Sonntag, 18. September 2011

Standpunkt 72 - Europa und EU


„Die EU ist die schlechteste aller Lösungen …“


titelte das österreichische Wirtschaftsblatt am 15.09.2011 auf ihrer Internetausgabe. Der Autor, Wolfgang Unterhuber, beschäftigt sich in diesem Artikel mit dem aktuellen Zustand der Europäischen Union.

Längst ist in den Diskussionen über die Euro-Krise eigentlich alles gesagt. Trotzdem verdient dieser kleine Aufsatz wenigstens bei denen Beachtung, die sich nach wie vor kritisch mit dem Thema auseinandersetzen und vor allen Dingen versuchen, nicht den “Copy & Paste”-Argumenten der Anti-Euro-Fanatiker auf den Leim zu gehen. Statt dessen eher das große Ganze im Auge behalten wollen.

Gerade ist es wieder einmal besonders beliebt und eindruckheischend, die Kosten der Euro-Rettung für Deutschland vorzurechnen. Von bis zu 465 Milliarden Euro ist die Rede, wie das Ifo-Institut berechnet hat. Die Deutsche Bank kommt auf 400 Milliarden Euro. Jeweils große Summen, denen aber beiden keine seriösen Berechnungen zugrunde liegen. Wie auch, schliesslich sind echte, belastbare Zahlen überhaupt nicht bekannt: Die kennt sehr wahrscheinlich nur Goldman Sachs, die dieses Wissen natürlich für sich behalten. Vielleicht auch noch die betroffenen Banken, Hedge Fonds, Lebensversicherer, aber schon nicht mehr die Pensionskassen/Rentenversicherungsträger, oder Brüssel und die Griechen selbst. Aber natürlich läßt sich mit diesem Un-Sinn vortrefflich gegen eine Euro-Rettung agitieren, ganz im Sinne der Euro-Gegner an den deutschen Stammtischen und in den Foren von Handelsblatt, Wirtschaftswoche, usw. In diesem Zusammenhang muss an das Rettungspaket der Bundesregierung für die deutschen Banken erinnert werden: Sagenhaft 480 Milliarden Euro wurden 2008 beschlossen. Alleine zur Rettung der heimischen Banken. Gemessen daran nimmt sich die Summe für die Rettung der Euro-Zone nicht wirklich üppig aus.

Der Artikel, hier abgedruckt in der Originalfassung, verzichtet wohltuend auf Hardcore-Thesen und Unbewiesenes. Es geht nur um den europäischen Gedanken. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Wirtschaftsblatt.at!


„Die EU ist die schlechteste aller Lösungen …

Es gibt aber keine bessere Lösung als die EU.

Jetzt stecken wir also fest. Im Fass! So wie in der Antike der griechische Querdenker Diogenes von Sinope. Nur hatte dessen Fass wenigstens einen Boden.

Die griechische Tragödie der Gegenwart ist leider symptomatisch für den Zustand der Europäischen Union (EU). Es herrschen Hilf- und Planlosigkeit. Nicht erst heute. Schon seit Jahren. Bei Ebbe sieht man, wer ohne Badehose schwimmt, heißt es. Seit 2008 ist Ebbe. Und die ganzen Schönwetterpolitiker zwischen Madrid und Helsinki stehen ziemlich entblößt da.

Die Wurzeln für die gegenwärtige Misere reichen freilich weiter zurück. In die 1990er-Jahre. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums herrschte Aufbruchstimmung. Der Vertrag von Maastricht offenbarte eine neue Vision – die politische Einheit. Nur dass es seither nicht gelungen ist, diese Vision umzusetzen. Nach wie vor kocht jedes Land sein eigenes Süppchen.

An der Spitze stehen Kleingeister, die nicht den Mut haben, uns die Wahrheit zu sagen (Griechenland ist pleite, Leute), und die schon gar nicht den Elan besitzen, mehr Europa zu wagen. Denn die Antwort auf die Krise der Union kann nur eine sein: Mehr Europa.

Die Einzelstaaten müssen zugunsten der Union kompromisslos auf drei Kerngeschäfte verzichten. Die Außenpolitik, die Verteidigungspolitik und die Steuer- und Finanzpolitik. Hier muss Europa mit einer Stimme sprechen beziehungsweise ein einheitliches System errichten.

So ein Modell gab es übrigens in Europa schon einmal. Der Staatenbund Österreich-Ungarn war von 1867 bis 1918 durch eine gemeinsame Außen-, Finanz- und Heerespolitik verbunden. Das Modell ist bekanntlich an einer arroganten Elite und am Nationalismus gescheitert.

Kaum dem angeblichen Völkerkerker entronnen, wurden die Nachfolgestaaten der k.u.k. Monarchie Sklaven der Nazis – ehe sie (außer Österreich) von den Sowjets unterjocht wurden.

Das sollte uns nachdenklich stimmen. Denn in Europa macht sich eine „Los von Brüssel“-Stimmung breit. Von den Internet-Foren bis in die Volksvertretungen. Nur können all die anti-europäischen Gemeindebau-Faschisten und Salon-Bolschewisten nicht sagen, was denn die Alternative wäre. Die Wahrheit muss man frei nach Winston Churchill formulieren: Die EU mag die schlechteste aller europäischen Lösungen sein – es gibt aber keine bessere.”

© Wirtschaftsblatt.at