Dienstag, 17. Januar 2012

Standpunkt 149 - korrupte Ratingagenturen


Ratingagenturen – ein zutiefst korruptes System
 
Immer wieder stossen wir uns an den unzähligen Kommentaren der Leserinnen und Leser in den deutschsprachigen Print-Medien im Zusammenhang mit den aktuellen Herabstufungen der neun Euro-Länder und des europäischen Rettungsschirms EFSF, die den Ratingagenturen gute Arbeit bescheinigen und deren Bewertungen als richtig und nachvollziehbar beschreiben.

Vergessen – oder möglicherweise erst gar nicht zur Kenntnis genommen - sind offensichtlich die gravierenden kriminellen Machenschaften im Zusammenhang mit den Ursachen der Finanzkrise und deren Kungeleien mit den Finanzkonzernen, die zweifellos immer noch andauern. Die Ratingagenturen sind fester Bestandteil des virtuosen Spiels im Welt-Finanz-Casino auf dessen Spieltisch gerade um den Euro gezockt wird. Ja, ja, so eine Aussage gilt immer noch als Verschwörungstheorie, wir formulieren sie trotzdem, die nahe Zukunft wird uns recht geben. Der US-Ökonom Paul Krugman bezeichnet die Agenturen als ein „zutiefst korruptes System“.

Das Zusammenspiel zwischen den Ratingagenturen und den Finanzkonzernen funktioniert auch deshalb besonders gut, weil in der Öffentlichkeit eine geradezu naive Haltung gegenüber dem Treiben dieser Privatunternehmen besteht. So sollen sie aus ihren bis 2008 begangenen Fehlern gelernt haben und sich längst auf die Aufgaben konzentrieren, für die sie geschaffen wurden. Diese Einschätzung ist grundfalsch.

Die Agenturen haben es geschafft mit Hilfe der Presse von sich ein äußerst positives Bild zu zeichnen: Ein bisschen Bedauern über die Fehler der Vergangenheit und das Versprechen, daraus zu lernen damit in Zukunft alles besser wird. Keine Frage, diese Leute haben dazugelernt. Diese Medienoffensive war ein Teil davon, die öffentlichen Äusserungen ihrer Chefs ein anderer. Ebenfalls aber auch die erfolgreichen Plazierungen von Helfershelfern an den Schalthebeln der Macht, gut zu beobachten in Europa.

Was wir erleben – und was bestens funktioniert – hat bereits Thomas Jefferson, von 1801 – 1809 der 3. Präsident der USA, damals nur für Amerika, sehr treffend beschrieben:

„Falls das amerikanische Volk jemals die Kontrolle über die Herausgabe ihrer Währung auf Banken übertragen sollte, werden diese und die Firmen, die sich um sie bilden, unter dem Einsatz von Inflation und Deflation, dem Volk solange ihr Eigentum wegnehmen, bis die Kinder obdachlos auf dem Kontinent, den ihre Väter einst in Besitz nahmen, aufwachen.“

Diese Übertragung ist viel später, Ende 1913, in einer Nacht- und Nebelaktion durch die Gründung der amerikanischen Notenbank geschehen. Die gehört einer Handvoll Finanzkonzernen, ebenso die später gegründeten Ratingagenturen. Unter diesen Voraussetzungen ist es schlicht ausgeschlossen, dass die Ratings objektiv und frei von starken  Eingriffen seitens ihrer Eigner, deren Eigner und den „Geschäftspartnern“ dieser Eigner sind. Die US-Börsenaufsicht SEC (Security Exchange Commission) stellte im Zusammenhang mit dem Enron-Skandal 2001 wiederholt fest: Die Agenturen sind nicht objektiv, sondern ihre Bewertungen sind von eigenen Profitinteressen geleitet.

Wie scheinheilig das ganze System ist, zeigt sich daran, dass Warren Buffett, der vor Jahren Derivate als „Massenvernichtungswaffen“ bezeichnete, Haupteigentümer der zweitwichtigsten Agentur Moody’s ist, die weiter tatkräftig mithilft, den Casinobetrieb der Finanzkonzerne ständig zu vergrößern.

Die großen drei Ratingagenturen gelten als Sündenböcke für die Finanzmarktkrise. Der einstige US-Zentralbankchef Alan Greenspan lässt sich etwa wie folgt zitieren: "Das Problem ist, dass alle geglaubt haben, dass die Ratingagenturen etwas von ihrem Geschäft verstehen, dabei wussten sie offenbar gar nicht, was sie taten." (Quelle: „manager-magazin.de“, 28.03.2008, „Wir haben uns verschätzt“)

Noch einmal die SEC. Die veröffentlichte schon Mitte 2008 einen Untersuchungsbericht in dem fragwürdige Praktiken der Ratingagenturen angeprangert werden. Die „faz.net“ schreibt dazu am 09.07.2008 unter der Überschrift „Das könnten auch Kühe strukturieren“: „In dem Bericht der SEC, welche die drei Marktführer untersuchte, wurden Analysten zitiert, die schon früh die prekäre Lage am amerikanischen Hypothekenmarkt erkannt hatten, den Anleihen aber dennoch exzellente Noten ausstellten. In einer E-Mail vom Dezember 2006 bezeichnete ein Analyst den stark gewachsenen CDO-Markt als "Monster". "Lass uns hoffen, dass wir alle reich und pensioniert sind, wenn dieses Kartenhaus zusammenbricht", schrieb er an einen Kollegen.“

Ebenfalls fündig wurde die US-Kommission zur Untersuchung der Finanzkrise (FCIC). Die legte Anfang 2011 ihren Abschlussbericht vor. „SpiegelOnline“ stellte daraus am 28.01.2011 unter der Überschrift „Hall of Shame der Finanzkrise“ u. a. fest: „Besonderes Augenmerk widmet die FCIC auch den drei großen US-Ratingagenturen Moody's, S&P und Fitch: Sie seien "Schlüsselfiguren" der Krise gewesen. Ohne deren "Gütesiegel" hätte die fatale "CDO-Maschine" nie funktioniert. Die Rechenmodelle für die Bewertung von Hypotheken-Wertpapieren seien teils "frei erfunden" gewesen.

Die Agenturen hätten sich von den Investmentbanken "prächtige Gebühren" zahlen lassen, um im Gegenzug "die erwünschten Ratings" für Produkte auszusprechen, die diese Bewertung nicht verdienten. Bewusst habe zum Beispiel Moody's den dramatischen Verfall des Immobilienmarkts "nicht ausreichend in Betracht gezogen". Erst Ende 2006 habe es ein Modell für den Subprime-Markt entwickelt - habe aber schon zuvor fast 19.000 Subprime-Produkte bewertet. Zwei Jahre später habe die Agentur 73 Prozent ihrer AAA-Ratings für Subprime-Wertpapiere zu "Junk" herabgestuft. "Die Konsequenzen", schreibt die FCIC, "sollten durch die Finanzwelt widerhallen."

Sinnigerweise macht sich die EU seit 2007 bei der Bewertung ihrer Mitgliedsstaaten von den US-lizensierten Agenturen abhängig. Auch der 700-Milliarden-Euro-Rettungsfonds EFSF, den die EU 2010 in Luxemburg einrichtete, unterwirft seine Anleihen der Bewertung durch die drei großen Agenturen. Dahinter steckt einmal mehr Goldman Sachs. Es hätte Alternativen, bzw. Ergänzungen gegeben.

Zugegeben, Hintergrundinformationen sind zum Thema Ratingagenturen selbst im Internet nur schwer zu bekommen, fast unmöglich im deutschsprachigen Netz. Eine Ausnahme haben wir gefunden: Die „NachDenkSeiten“ von Albrecht Müller haben am 12.07.2011 einen sehr ausführlichen, sehr fundierten und sehr verständlich formulierten Beitrag veröffentlicht, der mit den Mythen rund um die Agenturen aufräumt. Dafür kann es von uns nur eine ausdrückliche Leseempfehlung geben. Den Artikel gibt es hier:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=10067.

Gerade wieder sehr aktuell. Zum Einstieg noch eine kleine Leseprobe: „Strukturierte Finanzprodukte waren seit 2000 der am schnellsten expandierende Bereich der Ratings. Damit verdienten die Agenturen zwischen 2002 und 2007 dreimal mehr als mit der Bewertung von Unternehmensanleihen. Sie gaben Wall-Street-Produkten im Umfang von 3,2 Billionen Dollar Bestnoten, davon 435 Milliarden für Subprime-Hypothekenbündel. Die Agenturen vergaben dafür jeweils mehrere zehntausend Ratings. Ein Rating kostet zwischen 30 000 und 120 000 US-Dollar.

Gleichzeitig waren die Agenturen als Lobby tätig, um in allen wichtigen Staaten die Regierungen dazu zu bringen, Verbriefungen und andere strukturierte Finanzprodukte gesetzlich zu fördern. Die emittierenden Investmentbanken wie Morgan Stanley, Lehman Brothers, UBS und Deutsche Bank hätten ohne den Segen der Agenturen ihren Ramsch gar nicht verkaufen können. Institutionelle Investoren wie Vermögensverwalter, Versicherungen, Pensions- und Investmentfonds müssen aufgrund von gesetzlichen oder internen Verpflichtungen den Kauf vom Gütesiegel „investment grade“ abhängig machen.“

Wer nach dieser Lektüre immer noch an sachliche und objektive Ratings glaubt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Unter dem Eindruck der sich abzeichnenden Krise gab es auch in Deutschland erste Erkenntnisse und daraus abgeleitete staatliche Eingriffe zu den Ratingagenturen. Der CSU-Abgeordnete Albrecht Rupprecht beispielsweise formulierte am 08.04.2008 - zu einer Zeit, als der damalige Bundesfinanzminister Steinbrück den Deutschen noch einreden wollte, die Krise bleibt auf Amerika beschränkt -  ein Konzeptpapier „Ratingagenturen“ mit einigen schönen Ideen. Das Papier ist offensichtlich schnell wieder in irgendeiner Schublade verschwunden. Getan hat sich jedenfalls bis heute nichts. Uns liegt dieses Papier vor und wir stellen es auf unserer Jahres-CD 2011 (vgl. Ausgabe 130) zur Verfügung. 

Ein Vorschlag der EU-Kommission vom 11.12.2008 für eine „Verordnung des Europäischen Parlaments und des Rates über Ratingagenturen“ (KOM (2008) 704) schlummert nach unserem Kenntnisstand vor sich hin.

Vertiefende Lektüre:

„Der Spiegel“, 47/2009, 16.11.2009, „Trio Infernale“, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-67768101.html,

„DiePresse.com“, 26.04.2010, „E-Mails enthüllen Wahrheiten über die Bankenkrise“, http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/561028/EMails-enthuellen-Wahrheiten-ueber-Bankenkrise,

„SpiegelOnline“, 29.04.2010, „Ratingentscheidungen: Heute Gold, morgen Ramsch“, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,691929,00.html,

„dradio.de“, 30.04.2010, „Heiner Flassbeck: Man könnte auch die Rating-Agenturen vollständig abschaffen“,  http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1173927/,

„SpiegelOnline“, 05.05.2010, „Warum Rating-Agenturen verramscht werden müssen“, Gastkommentar von Thomas Straubhaar, http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,692607,00.html,

„focus.de“, 23.06.2010, „Die dunklen Supermächte der Märkte“, http://www.focus.de/finanzen/news/tid-18726/ratingagenturen-die-dunklen-supermaechte-der-maerkte_aid_521846.html,

„faz.net“, 18.06.2011, „Die Diktatur der Notengeber“, http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/ratingagenturen-die-diktatur-der-notengeber-1651465.html.