Dienstag, 3. Januar 2012

Standpunkt 138 - Amerikas Finanzleviathan

J. Bradford DeLong: Amerikas Finanzleviathan


Der Autor, US-Wirtschaftswissenschaftler an der University of California, Berkeley und ehemaliger Stellvertreter des US-Finanzministers Lawrence Summers unter Präsident Clinton, war früher ein strammer Verfechter der Neoklassik und Teil des amerikanischen Neokonservatismus, einer sehr konservativen wirtschaftspolitischen Strömung in den USA. Aufgrund der Ereignisse seit 2007 hat DeLong eine klare Abschwächung seiner konservativen Haltung vorgenommen. Schon deshalb halten wir ihm immer ein Plätzchen auf unserem Blog frei. 

DeLong beschäftigt sich wieder einmal auf die ihm eigene Weise mit der Situation in den USA. Amerikas Zustand verdient immer noch viel Aufmerksamkeit. Besonders Europa ist davon betroffen. 

Vor wenigen Tagen ist dieser Beitrag bei “project-syndicate.org” erschienen. Wir haben die dort angebotene originale Übersetzung hierher übernommen. Das Copyright liegt selbstverständlich bei “Project Syndicate“. Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache gibt es an der zitierten Stelle.
Zur Erklärung des Begriffs „Leviathan“ haben wir uns von Wikipedia beraten lassen. Danach ist „Leviathan“ die Metapher für Allmacht (Quelle: wikipedia.org, Leviathan (Mythologie), 03.01.2012). Eine gute Wahl des Autors. 


„BERKELEY: In den 1950er Jahren entfielen auf den Finanz- und Versicherungssektor nach Schätzungen des US-Wirtschaftsministeriums 2,8% vom BIP. Bis 1960 war der Anteil des Sektors auf 3,8% vom BIP gestiegen, und 1990 erreichte er 6%. Heute liegt er bei 8,4% vom BIP und wird nicht kleiner. Laut Justin Lahart vom Wall Street Journal lag der Anteil des Sektors 2010 noch über dem des bisherigen Spitzenjahrs 2006.

Der wachsende Anteil des Finanz- und Versicherungssektors an der Volkswirtschaft sei, so Lahart weiter, „im Großen und Ganzen nichts Schlechtes ... [denn er] bringt Kapital dort zum Einsatz, wo es am sinnvollsten genutzt werden kann, damit die Wirtschaft wächst ...“

Doch wenn die USA eine gute Gegenleistung für die zusätzlichen 5,6% vom BIP erhielten, die sie heute für Finanzdienstleistungen und Versicherungen ausgeben – die 750 Milliarden extra, die den Zahlungen an die Hersteller unmittelbar nützlicher Waren und die Erbringer unmittelbar nützlicher Dienstleistungen jährlich entzogen werden – müsste dies in der Statistik unmittelbar zu erkennen sein. Bei einer typischen jährlichen Realverzinsung von 5% auf riskante Kapitalflüsse wäre die Umleitung eines derart großen Ressourcenanteils weg von unmittelbar nutzbaren Waren und Dienstleistungen in diesem Jahr nur dann ein gutes Geschäft, wenn sie das jährliche Wirtschaftswachstum um 0,3% – oder 6% pro 25-Jahres-Generation – steigern würde.

Die US-Wirtschaft war in den letzten beiden Generationen vielen Erschütterungen ausgesetzt, und viele Faktoren haben das Wirtschaftswachstum gesteigert oder verringert. Doch ist nicht erkennbar, warum die US-Wirtschaft heute 6% weniger produktiv sein sollte, wenn sie noch das Finanz- und Versicherungssystem der 1950er Jahre hätte und nicht jenes, das sich in den letzten 20 Jahren durchgesetzt hat.

Es gibt fünf Arten, auf die eine Volkswirtschaft von einem gut funktionierenden Finanz- und Versicherungssystem profitiert. Erstens sind die Menschen den Auswirkungen von Bränden, Überflutungen, gesundheitlichen Schicksalsschlägen, Arbeitslosigkeit, Zusammenbrüchen von Unternehmen, sektoralen Verlagerungen usw. nicht in gleichem Maße ausgesetzt, weil ein gut funktionierendes Finanz- und Versicherungssystem bestimmte Risiken streut und daher auflöst und weil es andere bewältigt, indem es jene, die Angst vor Risiken haben, mit denen zusammenführt, die diese bequem tragen können. Es ist möglich, dass Amerikas aktuelles Finanz- und Versicherungssystem die Risiken in gewisser Hinsicht besser verteilt, doch ist angesichts der Erfahrungen der Aktionäre und Immobilienanleger in den letzten beiden Jahrzehnten schwer erkennbar, in welcher Weise.

Zweitens bringen gut funktionierende Finanzsysteme große, illiquide Investmentprojekte mit relativ kleinen Kapitalbeständen einzelner Sparer, die viel Wert auf Liquidität legen, zur Deckung. Eine wichtige Innovation hat es während der letzten beiden Jahrzehnte gegeben: Unternehmen können heute renditestarke Anleihen begeben. Doch ist angesichts der Kosten des Konkursverfahrens unklar, warum Unternehmen lieber ertragsstarke Anleihen ausgeben sollten (sofern der Grund nicht darin besteht, das Finanzamt zu übervorteilen), oder warum Anleger, statt direkt einen Aktienanteil zu übernehmen, lieber Anleihen kaufen sollten.

Drittens erlauben einem verbesserte Möglichkeiten zur Kreditaufnahme, mehr auszugeben, wenn man kein Geld hat, und später, wenn man Geld hat, mehr zu sparen. Die privaten Haushalte können dank Eigenheimkrediten, Kreditkarten und Überbrückungskrediten eindeutig leichter Kredite aufnehmen. Aber was kaufen sie damit wirklich? Viele erkaufen sich damit nicht die Möglichkeit, mehr auszugeben, wenn sie kein Geld haben, und zu sparen, wenn sie Geld haben, sondern stattdessen einen Aufschub, bis sie mit den anderen Mitgliedern ihres Haushaltes ein unangenehmes Gespräch über Ausgabenkürzungen führen müssen. Und das ist nichts, was Sie sich erkaufen sollten.

Viertens sind Finanzgeschäfte deutlich einfacher geworden. Doch hätte die Vereinfachung eines beträchtlichen Teil des Finanzlebens durch elektronische Transaktionen eigentlich mit einem Rückgang und keinem Anstieg des Anteils des Finanzsektors am BIP einhergehen müssen, so wie automatische Schaltverfahren zu einem Rückgang der Zahl der Telefonisten pro Telefongespräch geführt haben. Und die Betriebsbereiche derjenigen Teile des Finanzsystems, die am engsten mit technologischen Verbesserungen verbunden sind, sind tatsächlich deutlich kleiner geworden – man denke etwa an den Prüfbetrieb der regionalen Notenbanken in den USA.

Fünftens schließlich müsste ein besseres Finanzsystem eigentlich die Unternehmenssteuerung verbessern. Da die Stimmrechte der Aktionäre keine wirksame Kontrolle über ein etabliertes, unkontrollierbares, selbstbezogenes Management gewährleisten, spielt der Finanzsektor potentiell eine wichtige Rolle dabei, sicherzustellen, dass die Unternehmensmanager im Interesse ihrer Aktionäre arbeiten. Und tatsächlich hat es hier in den letzten beiden Jahrzehnten eine wesentliche Veränderung gegeben: Die CEOs achten deutlich stärker als früher darauf, den Aktienmarkt bei Laune zu halten, und das ist vermutlich gut so.

Insgesamt freilich bleibt es verstörend, dass jene offensichtlichen großen Vorteile in Bezug auf die Effizienz der US-Wirtschaft (entweder auf der Mikro- oder der Makroebene), die zusätzliche jährliche Ausgaben von 5,6% vom BIP für Finanz- und Versicherungsleistungen rechtfertigen würden, nicht erkennbar sind. Lahart zitiert Thomas Philippon von der New York University, der folgert, dass der heutige US-Finanzsektor um zwei Prozentpunkte vom BIP zu groß sei. Und es ist sehr gut möglich, dass Philippon mit seiner Schätzung noch zu niedrig liegt.

Warum bringt uns der Einsatz einer derart großen Menge an Fertigkeit und Unternehmergeist im Finanz- und Versicherungssektor keine klar erkennbare ökonomische Dividende ein? Es gibt zwei Wege, um auf Dauer im Finanzsektor Geld zu verdienen: indem man Leute findet mit Risiken, die getragen werden müssen, und sie mit Leuten zusammenführt, die über ungenutzte Risikokapazitäten verfügen, oder indem man Leute findet, die derartige Risiken aufweisen, und sie mit Leuten zusammenführt, die Geld haben, aber keine Ahnung. Sind wir sicher, dass der Großteil des Wachstums im Finanzbereich von einem wachsenden Anteil an Finanzoperateuren herrührt, die Ersteres und nicht Letzteres tun?“