Donnerstag, 24. November 2011

Standpunkt 100 - Italien-Rettung?


Michael Spence: Kann Italien gerettet werden? 

Michael Spence ist Ökonomie-Nobelpreisträger, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Stern School of Business der New York University, Distinguished Visiting Fellow beim Council on Foreign Relations und Senior Fellow an der Hoover Institution der Universität Stanford. Er ist Mitbegründer des Ende Oktober 2009 gegründeten Institute for New Economic Thinking (INET) um neue Denkansätze für die Volkswirtschaftslehre zu entwickeln. 

Spence behandelt in dem folgenden Artikel, vor einigen Tagen auf www.project-syndicate.org erschienen, die jüngste Entwicklung innerhalb Europas und deren mögliche Folgen. 

Wir haben in der Ausgabe No. 97, “Fahrplan Eurokrise”, die Fortsetzung dieser Krise – über Italien hinaus – bis zum bitteren Ende kurz und knapp beschrieben. Spence sieht, nachdem er den Ist-Zustand beschreibt, Chancen für eine Durchbrechung des Krisenszenarios, aber auch klare Risiken. Insgesamt beachtenswert. 

Bei dem abgedruckten Text haben wir die angebotene deutsche Übersetzung übernommen. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle. 


“MAILAND – Während die neue Regierung des Ökonomen Mario Monti in Italien ihr Amt antritt, steht viel auf dem Spiel – für das Land, für Europa und für die Weltwirtschaft. Wenn die Reformen stocken, die öffentlichen Finanzen einbrechen und das anämische Wachstum anhält, wird Italiens Bekenntnis zum Euro nachlassen, denn die wahrgenommen Kosten der Mitgliedschaft werden die Vorteile überwiegen. Und Italiens Abkehr von der Gemeinschaftswährung wäre – anders als im Fall kleinerer Länder wie Griechenland – eine Bedrohung, die die Eurozone im Kern erschüttert. 

Italien ist eine große Volkswirtschaft mit einem jährlichen BIP in Höhe von über 2 Billionen US-Dollar. Die öffentliche Verschuldung beträgt 120% des BIP oder ungefähr 2,4 Billionen US-Dollar, nicht eingerechnet sind hierbei die Pensionsverpflichtungen eines Rentensystems, das erheblicher Anpassungen bedarf, um eine alternde Bevölkerung und die steigende Lebenserwartung zu reflektieren. Infolgedessen ist Italien zum drittgrößten Markt für Staatsanleihen weltweit geworden. 

Doch der Schuldendienst entwickelt sich aufgrund steigender Zinssätze zur drückenden und politisch untragbaren Last. Hinzukommt, dass Italien in den kommenden sechs Monaten 275 Milliarden Euro (372 Milliarden US-Dollar) seiner Schulden refinanzieren muss, während Investoren, in dem Bestreben ihr finanzielles Engagement in Italien zu verringern, die Rendite auf 10-jährige Staatsanleihen auf die kritische Marke von gegenwärtig über 7% klettern lassen. 

Die Notwendigkeit, bestehende Verbindlichkeiten umzuschulden ist nicht die einzige Herausforderung. Anleihegläubigern im In- und Ausland, insbesondere Banken, sind Kapitalverluste entstanden, die die Bilanzen, die Eigenkapitalausstattung und das Vertrauen beeinträchtigt haben. Das Handelsbilanz- und das Leistungsbilanzdefizit sind hoch und wachsen weiter, worin sich wahrscheinlich ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität im Verhältnis zu Deutschland und Frankreich widerspiegelt, den beiden größten Handelspartnern Italiens. Aufgrund des langsamen Wirtschaftwachstums der vergangenen zehn Jahre, das nicht an Fahrt gewinnt, wird es auch mit Konsolidierungskurs schwierig sein, die Schuldenlast des Staates zu verringern. 

Die geringen Wachstumsraten Italiens reflektieren verschiedene Faktoren, einschließlich verhärteter Strukturen auf dem Arbeitsmarkt, mangelnde Investitionen des öffentlichen Sektors in die wissenschaftliche und technologische Basis der Wirtschaft, Beschränkungen des Wettbewerbs in bestimmten Sektoren und ein längerer Zeitraum der Strukturanpassung an die Eurozone. 

Doch Italien hat auch wesentliche Stärken. Die Gesamtverschuldung (Regierung, Haushalte, nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften und Finanzinstitute) beläuft sich auf knapp über 315% des BIP und ist vergleichbar mit der Schweiz (313%), Frankreich (323%), den Vereinigten Staaten (296%) und sogar Deutschland (285%); alle Zahlen stammen aus dem Jahr 2009. Die Verschuldung der Privathaushalte ist mit weniger als 50% des BIP sehr gering. Hinzukommt, dass die Sparquote der privaten Haushalte im Bereich von 17% - 30% der Einkommen traditionell hoch ist, und das Vermögen von Einzelpersonen und Haushalten höher ist als in den meisten Industrieländern. 

