Montag, 5. September 2011

Standpunkt, Ausgabe 66 - Finanzkrise enteignet

 
„Vermögen werden sich in Luft auflösen“

Der Schweizer Tages-Anzeiger veröffentlichte am 03.09.2011 in seiner Online-Ausgabe ein Interview mit dem deutschen Ökonomen Klaus Wellershoff, 1998 bis 2009 Chef-Ökonom der Schweizer Großbank UBS. Er gründete das Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners, das er auch selber leitet. Wellershoff macht in diesem Interview einige Aussagen zur Euro-Krise, die wir an anderer Stelle als “kleine Tatsachen” beschrieben haben. Jedenfalls der blanke Horror für die Anti-Euro-Fraktion in Deutschland. Weil wir davon ausgehen, dass dieses Gespräch nicht den Weg in die hiesigen Medien findet, drucken wir Auszüge daraus ab. Ausdrücklich weisen wir darauf hin, das Copyright liegt beim Tages-Anzeiger. Interessenten finden dort natürlich auch den vollständigen Artikel.  

“Die USA und einige EU-Staaten [eigene Anm.: keine Beschränkung nur auf Euro-Staaten!] sind faktisch zahlungsunfähig. Viele Vermögen werden sich in Luft auflösen. 

Wenn Staatsschulden nicht mehr bedient werden können, wird auf Gläubigerseite Vermögen vernichtet. 

Man wird neu definieren, was wir für den Staat tun und was der Staat für uns tut (...). Es stellt sich die Frage, was der hoch verschuldete Staat künftig noch wird leisten können. 

Gleichzeitig wissen wir, dass viele, die sich heute für vermögend halten, das in wenigen Jahren nicht mehr sein werden. Das betrifft alle, die für ihre Pension [Renten] gespart haben. Viele, die jetzt vorschlagen, dass Griechenland ein Teil der Schulden gestrichen werden, bedenken nicht, dass damit per Definition auch Vermögen gestrichen werden. Jeder Schuld steht schließlich eine Forderung gegenüber. Den Staatsschulden stehen Vermögensansprüche der Pensionskassen und Lebensversicherungen gegenüber, zu einem weniger großen Teil der Banken. Wenn die gestrichen werden, wird es viele Ältere hart  treffen, weil die nichts mehr dazuverdienen können.

Viele Eurostaaten sind zwar hoch verschuldet, aber der Euro hat seit seiner Einführung (...) gegenüber den Währungen der Handelspartner nicht an Wert verloren. (...) Die Verschuldungsquote der Eurostaaten lag vor der Finanzkrise [2008, eig. Ergänzung] tiefer als bei Einführung der Gemeinschaftswährung. Der Euro hat – entgegen der Behauptung vieler Ökonomen – die Staatsverschuldung in Europa nicht ansteigen lassen.” 

Zur Kritik am Euro: “Dahinter stehen zwei starke Interessen: in den USA die Furcht, der Dollar könnte seine Rolle als Leitwährung der Weltwirtschaft verlieren. Und in Großbritannien das Motiv nach einem starken Finanzplatz London, der mit dem Pfund auf eine eigene Währung angewiesen ist.

Ich kann (...) keine Rationalität darin erkennen, wie die Märkte etwa Griechenland behandeln. Erst verlangte man jahrelang keine höhere Risikoprämie, dann hat man plötzlich überreagiert, und heute fordert man einen Risikozuschlag, der selbst die Schweiz ruinieren würde. Hier haben wir es eindeutig mit Marktversagen zu tun.

Eurobonds wären sicher ein Beitrag zur Beruhigung. Die Frage ist nur, ob sich dafür Mehrheiten in Deutschland und Frankreich finden lassen. 

Natürlich haben Staaten wie Griechenland oder Portugal gesündigt. Aber vergessen wir nicht, dass sie seit Ausbruch der Schuldenkrise einiges gemacht haben – viel mehr jedenfalls als die USA.” 

Anmerkungen: Wellershoff ist offensichtlich kein Mainstream-Ökonom, ihm geht es nicht um die deutsche Stammtisch-Hoheit. Es gelingt ihm jedoch, mit wenigen klaren Worten wichtige Fakten heraus zu stellen, die von den deutschen National-Ökonomen gerne unterdrückt werden. Ein Bankrott Griechenlands, Portugals, usw. mit nachfolgendem Schuldenerlass trifft vor allem die kleinen Leute, und wieder besonders in Deutschland. Trotzdem halten wir es für möglich, dass es dazu kommt. Ein Muster-Bankrott quasi, als Test auf eine Durchführbarkeit. Nach unserer Einschätzung wäre das Ergebnis ein Desaster. Schwächt Europa als Wirtschaftsmacht und den Euro als Weltreservewährung. Beifall käme natürlich aus der Ecke der Anti-Euro-Fanatiker. So lange, bis sie ihr persönliches Drama als Folge dieser Entwicklung erkennen müssen.  

Seiner Aussage über das “Marktversagen” folgen wir nicht. Was er in diesem Zusammenhang beschreibt ist nämlich kein Versagen, sondern das Ergebnis der vielen Angriffe durch die USD-Hardliner und ihrer Vasallen innerhalb Europas. Wir haben darüber schon mehrfach berichtet.