Freitag, 30. September 2011

Standpunkt 79 - Euro-Krise

Martin Feldstein: Europas Vabanquespiel



Feldstein, Wirtschaftsprofessor an der renommierten Harvard University, war wichtigster Wirtschaftsberater unter Präsident Reagan und ist nach unserer Einschätzung nach wie vor ein führender Vertreter der Neokons in den USA. Der folgende Artikel ist ein guter Beweis dafür, wie subtil auf der einen und vorgeblich wissenschaftlich fundiert auf der anderen Seite, die Schlammschlacht der Wall Street und ihrer Verbündeten gegen den Euro unterstützt wird. Gerade deshalb drucken wir den vor zwei Tagen auf www.project-syndicate.org erschienen Artikel hier ab. Bei dem Text handelt es sich um die originale deutsche Übersetzung. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.


CAMBRIDGE – Der griechische Staat muss einer unmöglichen, anders nicht mehr zu bewältigenden Situation entkommen. Die Staatsschulden sind auf untragbarem Niveau (150 Prozent des BIP, wobei der Anstieg allein in diesem Jahr 10 Prozentpunkte betrug). Die Wirtschaft bricht zusammen (das BIP ist heuer um über 7 Prozent gesunken, wodurch die Arbeitslosigkeit auf 16 Prozent stieg). Der Staat leidet unter einem chronischen Zahlungsbilanzdefizit (aktuell bei 8 Prozent des BIP) und insolventen Banken, denen rapide die Einlagen abhanden kommen. 

Der einzige Ausweg für Griechenland ist, den Schuldendienst einzustellen. Wenn das geschieht, müssen mindestens 50 Prozent des Nennwerts dieser Schulden abgeschrieben werden. Der aktuelle Plan, den Barwert der privat gehaltenen Anleihen um 20 Prozent zu reduzieren, ist nur ein erster Schritt in diese Richtung. 

Wenn Griechenland nach einer Pleite den Euro verlässt, kann es seine neue Währung abwerten, um so die Nachfrage anzukurbeln und letztlich zu einem Handelsbilanzüberschuss zu gelangen. Eine derartige Strategie der „Pleite und Abwertung“ ist für Länder in anderen Teilen der Welt die Norm, wenn sie mit untragbar hohen Staatsschulden und einem chronischen Leistungsbilanzdefizit kämpfen. In Griechenland kann das nicht geschehen, weil Griechenland in der Einheitswährung gefangen ist.  
Die Märkte sind sich vollkommen bewusst, dass Griechenland insolvent ist und letztlich bankrott gehen wird. Das ist der Grund, warum der Zinssatz für dreijährige griechische Staatsanleihen in letzter Zeit auf über 100 Prozent gestiegen ist und die Rendite der zehnjährigen Anleihen bei 22 Prozent liegt. Daraus ergibt sich, dass eine in zehn Jahren zu zahlende Forderung im Wert von 100 Euro, heute weniger als 14 Euro wert ist. 

Warum aber geben sich nun die politischen Spitzen in Frankreich und Deutschland die größte Mühe, das Unvermeidliche zu verhindern – oder, genauer gesagt, hinauszuschieben? Dafür gibt es zwei Gründe. 

Erstens haben Banken und andere Finanzinstitutionen in Deutschland und Frankreich enorme Bestände an griechischen Anleihen in den Büchern. Dies sowohl direkt, als auch über Kredite, die man an griechische und andere Banken der Eurozone vergeben hat. Der Aufschub des Bankrotts gibt französischen und deutschen Finanzinstitutionen Zeit, Kapital aufzubauen und ihr Engagement bei griechischen Banken zu reduzieren, indem fällige Kredite nicht mehr erneuert und griechische Anleihen an die Europäische Zentralbank verkauft werden. 

Der zweite und wichtigere Grund für den französisch-deutschen Kampf um einen Aufschub eines griechischen Staatsbankrotts, ist die Gefahr, dass eine derartige Entwicklung, Staatspleiten in anderen Ländern oder einen Sturm auf die Banken, vor allem in Spanien und Italien, auslöst. Diese Gefahr wurde durch die jüngste Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens durch Standard & Poor’s noch hervorgehoben. 

