Dienstag, 4. Oktober 2011

Standpunkt 80 - Stiglitz - Weltwirtschaft

 

Joseph E. Stiglitz: Heilung der Wirtschaft


Zuletzt war es in Ausgabe 49, dass der renommierte und von uns sehr geschätzte US-Ökonom hier zu Wort gekommen ist. Stiglitz hat sich jetzt wieder einmal bei www.project-syndicate.org mit einem bemerkenswerten Aufsatz zu Wort gemeldet, den wir hier in der deutschen Übersetzung abdrucken. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Wie immer, für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.  

Stiglitz, der u. a. 2007 ein mutiges Buch über die Kosten der US-Kriege im Irak und Afghanistan veröffentlicht hat, ist ein genauer Beobachter des Weltgeschehens und liefert einen nachdenkenswerte Überblick zum Geschehen. Empfehlenswert für alle, die sich eine eigene Meinung, fern von den fest zementierten Meinungspfaden, bilden. 


“NEW YORK: Der wirtschaftlich Abschwung, der 2007 begann, hält weiter an, und die Frage, die sich alle stellen, ist offensichtlich: Warum? Ohne ein besseres Verständnis der Ursachen der Krise können wir keine effektive Erholungsstrategie umsetzen. Und bisher haben wir weder das Eine noch das Andere.

Man hat uns erzählt, dass dies eine Finanzkrise sei, also haben sich die Regierungen auf beiden Seiten des Atlantiks auf die Banken konzentriert. Man hat uns Konjunkturprogramme als vorübergehendes Schmerzmittel verkauft, dass erforderlich sei, um die Lücke zu überbrücken, bis sich der Privatsektor erholt und die private Kreditvergabe wieder einsetzt. Doch während die Banken inzwischen wieder rentabel sind und erneute fette Boni zahlen, hat sich die Kreditlage nicht erholt, trotz auf ihren Tiefstständen verharrenden langfristigen und kurzfristigen Zinsen. 

Die Banken behaupten, dass die Kreditvergabe aufgrund des Mangels an kreditfähigen Darlehensnehmern beschränkt bleibe, was an der kranken Wirtschaft läge. Und wichtige Daten deuten darauf hin, dass dies zumindest teilweise stimmt. Schließlich sitzen die Großunternehmen auf Billionen an Bargeld; also ist es nicht der Geldmangel, der sie von Investitionen und Einstellungen abhält. Einige – vielleicht sogar viele – Kleinunternehmen freilich sind in einer ganz anderen Lage: Ohne Finanzmittel können sie nicht wachsen, und viele sind sogar gezwungen, zu schrumpfen. 

Trotzdem liegen die Unternehmensinvestitionen insgesamt – lässt man den Bausektor einmal beiseite – inzwischen wieder auf 10% vom BIP gestiegen (gegenüber 10,6% vor der Krise). Angesichts der großen Überkapazitäten bei den Immobilien wird das Vertrauen sein Vorkrisenniveau nicht so bald wieder erreichen, egal, was man auf dem Bankensektor tut. 

Die unverzeihliche Verantwortungslosigkeit des Finanzsektors, der man durch rücksichtslose Deregulierung freien Lauf ließ, war offensichtlich der auslösende Faktor der Krise. Das Erbe der Überkapazitäten bei den Immobilien und der überschuldeten Haushalte macht die Erholung umso schwieriger. 

Aber die Konjunktur war bereits von der Krise schwer krank; die Blase auf dem Häusermarkt hat ihre Schwächen nur übertüncht. Ohne den durch die Blase gestützten Konsum hätte es einen massiven Ausfall bei der Gesamtnachfrage gegeben. Stattdessen fiel die persönliche Sparquote auf 1%, und die untersten 80% der Amerikaner gaben jedes Jahr rund 110% ihres Einkommens aus. Selbst wenn der Finanzsektor vollständig wiederhergestellt wäre, und selbst wenn diese verschwenderischen Amerikaner die Lehre über die Wichtigkeit des Sparens nicht gelernt hätten, wäre ihr Konsum nun auf 100% ihres Einkommens beschränkt. Wer also davon spricht, dass der Konsum „wiederkommt“ – selbst nach der Entschuldung –, lebt in einer Traumwelt. 

Den Finanzsektor wieder auf die Beine zu bringen, war für eine wirtschaftliche Erholung notwendig, aber alles andere als hinreichend. Um zu verstehen, was zu tun ist, müssen wir uns die wirtschaftlichen Probleme bewusst machen, die vor dem Ausbruch der Krise bestanden. 

Zunächst einmal waren Amerika und die Welt Opfer ihres eigenen Erfolges. Die Produktivität wuchs schneller als die Nachfrage, was bedeutete, dass die Beschäftigung in der produzierenden Industrie zurückging. Die Arbeitskräfte mussten auf den Dienstleistungssektor ausweichen. 

