Angst haben. Diese perverse Dynamik spiegelt sich bereits jetzt in den fallenden Indizes für das Konsumentenvertrauen in Europa und Nordamerika wider. 

In den USA gibt es jetzt einen täglichen Index, den Gallup-Index für wirtschaftliches Vertrauen, anhand dessen wir Vertrauensänderungen über die Zeit hinweg feststellen können. Dieser Index ist zwischen der ersten Juliwoche und der ersten Augustwoche heftig eingebrochen – als alle besorgt waren, die US-Führung könnte nicht in der Lage sein, die Staatsschuldengrenze zu erhöhen und einen Staatsbankrott am 2. August zu verhindern. In den Medien wurde täglich darüber berichtet. Der 2. August kam, ohne dass die USA pleite gingen, aber drei Tage später, an einem Freitag, senkten Standard & Poor’s ihr Rating für die langfristigen US-Schulden von AAA auf AA+. Am Montag darauf fiel der S&P 500 um fast 7%. 

Offensichtlich führte die Möglichkeit einer Regierungsblockade bis hin zu einer demütigenden Staatspleite dazu, dass die USA von den tatsächlich mit dem Rücken zur Wand stehenden europäischen Ländern gar nicht mehr so weit entfernt schien. Die europäische Situation wurde zu derjenigen Amerikas. 

Solche Geschichten bewegen die Menschen und verändern das allgemeine Vertrauen, da der menschliche Geist sehr empfänglich für sie ist. Das Thema eines möglichen Bankrotts der USA betrifft Amerikas Stolz und seine zerbrechliche Vorherrschaft in der Welt und könnte zu politischen Aufständen führen. 

In der Tat ist diese Geschichte möglicherweise bewegender, als es der Höhepunkt der Finanzkrise 2008 mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers war. Im Juli 2011 brach der Gallup-Index für wirtschaftliches Vertrauen stärker ein als 2008, ist aber absolut noch nicht tiefer gefallen als damals. 

Die meisten Vertrauensindizes basieren auf Umfragen, in denen Personen gebeten werden, die Wirtschaftslage heute oder in der nahen Zukunft einzuschätzen. George Gallup, der Pionier der Umfragemethoden und Schöpfer der Gallup-Umfrage, fragte 1938, in der Spätphase der Großen Depression, die Amerikaner: “Glauben Sie, dass in sechs Monaten die Geschäfte besser oder schlechter laufen?” und entwickelte aus dem Ergebnis einen Vertrauensindex. Er betrachtete die Antworten als Messgröße für “öffentlichen Optimismus” und “die vage geistige Einstellung, die ein entscheidendes Element für die wöchentlichen Schwankungen unternehmerischer Aktivität darstellt”.
Aber es ist kaum wahrscheinlich, dass die großen Schwankungen im Vertrauen der Menschen (die Art von Vertrauen, die ihre Bereitschaft zu Ausgaben oder Investitionen beeinflusst) auf Erwartungen beruhen, die einen so kurzen Zeithorizont umfassen. 

Zu George Gallups Zeit, fast neun Jahre nach dem Beginn der Großen Depression, herrschte eine Stimmung ultimativer Sinnlosigkeit – ein Glaube, dass die hohe Arbeitslosigkeit niemals enden würde. Diese Stimmung war wahrscheinlich ein stärkeres Hindernis für Konsum und Investitionen, als Meinungen zu Veränderungen über die nächsten sechs Monate. Immerhin hängt die Konsumbereitschaft von der allgemeinen Lage der Konsumenten ab, und nicht davon, ob die Geschäfte kurzfristig etwas besser laufen. Auch die Bereitschaft von Unternehmen, Arbeitnehmer einzustellen und zu expandieren, richtet sich nach ihren langfristigen Erwartungen. 

Die von George Katona an der Universität von Michigan in den frühen 1950ern entwickelte Umfrage zur US-Verbraucherstimmung, die heute als Thomson-Reuters-Konsumentenumfrage der Universität von Michigan bekannt ist, enthält eine bemerkenswerte Frage zur relativ langfristigen Zukunft der nächsten fünf Jahre und die damit verbundenen vagen Ängste: 

“Wenn Sie in die Zukunft schauen, was halten Sie für wahrscheinlicher? Werden wir landesweit während der nächsten etwa fünf Jahre eine gute Zeit haben, oder sehen Sie eher Perioden hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Depression?” 

Diese Frage wird normalerweise nicht besonders beachtet, aber sie spricht genau an, was wir wirklich wissen wollen: Welche tiefen Ängste und Besorgnisse haben die Menschen, die ihre Ausgabenfreude langfristig beeinträchtigen? Antworten darauf könnten uns helfen, unsere Vorhersagen für die Zukunft deutlich zu verbessern. 

Diese Antworten waren zwischen Juli und August deutlich im depressiven Bereich, und der daraus hervorgehende Optimismusindex ist auf dem tiefsten Stand seit der “großen Rezession” nach der Ölkrise der späten 1980er. Seinen absoluten Höchststand erreichte er auf dem Höhepunkt der Aktienblase im Jahr 2000 mit 135 Punkten. Bis zum Mai 2011 fiel er auf 88. Nur vier Monate später, im September, steht er bei 48. 

Dieser Absturz ist viel größer als der des allgemeinen Index zum Verbrauchervertrauen. Der Rückgang erfolgte über fast ein Jahrzehnt, in dem wir das Ende der schuldengetriebenen Überexpansion erlebten, gefolgt von der jüngsten Schuldenkrise. 

