Montag, 31. Oktober 2011

Standpunkt 86 - Endlosschleife Euro-Krise


Euro-Krise und kein Ende


Es wird von Tag zu Tag schlimmer, was uns Europas Politiker an jämmerlichem Schauspiel bieten. Obwohl wir diese Zustände schon seit Monaten immer wieder beschrieben haben, sind wir über diese Entwicklung nicht glücklich. Statt dessen hätten wir uns gewünscht, mit unserer Einschätzung doch noch daneben zu liegen, damit Euro und Europa endlich aus der Krise finden.

Merkel, Sarkozy, Berlusconi, Cameron, usw., lassen sich aufgrund der jüngsten Beschlüsse wieder einmal als Euro-Retter feiern, tatsächlich sind sie völlig überfordert. Die einschlägigen Medien sind voll davon. Das deutsche Manager Magazin schreibt von einem „Masterplan zur Euro-Rettung“ (Online-Ausgabe vom 27.10.2011). Selbst die Börsen rund um den Globus sind diesen EU-Beschlüssen kurzzeitig auf den Leim gegangen. Außer vollmundigen Absichtserklärungen und angeblichen Lösungen wird der Öffentlichkeit nichts geboten. Erschreckende Ratlosigkeit und bedingungsloser Machterhalt innerhalb Europas oberster Politikerriege sind Grundlage des Gebotenen. Berlusconi kämpft gegen seinen Machtverfall, Sarkozy will noch einmal die nächste Wahl im Mai 2012 gewinnen, Cameron regiert das Armenhaus Europas und quält sein Volk mit immer neuen, drastischen Sparprogrammen, die den Zustand seines Landes nur weiter verschlimmern, Merkel kämpft gegen die eigene Partei, den Koalitionspartner, Deutschlands nationalistische Top- oder Star-Ökonomen und andere von Goldman Sachs Berufene, die Stammtisch-Führer und ihre angebliche Stimmungsmehrheit, also auch nur um ihre Macht, in Verbindung mit ihrer politischen Zukunft. Diese Beispiele sollen für ein Stimmungsbild unter den politischen Spitzenkräften in Europa genügen. Die zweite Reihe macht es übrigens auch nicht besser, wie kürzlich hautnah und medienwirksam in der Slowakei zu beobachten war: Partei- und Machtpolitik diktierten Ablauf und Ergebnis der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm im Parlament. Bezeichnend: Für einige Stunden wurden die slowakischen Politiker von den deutschen BILDungsbürgern als Helden gefeiert. Keine 24 Stunden später war der Spuk vorbei.

Schon wieder wird landauf, landab im Zusammenhang mit den jüngsten Beschlüssen der EU, zum x-ten Mal seit dem Beginn der Krise im Frühjahr 2010, die Euro-Rettung ausgerufen. Besser trifft es Henrik Müller in seinem Artikel für das Manager Magazin, erschienen am 24.10.2011 in der Online-Ausgabe, mit der Beschreibung des anstehenden Gipfels: „Abwarten, vertrösten, durchwursteln“.  

Die Griechenland-Krise durch einen Schuldenschnitt zu lösen wird nur noch das Tempo verschärfen, mit dem sich die Krise in Europa weiter ihren Weg bahnt. Nach wie vor ändert dieser stümperhafte Lösungsversuch nichts an den Problemen in Griechenland und im Rest Europas. Jedenfalls verliert Europa schon wieder eine Schlacht im Währungskrieg Dollar vs. Euro. Die nächsten Schlachtfelder sind längst vorbereitet, die Angreifer bereits bestens präpariert, nur Europas Verteidiger gebärden sich wie kopflose Hühner, akzeptieren offensichtlich immer noch nicht die Tatsache, dass man sich in einem Krieg der Währungen befindet.