Das Problem ist analog zu jenem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als das schnelle Produktionswachstum in der Landwirtschaft die Arbeiter aus den ländlichen Gebieten in die städtischen Fertigungszentren zwang. Angesichts des Rückgangs der landwirtschaftlichen Einkommen um über 50% zwischen 1929 und 1932 hätte man massive Bevölkerungsbewegungen erwarten können. Doch die Arbeiter waren im ländlichen Sektor „gefangen“: Es fehlten ihnen die Ressourcen, um wegzugehen, und ihre schrumpfenden Einkommen schwächten die Gesamtnachfrage derart, dass die Arbeitslosigkeit in den Städten/im produzierenden Gewerbe steil in die Höhe schoss.

Für Amerika und Europa wird die Notwendigkeit, dass die Arbeit sich aus der produzierenden Industrie weg verlagert, durch sich verlagernde Wettbewerbsvorteile verschlimmert: Nicht nur ist die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie weltweit beschränkt, sondern der lokale Anteil dieser Arbeitsplätze verkleinert sich.

Die Globalisierung ist einer, aber eben nur einer der Faktoren, die zu dem zweiten Schlüsselproblem betragen – wachsender Ungleichheit. Die Verlagerung der Einkommen weg von denen, die sie ausgeben, hin zu denen, die dies nicht tun, verringert die Gesamtnachfrage. Genauso verlagerten steigende Energiepreise die Kaufkraft von den USA und Europa auf die Ölexporteure, die, da sie die Schwankungsanfälligkeit der Energiepreise erkannten, zu Recht einen Großteil dieser Einnahmen sparten. 

Das abschließende Problem, das zur Schwäche bei der globalen Gesamtnachfrage beitrug, war die enorme Anhäufung von Devisenreserven durch die Schwellenmärkte – teilweise motiviert durch das Missmanagement der Ostasienkrise in den Jahren 1997/98 durch den Internationalen Währungsfonds und das US-Finanzministerium. Diese Länder erkannten, dass sie ohne Reserven Gefahr liefen, ihre wirtschaftliche Souveränität zu verlieren. Viele sagten sich. „Nie wieder.“ Doch während diese Anhäufung von Reserven – gegenwärtig sind es in den Schwellen- und Entwicklungsländern etwa 7,6 Billionen Dollar – sie schützte, wurde das Geld, was in diese Reserven floss, nicht ausgegeben. 

Wo stehen wir heute bei der Bekämpfung dieser grundlegenden Probleme? Um mit dem zuletzt genannten zu beginnen: Diejenigen Länder, die große Reserven anhäuften, waren besser imstande, die Wirtschaftskrise zu bewältigen; daher ist der Anreiz zur Anhäufung von Reserven jetzt sogar noch stärker. 

In ähnlicher Weise haben zwar die Banker ihre Boni zurückerhalten, aber die normalen Arbeitnehmer müssen mit ansehen, wie sich ihre Löhne und Arbeitsstunden verringern, was die Kluft bei den Einkommen weiter verbreitert. Zudem haben die USA ihre Abhängigkeit vom Öl nicht abgeschüttelt. Angesichts der Tatsache, dass die Ölpreise in diesem Sommer bei über 100 Dollar pro Barrel lagen – und immer noch hoch sind –, wird das Geld einmal mehr in die Öl exportierenden Länder transferiert. Und der Strukturwandel der hoch entwickelten Volkswirtschaften, der durch die Notwendigkeit impliziert wird, Arbeitskräfte aus den traditionellen Fertigungsbranchen hinaus zu verschieben, verläuft sehr langsam. 

Der Staat spielt eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der Dienstleistungen, die die Menschen wollen, wie Bildung oder Gesundheitsversorgung. Und insbesondere staatlich finanzierte Aus- und Weiterbildung werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Wettbewerbsfähigkeit in Europa und den USA wiederherzustellen. Beide jedoch haben sich für eine Sparpolitik entschieden, was so gut wie sicherstellt, dass der wirtschaftliche Wandel langsam ablaufen wird. 

Das Rezept für das, worunter die Weltwirtschaft leidet, folgt unmittelbar aus der Diagnose: hohe Staatsausgaben, die darauf abzielen, die Umstrukturierung zu erleichtern, Energiesparen zu fördern und die Ungleichheit zu verringern, sowie eine Reform des globalen Finanzsystems, die eine Alternative zur Anhäufung von Reserven schafft. 

Irgendwann werden die politischen Führer weltweit – und ihre Wähler – dies erkennen. Angesichts sich weiter abschwächender Wachstumsaussichten werden sie nicht anders können. Aber wie viel Leid werden wir bis dahin noch ertragen müssen?” 

Joseph E. Stiglitz ist Professor an der Columbia University, Nobelpreisträger für Ökonomie und der Verfasser von Im freien Fall: Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft.