Freitag, 30. Dezember 2011

Standpunkt 132 - Europas Krise (5) - Staats-Anwalt

Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 5  


André Kostolany: „Staats-Anwalt“

Heute setzen wir unsere mit der Standpunkt-Ausgabe No. 109 begonnene Reihe fort. Ziel dieser Reihe ist es, durch ausgewählte Beiträge aus unserem Archiv, den Blick zu schärfen für die wichtigen Dinge in der Diskussion um die europäische Krise.

Dieses Mal hat uns die Suche nach einem interessanten Beitrag bis zurück in das Jahr 1986 geführt. Damals erschien in der deutschen Wirtschaftszeitung „Capital“ regelmässig eine Kolumne von André Kostolany (1906 – 1999). Kostolany war Börsen- und Finanzexperte, Journalist, Schriftsteller und in seinem Fachgebiet auch Entertainer.

Er hatte eine tiefe Abneigung gegen die klassische Volks- und Betriebswirtschaftslehre, außerdem war er ein Gegner einer goldbasierten Währung. Kostolany war ein fleißiger Bücherschreiber rund um Geld und Börse.

In der „Capital“-Ausgabe 7/86 hat sich K. unter der Überschrift „Staats-Anwalt“ mit der Verstaatlichung von Banken beschäftigt. Anlass war der Plan der französischen Chirac-Regierung, die verstaatlichten Banken schnellstens wieder zu privatisieren. Er beschäftigte sich damals schon mit der Macht der Banken, ihren originären Aufgaben und – sehr aufschlussreich – mit der Situation der deutschen Großbanken. Kostolanys Aussagen bescheren uns heute ein Déjá-vu-Erlebnis ganz besonderer Art. 

Den Beitrag haben wir im Internet-Archiv von „Capital“ nicht gefunden. Der Artikel liegt uns im Original vor und wir haben ihn so hierher übernommen. Das Copyright bleibt selbstverständlich bei „Capital“.


„Die Chirac-Regierung will Frankreich verstaatlichte Banken schnellsten wieder privatisieren. In Deutschland läuft die Entwicklung dagegen in die andere Richtung: Spätestens zur Jahrtausendwende könnten die deutschen großbanken verstaatlicht sein.

Der neue französische Premierminister Jacques Chirac will in seiner Dynamik alle Wahlversprechen einhalten und so schnell wie möglich durchführen, vor allem die Reprivatisierung aller verstaatlichten Industrien und Banken- sogar inklusive derjenigen Großbanken, die von General de Gaulle im Dezember 1945 verstaatlicht wurden.

De Gaulles Ärger gegen die Großbanken – er ließ insgesamt vier verstaatlichen – kam nicht von ungefähr. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren diese Banken mächtiger als die Regierung. Sie bildeten einen Staat im Staat. Ohne ihre 7000 Filialen hätte der Staat seine Anleihen nie unterbringen können. Die Banken diktierten hohe Zinsen. Sie drohten, Schatzbriefe nicht zu prolongieren, was die Regierung in Zahlungsschwierigkeiten gebracht hätte. Kurz: Sie konnten das Land erpressen, und sie waren oft für soziale Kalamitäten verantwortlich.

Seit de Gaulles Verstaatlichungen aber verlief die Zusammenarbeit zwischen diesen Banken und dem Staat harmonisch und wie selbstverständlich. Die von Mitterand 1981 angeordnete Verstaatlichung aller übrigen privaten Banken dagegen war natürlich total überflüssig und hatte rein demagogische Gründe. Sie stand seit jeher auf der Programmliste der sozialistischen Partei.

Nun aber fällt die Chirac-Regierung ins andere Extrem. Sie will alle Banken – auch die von de Gaulle verstaatlichten – reprivatisieren. Ist dies im Interesse des Landes? Ich glaube, nein, und zwar aus denselben Gründen, die für de Gaulle maßgeblich waren.

Und wenn wir schon beim Thema sind: Wäre das nicht Anlaß, über den Status der Großbanken überhaupt- auch in anderen Ländern – nachzudenken? Diese Mammut-Geldinstitute kontrollieren mit ihrem riesigen Filialnetz und Tausenden von Schaltern in allen Ländern einen Großteil der Wirtschaft. Ihre Macht ist dank der Kundendepots (Bargeld und Aktienstimmrecht) sowie eigener Beteiligungen an Industrieunternehmen so groß, daß sie für den Staat gefährlich werden können. Ob sie es werden, hängt von ihrer Geschäftsphilosophie und ihrem Patriotismus ab.

Eines ist jedoch sicher – wie es der französische Schriftsteller Alexandre Dumas einmal gesagt hat: „Das große Geschäft ist das Geld der anderen.“ Denn während ein Idustriebetrieb 30 bis 50 Prozent seines Finanzbedarfs durch Eigenkapital aufbringt, besitzen Banken nur drei, vier oder fünf Prozent des Kapitals, das sie kontrollieren.

Und noch eines ist sicher: Eine Großbank darf nicht ausschließlich ein gewinnbringendes Unternehmen, sondern sollte fast schon ein Versorgungsinstitut sein. Unter keinen Umständen darf sie – egal, welche Profite dabei herausspringen könnten – gegen die Interessen der Allgemeinheit handeln. Abgesehen davon, daß die Passiva der Großbanken in der ganzen Welt sowieso schon verstaatlicht sind. Nur die Aktiva bleibt privat.

Die deutschen Großbanken stehen zwar moralisch viel höher als die französischen in den zwanziger jahren, nichtsdestoweniger handeln sie manchmal auf eine Weise, die nicht immer dem allgemeinen Wohl entspricht. So mußte ich noch vor einigen Jahren feststellen, daß sie in der Presse mit ganzseitigen Annoncen für den Kauf von Krügerrand in Luxemburg geworben haben. Dies verletzte gleich doppelt das allgemeine Interesse.

Allein schon Werbung für Gold war schädlich für die Wirtschaft, weil dadurch Kapitalexporte in einem Moment gefördert wurden, in dem die Mark unter Druck stand (der Dollar über 3,20 Mark). Denn jede erworbene goldmünze ist Kapitalexport. Die Werbung für Luxemburg – zum Zweck der Steuerhinterziehung – sollte zudem nicht gerade die Aufgabe einer Großbank sein.

Langer Reder kurzer Sinn: Wenn ich die politische Mentalität in Europa so verfolge, glaube ich, daß es eines Tages auch hierzulande zur Verstaatlichung der Großbanken kommen wird. Nicht morgen oder übermorgen, aber ganz sicher – da würde ich eine Wette eingehen – bis zur Jahrtausendwende. Und wenn, wem würde das schaden? Niemandem, wie auch die gaullistischen und italienischen Verstaatlichungen niemandem geschadet haben, den Aktionären nicht, den Kunden nicht und auch nicht den Mitarbeitern. Der Vorteil wäre, daß es nicht zu einer Konzentration wirtschaftlicher Macht in ein paar wenigen Händen käme.

„Ein leichter Vorschlag“, können Sie nun sagen, denn wenn ich auch verliere, könnte man bei mir die Wette nicht mehr einklagen.

Aber ich glaube, ich werde, oben oder unten, mit Befriedigung darüber lächeln, mit einer langfristigen Prognose wieder einmal recht bekommen zu haben.“

© Capital, 1986

Wir wissen, André Kostolany hat die Wette verloren. Leider. Vielleicht wären sonst die schlimmsten Gauereien nicht passiert. Obwohl Staatseigentum nicht zwangsläufig davor schützt, wie die Landesbanken eindrucksvoll bewiesen haben.