Montag, 31. Oktober 2011

Standpunkt 86 - Endlosschleife Euro-Krise


Euro-Krise und kein Ende


Es wird von Tag zu Tag schlimmer, was uns Europas Politiker an jämmerlichem Schauspiel bieten. Obwohl wir diese Zustände schon seit Monaten immer wieder beschrieben haben, sind wir über diese Entwicklung nicht glücklich. Statt dessen hätten wir uns gewünscht, mit unserer Einschätzung doch noch daneben zu liegen, damit Euro und Europa endlich aus der Krise finden.

Merkel, Sarkozy, Berlusconi, Cameron, usw., lassen sich aufgrund der jüngsten Beschlüsse wieder einmal als Euro-Retter feiern, tatsächlich sind sie völlig überfordert. Die einschlägigen Medien sind voll davon. Das deutsche Manager Magazin schreibt von einem „Masterplan zur Euro-Rettung“ (Online-Ausgabe vom 27.10.2011). Selbst die Börsen rund um den Globus sind diesen EU-Beschlüssen kurzzeitig auf den Leim gegangen. Außer vollmundigen Absichtserklärungen und angeblichen Lösungen wird der Öffentlichkeit nichts geboten. Erschreckende Ratlosigkeit und bedingungsloser Machterhalt innerhalb Europas oberster Politikerriege sind Grundlage des Gebotenen. Berlusconi kämpft gegen seinen Machtverfall, Sarkozy will noch einmal die nächste Wahl im Mai 2012 gewinnen, Cameron regiert das Armenhaus Europas und quält sein Volk mit immer neuen, drastischen Sparprogrammen, die den Zustand seines Landes nur weiter verschlimmern, Merkel kämpft gegen die eigene Partei, den Koalitionspartner, Deutschlands nationalistische Top- oder Star-Ökonomen und andere von Goldman Sachs Berufene, die Stammtisch-Führer und ihre angebliche Stimmungsmehrheit, also auch nur um ihre Macht, in Verbindung mit ihrer politischen Zukunft. Diese Beispiele sollen für ein Stimmungsbild unter den politischen Spitzenkräften in Europa genügen. Die zweite Reihe macht es übrigens auch nicht besser, wie kürzlich hautnah und medienwirksam in der Slowakei zu beobachten war: Partei- und Machtpolitik diktierten Ablauf und Ergebnis der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm im Parlament. Bezeichnend: Für einige Stunden wurden die slowakischen Politiker von den deutschen BILDungsbürgern als Helden gefeiert. Keine 24 Stunden später war der Spuk vorbei.

Schon wieder wird landauf, landab im Zusammenhang mit den jüngsten Beschlüssen der EU, zum x-ten Mal seit dem Beginn der Krise im Frühjahr 2010, die Euro-Rettung ausgerufen. Besser trifft es Henrik Müller in seinem Artikel für das Manager Magazin, erschienen am 24.10.2011 in der Online-Ausgabe, mit der Beschreibung des anstehenden Gipfels: „Abwarten, vertrösten, durchwursteln“.  

Die Griechenland-Krise durch einen Schuldenschnitt zu lösen wird nur noch das Tempo verschärfen, mit dem sich die Krise in Europa weiter ihren Weg bahnt. Nach wie vor ändert dieser stümperhafte Lösungsversuch nichts an den Problemen in Griechenland und im Rest Europas. Jedenfalls verliert Europa schon wieder eine Schlacht im Währungskrieg Dollar vs. Euro. Die nächsten Schlachtfelder sind längst vorbereitet, die Angreifer bereits bestens präpariert, nur Europas Verteidiger gebärden sich wie kopflose Hühner, akzeptieren offensichtlich immer noch nicht die Tatsache, dass man sich in einem Krieg der Währungen befindet.

Weitere Angriffe auf Italien und Frankreich lassen sich nicht alleine dadurch verhindern, dass ein riesiger Rettungsschirm installiert wird. Die dafür nötigen Garantien aus den betroffenen Ländern schwächen diese doch nur noch zusätzlich. In Wirklichkeit muss sich Europa durch protektionistische Maßnahmen gegen weitere Angriffe auf den Euro zur Wehr setzen. Natürlich sind solche Entscheidungen nur ein erster Schritt. Folgen müssen die wirtschaftliche Förderung strukturschwacher Regionen in Süd-Europa, ein zügiger Umbau der europäischen Finanzmärkte   und die Korrektur der Fehler in den Verträgen von Maastricht und Lissabon. Besonders der Murks im Maastricht-Vertrag muss so schnell wie möglich behoben werden. Leider führt dahin nur ein langer, schmerzhafter Weg, weil die Gegner eines starken Europas, die USA und China, ihre Helfer innnerhalb Europas haben. Unsere Meinung dazu haben wir in den vergangenen Monaten immer wieder erläutert, u. a. in der Jahresvorausschau und in den Updates dazu. Aber außerdem noch in anderen Standpunkt-Ausgaben. Bitte dort nachlesen.

Keine Lösungen sind Euro-Austritt von Griechenland oder alternativ Deutschland, Nord-Süd-Euro, die Rückkehr zu den nationalen Währungen früherer Tage, usw. Die Folgen sind unabsehbar. Trotz der wunderbaren Erklärungen unserer tollen deutschen Ökonomen (vgl. „Sinn fordert Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone“, focus.de, 29.10.2011). Nur zur Erinnerung: Noch nie hat seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland irgendeine Ökonomen-Theorie ihren praktischen Test bestanden. Vorher war es auch nicht besser, wie z. B. die 1920er Jahre belegen. Warum dürfen uns diese Leute heute immer noch, in Talk Shows und per Print-Medien, ihre Ideen oder Theorien als richtige und ausschliessliche Lösungen anpreisen?  Wir finden jedenfalls keine vernünftige Erklärung dafür.    

Wir begrüssen ausdrücklich die Bestrebungen Großbritanniens, die EU wieder zu verlassen. Nur glauben wir nicht an deren Ernsthaftigkeit. Die frühere Weltmacht England ist bankrott, Besserung nicht in Sicht, es wird nur noch schlimmer. Dieser Umstand wird Europa noch viel Geld kosten, ohne dass irgendeine Gegenleistung dafür erbracht wird. Wir waren schon immer ein Gegner der englischen EU-Mitgliedschaft. Großbritannien hat die Europäische Gemeinschaft nur dazu benutzt, die eigenen wirtschaftlichen Schwächen durch üppige Geldströme aus Brüssel auszugleichen. Im Gegenzug wurden unverhohlen US-amerikanische Interessen vertreten. Das Land lebt schon seit Jahren vom Finanzplatz London und ein bisschen noch von seinen Öl-Exporten. Industrielle Produktion, Landwirtschaft und Viehzucht, usw., sind nennenswert nicht mehr vorhanden. Die Interessen der Londoner Finanzindustrie stehen im Gegensatz zu den Interessen der Euro-Zone. Großbritannien wird also weiterhin alles blockieren, was deren Interessen und denen der Wall Street entgegen steht. Oder sich jedes Ja überteuert abkaufen lassen.

