Montag, 5. Dezember 2011

Standpunkt 106 - Europa verliert Triple-A

 Eilmeldung, 20.26 Uhr, Update 23.38 Uhr, Update 06.12.2011, 14.16 Uhr, Update 07.12.2011, 20.20 Uhr

„S&P: Europas Triple-A-Club riskiert Bestnote“

Endlich ist es raus: Den AAA-Ratings in Europa geht es an den Kragen. Seit Monaten haben wir diese Entwicklung vorausgesehen, zuletzt im Standpunkt, Ausgabe 97, vom 22.11.2011, Titel “Fahrplan Euro-Krise” und früher in dem Dossier “Die Triple-A-Märchen”, Standpunkt, Ausgabe 75, vom 23.09.2011. Bitte unbedingt dort nachlesen. Oder auch in unserer Jahresvorausschau und deren Update im Juli.

Die Financial Times titelt heute “S&P ratings warning to top euro nations” (Quelle: "zerohedge.com"). Der Hammer: Deutschland ist dabei! Außerdem Frankreich, die Niederlande, Österreich, Finnland, Luxemburg. Die Ratingagentur senkt den Ausblick für diese Länder auf “negativ” und droht so mit einer Herabstufung innerhalb von 90 Tagen. Noch eine Katze ist aus dem Sack: Bei Frankreich geht es sogar gleich um ein Downgrading von 2 Stufen (Quelle: "zerohedge.com").

Wir verzichten hier auf eine neue Bewertung der Ereignisse, es gibt keine. Wir sehen nur einen neuen Akt im Drama um den Euro, bzw. einen weiteren Winkelzug im Währungskrieg Dollar vs Euro.

Amerika spielt noch einmal – mit allen Mitteln - seine Macht aus. Das ist alles. Und die Wirtschaftsmacht Europa wehrt sich nicht. Was für ein elendes Schauspiel! 

Eine Sache halten wir aber für bemerkenswert: Außer uns war nur das österreichische „Wirtschaftsblatt“ auf seiner Online-Ausgabe frühzeitig, d. h. zwischen 20 und 20.30 Uhr, mit dieser Meldung im deutschsprachigen Raum präsent. Es folgt „Zeit Online“ kurz nach 21 Uhr. Deutschlandweit wurde die Meldung vom „ZDF“ in seiner Nachrichtensendung ab 21.45 Uhr verbreitet. Erst nach dieser Sendung, als die Nachricht nicht mehr zu ignorieren war, berichteten die folgenden Zeitungen in ihren Online-Ausgaben mit einer Meldung: „Spiegel“ noch während der ZDF-Sendung gegen 22 Uhr, „Financial Times Deutschland“ nach 22 Uhr, „Focus“ und „Süddeutsche“ nach 22.30 Uhr, „Welt“ und der österreichische „Standard“ kurz vor 23 Uhr,  „Wirtschaftswoche“ und der Schweizer „Tages-Anzeiger“ nach 23 Uhr.

Heute Morgen dann ein besonderes Beispiel medialer Fehlinformation: Unter der Überschrift „S&P tut’s schon wieder“ beschwert sich „ftd.de“, die Online-Ausgabe der „Financial Times Deutschland“ darüber, dass zum zweiten Mal Informationen vorab durchsickern und nennt es einen „Skandal“. Wir zitieren aus dem Artikel:  „Nach Handelsschluss in Europa, aber noch zur Handelszeit in den USA kurz vor 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit bekommen Händler, die "Financial Times" und die Nachrichtenagentur "Bloomberg" Wind von der Drohung von Standard & Poor's gegenüber den Eurostaaten, die sich sofort wie das sprichwörtliche Lauffeuer verbreitet, den Euro knapp ein Cent zum US-Dollar einbrechen und die US-Aktien zwei Drittel ihrer Tagesgewinne preisgeben lässt - obwohl die Agentur erst ab 16:26 Uhr US-Ostküstenzeit (22:26 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) und somit auch nach US-Handelsschluss ihre Entscheidung öffentlich macht und begründet.“

Was der Autor hier behauptet ist schlicht falsch. Die „Financial Times“ berichtete bereits um 16.29 Uhr MEZ auf „ft.com“ unter der Überschrift „S&P ratings warning to top euro nations“ über Standard & Poor’s neue Einschätzung. 
Es ist eine Posse, die uns hier geboten wird. Sie soll übertüncht, dass die deutschen Medien mit einer Meldung über das bereits offen zugängliche S&P-Statement nicht den etwa zeitgleichen Auftritt von Merkozy empfindlich stören wollten.