Dienstag, 24. Januar 2012

Standpunkt 156 - Jochen Sanio zum Finanzsystem


Sanio: „Rückbau des Finanzsystems hat nicht stattgefunden“

So titelt heute Abend das österreichische “Wirtschaftsblatt” auf seiner Online-Ausgabe. Weiter schreibt das Blatt:

Der scheidender BaFin-Chef Jochen Sanio zieht eine ernüchternde Bilanz, ortet verpasste Chancen und seiner Meinung nach hat die Bankenaufsicht die Finanzbranche noch längst nicht im Griff.

"Meine Schlussbilanz fällt mehr als ernüchternd aus", sagte Sanio am Dienstag in Frankfurt bei einem Festakt zur Amtsübergabe an seine Nachfolgerin Elke König. In seinen 37 Jahren als Aufseher habe sich die Branche zu einem hoch komplexen Gebilde entwickelt, das sich nicht mehr beherrschen habe lassen. Nach der Finanzkrise 2008 sei eine Chance verpasst worden. "Bis heute hat der Rückbau des weltweiten Finanzsystems nicht stattgefunden", mahnte der 64-Jährige. Die Strukturen seien nicht angetastet worden.

Sanio war der erste Chef der vereinigten Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), in der 2002 die Behörden für die Überwachung von Banken, Versicherungen und Börsen aufgegangen waren. Das "Urgestein der deutschen Finanzaufsicht", wie ihn der Personalrat zum Abschied titulierte, hatte seit 1974 für die Vorgänger-Behörde BAKred gearbeitet. Seit Jahresbeginn leitet König die BaFin. Sie hatte zuvor für das internationale Gremium IASB gearbeitet, das die weltweiten Bilanzierungsregeln festlegt. Zuvor war die Betriebswirtin Finanzchefin der Hannover Rück. "Möge Fortuna ihnen hold sein - wir haben da noch einiges gut", rief Sanio seiner Nachfolgerin zu.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) forderte die deutschen Aufseher auf, im internationalen Tauziehen um eine verschärfte Regulierung die "Meinungsführerschaft" zu behaupten. Sanio spielt den Ball zurück: Die Politiker der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer müssten an einem Strang ziehen, wenn es etwa darum gehe, die Schattenbanken - Hedgefonds, Geldmarktfonds und andere Kapital-Sammelstellen - zu überwachen. "Nationale und regionale Alleingänge stoßen schnell an ihre Grenzen", warnte Sanio mit Blick auf den Vorstoß Schäubles zu einer Steuer auf Finanzgeschäfte nur für die Euro-Zone. Einige mächtige Finanzzentren schützten die Branche. "Das macht mich nach dem, was wir erlitten haben, dann doch fassungslos."

Schäuble sagte eine Stärkung der deutschen Finanzaufsicht zu. "Wir werden einen vernünftigen Weg dafür finden." Die BaFin sieht sich gegenüber den Banken finanziell und personell oft im Nachteil. König versprach Kontinuität in der Aufsichtsarbeit: "Wir werden auch künftig Aufsicht mit Augenmaß betreiben und uns international für Regulierung mit Augenmaß einsetzen." Sie deutete aber eine andere Arbeitsweise an: "Die BaFin muss ihre Arbeit überdenken und in Teilen neu strukturieren." © “Wirtschaftsblatt.at”


Bemerkenswerte Einsichten eines Mannes, der es an der Spitze seiner Behörde von Anfang an versäumt hat, der Über-Liberalisierung des Finanzmarktes in Deutschland wirksam entgegenzutreten oder wenigstens deutlich wahrnehmbar seine Stimme dagegen zu erheben. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise mangelte es Sanio vermutlich an Kraft und politischem Rückhalt, um Einfluss nehmen zu können.