Der griechische Schuldenschnitt ist ein Himmelfahrtskommando. Kostet die europäischen Sparer viel Geld und bringt nicht den erhofften Erfolg. Für die Steuerzahler macht es keinen großen Unterschied, für die Banken müssen sie so oder so einstehen.

Das immer wieder gerne zitierte Beispiel Argentinien für eine gelungene Sanierung nach einer Staatspleite ist wie der Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Das Land war nicht Teil einer Währungsunion, sondern Opfer einer verfehlten Finanz- und Wirtschaftspolitik der damaligen größenwahnsinnigen Regierung. Pleite ging Argentinien jedoch erst durch die Rettungsmaßnahmen des IWF und verschiedener „interessierter“ Staaten (USA, Spanien), die ihre Hilfskredite an drakonische Sparprogramme banden. Das Ergebnis: Das Land wurde zahlungsunfähig, das Tafelsilber hauptsächlich an Konzerne aus Spanien und den USA unter Wert verscherbelt, danach die vielen in- und ausländischen (Klein-) Anleger per Schuldenschnitt zur Kasse gebeten. Davon hat sich Argentinien auch nach 20 Jahren noch nicht erholt, so liegt beispielsweise die Inflationsrate aktuell bei über 30%!

Die immer neuen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Portugal führen diese Länder nur immer weiter Richtung Staatspleite. Deren Wirtschaftsleistung (BIP) nimmt ab, was das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP = Staatsschuldenquote, nur erhöht. Mit jedem neuen Sparprogramm nehmen also die Staatsschulden automatisch weiter zu, was dann – nach derzeit geltender Lehre - wieder zu noch schärferen Sparzwängen führt, die wiederum die Staatsschulden erhöhen, usw., usw. Unaufhaltsam, unumkehrbar.

Außerdem muss endlich noch eine andere Tatsache akzeptiert werden: Die Milliarden für die Stabilisierung der Banken, verursacht durch deren Billionen-Verluste in einem realitätsfernen Finanz-Kosmos, können nie und nimmer durch Einsparungen in der realen Welt ausgeglichen werden. Diese Billionen-Verluste „verzieren“ immer noch die Bankbilanzen (Bank of America: 75 Billionen $. Siehe auch: Bank of America: Die Zeitbombe, auf zeit.de, 27.10.2011) und werden, was viel schlimmer ist, täglich immer noch größer. Diese gigantische Blase wächst weiter. Keiner der politischen Macher hat genügend Rückgrat, um diesem munteren Treiben das Ende zu bereiten. Alle haben die Hosen gestrichen voll und spielen auf Zeit.

Schon seit Wochen sind die US-Medien und Blogs voll von Todesnachrichten über den Euro und zuletzt die europäischen Banken. Geradezu genüsslich werden immer neue Probleme adressiert. Aus unserer Sicht ein durchsichtiges, abgekartetes Spiel, um von den eigenen Problemen im Land abzulenken. Mit allen Mitteln. Schon der deutsche Dichter Heinrich von Kleist (1777 – 1811) fand heraus: „Journalistik ist die Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet.“

Amerika geht es dreckig, richtig dreckig. Dagegen helfen keine gestylten Bankbilanzen, zuversichtlichen Konjunkturbarometer, geschönten Arbeitslosenzahlen, Durchhalteparolen des Präsidenten. Die ersten Kommunen und Bundesstaaten sind trotz rigider Sparmaßnahmen zahlungsunfähig. Millionen Menschen leben auf der Straße, in Zelten oder den Abwasserkanälen der Städte. Es gibt fast 46 Mio. Bezieher von Lebensmittelmarken (Update 02.11.2011, Stand August 2011, Quelle: querschuesse.de), nach inoffiziellen Angaben wären 60 Mio., knapp 1/5 der US-Bevölkerung, bezugsberechtigt. Kürzlich haben sich auf 52.000 ausgeschriebene neue Jobs bei McDonalds mehr als 1.000.000 Menschen beworben. 

Die USA klammern sich an ihre militärische Stärke und an den US-Dollar als Weltleitwährung. Nur hat die in den vergangenen 40 Jahren 97% ihres Wertes verloren. Selbst die letzten 3% können von der US-Wirtschaftsleistung mittlerweile nicht mehr besichert werden. Das und Europas Wirtschaftskraft haben den Euro in den vergangenen Jahren stark gemacht und ihm den Ruf einer Weltreservewährung eingebracht. Mehr als 30% des Welthandels werden in Euro abgewickelt.

Eine objektive Bewertung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den USA und Europa würde im Wettbewerb der Währungen eindeutig den Euro begünstigen, diesen weiter stärken und den USD schwächen. Dies gilt es aus Sicht Amerikas mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Verliert der USD nämlich weiter an Einfluss, kann die einzig verbliebene Weltmacht einpacken. Sie geht sang- und klanglos pleite. Mit allen Konsequenzen. Deshalb erleben wir seit Monaten einen Währungskrieg USD vs Euro und nicht das Ende einer fehlkonstruierten Währungsunion, wie immer wieder aufs Neue behauptet wird.

Natürlich lobt Barack Obama, der Schelm aus Washington (siehe dazu Standpunkt-Ausgabe 78, vom 27.09.2011), die jüngsten europäischen Rettungsbemühungen. Gehört quasi zum guten Ton. Tatsächlich nur Teil einer gut vorbereiteten Strategie. Die nächsten Angriffe gegen Italien und Frankreich werden seine wahren Absichten wieder offenbaren: Europa den Schwarzen Peter für die Dinge unterzuschieben, die Amerika ursächlich zu verantworten hat. Schliesslich ist er ein Meister im Tricksen und Täuschen.

Gerade sucht Brüssel für die Rettung der europäischen Schuldenstaaten Hilfe in China, Japan und Russland. Selbst die Schwellenländer Brasilien und Indien stehen auf der Agenda. Böse Zungen behaupten, Europa bettelt um Geld für den Euro-Rettungsschirm. Dabei freundlich unterstützt mit einem Triple-A-Rating der amerikanischen Ratingagenturen. Dokumentiert einmal mehr die transatlantische Einigkeit im Kampf gegen die Schuldenkrise.

In Wirklichkeit wäre das ein Bündnis von Fußkranken. Natürlich ist uns nicht entgangen: Deutsche Manager, deutsche Ökonomen, deutsche Politiker, sehen in China den Heilsbringer. Nicht nur heute, sondern gerne auch für die kommenden Jahrzehnte. China soll richten, was der Westen unter Führung der USA vermasselt hat. Nur, ganz so einfach ist es nicht. China steht selbst mit dem Rücken zur Wand. Die riesigen Währungsreserven schmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn der US-Dollar doch weiter an Wert verliert, aber auch wenn der Euro kaputt gemacht wird, oder wenn die von den chinesischen Regionalparlamenten verursachten geschätzten 2 Billionen USD Schulden kollabieren. Fast 700 Milliarden davon stehen bereits unter Wasser. Weitere Einzelheiten zu Chinas Problemen haben wir in einem Dossier zusammen getragen und am 20.06.2011 hier veröffentlicht. Bitte dort nachlesen. Starke Partner sehen jedenfalls anders aus.