Weitere Angriffe auf Italien und Frankreich lassen sich nicht alleine dadurch verhindern, dass ein riesiger Rettungsschirm installiert wird. Die dafür nötigen Garantien aus den betroffenen Ländern schwächen diese doch nur noch zusätzlich. In Wirklichkeit muss sich Europa durch protektionistische Maßnahmen gegen weitere Angriffe auf den Euro zur Wehr setzen. Natürlich sind solche Entscheidungen nur ein erster Schritt. Folgen müssen die wirtschaftliche Förderung strukturschwacher Regionen in Süd-Europa, ein zügiger Umbau der europäischen Finanzmärkte   und die Korrektur der Fehler in den Verträgen von Maastricht und Lissabon. Besonders der Murks im Maastricht-Vertrag muss so schnell wie möglich behoben werden. Leider führt dahin nur ein langer, schmerzhafter Weg, weil die Gegner eines starken Europas, die USA und China, ihre Helfer innnerhalb Europas haben. Unsere Meinung dazu haben wir in den vergangenen Monaten immer wieder erläutert, u. a. in der Jahresvorausschau und in den Updates dazu. Aber außerdem noch in anderen Standpunkt-Ausgaben. Bitte dort nachlesen.

Keine Lösungen sind Euro-Austritt von Griechenland oder alternativ Deutschland, Nord-Süd-Euro, die Rückkehr zu den nationalen Währungen früherer Tage, usw. Die Folgen sind unabsehbar. Trotz der wunderbaren Erklärungen unserer tollen deutschen Ökonomen (vgl. „Sinn fordert Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone“, focus.de, 29.10.2011). Nur zur Erinnerung: Noch nie hat seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland irgendeine Ökonomen-Theorie ihren praktischen Test bestanden. Vorher war es auch nicht besser, wie z. B. die 1920er Jahre belegen. Warum dürfen uns diese Leute heute immer noch, in Talk Shows und per Print-Medien, ihre Ideen oder Theorien als richtige und ausschliessliche Lösungen anpreisen?  Wir finden jedenfalls keine vernünftige Erklärung dafür.    

Wir begrüssen ausdrücklich die Bestrebungen Großbritanniens, die EU wieder zu verlassen. Nur glauben wir nicht an deren Ernsthaftigkeit. Die frühere Weltmacht England ist bankrott, Besserung nicht in Sicht, es wird nur noch schlimmer. Dieser Umstand wird Europa noch viel Geld kosten, ohne dass irgendeine Gegenleistung dafür erbracht wird. Wir waren schon immer ein Gegner der englischen EU-Mitgliedschaft. Großbritannien hat die Europäische Gemeinschaft nur dazu benutzt, die eigenen wirtschaftlichen Schwächen durch üppige Geldströme aus Brüssel auszugleichen. Im Gegenzug wurden unverhohlen US-amerikanische Interessen vertreten. Das Land lebt schon seit Jahren vom Finanzplatz London und ein bisschen noch von seinen Öl-Exporten. Industrielle Produktion, Landwirtschaft und Viehzucht, usw., sind nennenswert nicht mehr vorhanden. Die Interessen der Londoner Finanzindustrie stehen im Gegensatz zu den Interessen der Euro-Zone. Großbritannien wird also weiterhin alles blockieren, was deren Interessen und denen der Wall Street entgegen steht. Oder sich jedes Ja überteuert abkaufen lassen.

Der griechische Schuldenschnitt ist ein Himmelfahrtskommando. Kostet die europäischen Sparer viel Geld und bringt nicht den erhofften Erfolg. Für die Steuerzahler macht es keinen großen Unterschied, für die Banken müssen sie so oder so einstehen.