Und das ist nicht alles. Die Unternehmen und Industriebetriebe in Nord- und Mittelitalien sind leistungsstark, innovativ und global vernetzt. Und anders als in vielen anderen Industrieländern sind die Haushaltsdefizite während und nach der Krise in Grenzen gehalten worden. Das war angesichts der hohen vorhandenen Schuldenlast des Staates zwar notwendig, hat antizyklische Impulse allerdings behindert und das Wachstum gehemmt. 

Italiens Krise kommt zu einer Zeit, in der wichtige Länder einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind (beispielsweise eine harte Landung in China oder anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in den USA). Bei der Beurteilung derartiger Risiken ist es sinnvoll, sich auf drei Variablen zu konzentrieren: Ressourcen, Kompetenz und Wille. Verfügt ein Land über die Ressourcen, die Probleme anzugehen, mit denen es konfrontiert ist? Verfügen politische Entscheidungsträger über die Erfahrung und die Kompetenz effektive Reformen umzusetzen? Erkennen die Behörden die Notwendigkeit, entschlossen und offensiv zu handeln? 

Ressourcen stehen an erster Stelle. Wenn die Mittel unzureichend sind, wird es − unabhängig von Kompetenz oder vom Willen – schlecht ausgehen, es sei denn es wird in irgendeiner Form Hilfe von außen geleistet. Politischer Wille ist ohne die Fähigkeit diesen in wirksame Politik umzusetzen ebenso irrelevant. 

Meiner Ansicht nach gibt es in mehreren wichtigen Fällen, einschließlich Italien, USA und China, ein relativ günstiges Szenario und ein weit weniger attraktives, die sich weitgehend durch die Wirksamkeit der politischen Lösungen unterscheiden. Anders als  Griechenland, wo es an Ressourcen mangelt (und sich nur unattraktive Szenarien ergeben können), sind diese Länder mit ausreichenden Mitteln ausgestattet, es bestehen jedoch Zweifel an der Kompetenz oder am politischen Willen (oder einer Kombination aus beidem), wobei die Einschätzungen der Analysten sehr unterschiedlich ausfallen. 

Für Italien heißt das, dass die Gesundheit seiner konsolidierten Bilanzen in Verbindung mit Reformen und Veränderungen der Parameter des Pensionssystems genutzt werden kann, um mit der Zeit wieder einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen und das Wachstum anzukurbeln. Drei Dinge sind notwendig: Ein umfassendes Reformprogramm, das sich ohne Umschweife den Herausforderungen der Anpassung stellt, politische Unterstützung für dieses Programm und die Zeit, genug davon umzusetzen, um die Glaubwürdigkeit herzustellen, die nötig ist, um die hohen Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen zu verringern. 

Da die ersten beiden Bedingungen von der turbulenten italienischen Innenpolitik abhängen, sind Investoren zunehmend unwillig, auf das relativ positive Szenario zu setzen und das bedeutet, dass Italien die Zeit fehlt. Steigende Renditen könnten die fiskalische Stabilisierung und die Förderung des Wirtschaftswachstums untergraben, bevor diese vollständig durchgeführt werden können. Und während die Renditen steigen, wird die angemessene Ausstattung des Landes mit Ressourcen fragwürdig oder Schlimmeres. 

Gebraucht wird eine Unterbrechung dieses Finanzkreislaufs durch einen vorübergehenden „Lender of Last Resort“, einen Kreditgeber letzter Instanz. So wäre es durch Reformprogramme möglich, das Risiko wieder zugunsten des positiven Szenarios auszugleichen. 

Einen letzten Risikofaktor gibt es allerdings. Möglicherweise wird es nicht zu der Art von entschlossenem Eingreifen kommen, das notwendig ist, um die steigenden Anleiherenditen auszubremsen: In den Kernländern der Eurozone, angeführt von Deutschland, gibt es Bedenken, dass uneingeschränkte, offensive Maßnahmen eines Lender of Last Resort die Motivation – und somit den politischen Willen – untergraben, die notwendigen Reformen durchzuführen. 

Das Problem der Reihenfolge ist offensichtlich: Ein Bekenntnis, das Reformfortschritte voraussetzt, wird private Investoren nicht umgehend zurückbringen, weil sich das wahrgenommene Risiko erheblicher politischer Hürden für die Durchführung der notwendigen Maßnahmen nicht verringert. Lediglich das klare und weitgehend vorbehaltlose Bekenntnis sowohl der Europäischen Union als auch Italiens kann in dieser gefährlichen Sackgasse für einen Durchbruch sorgen. Wenn einer von beiden nicht mitzieht, wird das Risiko reihenweise zusammenbrechender Staatsfinanzen in der Eurozone und eines weltweiten wirtschaftlichen Niedergangs weiterhin hoch bleiben.”