Ein Bankrott eines dieser großen Länder hätte katastrophale Auswirkungen für Banken und andere Finanzinstitutionen in Frankreich und Deutschland. Die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität ist groß genug, um den griechischen Finanzbedarf zu decken, aber nicht ausreichend, um Italien und Spanien zu finanzieren, wenn sie den Zugang zu den privaten Märkten verlieren. Die europäischen Politiker hoffen daher auf folgende Entwicklung: Wenn die privaten Märkte sehen, dass sogar Griechenland den Bankrott verhindern kann, werden sie ausreichend Vertrauen in die Lebensfähigkeit Italiens und Spaniens gewinnen, um ihnen dann weiterhin Kredite zu vernünftigen Zinsen zur Verfügung zu stellen und ihre Banken zu finanzieren. 

Tatsächlich werden Pleiten Spaniens und Italiens auf den Märkten als wahrscheinlicher betrachtet, wenn Griechenland in den nächsten Wochen den Bankrott erklären darf. Dadurch könnten die Zinsen für Spanien und Italien ebenso sprunghaft ansteigen wie deren Staatsschulden, wodurch sie praktisch insolvent wären. Durch den Aufschub eines griechischen Bankrotts um zwei Jahre hoffen die europäischen Politiker, Spanien und Italien genug Zeit zu verschaffen, um sich als finanziell überlebensfähig darzustellen. 

Diese zwei Jahre  könnten den Märkten zeigen, ob Spaniens Banken den Niedergang der lokalen Immobilienpreise verkraften oder ob faule Hypothekendarlehen zu weit verbreiteten Bankzusammenbrüchen führen, wodurch die spanische Regierung gezwungen sein könnte, enorme Einlagengarantien abzugeben. In den nächsten zwei Jahren würde sich überdies die finanzielle Lage der regionalen Regierungen in Spanien offenbaren, die ebenfalls Schulden angehäuft haben, für die letztlich die Zentralregierung haftet. 

Zwei Jahre könnten auch Italien genug Zeit verschaffen, um zu zeigen, ob das Land einen ausgeglichenen Haushalt erreichen kann. Die Regierung Berlusconi verabschiedete jüngst einen Gesetzesentwurf, der vorsieht, die Steuereinnahmen zu erhöhen und bis 2013 einen ausgeglichenen Haushalt aufzuweisen. Das wird schwierig, denn eine haushaltspolitische Straffung führt zu einer Senkung des jetzt schon kaum wachsenden italienischen BIP, wodurch wiederum die Steuereinnahmen sinken. In zwei Jahren können wir also mit einer Debatte darüber rechnen, ob zu diesem Zeitpunkt ein konjunkturbereinigter Haushalt erreicht wurde. Außerdem würde sich zeigen, ob sich die italienischen Banken in besserer Verfassung befinden, als viele heute fürchten. 

Wenn Spanien und Italien am Ende dieser zwei Jahre besser dastehen, können die politischen Spitzen Europas den Bankrott Griechenlands ohne die Gefahr einer gefährlichen Ansteckung erlauben. Portugal könnte Griechenland mit einem Staatsbankrott und dem Austritt aus der Eurozone folgen. Aber die größeren Länder wären in der Lage, sich selbst zu vernünftigen Zinssätzen zu finanzieren und das gegenwärtige System der Eurozone könnte weiter bestehen. 

Wenn Spanien und Italien allerdings die Märkte in den nächsten zwei Jahren nicht von ihrer finanziellen Gesundheit überzeugen, werden die Zinsen für beide Staaten und deren Banken drastisch steigen und die Insolvenz wird klar zutage treten. Zu diesem Zeitpunkt werden sie bankrott gehen. Sie könnten zumindest zeitweise keine Kredite mehr aufnehmen und wären stark versucht, die Einheitswährung zu verlassen. 

Allerdings besteht eine größere und akutere Gefahr: Selbst wenn sich Spanien und Italien als grundsätzlich gesund erweisen, könnte es sein, dass es keine zwei Jahre mehr gibt, um das herauszufinden. Das Niveau der griechischen Zinsen zeigt, dass die Märkte an einen sehr baldigen Bankrott Griechenlands glauben. Und sogar noch vor einer Pleite Griechenlands wäre es möglich, dass die Zinsen für spanische und italienische Anleihen drastisch steigen und diese Länder auf einen finanziell untragbaren Weg bringen. Die Politiker der Eurozone könnten die bittere Erfahrung machen, dass der Versuch, die Märkte zu täuschen, eine gefährliche Strategie ist.