Nicht wirklich besser geht es den anderen Ländern in der Aufzählung. Alle sind abhängig von der weltwirtschaftlichen Großwetterlage, deren desolater Zustand hinlänglich bekannt sein sollte.

Europa muss und kann diese Krise alleine lösen. Leider nur noch nicht jetzt. Erst wenn Italien und Frankreich dauerhaft „unter Feuer liegen“, wird Europa gezwungen zu erkennen, dass nur Einigkeit stark macht. In diesem Moment geht der Schuss für die Amerikaner nach hinten los und die Angriffe gegen den Euro kommen als Bumerang zurück. Spätestens dann wird die Wall Street täglich „schwarz“ von Menschen sein, die gegen Bosse und Politiker demonstrieren, quer durch die politischen Lager und Religionen. Dagegen hilft dann auch keine Brutalität von Polizei und Nationalgarde mehr, sondern nur noch eine tiefgreifende Veränderung, die sich heute noch unserer Vorstellung entzieht.

Zum Schluss noch ein Zitat, wie wir finden passend zur aktuellen Situation:

„Währungsspekulaten sind Leute, die fest an die Unfähigkeit von Regierungen glauben.“ (Pierre van Dangen)


Montag, 24. Oktober 2011

Standpunkt 85 - Staatsressource Privatvermögen


Der folgende Artikel ist auf faz.net am 22.10.2011 erschienen. Wir haben ihn im Original übernommen, nichts weggelassen, nichts hinzugefügt. Das Copyright liegt bei Reuters und der F.A.S. 

Der Autor stellt einen sehr schmerzhaften Lösungsansatz für die Staatsschuldenkrise vor und nimmt dabei ausführlich zur derzeitigen Gemengelage Stellung. Lesenswert.  

"Staatsressource Privatvermögen 

Sagt die Wahrheit!    

Von Nils Minkmar 

Was sich gegenwärtig Politik nennt, ist das Weiterreichen von Zeitbomben. Den europäischen Regierungen bleibt als letzte Ressource nur das Privatvermögen ihrer Bürger.  

Meine französischen Großeltern bewahrten eine Staatsanleihe auf, unter Glas. Sie war grün und trug das Siegel des Zaren. Irgendein Urahn hatte seine hart verdienten Francs im Vertrauen auf den emerging market im Osten in emprunts russes angelegt und den Titel, der nach 1917 bloß noch ein grünes Blatt war, mit dem Altpapier vererbt. Später hing er auf dem Klo. Der Zinssatz, das Einzige, was der des kyrillischen Alphabets Unkundige auf dem Blatt entziffern konnte, betrug 2,5 Prozent. Es sollte also konservativ angelegt werden, und wer konnte so eine Philosophie glaubwürdiger verkörpern als der russische Zar, zu jener Zeit, da Lenin noch ein Gerücht unter Cafébesuchern war. 

Dann verschwand das russische Reich vom Radar der Ratingagenturen, und viele Franzosen verloren ihr Vermögen. Wenn es zum historischen Crash kommt, geht alles zugleich unter: das Geld, die Banken, die bürgerliche Gesellschaft, der Staat, sein Oberhaupt und dessen ganze Familie. 

Staat und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig

Darum sind diese Wochen jetzt so nervtötend: Wie Zuschauer eines Tennismatches blicken wir von der Spielhälfte der Staaten zu der Spielhälfte der Banken, Börsen und Versicherungen und wieder zurück und verfolgen, wie sie einander entsicherte Handgranaten zuspielen. Die Konfusion der aktuellen Nachrichtenlage erinnert an die letzten Tage von Enron oder Madoff Securities: Alle Verantwortlichen versuchen panisch, die Komplexität zu erhöhen, um das böse Ende hinauszuzögern, auf dass niemand merke, wie deprimierend schlicht die Wahrheit ist. Der Versuch, die Mittel des ESFS zu erhöhen, gleicht den verzweifelten Bemühungen des späten Michael Jackson, einen Koffer voller Dollarnoten durch die Kräfte von Stierblut oder eines afrikanischen Marabus auf den vielfachen Wert zu hebeln. Es ist moderne Alchimie.

Man mag darüber sinnieren, wie es so weit kommen konnte, dass den vom Volk gewählten Regierungen solche illegitimen Gegner erwachsen konnten und dass relevante Regierungsberatungen sonntags stattfinden müssen, weil nur dann Ruhe ist vor diesen Börsenhysterikern. Aber das Bedauern über die Macht einer manisch-depressiven Branche, die keinen nennenswerten realwirtschaftlichen Zweck erfüllt und bleibende Werte nur für wenige schafft, ändert nichts an der Lage: Staat und Finanzsektor erpressen sich gegenseitig. Fordert eine Seite todesmutig die Eigenkapitalerhöhung, antwortet die Gegenseite mit der Herabstufung eines Staates oder mit einer Rede von Josef Ackermann - als ob sich der eine Sektor von dem anderen lösen könnte.

Eine Situation wechselseitig garantierter Zerstörung

Es gibt keine Staaten mehr, die unabhängig vom Finanzmarkt funktionieren können. Darum sind die verständlichen Wünsche nach einer Zähmung, Einhegung und Enteignung der Geldhändler nicht bald umzusetzen. Der Glaube an den Wert von Papieren und Schuldtiteln, Anleihen und Banknoten, an die Unantastbarkeit des Eigentums und an die Schönheit des Reichtums gehört zu unserem Betriebssystem. All diese Ansprüche sind rechtlich geschützt. Nur Operettenstaaten können übers Wochenende eine neue Währung erfinden und alle alten Zahlungsmittel zu Altpapier erklären, um neu durchzustarten. Aber wahr ist auch: Ohne Staat gibt es überhaupt kein Geld. Goldman Sachs mag zwar die Welt regieren - aber Geld drucken dürfen sie nicht, das kann nur ein Staat. Kein Wunder, dass sie immer mal wieder versuchen, sich einen zu kaufen.

Der Wahnsinn der blitzschnell zirkulierenden, ungedeckten Schuldscheine hat zu einer Situation wechselseitig garantierter Zerstörung geführt - vergleichbar der Endphase des Kalten Krieges. Was zwischen Staaten und Banken jetzt nötig ist, sind Abrüstungsverhandlungen unter dem Schirm einer Art KSZE. Bislang wird nur auf Zeit gespielt: Droht ein Staat bankrottzugehen, wird seine Risikolast per Schuldenschnitt auf die Anleger verlagert. Drohen Banken, Versicherungen oder Rentenfonds unter dieser Last zu fallen, springt wieder ein Staat ein. Was sich gegenwärtig Politik nennt, ist also nichts anderes als das Weiterreichen von Zeitbomben, deren Auslösezeitpunkt niemand kennt. Es könnte in Jahren sein oder heute Nachmittag. So eine Situation, diesen Geldbedarf aller europäischen Staaten zusammen, hat es noch nie gegeben.

Immer noch besser als jeder andere Weg

Die Krise von 2008 ist, was die Strukturänderungen des Finanzsektors angeht, weitgehend verpufft, aber die Schulden sind geblieben. Meinhard Miegel ahnte die jetzige Misere schon im Juni 2009: In der nächsten Krise, sagte er im Interview mit dieser Zeitung, würden nicht mehr nur Banken und Unternehmen wackeln, sondern ganze Staaten: „Manche meinen, dann käme so etwas wie ein finaler Crash. Doch final oder nicht final - wir sollten auf wirklich tiefgreifende Veränderungen vorbereitet sein.“ So sehen es auch die Analytiker der Boston Consulting Group.

In einem Papier vom vergangenen September mit dem Titel „Back to Mesopotamia“ untersuchen David Rhodes und Daniel Stelter die den europäischen Regierungen verbliebenen Möglichkeiten. Es sind nicht mehr viele. Weder drastische Sparprogramme noch inflationäre Geldvermehrung sind möglich. Haushaltsüberschüsse sind nicht zu erwarten, auch nicht ein Wachstum, das der Schuldenlast entsprechen würde; das hat auch mit dem demographischen Wandel zu tun. Den europäischen Regierungen bleibt, um die Schulden zu bezahlen, eigentlich nurmehr eine Ressource: der private Wohlstand ihrer Bürger. Die BCG rechnet mit einer einmaligen Wohlstandsabgabe auf Vermögen und Immobilien irgendwo zwischen zwanzig und dreißig Prozent. Sie wäre schwer durchzusetzen, unpopulär und so weiter - aber immer noch besser als jeder andere Weg.

Jede Zeit hat ihre Zaren

Es gibt heute keinen verantwortlichen Politiker, der sich zu sagen traut, was die Boston Consulting Group schreibt. Die Anpassung des Finanzsektors an die wirkliche Welt, die Transaktionssteuer, die juristische Verfolgung der Betrugssysteme, all das wird kommen. Aber erst werden wir zusammen ärmer, müssen wir mehr und länger arbeiten, für weniger Netto. Es sollte jetzt ein Satz fallen, den sich seit Jahrzehnten niemand auszusprechen traut: dass die Steuern steigen werden, dauerhaft und spürbar, und dass sie der Preis unserer Zivilisation sind.

Komisch, dass weder Merkel noch Sarkozy so etwas sagen. Beide haben politisch eigentlich nichts mehr zu verlieren.

Oder wir machen eben weiter wie bisher: die Reichen behalten und mehren ihr Geld, kaufen Sicherheitsdienste und ignorieren weitgehend, was draußen so los ist. Wie der Zar.“

Quelle: F.A.S. 


Donnerstag, 20. Oktober 2011

Standpunkt 84 - Fiskalische Anreize


Das Schreckgespenst fiskalischer Anreize


Beitrag von Jomo Kwame Sundaram, erschienen heute auf www.project-syndicate.org, übernommen in der angebotenen deutschen Übersetzung. Das Copyright bleibt natürlich bei Project Syndicate. Kontrollfreaks finden das englische original ebenfalls auf der angegebenen Internetseite.

Jomo Kwame Sundaram ist Untergeneralsekretär für Wirtschaftsentwicklung der Vereinten Nationen und wurde 2007 für seine hervorragenden Beiträge zur Wirtschaftstheorie mit dem Wassily-Leontief-Preis ausgezeichnet.

Aus unserer Sicht ein absolut lesenswerter Artikel zur Meinungsbildung im Zusammenhang mit Lösungsmöglichkeiten zu der aktuellen Krise. Deshalb für unsere Leser hier zum Lesen:


“NEW YORK: Nach dem wirtschaftlichen Desaster der Jahre 2008-2009 sind die Menschen verständlicherweise auf der Hut vor den Verheerungen, die eine weitere Finanzkrise anrichten könnte. Doch die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Krise ist relativ gering, und ihre negativen Folgen wären diesmal deutlich weniger schlimm, da es keine riesigen Kredit- oder Vermögenspreisblasen mehr gibt, die platzen könnten.

Dies hat Kommentatoren und Medien nicht daran gehindert, diese Befürchtungen zu übertreiben – und hat von größeren Anstrengungen zur Bewältigung der anhaltenden Stagnation in großen Teilen der entwickelten Welt abgelenkt, was unweigerlich andernorts, und insbesondere in den Entwicklungsländern, zu einer Verlangsamung der wirtschaftlichen Erholung führen wird.

Das derzeit beliebteste Schreckgespenst ist die Verschuldung der öffentlichen Haushalte. Viel Aufhebens wird derzeit um das hohe Ausmaß der Staatsverschuldung auf beiden Seiten des Atlantiks und in Japan gemacht. Doch wie Wirtschaftskommentator Martin Wolf angemerkt hat, ist die „von den öffentlichen Haushalten ausgehende Herausforderung eine langfristige und keine unmittelbare.“ Gleichermaßen gilt, dass Japan zwar unter den reichen Ländern die höchste Schuldenquote aufweist, dies jedoch kein ernsthaftes Problem ist, da die Gläubiger in Japan selbst sitzen. Und was Europas Schuldenprobleme angeht, so ist inzwischen allgemein anerkannt, dass diese auf schlecht durchdachten Aspekten der europäischen Integration beruhen.

Die internationale Gemeinschaft hat es trotz der eindeutig dysfunktionalen und problematischen Folgen vergangener internationaler staatlicher Schuldenkrisen bisher versäumt, effektive und gerechte Arrangements zur Restrukturierung staatlicher Schulden zu entwickeln. Dies verhindert im Fall der Fälle die zeitnahe Bereinigung dieser Schulden und behindert de facto eine Erholung.

Hohe öffentliche Schulden werden auch als Beleg für die Notwendigkeit staatlicher Sparmaßnahmen in vielen entwickelten Ländern angeführt. Doch statt zu helfen, kehren die überstürzten Haushaltseinschnitte frühere Erholungsanstrengungen um. Angesichts der nach wie vor schwachen Nachfrage des privaten Sektors verlangsamt die Sparpolitik eine Konjunkturerholung, statt sie zu beschleunigen. Schon jetzt hat sie Wachstum und Beschäftigung verringert. Und während die Finanzmärkte auf einer Defizitreduzierung beharren, legen der jüngste Rückgang der Aktien- und Rentenkurse und der sich darin widerspiegelnde Vertrauensverlust nahe, dass auch die Finanzmärkte die negativen Auswirkungen einer Haushaltskonsolidierung in Zeiten schwacher privater Nachfrage erkennen.

Die Gegner fiskalpolitischer Konjunkturimpulse behaupten zynischerweise, dass alle derartigen Anstrengungen zwangsläufig scheitern würden, und führen als Beleg ausgerechnet die Steuersenkungen unter US-Präsident George W. Bush an! Andere verweisen darauf, dass die „quantitative Lockerung“ der US-Notenbank bestenfalls bescheidene Erfolge gezeitigt habe. Jetzt wird behauptet, das Europas „automatische Stabilisatoren“ (die die Auswirkungen der  Krise zweifellos gemindert haben) ausreichen, um eine Erholung zu gewährleisten – trotz deutlicher Hinweise auf das Gegenteil.

