Freitag, 2. September 2011

Standpunkt, Ausgabe 65 - Cameron's London


Naomi Wolf: David Cameron’s große Erwartungen


Die Autorin, US-amerikanische Schriftstellerin und politische Aktivistin, beschäftigte sich am 31.08.2011 in einem Artikel mit den Unruhen in London, den wir hier auszugsweise, als Ergänzung zu der Standpunkt-Ausgabe 47 vom 15.08.2011, hier veröffentlichen. Schliesslich ist London ein wichtiger Teil Europas und es könnte sein, dass Unruhen in solcher Heftigkeit auch demnächst in anderen europäischen Städten stattfinden. Den Text haben wir original aus der von www.project-syndicate.org angebotenen deutschen Übersetzung übernommen. Dort liegt auch das Copyright. Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an gleicher Stelle. 


“NEW YORK - Im Gefolge der Unruhen hat der britische Premierminister David Cameron vorgeschlagen, Gerichtsverfahren gegen Kinder wieder aufleben zu lassen, auf harte Strafen und orangefarbene Overalls für schuldig befundene Randalierer gedrängt und  noch abstoßendere Ideen lanciert. Man könnte Verurteilte im Rahmen von Aufräumarbeiten bewusst öffentlichen Schikanen aussetzen und ihre Familien, die keine Straftaten begangen haben, zwingen ihre Sozialwohnungen zu räumen. Desweiteren prüft Cameron Festnahmen aufgrund von Facebook-Kommentaren, die Sperrung sozialer Netzwerke und eine todbringende Aufrüstung der Polizei. 


Es geht mir nicht um Nachsicht mit Plünderern oder Schlägern, aber es ist längst bekannt, wohin das von Cameron vorgeschlagene, rigoros strafende Paket an Rechtsvorschriften und seine Bestrebungen die zivilen Unruhen auszunutzen, um bürgerlichen Freiheiten einen Riegel vorzuschieben das Land führen würden. 


Wir wissen auch, wie ein England ohne ein soziales Netz aussieht, in dem es für Arme weder Hoffnung, noch Mobilität gibt. Ein öffentliches Bildungswesen für die „niederen Schichten“ hat vor 150 Jahren kaum existiert und Universitäten blieben ihrer Phantasie vorbehalten – was durchaus wieder so sein könnte, da die Studiengebühren unter Cameron verdreifacht werden sollen.

Kapitalistische Gesellschaften des Westens, insbesondere das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten, sind gerade dabei, die Zeit zugunsten einer kleinen Gruppe von Eliten in die vorviktorianische Ära zurückzuspulen. Die Arbeiterschaft und die Mittelschichten, die am meisten von den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Reformen des viktorianischen Zeitalters profitiert hatten, bleiben dabei – von den Armen ganz abgesehen – außen vor.

In den entwickelten kapitalistischen Demokratien von heute kommt das fehlende Bewusstsein der meisten Bürger für diese Geschichte den Interessen der Elite zugute. Anderenfalls würden weitaus mehr Menschen, wenn nicht die meisten, Zeter und Mordio angesichts der zunehmend erfolgreichen Bemühungen schreien, den öffentlich Sektor zu verkleinern.

Da Cameron und andere Konservative der westlichen Welt ihre Bemühungen verstärken, den Weg in die Vergangenheit zu ebnen, ist es wichtig vor Augen zu haben, dass das Nichtvorhandensein eines Wohlfahrtsstaates und die Privatisierung der Grundversorgung weder neuartig noch innovativ sind. Es ist alles schon mal dagewesen – tatsächlich ist vieles von dem, was zurzeit in Großbritannien abgebaut wird, im Viktorianischen Zeitalter aufgrund der haarsträubenden sozialen Bedingungen, in denen die meisten Menschen lebten aufgebaut worden. Wenn die konservativen politischen Kräfte von heute an der Macht bleiben, droht England – und anderen westlichen Ländern – die Rückkehr in eine dunkle, gefährliche und ignorante Vergangenheit.”

Naomi Wolf ist politische Aktivistin und Gesellschaftskritikerin. Ihr jüngstes Buch trägt den Titel Give Me Liberty: A Handbook for American Revolutionaries. 

Copyright: Project Syndicate, 2011.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Sandra Pontow.