Mittwoch, 23. November 2011

Standpunkt 98 - Amerikas Neuorientierung


Richard N. Haass: Die Neuorientierung Amerikas

Der US-Diplomat Richard N. Haass war Direktor des Planungsstabes im US-Außenministerium (enger Berater des damaligen Außenministers Colin Powell) und ist seit 2003 Präsident des Council on Foreign Relations (Rat auswärtiger Beziehungen). 

In dem folgenden Artikel, vor einigen Tagen auf www.project-syndicate.org erschienen, behandelt Haass die neuen Bündnisse Amerikas im Pazifik-Raum, mit denen die USA ihre Interessen gegenüber China absichern. Europa verliert seine Rolle im internationalen Machtpoker. Nach unserer Auffassung gerade wegen des stümperhaften, ängstlichen Umgangs mit der Euro-Krise.

Bei dem abgedruckten Text haben wir die angebotene deutsche Übersetzung übernommen. Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.


"NEW YORK: Als ich vor rund 40 Jahren mein Graduiertenstudium an der Universität Oxford begann, bekundete ich mein Interesse am Mittleren Osten. Man sagte mir, dass dieser Teil der Welt unter die Rubrik „Orientalistik“ falle und ich einem entsprechenden Professor zugewiesen werden würde. Doch als ich zu einem ersten Treffen im Büro des Professors eintraf, waren seine Bücherregale gespickt mit dicken Wälzern voller chinesischer Schriftzeichen. Er war Experte für den (zumindest für mich damals) falschen Orient.

Etwas ganz Ähnliches ist der amerikanischen Außenpolitik widerfahren. Die Vereinigten Staaten waren zu sehr mit dem Mittleren Osten beschäftigt – dem in gewisser Hinsicht falschen Orient – und haben Ostasien und dem Pazifik, wo ein Großteil der Geschichte des 21. Jahrhunderts geschrieben werden wird, nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt.

Die gute Nachricht ist, dass sich dieser Fokus verlagert. Tatsächlich ist derzeit in der amerikanischen Außenpolitik still und leise ein Wandel im Gange, der so bedeutsam wie überfällig ist. Die USA haben Asien wiederentdeckt.

„Wiederentdeckt“ ist dabei das Schlüsselwort. Asien war einer der beiden wichtigsten Schauplätze des Zweiten Weltkrieges und hatte auch während des Kalten Krieges mit Europa eine zentrale Bedeutung gemein. Tatsächlich wurden die beiden größten Konflikte dieser Zeit – der Koreakrieg und der Vietnamkrieg – auf dem asiatischen Festland ausgefochten.

Doch mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Untergang der Sowjetunion ging das amerikanische Interesse an Asien zurück. Im ersten Jahrzehnt nach dem Kalten Krieg wandten die USA einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit Europa zu. Die amerikanische Politik konzentrierte sich hauptsächlich auf die NATO-Osterweiterung sowie auf die Kriege im ehemaligen Jugoslawien.

Die zweite Phase der Ära nach dem Kalten Krieg begann mit den Terroranschlägen vom 11. September. Es folgte ein Jahrzehnt, in dem sich die USA auf den Terrorismus und die Entsendung großer US-Truppenkontingente nach Irak und Afghanistan konzentrierten. Die beiden Konflikte haben das Leben von mehr als 6000 Amerikanern gefordert, mehr als eine Billion Dollar gekostet und zahllose Arbeitsstunden zweier Präsidenten und ihrer führenden Mitarbeiter in Anspruch genommen.

Nun jedoch geht diese Phase amerikanischer Außenpolitik zuende. Präsident Barack Obama hat angekündigt, die US-Truppen bis Ende 2011 aus dem Irak abzuziehen. In Afghanistan hat die US-Truppenstärke ihren Höhepunkt überschritten und nimmt inzwischen ab; fraglich sind allein das Abzugstempo und die Größe und Rolle einer eventuell nach 2014 verbleibenden Militärpräsenz.

Ich will damit nicht sagen, dass der Mittlere Osten irrelevant sei oder dass ihn die USA ignorieren sollten, im Gegenteil. Er beherbergt noch immer enorme Öl- und Gasvorkommen. Er ist ein Teil der Welt, in dem Terroristen aktiv und Konflikte häufig sind. Der Iran kommt der Entwicklung von Atomwaffen immer näher; wenn er welche entwickelt, dürften andere folgen. Und der Mittlere Osten erlebt derzeit politische Erschütterungen, die sich im Nachhinein als historisch erweisen könnten. Zudem ist da die einzigartige amerikanische Beziehung zu Israel.

Trotzdem gibt es Gründe dafür, dass sich die USA weniger im Mittleren Osten engagieren sollten als in den letzten Jahren: die Schwächung der Al-Kaida, die schlechten Aussichten von Friedensbemühungen und insbesondere die Belege dafür, dass der Nutzen massiver Initiativen zum Nationbuilding – egal, wie man es betrachtet –  in keinem Verhältnis zum Nutzen steht.

Zugleich gibt es starke Argumente für ein größeres Engagement der USA im asiatisch-pazifischen Raum. Angesichts der großen Bevölkerungen und schnell wachsenden Volkswirtschaften ist es schwer, die wirtschaftliche Bedeutung dieser Region überzubewerten. Amerikanische Unternehmen exportieren jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von mehr als 300 Milliarden in Länder in der Region. Zugleich sind die asiatischen Länder eine wichtige Investitionsquelle für die US-Wirtschaft.

Die Wahrung regionaler Stabilität ist daher für den wirtschaftlichen Erfolg der USA (und der Welt) von zentraler Bedeutung. Die USA haben zahlreiche Bündnisverpflichtungen – gegenüber Japan, Südkorea, Australien, den Philippinen und Thailand – die u.a. zur Abschreckung gegen einen nordkoreanischen Angriff erforderlich sind. Zudem müssen die USA ein Umfeld schaffen, in dem ein aufstrebendes China nie versucht ist, seine wachsende Macht unter Gewaltandrohung durchzusetzen – sei es innerhalb oder außerhalb der Region. Aus diesem Grund sind die aktuellen Bemühungen der USA zur Stärkung ihrer Beziehungen mit Indien und mehreren südostasiatischen Staaten durchaus sinnvoll.

Die USA tun Recht daran, ihren Fokus vom Mittleren Osten auf den Fernen Osten zu verlagern. Die gute Nachricht ist, dass diese Schlussfolgerung auf allen Seiten des politischen Spektrums der USA geteilt zu werden scheint. Mitt Romney, der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner, hat zugesagt, die Zahl der Schiffsneubauten zu erhöhen – eine Zusage, die mit einer erhöhten US-Präsenz im Pazifik verbunden ist. Und US-Außenministerin Hillary Clinton spricht davon, dass sich Amerika vom erweiterten Mittleren Osten abwendet: „Das strategische und wirtschaftliche Zentrum der Welt verlagert sich ostwärts, und wir konzentrieren uns stärker auf den asiatisch-pazifischen Raum.“

Unabhängig davon, ob das 21. Jahrhundert ein weiteres „amerikanisches Jahrhundert“ wird oder nicht, steht fest, dass es ein asiatisch-pazifisches Jahrhundert sein wird. Es ist gleichermaßen natürlich wie vernünftig, dass die USA bei allem, was sich hieraus ergibt, in zentraler Rolle dabei ist."