Der zeitliche Verlauf und die Charakteristik dieser Ergebnisse von Konsumentenumfragen lassen vermuten, dass unsere fundamentalen wirtschaftlichen Aussichten auf der Ebene der Einzelperson eng mit Geschichten exzessiver Kreditaufnahme, Verlust politischer und persönlicher Verantwortung sowie einem Gefühl des Kontrollverlusts verbunden sind. Solch eine Art von Vertrauensverlust kann Jahre andauern. 

Allerdings können die wirtschaftlichen Aussichten letztlich mit konventionellen statistischen Methoden niemals vollständig analysiert werden, da sie von etwas abhängen, das in solchen Modellen nicht vorhanden ist: von der Möglichkeit, ein Erklärungsmuster – momentan eine Geschichte von außer Kontrolle geratenen Schulden – durch ein anderes, inspirierenderes, zu ersetzen.” 


Freitag, 23. September 2011

Standpunkt 75 - Märchen Triple-A



Die Triple-A Märchen


Anfang der Woche gab es die erwartete Nachricht: Die Ratingagentur Standard & Poor’s senkt die Kreditwürdigkeit Italien’s und bewertet den Ausblick negativ. Die Einstufung lief nach dem bisher schon bewährten Muster ab: Das Land beschliesst größere Sparanstrengungen, EU und IWF stützen die vorgesehenen Maßnahmen durch Zustimmung, den Ratingagenturen gehen diese Aktivitäten nicht weit genug, schon folgt eine Herabstufung. Das Ziel ist klar: Ein neuerlicher Angriff auf die Euro-Zone, um deren Auseinanderbrechen weiter voran zu treiben. Nachdem Griechenland schon im Staub liegt, Spanien, Portugal und Irland bereits auf dem „richtigen“ Weg sind und eine Gegenwehr Europas so gut wie nicht vorhanden ist, wachsen die Angreifer an ihren Aufgaben. Das nächste logische Ziel ist Frankreich, wo längst begonnen wurde, durch massierte Angriffe auf die großen französischen Banken, das Feld für die Herabstufung vorzubereiten. Die Frage ist nur noch, welche Ratingagentur „dran“ ist, diese Nachricht zu verkünden.

Spätestens seit der Herabstufung Amerikas war diese Entwicklung vorhersehbar. Das Land hat auf absehbare Zeit keine Chance, die Bestnote zurück zu bekommen. Das vorläufige Triple-A-Rating von Fitch ändert daran nichts, ist nur Show. Die einzige logische Konsequenz: Die USA werden dafür sorgen, dass auch andere Länder ihren Triple-A-Status verlieren. Eine Neuordnung muss her, in der Amerika wieder den Platz einnimmt, der ihm – nach eigenem Verständnis – zusteht. Die Neubewertung Italiens macht deshalb durchaus Sinn, übt sie doch erheblichen Druck auf Frankreich und die anderen europäischen Staaten aus, die bisher noch mit der Bestnote bewertet werden.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat am 05.08.2011 unter der Überschrift „The Last Countries With Triple-A Ratings (and Those at Risk of Losing Them)“ eine Bewertung vorgenommen. Danach sind sichere AAA-Staaten Australien, Dänemark, Deutschland, Kanada, Niederlande, Norwegen, Singapore, Schweden und die Schweiz. Vor einer möglichen Herabstufung stehen Finnland, Frankreich, Großbritannien und Österreich. Die ebenfalls als gefährdet eingestuften USA sind mittlerweile erledigt. Die Triple-A-Ratings für Guernsey, Isle of Man, Liechtenstein und Luxemburg wurden nicht bewertet.

Wir erlauben uns heute eine eigene Sicht der Dinge und kommen im Wesentlichen zu einem ganz anderen Ergebnis. Außerdem unser Fazit: Die Rating-Agenturen erfüllen nach wie vor nicht die ihnen zugedachte Aufgabe, sondern verfolgen einfach nur weiter ihre eigenen monetären Interessen, bzw. die ihrer Herren, was sich gerade bei Standard & Poor’s leicht verfolgen lässt. Objektivität: Fehlanzeige.

Daran versuchen wir uns. Auf unserem Blog nehmen wir schon seit Monaten eine sehr kritische Haltung gegenüber Großbritannien und der Schweiz ein, aber auch zu Ländern wie Australien, Dänemark, Niederlande oder Schweden. Aus gutem Grund. Diese Länder haben bereits riesige Probleme oder stehen davor. Wagen wir uns an eine Betrachtung der etwas anderen Art:

Triple-A

Die Voraussetzungen für dieses Rating erfüllen nur noch wenige Länder. Außer den o. g. nicht bewerteten sind es nur noch Deutschland, Norwegen und Singapure. Wie lange diese Bewertungen halten, hängt wesentlich von der weiteren Entwicklung im Währungskrieg Dollar versus Euro und, genauso entscheidend, von der Fortsetzung im weltweiten Finanz-Monopoly ab (wann und wie kommt der „Große Knall“).

Das Triple-A für Deutschland, im Ausland auch gerne „King of the Euro“ genannt, ist sicherlich schmerzhaft für Amerika und wir erwarten hier massiven Druck, der ohne weiteres in einer Herabstufung münden könnte. Eine politische Entscheidung. Leider von Deutschland forciert durch seine schwache Haltung im Zusammenhang mit den Angriffen auf die Euro-Zone.

Norwegen und Singapore geraten erst dann in Schwierigkeiten, wenn die Finanzkrise zum Finanzkollaps mutiert ist und, vor allen Dingen, diese Tatsache dann auch die Köpfe der Menschen erreicht. Norwegens Rating lebt von den erfolgreichen weltweiten Investitionen seines Staatsfonds und seiner Ölindustrie. Bereiche, die dann bedroht wären. Die Staatsschuldenquote ist mit 48% des BIP sehr niedrig.

Singapore hält seine Bewertung durch den forcierten Ausbau als wichtigen Finanzplatz für Asien und als Steueroase für die Welt. Staatsschuldenquote bei hohen 102% des BIP. Der Stadtstaat  gerät sofort in die Bredouille, wenn im Welt-Finanz-Casino die Lichter ausgehen. Eine weitere Gefahr sehen wir in seiner zunehmenden Bedeutung als Schwarzgeld-Speicher. Gerade knöpfen sich die USA die Schweiz vor, um das Steuer- und Bankgeheimnis der Eidgenossen endgültig zu brechen. Niemand kann ausschliessen, dass anschliessend Singapore in den Fokus des US-Finanzministeriums gerät. Was dann?

No Triple-A

Viele der von den Ratingagenturen noch mit gesicherter Triple-A-Bewertung  geführten Länder erfüllen die Voraussetzungen nicht mehr. Australien, Dänemark, Kanada, Niederlande, Schweden und Schweiz gehören längst herabgestuft.

Mit Australien haben wir uns in Ausgabe 54 bereits beschäftigt. Wir haben es überschrieben mit „Australien down under!“ Der Immobiliensektor entwickelt sich seit einigen Wochen zu einem massiven Krisenherd. Die Zahl der Australier, die mit ihren Hypothekenzahlungen um mehr als einen Monat im Rückstand sind, hat ein Allzeithoch erreicht. Familien, die sich in einer Art Immobilien-Goldrausch bis über beide Ohren verschuldeten, kämpfen nun um ihre finanzielle Existenz. Die australische Regierung beschwichtigt natürlich. Wir werden aber erleben, dass die sehr geringe Staatsschuldenquote von 22% (seit 2006 fast verdoppelt) nur zu einem statistischen Wert verkommt und außerdem sprunghaft ansteigen wird, wenn sich die Entwicklung erst einmal verstetigt hat. Bei den Hypothekendarlehen wird es dann zu einem Blutbad kommen, mit den schon hinlänglich bekannten Folgen.  

Dänemark wird bedroht von seinen schwächelnden Banken aufgrund von Problemen im – wie könnte es anders sein – Immobiliensektor.  Alleine acht Institute des Landes stehen mit dem Rücken an der Wand. Trotz der geringen Arbeitslosenquote von unter 5% und der moderaten Staatsschuldenqoute von 47% hängt die Schwäche des Bankensektors wie ein Damoklesschwert über dem Land. Die Regierung hat bei bisherigen Bankenpleiten nicht eingegriffen. Fraglich ist aber, ob diese strenge Haltung weiter durchgehalten werden kann. Ein negativer Ausblick.

Kanada kaschiert bisher seine Probleme sehr gut. Nachdem das Land schon seit Jahrzehnten von den USA abhängig ist, verkauft es sich jetzt an China. Das Reich der Mitte investiert sehr exzessiv in Rohstoffe und kauft außerdem riesige Gebiete auf, in denen Rohstoffe vermutet werden. Wie überall auf der Welt schwächeln die Banken. Kanada ist nicht wichtig genug, um im Fokus der übrigen Welt zu stehen. Der Druck auf den Immobilienmarkt nimmt auch hier zu, nachdem abzusehen ist, dass der große Nachbar seine Schwierigkeiten in diesem Wirtschaftssektor einfach nicht in den Griff bekommt. Die Industrieproduktion steht mit einem Anteil von 11% am BIP auf ähnlich schwachen Füssen wie in den USA, zuletzt (2010) mit einem Minus von 12%. Selbst die Arbeitslosenquote entspricht den offiziellen US-amerikanischen Verhältnissen von um die 9%. Wichtigster Handelspartner sind die USA. 75% der kanadischen Exporte gehen in das Nachbarland. Staatsschuldenquote mittlerweile 84%, nach 66% in 2007. Insgesamt negativ.

Die Niederlande werden immer noch hoch gelobt für ihre wirtschaftlichen Verhältnisse. Wir können nicht erkennen, warum. Zugegeben, die Zahlen sehen noch ganz passabel aus. Arbeitslosenquote wie Dänemark, es gibt einen Leistungsbilanzüberschuss, aber auch ein anfälliger Bankensektor. Die Regierung hat verschiedene Sparmassnahmen beschlossen, u. a. trennt sich das Land von seinen 60 Kampfpanzern, 19 Kampfjets und 17 Kampf-Hubschraubern, außerdem von einem Teil des militärischen Personals. Als wichtiges Mitglied der Euro-Zone werden die Niederlande in den nächsten Wochen stark von der weiteren Entwicklung der Euro-Krise betroffen sein, insbesondere von der Situation der französischen Banken, mit denen ausgeprägte Geschäftsbeziehungen bestehen. Da hier erhebliche Schwierigkeiten zu erwarten sind, werden auch die wichtigsten niederländischen Banken davon betroffen sein. Bisher hat der Staat hier helfend eingegriffen. Staatsschuldenquote 70%, nach nur 45% in 2007.

Schweden, Europas Vorzeige-Staat im Norden, verhält sich bisher unauffällig. Lebt immer noch davon, vor Jahren eine veritable Bankenkrise erfolgreich überstanden zu haben. Das Land marschiert nach Aussage seines Finanzministers direkt in eine Immobilienblase, seine Industrieperlen (Scania, Volvo, Saab) sind von ausländischen Investoren übernommen worden. Aktuell steht Saab vor der Pleite. Schwedens Vorbild-Charakter hält sich nach unserer Einschätzung doch sehr in Grenzen. Anteil der Industrieproduktion am BIP 14%, Rückgang in 2010 minus 18%. Die so positiv herausgestellte Staatsverschuldung von rund 40%, zu 2007 unverändert, ist nur eine relative Größe, Bulgarien hat nur 16%, Estland sogar nur knapp 7%. Ach so, die Maastricht-Kriterien werden erfüllt. Wir hätten doch fast vergessen, wie wichtig diese Grenze für die Beurteilung einer erfolgreichen Wirtschaftspolitik ist. Fliegt Schweden der Immobilienmarkt um die Ohren, dann dürfen wir gespannt sein, wie sich die Dinge entwickeln. Schwedens Banken werden dann auf jeden Fall ein neues Waterloo erleben.

Die Situation der Schweiz haben wir schon mehrfach und ausführlich hier behandelt. Zuletzt in der Ausgabe 59, davor in den Ausgaben 32, 12, 11 und 5. Schon seit Monaten stufen wir das Land als pleite ein. Wir beschreiben es als Alpen-Hedge-Fonds. Hier die Zahlen: Die Garantieerklärung der Regierung für die beiden Großbanken nach der Krise 2008 stellt jeden Schweizer mit 4,5 Mio. CHF ins Obligo. Alleine die Verbindlichkeiten der UBS aus dem „normalen“ Bankgeschäft entsprechen dem 4-fachen der Jahreswirtschaftsleistung des Landes. EK-Quote der UBS unter 2%. Die bisher bekannten Verpflichtungen aus den Derivategeschäften der beiden Großbanken UBS und Credit Suisse belasten jeden Schweizer zusätzlich mit 450.000 CHF. Wir gehen jedoch davon aus, dass der Anteil an diesem weltweiten 700 Billionen USD-Geschäft (BIZ-Zahl) wesentlich höher ist, als bisher angenommen. Aufgrund dieser Faktenlage wäre die Schweiz wenigstens auf das Niveau von Griechenland herunter zu stufen. Natürlich wird das nicht passieren. Schliesslich steht die Welt, wegen der internationalen Verflechtungen der Banken, zur Rettung bereit. Wir sehen die Bindung an den Euro als Vorbereitung darauf. Ein Bonmot: Die Schweizer selbst halten beide Großbanken für „too big to rescue“.

Triple-A-Verlust

Folgende Länder verlieren nach unserer Einschätzung auf jeden Fall ihr Top-Rating: Finnland, Frankreich, Großbritannien und Österreich. Aber der Reihe nach:

Die Finnen machen gerade richtig Furore: Die rechte Partei „Die wahren Finnen“ gewinnen auf Anhieb bei ihrer ersten Wahl 19% und das Land verlangt Pfänder für die Zustimmung zum nächsten Rettungspaket für Griechenland. Das ist ein echter Diskussionsbeitrag, von einem wirtschaftlichen Leichtgewicht in Europa. Nokia und die Holzindustrie sind Basis der finnischen Wirtschaft.  Nokia, viele Jahre als Technologiekonzern international gefeiert, ist heute ein Problemfall, hat erst einmal den Anschluss an die Weltspitze verloren. Diese Ausfälle kann die Holzindustrie nicht ausgleichen. Dazu kommen Steuerausfälle und die zunehmende Überalterung der Bevölkerung. Die Arbeitslosenquote ist mit hohen 9% nicht gerade vorbildlich.  Trotzdem gilt Finnland als EWU-Musterknabe: Staatschuldenquote schlappe 45%, im Vergleich zu 35% in 2007.

Frankreich steht bereits unter Ranking-Beschuss. Die grossen Banken werden schon wegen ihrer starken Engagements in den PIIGS-Staaten und den USA für pleite erklärt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, eine französische Bank habe bei der EZB 500 Millionen Euro aufgenommen. Ein Rettungsplan wird schon vorbereitet. Die Wirtschaft schwächelt, die Regierung auch. Deutschland ist größter Handelspartner. Beiden Ländern fällt eine Schlüsselrolle bei der Lösung der Euro-Krise zu und sie scheinen damit überfordert. 2012 sind Präsidentschaftswahlen und Sarkozy traut sich nicht mehr an unpopuläre Entscheidungen ran. Frankreichs Probleme sind vergleichbar mit denen Amerikas, dessen Herabstufung ist bereits erfolgt. Also höchstens eine Frage von Wochen, bis das Land sein Triple-A-Ranking verliert.

Die Top-Benotung Großbritanniens ist ein Witz. Geschuldet nur noch dem wichtigen Londoner Finanzplatz und der Funktion als Brückekopf zur Wahrung der US-Interessen in Europa. Das Land ist faktisch pleite, was wir so auch immer wieder äußern, nie mehr in der Lage, seine Schulden zurück zu zahlen. Es wird einfach weiter gewurschtelt, wie im Rest der Welt auch. Die Regierung will alles zu Geld machen, was einigermaßen Erfolg verspricht: Der Hafen von Dover steht zum Verkauf, außerdem 50% der staatlichen Wälder, die Anteile an Post und Bahn, usw. Dazu die üblichen Einsparungen im Gesundheitswesen, bei den Rentenansprüchen, der Bildung, usw. Alleine im Öffentlichen Dienst sollen 500.000 Stellen abgebaut werden. Achtung: Es gibt Regionen, in denen 60% der Arbeitsplätze vom Staat kommen. Bereits heute leben 20% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Ziel: Die Staatsausgaben sollen innerhalb der nächsten vier Jahre um 134 Milliarden Euro sinken. Eine völlig illusorische Vorgabe. Diese Sparpläne werden, genau wie bei vergleichbaren Aktionen in anderen europäischen Ländern, das Land endgültig ruinieren. Da hilft es auch nichts, wenn ein ausgemusterter Flugzeugträger, die „Ark Royal“, das einstige Prunkstück der Royal Navy, verkauft werden soll. Übrigens, ein nagelneuer Flugzeug-Träger kann nicht in Dienst gestellt werden, es fehlt schlicht das Geld für die Flugzeuge. Die Wirtschaftsleistung geht bereits zurück, das Verbrauchervertrauen ist auf den niedrigsten Stand seit Jahren gesunken.. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei 8%, bei den 16- bis 24-jährigen schon bei über 20%. Die Regierung hält dagegen und erwartet, „dass der Privatsektor in den nächsten Jahren über eine Million (= 1 000 000) neue Stellen schaffen wird“. Die Währung hat in den vergangenen zwei Jahren knapp 1/3 ihres Wertes gegenüber Dollar und Euro verloren. Die Bank of England (BoE) erwartet einen Rückgang des Lebensstandards auf das Niveau der 1920er Jahre, wenn das Land die Krise überstehen will. Mervyn King, Chef der BoE: „Der Rückgang des Lebendsstandard ist der unvermeidbare Preis, den wir für die Finanzkrise (…) zahlen müssen.“ King hat völlig recht, nur will sich noch niemand vorstellen, wie massiv diese Einschnitte sein werden. Offizielle Staatsschuldenquote 76%, nach 45% in 2007. Nach einer Studie des unabhängigen Centre for Economics and Business Research (CEBR) beträgt die tatsächliche Staatsschuldenquote 138%, da wesentliche Ausgaben in den Regierungszahlen einfach unterschlagen werden. Mit den Verhältnissen in diesem Land gegen die Schuldenmacherei in der Euro-Zone zu argumentieren, wie es immer wieder gerne die Euro-Gegner machen, ist blanker Hohn. Großbritannien bewahrt sich bisher nur deshalb vor dem endgültigen Kollaps, weil die BoE unbegrenzt Liquidität bereitstellt, d. h. Schulden macht ohne Ende. Aber die Anti-Euro-Fanatiker feiern dieses abgewirtschaftete Land als  Vorbild.

Österreich bietet eine wunderbare Show. Starke Worte zum neuen Griechen-Rettungspaket, Belehrungen gegenüber den Piefkes aus Deutschland. Wir fragen uns, warum? Das Land steht am Abgrund. Die Milliarden-Euro-Investitionen in den strukturschwachen osteuropäischen Ländern werden uneinbringlich. Da helfen auch nicht die Kredite an diese Länder von EU und IWF zu günstigsten Konditionen. Ebenfalls stark in den PIIGS-Staaten investiert. Die österreichischen Banken, sowieso nicht auf Rosen gebettet, stehen vor riesigen Wertberichtigungen. Nur redet noch niemand darüber, die Österreichische Nationalbank (ÖNB) hat noch im Februar 2011 in einem Report eine positive Prognose gestellt. Wider besseren Wissens. Bereits im April 2009 betitelte das Manager Magazin einen Ausblick mit „Katastrophale Wirtschaftslage“. Österreichs Wirtschaft ist abhängig von Deutschland. Nur aus dieser Nähe leitet sich auch das Triple-A-Rating ab. Österreich hält sich für einen Musterknaben. Die Wahrheit: Große Klappe, aber nicht viel dahinter. Kein Euro-Retter, sondern ein Rettungskandidat.

Fazit

Die Ratings sind politisch motiviert, haben nur in Ausnahmefällen etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Sie sind Druckmittel im Kampf zwischen den verschiedenen Machtinteressen, politischen und wirtschaftlichen. Europa wäre stark genug, sich seine eigenen Regeln zu schaffen, was aber bisher sehr erfolgreich von Amerikas europäischen Freunden verhindert wurde. Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch spielen sich geschickt die Bälle zu, gerade so, dass auch der Schwarze Peter immer von Agentur zu Agentur wandert, ohne wirklich Schaden zu nehmen. Es ist eine üble Gemengelage, in der selbst Deutschland zum Spielball der Wall Street werden kann. Der einzelne Staat hat keine Chance, sich dagegen zu wehren. Sollte die Herabstufung Deutschlands in Amerika beschlossen werden, womit wir rechnen, dann rettet das Land kein Euro-Austritt, kein Nord-Süd-Euro, kein „zurück zur D-Mark“. Hieraus könnte sich die Ratlosigkeit ableiten, die in Berlin und anderswo herrscht. Für uns ist klar: Die USA wollen, entgegen jüngster anderslautender Äusserungen, eine weitere Schwächung des Euros durch den Vollzug der Pleite in Griechenland. Falls das nicht reicht, auch von Spanien, oder Italien, oder Portugal. Deshalb kommt auch keine Stärkung der Gemeinschaft durch mehr Integration in Frage. Gerne darf Deutschland die D-Mark einführen, damit wäre Europa aus Sicht Amerikas entscheidend geschwächt. Der Dollar würde noch einmal eine Verschnaufpause erhalten, nur darum geht es den USA und China. 


Mittwoch, 21. September 2011

Standpunkt 74 - Eurozone vs Euro-Krise


Yannos Papantoniou: Die Eurozone muss sich entscheiden

Yannos Papantoniou war von 1994 bis 2001 Wirtschafts- und Finanzminister von Griechenland. Er ist Vorsitzender des unabhängigen Think Tanks Center for Progressive Policy Research. Aus unserer Sicht keine schlechte Voraussetzung, um sich mit der Euro-Krise auseinanderzusetzen und über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. 

Den folgenden Artikel, gestern erschienen auf www.project-syndicate.org, möchten wir hier allen zum Lesen zur Verfügung stellen, die sich nach wie vor eine eigene Meinung erarbeiten. Bei dem abgedruckten Text haben wir die angebotene deutsche Übersetzung übernommen. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle. 


“ATHEN – Deutschlands Argumente gegen eine Einführung von Euro-Bonds, gegen eine Erweiterung des Euro-Rettungsschirms und gegen die Einrichtung eines umfassenden Systems der Wirtschaftssteuerung sind klar und leicht verständlich. Aber stimmen sie auch? 

Die Deutschen befürchten, dass derartige Neuerungen die Kosten für die Kreditaufnahme im Inland erhöhen und in direkte und indirekte Transferzahlungen an ärmere Länder münden würden. Zudem warnen sie vor der Gefahr des so genannten „moral hazard“, die entsteht, wenn überschuldeten Ländern der Druck genommen wird, ihre öffentlichen Finanzen in Ordnung zu bringen: Wer weiß, dass er für Fehler nicht geradestehen muss, geht höhere Risiken ein. Drittens führen sie vertrags- und verfassungsrechtliche Probleme bei der Festlegung von Regeln und Verfahren an, die einer „Fiskalunion“ gleichkommen würde. Und schließlich könnte die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der europäischen Einigung, um den unvermeidlichen Eingriff in die Souveränität überschuldeter Länder zu rechtfertigen letztlich auch die nationale Souveränität Deutschlands beeinträchtigen. 

Andererseits setzt die Weigerung in den zunehmenden Konsens einzustimmen, dass eine Fiskalunion der Schlüssel zur Beilegung der Schuldenkrise ist, die Eurozone und Deutschland ernsthaften Risiken aus. Das Festhalten an halbherzigen Maßnahmen lässt die Märkte noch ungeduldiger werden und provoziert zunehmend resolute spekulative Angriffe, nicht nur auf die schwächeren Peripherieländer, sondern auch auf die Kernländer mit AAA-Bonitätseinstufung – wie Frankreich und letztlich Deutschland selbst –, dessen Bankensektor in großem Umfang Schuldenpapiere von Peripherieländern hält. 

Tatsächlich entpuppt sich die schlechter werdende Verfassung der Banken als große Bedrohung für die Erholung und Stabilität der Eurozone. Im Falle von Staatsbankrotten könnten die Kosten der Bankenrettung weitaus höher sein als die Kosten einer Auflage von Euro-Bonds oder der Einführung eines sinnvollen Transfersystems. Den Investoren muss versichert werden, dass die Kosten für den Schuldendienst unter Kontrolle sind und dass das Ausmaß der Verschuldung und die Defizitgrenzen streng überwacht werden, um Ausfallrisiken zu minimieren und die Fähigkeit der Banken zu stärken, die Grundlagen für nachhaltiges Wachstum zu schaffen. 

Durch das Systemrisiko, das sich in Bezug auf die Zukunftsfähigkeit der Eurozone abzeichnet, entsteht ein Teufelskreis. Eine Gefährdung des Systems als Ganzes weckt Zweifel an der Zahlungsfähigkeit überschuldeter Länder, so dass die Bemühungen dieser Länder ihre Haushaltslage zu konsolidieren und Reformen zu fördern nicht zu einer Verbesserung der finanziellen Bedingungen führt, die für eine Überwindung der Krise und die Förderung des Aufschwungs unbedingt notwendig ist. Infolgedessen wird es zunehmend schwieriger eine Haushaltskonsolidierung zu erreichen, was erneut spekulative Angriffe herausfordert. 

Von einer umfassenderen Perspektive aus betrachtet werden die wirtschaftlichen und sozialen Turbulenzen an der südlichen Peripherie Europas außerdem ein geopolitisches Risiko darstellen. Dieses Risiko würde durch den Ausbruch einer großen Krise im Zusammenhang mit Staatsbankrotten innerhalb der Eurozone verschärft, die sich vielleicht nicht eindämmen lässt und könnte das gesamte Gebilde durch eine Kettenreaktion wie bei der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers gefährden. 

Man kann die Dilemmata der Eurozone und die Vor- und Nachteile der vorgeschlagenen Lösungen endlos diskutieren. Man könnte zum Beispiel argumentieren, dass Euro-Bonds die Mitglieder der Eurozone in die Lage versetzen würden, ihre finanzielle Stärke zu bündeln und die Kreditkosten durch eine Erhöhung der Attraktivität des Euros als Reservewährung so niedrig zu halten, dass Länder mit der Bonitätseinstufung AAA nicht überlastet werden. Auch rechtliche Probleme könnten kurzfristig gelöst werden, indem Euro-Bonds so gestaltet werden, dass sie Kreditgarantien, Rückzahlungsprioritäten und die Verwendung bestimmter Steuereinnahmen als zusätzliche Sicherheit beinhalten. 

Vorschläge den moral hazard zu begrenzen könnten umgesetzt werden, indem Eurobonds auf 60% des BIP beschränkt werden – die gegenwärtige Obergrenze für die Staatsverschuldung der Mitglieder der Eurozone. Die Einführung einer strengeren Disziplinarregelung für Länder, die verschwenderisch mit Staatsgeldern umgehen könnte als Bestandteil eines verstärkten institutionellen Rahmens eine noch substanziellere Auflage darstellen. 

Unabhängig von der Herangehensweise sollten politische Probleme gegen die Anfälligkeit europäischer Banken abgewogen werden. Deutsche Banken hatten zu Beginn der Krise fast ein Drittel aller Kredite an die öffentlichen und privaten Sektoren in Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien in ihren Büchern und heute ist ihr Verschuldungsgrad höher als bei allen anderen großen entwickelten Volkswirtschaften. Solange das Systemrisiko für die Eurozone als Ganzes nicht in Angriff genommen wird, sind Staatsbankrotte nicht unwahrscheinlich, die umfassende Bankenrettungen mit unzumutbaren Kosten nach sich ziehen könnten. In diesem Fall könnte eine ausgewachsene Bankenkrise in der Eurozone und möglicherweise weltweit eine Depression auslösen. 

Kurzfristig ist eine europaweite Rekapitalisierung der Banken unerlässlich, um die Kosten einzudämmen, die durch mögliche Staatsbankrotte entstehen. Trotzdem kann  man es nicht unendlich hinausschieben, sich mit den tiefer liegenden Schwächen der Eurozone zu befassen. Inmitten von so viel Ungewissheit ist es natürlich bemerkenswert, dass der von den überschuldeten Ländern eingeschlagene Konsolidierungskurs weitgehend gehalten wird; trotzdem sind der fortgesetzte Aufkauf von Staatsanleihen und die Liquiditätsunterstützung durch die Europäischen Zentralbank nur eine temporäre Notlösung. 

Eine Sackgasse ist unausweichlich, deshalb ist es keine Lösung auf Zeit zu spielen. Eine Kombination aus Euro-Bonds, einer tragfähigen Darlehensfazilität, erweiterte Befugnisse für die EZB, damit diese als so genannter Lender of last resort agieren kann und solider wirtschaftlicher Steuerung und Koordination würde hingegen funktionieren. Längerfristig werden auch radikale Reformen der Kapital-, Güter- und Arbeitsmärkte notwendig sein, die durch eine überzeugendere und zusammenhängende Investitionsstrategie auf europäischer Ebene ergänzt wird, die darauf abzielt die Wettbewerbsfähigkeit zu verstärken und wieder für Wachstumsaussichten zu sorgen. 

Bei der europäischen Wettbewerbsfähigkeit geht es nicht nur um die globale Dimension. Es gibt erhebliche Diskrepanzen innerhalb der Eurozone, die sich in strukturellen Handelsungleichgewichten zwischen den Kernländern und der Peripherie niederschlagen, die der Schuldenkrise zugrundeliegen. Der Zusammenhalt der Eurozone und ihr zukünftiges Wachstum hängen entscheidend von der Schaffung eines Rahmens ab – mithilfe von Beihilfen und Krediten –, in dem Investitionskapital an die ärmeren Länder fließen kann, um die in punkto Wettbewerbsfähigkeit bestehende Kluft zu schließen.

Der Euro ist too big to fail, zu groß, um zu scheitern, um es mit einem Begriff aus der Finanzwelt auszudrücken. Entscheidungen sollten lieber heute als morgen getroffen werden, damit die Eurozone selbst das Geschehen bestimmt, anstatt sich von den Geschehnissen bestimmen zu lassen.” 



Montag, 19. September 2011

Standpunkt 73 - Griechenland-Krise


TELEPOLIS: „Krisenmythos Griechenland“


Die Diskussion über die Euro-Krise, festgemacht an Griechenland, ist nur noch grotesk. Die fanatischen Anti-Euro-Neurotiker verseuchen das Land mit ihren Parolen, bevölkern mit ihren “Copy & Paste”-Kommentaren die Foren und trommeln wie weiland Goebbels für ihre Sache.

Dagegen sind die Euro-Befürworter, gleichzeitg auch Anhänger der Europäischen Gemeinschaft, vollständig ins Hintertreffen geraten. Sie argumentieren sachlich, mit Fakten soweit vorhanden, oder wenigstens mit starken Indizien für ihre Meinung und natürlich weniger laut wie die Gegenseite.

“Optisch” deshalb Vorteil für die Euro-Gegner. die besseren Argumente liegen aber klar bei den Befürworter.

Eine sachliche Auseinandersetzung ist zwischen den beiden Lagern nicht möglich, nach unserer Beobachtung von den Anti-Euro-Fanatikern auch garnicht gewollt. Stammtisch-Hoheit ist für sie das Gebot der Stunde. Eine vernünftige Ursachenbewertung oder gar Lösungsvorschläge die der Tragweite der Probleme Rechnung tragen: Völlige Fehlanzeige. Nachgeplappert werden hauptsächlich die Thesen und Theorien der deutschen National-Ökonomen, die sind agitatorisch und kleinkariert.

Sehr hilfreich kann es dann sein, (noch) einmal in einer Analyse zu lesen, die schon vor mehr als einem Jahr, nämlich im Mai 2010, bei Heise-Telepolis erschienen ist und sich ausführlich mit den Problemen rund um Griechenland beschäftigt. Der Autor, Tomasz Konicz, hat eine umfangreiche Bewertung vorgenommen, diese ausführlich mit Schaubildern unterlegt und reichlich Quellen aufgeboten. In unserem Archiv füllt das ganze Werk 24 Seiten. Aus diesem Grund haben wir hier nur den Link hinterlegt:


Der Artikel erklärt am Beispiel Griechenlands auch sehr viel über die schwelende Finanzkrise und ihre Ursachen.

Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich noch eine eigene Meinung bilden oder sich überhaupt erst jetzt mit der Thematik beschäftigen. 

Sonntag, 18. September 2011

Standpunkt 72 - Europa und EU


„Die EU ist die schlechteste aller Lösungen …“


titelte das österreichische Wirtschaftsblatt am 15.09.2011 auf ihrer Internetausgabe. Der Autor, Wolfgang Unterhuber, beschäftigt sich in diesem Artikel mit dem aktuellen Zustand der Europäischen Union.

Längst ist in den Diskussionen über die Euro-Krise eigentlich alles gesagt. Trotzdem verdient dieser kleine Aufsatz wenigstens bei denen Beachtung, die sich nach wie vor kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und vor allen Dingen versuchen, nicht den “Copy & Paste”-Argumenten der Anti-Euro-Fanatiker auf den Leim zu gehen. Statt dessen eher das große Ganze im Auge behalten wollen.

Gerade ist es wieder einmal besonders beliebt und eindruckheischend, die Kosten der Euro-Rettung für Deutschland vorzurechnen. Von bis zu 465 Milliarden Euro ist die Rede, wie das Ifo-Institut berechnet hat. Die Deutsche Bank kommt auf 400 Milliarden Euro. Jeweils große Summen, denen aber beiden keine seriösen Berechnungen zugrunde liegen. Wie auch, schliesslich sind echte, belastbare Zahlen überhaupt nicht bekannt: Die kennt sehr wahrscheinlich nur Goldman Sachs, die dieses Wissen natürlich für sich behalten. Vielleicht auch noch die betroffenen Banken, Hedge Fonds, Lebensversicherer, aber schon nicht mehr die Pensionskassen/Rentenversicherungsträger, oder Brüssel und die Griechen selbst. Aber natürlich läßt sich mit diesem Un-Sinn vortrefflich gegen eine Euro-Rettung agitieren, ganz im Sinne der Euro-Gegner an den deutschen Stammtischen und in den Foren von Handelsblatt, Wirtschaftswoche, usw. In diesem Zusammenhang muss an das Rettungspaket der Bundesregierung für die deutschen Banken erinnert werden: Sagenhaft 480 Milliarden Euro wurden 2008 beschlossen. Alleine zur Rettung der heimischen Banken. Gemessen daran nimmt sich die Summe für die Rettung der Euro-Zone nicht wirklich üppig aus.

Der Artikel, hier abgedruckt in der Originalfassung, verzichtet wohltuend auf Hardcore-Thesen und Unbewiesenes. Es geht nur um den europäischen Gedanken. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Wirtschaftsblatt.at!


„Die EU ist die schlechteste aller Lösungen …

Es gibt aber keine bessere Lösung als die EU.

Jetzt stecken wir also fest. Im Fass! So wie in der Antike der griechische Querdenker Diogenes von Sinope. Nur hatte dessen Fass wenigstens einen Boden.

Die griechische Tragödie der Gegenwart ist leider symptomatisch für den Zustand der Europäischen Union (EU). Es herrschen Hilf- und Planlosigkeit. Nicht erst heute. Schon seit Jahren. Bei Ebbe sieht man, wer ohne Badehose schwimmt, heißt es. Seit 2008 ist Ebbe. Und die ganzen Schönwetterpolitiker zwischen Madrid und Helsinki stehen ziemlich entblößt da.

Die Wurzeln für die gegenwärtige Misere reichen freilich weiter zurück. In die 1990er-Jahre. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums herrschte Aufbruchstimmung. Der Vertrag von Maastricht offenbarte eine neue Vision – die politische Einheit. Nur dass es seither nicht gelungen ist, diese Vision umzusetzen. Nach wie vor kocht jedes Land sein eigenes Süppchen.

An der Spitze stehen Kleingeister, die nicht den Mut haben, uns die Wahrheit zu sagen (Griechenland ist pleite, Leute), und die schon gar nicht den Elan besitzen, mehr Europa zu wagen. Denn die Antwort auf die Krise der Union kann nur eine sein: Mehr Europa.

Die Einzelstaaten müssen zugunsten der Union kompromisslos auf drei Kerngeschäfte verzichten. Die Außenpolitik, die Verteidigungspolitik und die Steuer- und Finanzpolitik. Hier muss Europa mit einer Stimme sprechen beziehungsweise ein einheitliches System errichten.

So ein Modell gab es übrigens in Europa schon einmal. Der Staatenbund Österreich-Ungarn war von 1867 bis 1918 durch eine gemeinsame Außen-, Finanz- und Heerespolitik verbunden. Das Modell ist bekanntlich an einer arroganten Elite und am Nationalismus gescheitert.

Kaum dem angeblichen Völkerkerker entronnen, wurden die Nachfolgestaaten der k.u.k. Monarchie Sklaven der Nazis – ehe sie (außer Österreich) von den Sowjets unterjocht wurden.

Das sollte uns nachdenklich stimmen. Denn in Europa macht sich eine „Los von Brüssel“-Stimmung breit. Von den Internet-Foren bis in die Volksvertretungen. Nur können all die anti-europäischen Gemeindebau-Faschisten und Salon-Bolschewisten nicht sagen, was denn die Alternative wäre. Die Wahrheit muss man frei nach Winston Churchill formulieren: Die EU mag die schlechteste aller europäischen Lösungen sein – es gibt aber keine bessere.”

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