Langsameres Wachstum bedeutet weniger Steuereinnahmen und eine schnellere Abwärtsspirale. Die Haushaltsdefizite der meisten großen Länder spiegeln derzeit den aktuellen Einbruch bei den Steuereinnahmen wider, der auf den Konjunkturabschwung folgte, sowie die sehr kostspieligen Maßnahmen zur Rettung des Finanzsektors. Und doch beharren viele Politiker darauf, dass sofortiges Handeln nicht allein die Haushaltsdefizite beseitigen würde, sondern auch die Handelsungleichgewichte und die Schwächen in den Bilanzen der Banken. Nun müssen diese zweifellos längerfristig in Angriff genommen werden; ihnen jetzt Priorität einzuräumen freilich verhindert stärkere, nachhaltige Anstrengungen zur Wiederbelebung der Konjunktur.

Die falsche Politik kann Rezessionen herbeiführen. Dies geschah 1980/81, als die US-Notenbank die realen Zinsen erhöhte. Angeblich sollte das die Inflation stoppen, aber es führte zugleich zu einem weltweiten Konjunkturabschwung. Dies trug nicht nur zu staatlichen Schulden- und Haushaltskrisen bei, sondern, außerhalb Ostasiens, auch zu einer lang anhaltenden Stagnation, die Lateinamerikas „verlorenes Jahrzehnt“ ebenso umfasste wie Afrikas „Rückschritt um ein Vierteljahrhundert“.

Eine weitere Ablenkung ist die Übertreibung der Inflationsgefahr. Die jüngste Inflation in vielen Ländern ist das Ergebnis hoher Rohstoffpreise, insbesondere bei Treibstoffen und Lebensmitteln. Unter diesen Umständen wird eine deflationäre Politik im eigenen Lande das Wachstum nur weiter verlangsamen – und sie ist hilflos, was die Bekämpfung der importierten Inflation angeht.

Leider erhalten heute entfernte Möglichkeiten höchste politische Priorität, während dringende Aufgaben, die auf der Hand liegen – die Koordinierung und Umsetzung von Bemühungen zur Schaffung und Bewahrung von Wachstum und Arbeitsplätzen – ignoriert werden. Zugleich verschlimmern Einschnitte bei den Sozialausgaben die Lage angesichts weiterer Rückgänge bei der Verbrauchernachfrage und den Beschäftigungszahlen nur weiter.

Der Druck auf die Arbeitsplätze und die Budgets der privaten Haushalte dürfte weiter anhalten. Lautstarke Rufe nach Strukturreformen zielen zumeist auf die Arbeitsmärkte ab, nicht auf die Produktmärkte. Eine wachsende Unsicherheit der Arbeitnehmer wird als Grundlage für eine gesunde Volkswirtschaft betrachtet. Eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes untergräbt unter derartigen Umständen nicht nur die verbleibende soziale Absicherung, sondern dürfte auch die Realeinkommen, die Gesamtnachfrage und daher auch die Aussichten auf eine Konjunkturerholung verringern.

Zudem sind in den vergangenen Jahrzehnten die Gewinne nicht nur zu Lasten der Löhne und Gehälter gestiegen, sondern ein viel größerer Teil davon entfiel im Vergleich zu anderen Sektoren auf die Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft. Die skandalösen Zunahmen bei der Vergütung von Führungskräften auf dem Finanzsektor in den letzten Jahren, die sich nicht auf einen Anstieg der Produktivität zurückführen lassen, haben den Fokus des Finanzsektors auf kurzfristige Entwicklungen verschärft und zugleich seine Risikoexponierung längerfristig verschlechtert und so die Anfälligkeit des Systems erhöht.

Die wachsende Ungleichheit bei den Einkommen in den meisten Ländern vor der großen Rezession hat die Sache nur verschlimmert, denn sie hat die Ersparnisse der Haushalte verringert und den Konsum und Vermögenserwerb auf Pump verstärkt, statt die Investitionen in neue wirtschaftliche Kapazitäten zu erhöhen.

Was die Welt jetzt braucht, sind Führer, die die langfristige Zukunft im Blick haben. Die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten internationalen Finanzinstitutionen wurden nicht allein geschaffen, um für internationale Geld- und Finanzstabilität zu sorgen, sondern auch, um die Bedingungen für nachhaltiges Wachstum, die Schaffung von Arbeitsplätzen, den Wiederaufbau nach dem Krieg und die postkoloniale Entwicklung zu schaffen.

Unglücklicherweise wird die aktuelle Politik unter dem Aspekt „marktfreundlicher“ – de facto prozyklischer – Entscheidungen gerechtfertigt. Aber es sind antizyklische Maßnahmen, Institutionen und Instrumente, die stattdessen dringend gebraucht werden.

Die weltweiten Führungen scheinen heute in der Geiselhaft der Finanzinteressen und der mit diesen verbundenen Medien, Ideologen und Oligarchen zu sein, deren politischer Einfluss diese in die Lage versetzt, sich mehr Zinseinkünfte zu sichern und niedrigere Steuern zu zahlen – ein absoluter Teufelskreis. Tatsächlich ist die große Gefahr, vor der wir heute stehen, nicht die Staatsverschuldung oder Inflation, sondern eine wirtschaftliche Abwärtsspirale, die umzukehren zunehmend schwieriger werden wird.”

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Standpunkt 83 - Frankreich leidet


Frankreich in Not …

Wir haben den chronologischen Ablauf bereits vor Monaten dokumentiert. Falls es Sie noch interessiert, lesen Sie dazu bitte unsere ersten Blogbeiträge.

Frankreich war für uns längst adressiert. Aufgrund der Rating-Herabstufung der USA werden von den Agenturen alle Länder angegriffen, die bisher noch den Triple-A-Status haben. Von den winzig kleinen, unwichtigen, abgesehen. Lesen Sie dazu die Ausgabe 75 vom 23. September mit dem Titel „Die Triple-A Märchen“.

Wirtschaftliche und politische Verhältnisse werden von den Rating-Agenturen für die Drohungen und folgende Herabstufung gerne angeführt, in Wahrheit spielen diese Dinge keine Rolle. Den Agenturen kommt entgegen, dass ihr Bild in der Öffentlichkeit mittlerweile wieder ganz ansehnlich geworden ist. Ihnen wird unterstellt, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben und jetzt die Dinge wirklich beim Namen zu nennen. Was für ein Nonsens.

Frankreich steht im Vergleich zu den USA blendend da. Selbst die 10 größten franz. Banken haben nicht so viel Müll in ihren Bilanzen wie die vergleichbaren US-amerikanischen. Wichtig: Alleine die 5 größten US-Banken halten geschätzte 70% des weltweiten Derivate-Müll-Volumens von mindestens 700 Billionen USD (BIZ-Zahl) bis 1 000 Billionen USD (US-Studie) in ihren Bilanzen versteckt. Da sind die aktuellen Quartalsmeldungen von Citi Group, Bank of America, JP Morgan, nur das Ergebnis maximaler Bilanzkosmetik. 

Die aktuellen Berichte der Journaille in den einschlägigen „Fach“-Zeitungen sind gespickt mit Fehldeutungen und falschen Annahmen. Nach wie vor ist man dort nicht bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Genauso wie am Vorabend der Finanzkrise 2008, übrigens.

Frankreich hat keine Chance, sich gegen diese bestens orchestrierten Angriffe zu wehren. Hier muss eine konzertierte Aktion der Euro-Zone, mit Unterstützung von Rest-Europa, her. Und zwar schnell. Was wir erleben ist das genaue Gegenteil. Den sogenannten „Spekulanten“ werden noch die Steigbügel für ihre Angriffe gehalten. Von Großbritannien, Polen, den baltischen Staaten, Ungarn, für einige Stunden auch durch die Slowakei. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei Großbritannien, das wirtschaftliche und politische Armenhaus Europas. Vielstimmig gefeiert von den deutschen Stammtischen für seine anti-europäische Haltung, bewegt sich diese einstige Weltmacht, lt. Aussage der Bank of England, schnurgerade auf die Verhältnisse der 1920er Jahre zu. Kaputtgespart von einer politischen Führung, die diesen Namen wahrscheinlich nicht verdient. Aktuell schon mit einer Gesamtverschuldung (847%), die nur von Irland (1166%) noch getoppt wird (Quelle: manager-maganzin.de). Aber dafür hat das Land  sein Vermögen gut angelegt: Es ist Mitte 2011, nach China und Japan, drittgrößter Gläubiger der USA mit 346,5 Milliarden USD. Vor einem Jahr, Mitte 2010, waren es nur 94,5 Milliarden USD (Quelle: handelsblatt.com). Natürlich denken wir uns nichts bei diesem Anstieg von rund 250 Milliarden USD innerhalb weniger Monate! Sicherlich nur der Flucht aus dem Euro geschuldet.

Die Folge dieses handlungsschwachen Europa? Wir zählen in Wochen, nicht mehr in Monaten, dass die sogenannten „Spekulanten“ die Jagd auf Deutschlands Triple-A-Ranking eröffnen werden. Der innenpolitische Druck auf Obama und der US-Präsidentschaftswahlkampf bestimmen das Tempo. Sonst nichts. Barack Obama, der Präsident der gebrochenen Wahlversprechen, sucht händeringend nach Erfolgen, egal wie kurzlebig sie ausfallen. Mit China wird sich Amerika nicht ernsthaft anlegen, auch der Iran ist nicht gerade abendfüllende Ablenkung, da kommt die politisch schwächelnde Wirtschaftsmacht Europa gerade recht.

Schon heute prophezeien wir, wer für die Meinungsführer an den deutschen Stammtischen die Schuldigen an dieser Entwicklung sind: Der Euro, gefolgt von den bösen PIIGS-Staaten, die sich in die Euro-Zone geschummelt und dann noch über ihre Verhältnisse gelebt haben, statt sich der deutschen Zucht und Ordnung zu unterwerfen. Andere, aus unserer Sicht richtige Deutungen, wird es geben, werden jedoch niedergebrüllt.

Verfolgen Sie hier in den nächsten Wochen unsere Bewertungen der weiteren Entwicklung und bilden Sie sich dazu, unabhängig vom Mainstream, eine eigene Meinung. 

Dienstag, 18. Oktober 2011

Standpunkt 82 - Widerstand!


Aufruf zum Widerstand!

Nein, damit meinen wir nicht, sich einem der „occupy“-Proteste anzuschliessen, die in den letzten Tagen ihren Weg nach Europa gefunden haben und gestern in der Online-Ausgabe der Financial Times Deutschland  schon gleich als „Keim einer neuen Massenbewegung“ beschrieben werden. Sicherlich setzen diese Proteste öffentliche Zeichen und fordern auch gleich Zustimmung bei den Politikern aller Parteien ein. Deshalb aber gleich von einer „neuen Massenbewegung“ zu sprechen erscheint uns bei regelmäßig nur wenigen Tausend Demonstranten doch sehr gestelzt. Rom mit über 100 000 Demonstranten ist die Ausnahme, nicht zuletzt auch wegen der massiven Krawalle als wichtiger Teil dieser Veranstaltung. Hier spielen die besonderen Verhältnisse in der politischen Führung eine ausgeprägte Rolle.

Sicherlich können öffentliche Proteste Zeichen setzen. Besonders Anschauungsmaterial dafür liefern, wie die politische Führung des jeweiligen Landes gedenkt, damit umzugehen. Sehr gut zu beobachten bei den doch immer wieder brutalen Attacken der New Yorker Polizei oder auch bei dem äußerst strammen Vorgehen der Beamten auf dem Berliner Reichstagsgelände. Wir haben alle Achtung vor den Demonstranten, die sich solchen Auseinandersetzungen stellen. Unsere Sache ist es nicht.

Wir meinen und leisten Widerstand einer anderen Art. Seit unserem letzten Beitrag vor zwei Wochen haben wir wieder einmal dem Volk „aufs Maul geschaut“. Dieses Mal sehr intensiv in den Kommentaren der einschlägigen Medien, wie Handelsblatt, Wirtschaftswoche, usw., wo jeder Kommentator schreiben darf, was ihm in den Sinn kommt und wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wir ersparen uns hier Einzelheiten, täglich finden sich vielfache Kostproben in den Online-Ausgaben dieser und anderer „Fach“-Blätter. Bestens beschrieben mit einem Zitat des Dichters Art van Rheyn: „Die Natur verteilt ihre Gaben gerecht: Die mit dem schwachen Verstand bekommen die lauteste Stimme.“

Allen gemeinsam ist außerdem die behauptete Gewissheit, für die Mehrheit der Deutschen zu sprechen. Halten wir für undenkbar. Deshalb fordern wir die „schweigende Mehrheit“ zum Widerspruch auf. Wir appellieren an alle besonnenen Menschen, das Feld der öffentlichen Meinungsäußerung nicht alleine von diesen Schreihälsen beackern zu überlassen. Zugegeben, es ist ein hartes Stück Arbeit, sich mit Form und Inhalt dieser Kommentare auseinander zu setzen. Starke Nerven und kaltes Blut sind unabdingbare Voraussetzungen dafür. Aber es ist dringend, wirklich dringend notwendig. Jede Stimme zählt. Heute schon.

Abschliessen wollen wir mit einem treffenden Zitat der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916): „Der Klügere gibt nach – eine traurige Wahrheit: Sie begründet die Weltherrschaft der Dummen.“ 

Dienstag, 4. Oktober 2011

Standpunkt 81 - EU-Bankenkrise


Bankenkrise in Europa: Gewinnt Amerika Währungskrieg gegen den Euro?


Schon seit einigen Wochen werden in den einschlägigen US-Blogs die europäischen Banken aufgrund der Euro-Krise niedergeprügelt. Im Focus standen vornehmlich französische, italienische und spanische Banken. Die griechischen Banken waren schon längst kein Gesprächsthema mehr. Diese Einschätzung hat dann, mit einigem Zeitversatz, Eingang in die deutschsprachigen Medien gefunden. Selbst die sogenannten „freien Medien“ haben sich dankbar auf diesen Knochen gestürzt, der von den Amerikanern über den Großen Teich geworfen wurde.