Das immer wieder gerne zitierte Beispiel Argentinien für eine gelungene Sanierung nach einer Staatspleite ist wie der Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Das Land war nicht Teil einer Währungsunion, sondern Opfer einer verfehlten Finanz- und Wirtschaftspolitik der damaligen größenwahnsinnigen Regierung. Pleite ging Argentinien jedoch erst durch die Rettungsmaßnahmen des IWF und verschiedener „interessierter“ Staaten (USA, Spanien), die ihre Hilfskredite an drakonische Sparprogramme banden. Das Ergebnis: Das Land wurde zahlungsunfähig, das Tafelsilber hauptsächlich an Konzerne aus Spanien und den USA unter Wert verscherbelt, danach die vielen in- und ausländischen (Klein-) Anleger per Schuldenschnitt zur Kasse gebeten. Davon hat sich Argentinien auch nach 20 Jahren noch nicht erholt, so liegt beispielsweise die Inflationsrate aktuell bei über 30%!

Die immer neuen Sparprogramme in Griechenland, Spanien, Portugal führen diese Länder nur immer weiter Richtung Staatspleite. Deren Wirtschaftsleistung (BIP) nimmt ab, was das Verhältnis der Staatsschulden zum BIP = Staatsschuldenquote, nur erhöht. Mit jedem neuen Sparprogramm nehmen also die Staatsschulden automatisch weiter zu, was dann – nach derzeit geltender Lehre - wieder zu noch schärferen Sparzwängen führt, die wiederum die Staatsschulden erhöhen, usw., usw. Unaufhaltsam, unumkehrbar.

Außerdem muss endlich noch eine andere Tatsache akzeptiert werden: Die Milliarden für die Stabilisierung der Banken, verursacht durch deren Billionen-Verluste in einem realitätsfernen Finanz-Kosmos, können nie und nimmer durch Einsparungen in der realen Welt ausgeglichen werden. Diese Billionen-Verluste „verzieren“ immer noch die Bankbilanzen (Bank of America: 75 Billionen $. Siehe auch: Bank of America: Die Zeitbombe, auf zeit.de, 27.10.2011) und werden, was viel schlimmer ist, täglich immer noch größer. Diese gigantische Blase wächst weiter. Keiner der politischen Macher hat genügend Rückgrat, um diesem munteren Treiben das Ende zu bereiten. Alle haben die Hosen gestrichen voll und spielen auf Zeit.

Schon seit Wochen sind die US-Medien und Blogs voll von Todesnachrichten über den Euro und zuletzt die europäischen Banken. Geradezu genüsslich werden immer neue Probleme adressiert. Aus unserer Sicht ein durchsichtiges, abgekartetes Spiel, um von den eigenen Problemen im Land abzulenken. Mit allen Mitteln. Schon der deutsche Dichter Heinrich von Kleist (1777 – 1811) fand heraus: „Journalistik ist die Kunst, das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet.“

Amerika geht es dreckig, richtig dreckig. Dagegen helfen keine gestylten Bankbilanzen, zuversichtlichen Konjunkturbarometer, geschönten Arbeitslosenzahlen, Durchhalteparolen des Präsidenten. Die ersten Kommunen und Bundesstaaten sind trotz rigider Sparmaßnahmen zahlungsunfähig. Millionen Menschen leben auf der Straße, in Zelten oder den Abwasserkanälen der Städte. Es gibt fast 46 Mio. Bezieher von Lebensmittelmarken (Update 02.11.2011, Stand August 2011, Quelle: querschuesse.de), nach inoffiziellen Angaben wären 60 Mio., knapp 1/5 der US-Bevölkerung, bezugsberechtigt. Kürzlich haben sich auf 52.000 ausgeschriebene neue Jobs bei McDonalds mehr als 1.000.000 Menschen beworben. 

Die USA klammern sich an ihre militärische Stärke und an den US-Dollar als Weltleitwährung. Nur hat die in den vergangenen 40 Jahren 97% ihres Wertes verloren. Selbst die letzten 3% können von der US-Wirtschaftsleistung mittlerweile nicht mehr besichert werden. Das und Europas Wirtschaftskraft haben den Euro in den vergangenen Jahren stark gemacht und ihm den Ruf einer Weltreservewährung eingebracht. Mehr als 30% des Welthandels werden in Euro abgewickelt.

Eine objektive Bewertung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den USA und Europa würde im Wettbewerb der Währungen eindeutig den Euro begünstigen, diesen weiter stärken und den USD schwächen. Dies gilt es aus Sicht Amerikas mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern. Verliert der USD nämlich weiter an Einfluss, kann die einzig verbliebene Weltmacht einpacken. Sie geht sang- und klanglos pleite. Mit allen Konsequenzen. Deshalb erleben wir seit Monaten einen Währungskrieg USD vs Euro und nicht das Ende einer fehlkonstruierten Währungsunion, wie immer wieder aufs Neue behauptet wird.

Natürlich lobt Barack Obama, der Schelm aus Washington (siehe dazu Standpunkt-Ausgabe 78, vom 27.09.2011), die jüngsten europäischen Rettungsbemühungen. Gehört quasi zum guten Ton. Tatsächlich nur Teil einer gut vorbereiteten Strategie. Die nächsten Angriffe gegen Italien und Frankreich werden seine wahren Absichten wieder offenbaren: Europa den Schwarzen Peter für die Dinge unterzuschieben, die Amerika ursächlich zu verantworten hat. Schliesslich ist er ein Meister im Tricksen und Täuschen.

Gerade sucht Brüssel für die Rettung der europäischen Schuldenstaaten Hilfe in China, Japan und Russland. Selbst die Schwellenländer Brasilien und Indien stehen auf der Agenda. Böse Zungen behaupten, Europa bettelt um Geld für den Euro-Rettungsschirm. Dabei freundlich unterstützt mit einem Triple-A-Rating der amerikanischen Ratingagenturen. Dokumentiert einmal mehr die transatlantische Einigkeit im Kampf gegen die Schuldenkrise.

In Wirklichkeit wäre das ein Bündnis von Fußkranken. Natürlich ist uns nicht entgangen: Deutsche Manager, deutsche Ökonomen, deutsche Politiker, sehen in China den Heilsbringer. Nicht nur heute, sondern gerne auch für die kommenden Jahrzehnte. China soll richten, was der Westen unter Führung der USA vermasselt hat. Nur, ganz so einfach ist es nicht. China steht selbst mit dem Rücken zur Wand. Die riesigen Währungsreserven schmelzen wie Schnee in der Sonne, wenn der US-Dollar doch weiter an Wert verliert, aber auch wenn der Euro kaputt gemacht wird, oder wenn die von den chinesischen Regionalparlamenten verursachten geschätzten 2 Billionen USD Schulden kollabieren. Fast 700 Milliarden davon stehen bereits unter Wasser. Weitere Einzelheiten zu Chinas Problemen haben wir in einem Dossier zusammen getragen und am 20.06.2011 hier veröffentlicht. Bitte dort nachlesen. Starke Partner sehen jedenfalls anders aus.

Nicht wirklich besser geht es den anderen Ländern in der Aufzählung. Alle sind abhängig von der weltwirtschaftlichen Großwetterlage, deren desolater Zustand hinlänglich bekannt sein sollte.

Europa muss und kann diese Krise alleine lösen. Leider nur noch nicht jetzt. Erst wenn Italien und Frankreich dauerhaft „unter Feuer liegen“, wird Europa gezwungen zu erkennen, dass nur Einigkeit stark macht. In diesem Moment geht der Schuss für die Amerikaner nach hinten los und die Angriffe gegen den Euro kommen als Bumerang zurück. Spätestens dann wird die Wall Street täglich „schwarz“ von Menschen sein, die gegen Bosse und Politiker demonstrieren, quer durch die politischen Lager und Religionen. Dagegen hilft dann auch keine Brutalität von Polizei und Nationalgarde mehr, sondern nur noch eine tiefgreifende Veränderung, die sich heute noch unserer Vorstellung entzieht.

Zum Schluss noch ein Zitat, wie wir finden passend zur aktuellen Situation:

„Währungsspekulaten sind Leute, die fest an die Unfähigkeit von Regierungen glauben.“ (Pierre van Dangen)