Samstag, 31. Dezember 2011

Standpunkt, Ausgabe 133 - Europas Krise (6)

Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 6  


Vaclav Havel: „Der Intellektuelle und die Politik“

Mit einer neuen Folge setzen wir unsere mit der Standpunkt-Ausgabe No. 109 begonnene Reihe fort. Ziel dieser Reihe ist es, durch ausgewählte Beiträge aus unserem Archiv, den Blick zu schärfen für die wichtigen Dinge in der Diskussion um die europäische Krise. Davon machen wir heute eine Ausnahme.

Für diesen Teil sind wir vor einigen Tagen bei „project-syndicate.org“ fündig geworden. Anlässlich des Todes von Vaclav Havel sind dort einige alte Beiträge von ihm wiederveröffentlicht worden. Für einen davon haben wir uns entschieden.

Havel muss man, so denken wir, nicht näher vorstellen. Seine Rolle in der euorpäischen Politik sollte hinreichend bekannt sein, seine Geisteshaltung auch.

Der Beitrag, ursprünglich schon in 1998 erschienen, während seiner Zeit als Präsident der tschechischen Republik, ist überschrieben mit

„Der Intellektuelle und die Politik“

und Vaclav Havel macht sich „Gedanken über die Vorteile und Gefahren seiner Karriere“.

Angesichts der unzähligen Intellektuellen, die sich seit Monaten mit vermeintlichen Lösungen zur europäischen Krise hervortun, oder gar gleich die Politik infiltrieren, möchten wir diese Gedanken eines wirklichen Intellektuellen wärmstens zur Lektüre empfehlen. Jedenfalls auch nach mehr als zehn Jahren immer noch brandaktuell.   

Wie immer: Bei dem folgenden Text handelt es sich um die angebotene originale Übersetzung. Das Copyright liegt selbstverständlich bei “Project Syndicate“. Für die Kontrollfreaks gibt es das Original in englischer Sprache an der zitierten Stelle.

„PRAG – Gehören Intellektuelle in die Politik? Vielleicht wegen ihrer Bemühungen, den Dingen auf den Grund zu gehen, Beziehungen, Gründe und Ursachen zu verstehen, einzelne Aspekte als Teil größerer Zusammenhänge zu sehen und dadurch zu einer tieferen Bewusstheit und Verantwortung für die Welt zu gelangen?

So gesehen entsteht der Eindruck, dass ich es für die Pflicht eines jeden Intellektuellen hielte, sich politisch zu engagieren. Aber das ist Unsinn. Die Politik stellt auch einige besondere, sehr spezielle Anforderungen. Manche Menschen genügen diesen Anforderungen und andere nicht, unabhängig davon, ob sie Intellektuelle sind.

Es ist meine tiefste Überzeugung, dass die Welt – heute mehr denn je – aufgeklärte, gedankenvolle Politiker braucht, die mutig und aufgeschlossen genug sind, Dinge zu berücksichtigen, die jenseits ihres unmittelbaren Einflusses in Raum und Zeit liegen. Wir brauchen Politiker, die willens und in der Lage sind, sich über ihre eigenen Machtinteressen und diejenigen ihrer Parteien oder Staaten zu erheben und im Einklang mit den grundlegenden Interessen der heutigen Menschheit zu handeln – also sich so zu verhalten, wie sich eigentlich jeder verhalten sollte, auch wenn die meisten dazu nicht in der Lage sind.

Nie zuvor war die Politik so abhängig von kurzfristigen Einflüssen, von den wechselnden Launen der Öffentlichkeit und der Medien. Nie zuvor fühlten sich Politiker so sehr gezwungen, kurzfristige und kurzsichtige Ziele zu verfolgen. Oft scheint es mir, dass sich das Leben vieler Politiker immer nur zwischen den Abendnachrichten der letzen Nacht, der Meinungsumfrage am nächsten Morgen und ihrem Bild im Fernsehen am nächsten Abend abspielt. Ich bin nicht sicher, ob die heutige Zeit der Massenmedien das Entstehen und Wachsen von Politikern von Range eines, sagen wir, Winston Churchill, fördert. Eher bezweifle ich es, aber es kann immer Ausnahmen geben.

Um es zusammenzufassen: Je weniger unsere heutige Zeit Politiker fördert, die langfristig denken, desto mehr werden solche Politiker gebraucht, und desto mehr sollten Intellektuelle – zumindest solche, die meiner Definition entsprechen – in der Politik willkommen geheißen werden. Solch eine Unterstützung könnte unter anderem von denen kommen, die – aus welchem Grund auch immer – nie selbst politisch aktiv werden, aber mit solchen Politikern einverstanden sind oder zumindest die ihren Taten zugrunde liegende Ethik teilen.

Ich höre Einwände: Politiker müssen gewählt werden; die Menschen wählen diejenigen, die genauso wie sie denken. Wenn jemand in der Politik nach oben will, muss er die grundlegende Natur des menschlichen Geistes berücksichtigen: Er muss die Sichtweise des sogenannten “normalen” Wählers respektieren. Ob er will oder nicht: Ein Politiker muss ein Spiegel sein. Er kann sich nicht anmaßen, ein Verkünder unpopulärer Wahrheiten zu sein, die zur Kenntnis zu nehmen zwar im Interesse der Menschheit liegt, die aber die meisten Wähler nicht interessieren oder ihren Interessen gar zuwider laufen.

Ich bin überzeugt, dass der Zweck der Politik nicht darin liegt, kurzfristige Wünsche zu erfüllen. Ein Politiker sollte auch versuchen, Menschen von seinen Ideen zu überzeugen, und seien sie noch so unpopulär. Politik muss auch bedeuten, Wählern zu erklären, dass der Politiker manche Dinge besser versteht oder erfasst als sie, und dass sie ihn deshalb wählen sollten. Also können die Menschen gewisse Themen an Politiker delegieren, die sie – aus unterschiedlichen Gründen – selbst nicht durchschauen oder über die sie sich keine Sorgen machen möchten, um die sich aber jemand an ihrer Stelle kümmern muss.

Natürlich haben sich alle Verführer der Massen, potenzielle Tyrannen oder Fanatiker dieses Arguments bedient, um ihre Ziele durchzusetzen: Auch die Kommunisten ernannten sich zum aufgeklärtesten Teil der Bevölkerung und nahmen dies zum Anlass für ihre Willkürherrschaft.

Die wahre Kunst der Politik liegt darin, die Unterstützung der Menschen für einen guten Zweck zu gewinnen, auch wenn die Mittel zu diesem Zweck vielleicht nicht mit ihren momentanen Interessen übereinstimmen. Dabei darf keine der vielen Methoden umgangen werden, anhand derer wir testen können, ob der Zweck eine gute Sache ist. Wir müssen sicherstellen, dass vertrauensvolle Bürger sich nicht für eine Lüge einspannen lassen und sich auf einer illusionären Suche nach zukünftigem Wohlstand ins Unglück stürzen.

Es muss gesagt werden, dass es Intellektuelle gibt, die für dieses Verbrechen eine besondere Begabung haben. Sie stellen sich und ihren Intellekt über alle anderen Menschen. Ihren Mitbürgern, die die Brillianz des ihnen vorgestellten intellektuellen Projekts nicht verstehen, erzählen sie, dass sie dumm seien und die geistigen Höhen der Befürworter dieses Projektes noch nicht erreicht hätten. Nach all dem, was wir im 20. Jahrhundert bereits erlebt haben, können wir leicht verstehen, wie gefährlich diese intellektuelle – oder vielmehr quasi-intellektuelle – Haltung sein kann. Erinnern wir uns nur daran, wie viele Intellektuelle an der Errichtung diverser moderner Diktaturen beteiligt waren!

Ein guter Politiker sollte in der Lage sein, zu erklären, ohne zu versuchen zu verführen; er sollte bescheiden nach der Wahrheit über diese Welt suchen, ohne zu behaupten, sie für sich gepachtet zu haben; und er sollte Menschen an ihre guten Qualitäten erinnern, zu denen überpersönliche Werte und Interessen gehören, ohne Überlegenheit vorzutäuschen und ihnen etwas aufzudrängen. Er sollte dem Diktat der öffentlichen Stimmungen oder Massenmedien nicht nachgeben, aber dabei nie die ständige Überprüfung seiner Taten verhindern.

In einem solchen politischen Rahmen sollten Intellektuelle sich auf eine der beiden folgenden Weisen einbringen: Sie können – ohne Gefühle von Scham oder Erniedrigung – ein politische Amt akzeptieren und das tun, was sie für richtig halten, ohne lediglich an der Macht festzuhalten. Oder sie können zu denen gehören, die den Mächtigen den Spiegel vorhalten und dafür sorgen, dass diese einer guten Sache dienen. Wenn sie nur nicht anfangen, schlechte Taten durch schöne Worte zu verschleiern, wie es in den letzten Jahrhunderten so vielen Intellektuellen passiert ist.“