Favorit für den ersten Crash war danach die französische Großbank Société Générale, deren Engagements in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal als höchst verlustreich eingestuft wurden. Dicht gefolgt von dem Crédit Agricole, einer weiteren französischen Großbank. Deutlich ist hier ein Schema zu erkennen: Nach Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien, wird nun im Währungskrieg US-Dollar vs Euro Frankreich sturmreif geschossen. Herabstufungen durch die Ratingagenturen sind die Folge, negative Ausblicke werden angedroht. Nur: Diese Banken wanken, aber sie fallen nicht. Wieder einmal sieht es so aus, ähnlich wie bei den Angriffen durch Greenspan, Geithner oder Obama, dass die Wirkung viel zu schnell verpufft.

Logische Konsequenz: Seit gestern steht die wesentlich kleinere französisch-belgisch-luxemburgische Kommunalbank Dexia im Feuer. Moody’s droht gleich mit einer Herabstufung, die Zeit drängt. Schliesslich stehen die big player Amerikas schon wieder „under water“, sind bereits herabgestuft oder stehen kurz davor. Tausende Arbeitsplätze sollen dort in den nächsten Monaten abgebaut werden, die Bank of America will sich von Geschäftsfeldern trennen, usw., usw. Die Liste der Schwierigkeiten bei den Top-10-US-Banken ist lang und wird von Tag zu Tag länger.

Für die Wall Street und Obama, den Schelm aus Washington, ist es überlebenswichtig, den Europäern die Schuld an dem kommenden Debakel in die Schuhe schieben zu können. Deshalb muss es zuerst in Europa krachen: Entweder eine Bank, oder gleich ein ganzes Land. Die vorgeblichen Rettungsbemühungen und die entsprechenden Forderungen Amerikas an die europäische Adresse sind alles nur Nebelkerzen, mit denen die wahren Zustände verschleiert werden sollen.

Scheinbar mit Erfolg. Deutschland fällt als Führungsnation quasi vollständig aus. Der deutsche Michel hat sich an seinen Stammtischen terriergleich in der griechischen Tragödie festgebissen und will – angetrieben von den medialen Speerspitzen der Euro- und Rettungsgegner - einfach nicht loslassen. Die Bundesregierung agiert wegen dieser lautstarken Anti-Stimmung mutlos und verzagt. Die wenigen besonnenen, mahnenden Stimmen werden niedergebrüllt, bzw. niedergeschrieben. Am Ende wird es so zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, nach der dann wirklich nicht mehr nur Beträge und Garantien in Milliardenhöhe, sondern gleich in Billionenhöhe erforderlich sind, um weitere Zusammenbrüche von Banken und/oder Ländern zu verhindern. US-Blogs rechnen sowieso schon damit, dass 5 Billionen Euro nötig sind, um die Euro-Zone zu retten. Diese Leute sind keine Hellseher, sie gehen aber einfach davon aus, dass Europa nicht in der Lage ist, sich wirkungsvoll gegen die US-Stategie zur Wehr zu setzen.

Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die amerikanischen Interessen in Europa bestens vertreten werden. Jüngstes Beispiel, die Transaktionssteuer. Sicherlich kein großer Wurf, trotzdem nicht durchsetzbar gegen Großbritannien. Oder die Haltung der Slowakei gegen die Ausweitung des Rettungsschirms. Oder die Diskussionen im Zusammenhang mit Polens Beitritt zur Euro-Zone. Oder die „Rettung“ der EU-Pleitestaaten in Osteuropa (Ungarn, Rumänien, Lettland) mit Geldern direkt aus Amerika zu Konditionen, von denen Irland, Portugal und Griechenland nur träumen können. Alles bisher kein Thema in den deutschen Medien.

Amerika muss und wird den Druck auf Europa und den Euro weiter erhöhen. Weil nämlich in den USA die Proteste gegen die Politik von Präsident Obama, aber auch gegen die Haltung der Republikaner, eine neue Qualität erreicht haben: Neuerdings wird die Wall Street bestreikt. Es sind nur einige Hundert Demonstranten, die schon seit Tagen rund um die Uhr demonstrieren, aber es werden mehr. Schon alleine deshalb, weil Polizisten mit ziemlicher Härte gegen die Demonstranten vorgehen, wie im Internet zu sehen ist. Die Nachrichtenlage ist noch dürftig, wer sich dafür interessiert, wird trotzdem im Netz fündig. Selbst die deutschen Medien berichten, nur nicht über die Brutalität der Polizei.

Fazit: Die Chancen stehen schlecht für Europa, noch Boden gut zu machen. Amerikas Angriffe sind gut vorbereitet und werden aus dem Kreis der EU27-Länder unterstützt. Deshalb ist es auch völlig unerheblich, wie sich Europa zur Wehr setzt. Keiner der vielen Lösungsvorschläge, egal aus welchem Lager, wird daran etwas ändern. Für die Finanzkrise 2008 war Amerika verantwortlich, für die weitere Entwicklung soll es Europa sein. 


Standpunkt 80 - Stiglitz - Weltwirtschaft

 

Joseph E. Stiglitz: Heilung der Wirtschaft


Zuletzt war es in Ausgabe 49, dass der renommierte und von uns sehr geschätzte US-Ökonom hier zu Wort gekommen ist. Stiglitz hat sich jetzt wieder einmal bei www.project-syndicate.org mit einem bemerkenswerten Aufsatz zu Wort gemeldet, den wir hier in der deutschen Übersetzung abdrucken. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Wie immer, für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.  

Stiglitz, der u. a. 2007 ein mutiges Buch über die Kosten der US-Kriege im Irak und Afghanistan veröffentlicht hat, ist ein genauer Beobachter des Weltgeschehens und liefert einen nachdenkenswerte Überblick zum Geschehen. Empfehlenswert für alle, die sich eine eigene Meinung, fern von den fest zementierten Meinungspfaden, bilden. 


“NEW YORK: Der wirtschaftlich Abschwung, der 2007 begann, hält weiter an, und die Frage, die sich alle stellen, ist offensichtlich: Warum? Ohne ein besseres Verständnis der Ursachen der Krise können wir keine effektive Erholungsstrategie umsetzen. Und bisher haben wir weder das Eine noch das Andere.

Man hat uns erzählt, dass dies eine Finanzkrise sei, also haben sich die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks auf die Banken konzentriert. Man hat uns Konjunkturprogramme als vorübergehendes Schmerzmittel verkauft, dass erforderlich sei, um die Lücke zu überbrücken, bis sich der Privatsektor erholt und die private Kreditvergabe wieder einsetzt. Doch während die Banken inzwischen wieder rentabel sind und erneute fette Boni zahlen, hat sich die Kreditlage nicht erholt, trotz auf ihren Tiefstständen verharrenden langfristigen und kurzfristigen Zinsen. 

Die Banken behaupten, dass die Kreditvergabe aufgrund des Mangels an kreditfähigen Darlehensnehmern beschränkt bleibe, was an der kranken Wirtschaft läge. Und wichtige Daten deuten darauf hin, dass dies zumindest teilweise stimmt. Schließlich sitzen die Großunternehmen auf Billionen an Bargeld; also ist es nicht der Geldmangel, der sie von Investitionen und Einstellungen abhält. Einige – vielleicht sogar viele – Kleinunternehmen freilich sind in einer ganz anderen Lage: Ohne Finanzmittel können sie nicht wachsen, und viele sind sogar gezwungen, zu schrumpfen. 

Trotzdem liegen die Unternehmensinvestitionen insgesamt – lässt man den Bausektor einmal beiseite – inzwischen wieder auf 10% vom BIP gestiegen (gegenüber 10,6% vor der Krise). Angesichts der großen Überkapazitäten bei den Immobilien wird das Vertrauen sein Vorkrisenniveau nicht so bald wieder erreichen, egal, was man auf dem Bankensektor tut. 

Die unverzeihliche Verantwortungslosigkeit des Finanzsektors, der man durch rücksichtslose Deregulierung freien Lauf ließ, war offensichtlich der auslösende Faktor der Krise. Das Erbe der Überkapazitäten bei den Immobilien und der überschuldeten Haushalte macht die Erholung umso schwieriger. 

Aber die Konjunktur war bereits von der Krise schwer krank; die Blase auf dem Häusermarkt hat ihre Schwächen nur übertüncht. Ohne den durch die Blase gestützten Konsum hätte es einen massiven Ausfall bei der Gesamtnachfrage gegeben. Stattdessen fiel die persönliche Sparquote auf 1%, und die untersten 80% der Amerikaner gaben jedes Jahr rund 110% ihres Einkommens aus. Selbst wenn der Finanzsektor vollständig wiederhergestellt wäre, und selbst wenn diese verschwenderischen Amerikaner die Lehre über die Wichtigkeit des Sparens nicht gelernt hätten, wäre ihr Konsum nun auf 100% ihres Einkommens beschränkt. Wer also davon spricht, dass der Konsum „wiederkommt“ – selbst nach der Entschuldung –, lebt in einer Traumwelt. 

Den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen, war für eine wirtschaftliche Erholung notwendig, aber alles andere als hinreichend. Um zu verstehen, was zu tun ist, müssen wir uns die wirtschaftlichen Probleme bewusst machen, die vor dem Ausbruch der Krise bestanden. 

Zunächst einmal waren Amerika und die Welt Opfer ihres eigenen Erfolges. Die Produktivität wuchs schneller als die Nachfrage, was bedeutete, dass die Beschäftigung in der produzierenden Industrie zurückging. Die Arbeitskräfte mussten auf den Dienstleistungssektor ausweichen. 

Das Problem ist analog zu jenem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das schnelle Produktionswachstum in der Landwirtschaft die Arbeiter aus den ländlichen Gebieten in die städtischen Fertigungszentren zwang. Angesichts des Rückgangs der landwirtschaftlichen Einkommen um über 50% zwischen 1929 und 1932 hätte man massive Bevölkerungsbewegungen erwarten können. Doch die Arbeiter waren im ländlichen Sektor „gefangen“: Es fehlten ihnen die Ressourcen, um wegzugehen, und ihre schrumpfenden Einkommen schwächten die Gesamtnachfrage derart, dass die Arbeitslosigkeit in den Städten/im produzierenden Gewerbe steil in die Höhe schoss.

Für Amerika und Europa wird die Notwendigkeit, dass die Arbeit sich aus der produzierenden Industrie weg verlagert, durch sich verlagernde Wettbewerbsvorteile verschlimmert: Nicht nur ist die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie weltweit beschränkt, sondern der lokale Anteil dieser Arbeitsplätze verkleinert sich.

Die Globalisierung ist einer, aber eben nur einer der Faktoren, die zu dem zweiten Schlüsselproblem betragen – wachsender Ungleichheit. Die Verlagerung der Einkommen weg von denen, die sie ausgeben, hin zu denen, die dies nicht tun, verringert die Gesamtnachfrage. Genauso verlagerten steigende Energiepreise die Kaufkraft von den USA und Europa auf die Ölexporteure, die, da sie die Schwankungsanfälligkeit der Energiepreise erkannten, zu Recht einen Großteil dieser Einnahmen sparten. 

Das abschließende Problem, das zur Schwäche bei der globalen Gesamtnachfrage beitrug, war die enorme Anhäufung von Devisenreserven durch die Schwellenmärkte – teilweise motiviert durch das Missmanagement der Ostasienkrise in den Jahren 1997/98 durch den Internationalen Währungsfonds und das US-Finanzministerium. Diese Länder erkannten, dass sie ohne Reserven Gefahr liefen, ihre wirtschaftliche Souveränität zu verlieren. Viele sagten sich. „Nie wieder.“ Doch während diese Anhäufung von Reserven – gegenwärtig sind es in den Schwellen- und Entwicklungsländern etwa 7,6 Billionen Dollar – sie schützte, wurde das Geld, was in diese Reserven floss, nicht ausgegeben. 

Wo stehen wir heute bei der Bekämpfung dieser grundlegenden Probleme? Um mit dem zuletzt genannten zu beginnen: Diejenigen Länder, die große Reserven anhäuften, waren besser imstande, die Wirtschaftskrise zu bewältigen; daher ist der Anreiz zur Anhäufung von Reserven jetzt sogar noch stärker. 

In ähnlicher Weise haben zwar die Banker ihre Boni zurückerhalten, aber die normalen Arbeitnehmer müssen mit ansehen, wie sich ihre Löhne und Arbeitsstunden verringern, was die Kluft bei den Einkommen weiter verbreitert. Zudem haben die USA ihre Abhängigkeit vom Öl nicht abgeschüttelt. Angesichts der Tatsache, dass die Ölpreise in diesem Sommer bei über 100 Dollar pro Barrel lagen – und immer noch hoch sind –, wird das Geld einmal mehr in die Öl exportierenden Länder transferiert. Und der Strukturwandel der hoch entwickelten Volkswirtschaften, der durch die Notwendigkeit impliziert wird, Arbeitskräfte aus den traditionellen Fertigungsbranchen hinaus zu verschieben, verläuft sehr langsam. 

Der Staat spielt eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Dienstleistungen, die die Menschen wollen, wie Bildung oder Gesundheitsversorgung. Und insbesondere staatlich finanzierte Aus- und Weiterbildung werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Wettbewerbsfähigkeit in Europa und den USA wiederherzustellen. Beide jedoch haben sich für eine Sparpolitik entschieden, was so gut wie sicherstellt, dass der wirtschaftliche Wandel langsam ablaufen wird. 

Das Rezept für das, worunter die Weltwirtschaft leidet, folgt unmittelbar aus der Diagnose: hohe Staatsausgaben, die darauf abzielen, die Umstrukturierung zu erleichtern, Energiesparen zu fördern und die Ungleichheit zu verringern, sowie eine Reform des globalen Finanzsystems, die eine Alternative zur Anhäufung von Reserven schafft. 

Irgendwann werden die politischen Führer weltweit – und ihre Wähler – dies erkennen. Angesichts sich weiter abschwächender Wachstumsaussichten werden sie nicht anders können. Aber wie viel Leid werden wir bis dahin noch ertragen müssen?” 

Joseph E. Stiglitz ist Professor an der Columbia University, Nobelpreisträger für Ökonomie und der Verfasser von Im freien Fall: Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft.