Freitag, 27. Januar 2012

Standpunkt 158 - Europas Krise (14) - Keynes hilft

Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 14  


Robert Solow: “Jetzt muss der Staat Schulden machen”  

Davos wirft Schatten. Wer sich wichtig findet, der meldet sich dort zu Wort. Mit Kapitalismuskritik (Schwab), Angst vor Überforderung (Merkel) oder Kritk am deutschen Krisenmanagement (Soros). Führungsqualitäten oder Problemlösungen sind bisher aber Fehlanzeige.

Wir haben den Eindruck, alle warten auf die ultimative Heilslehre. Besonders für Europa. Die Amerikaner haben sich ja schon entschieden: Die FED druckt billiges Geld bis 2014.

Dabei fehlt es auch in Europa schon lange nicht an Vorschlägen, guten wie schlechten. Die Politiker machen daraus ein Flickwerk, von allem ein bisschen, Hauptsache es kostet nichts. 

Ein paar Garantien hier, immer neue Sparpläne dort, Regierungen werden ausgetauscht, Staaten erpresst, Menschen in die Armut entlassen, Selbstmordraten steigen. Alles für die “gute” Sache. Und kein Ende in Sicht.

Da tut es gut, sich wieder einmal mit einer alten Idee zu beschäftigen, wie der Krise in Europa beizukommen wäre. Gefunden in unserem Archiv und heute für diejenigen hier zur Verfügung gestellt, die sich informieren wollen.

Der US-Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow fand schon im August 2008, noch vor der Lehman-Pleite, “Jetzt muss der Staat Schulden machen”. Damit meinte er aber nicht, die Banken zu retten, sondern die reale Wirtschaft vor einer Rezession zu bewahren.

Wir wissen, die Politik ist damals anders verfahren. Geklotzt für die Banken, gekleckert für den Rest. In Deutschland standen 500 Milliarden Euro bereit für die Banken, aber nur ein paar Milliarden für die Konjunktur.

Nach den nutzlosen Sparprogramm-Exzessen der vergangenen Monate wäre diese keynesianische Idee endlich einen Versuch wert.

Der folgende Artikel, ein Interview mit Solow, ist am 25.08.2008 in der F.A.S. erschienen. Das Copyright bleibt selbstverständlich bei der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 


»Wirtschafts-Nobelpreisträger Solow wurde berühmt, indem er gegen den Keynesianismus anschrieb. In der Finanzkrise springt er jedoch für die nachfrageorientierte Politik in die Bresche: „Man kann montags, mittwochs und freitags an das Angebot denken und dienstags, donnerstags und samstags an die Nachfrage.“

Herr Solow, die Wirtschaft steckt in der Krise. Was ist jetzt zu tun?

Der Staat muss helfen und Geld ausgeben. Das sehen in Deutschland viele Ökonomen nicht so. Aber ich finde ihre Meinung schwer zu verstehen. Schließlich haben wir aus der Geschichte des modernen Kapitalismus gelernt, dass er zwar meistens ziemlich gut funktioniert - aber dass er auch von Zeit zu Zeit Schwierigkeiten macht. Dann muss der Staat eingreifen.

Nennen Sie doch ein Beispiel für solche Schwierigkeiten.
 
Eine Finanzkrise. Oder Investitionen, die plötzlich zurückgehen, sodass eine Rezession entsteht. Solange alles gut läuft, sollten sich die Regierungen heraushalten. Aber wenn es schwierig wird, sollte eine intelligente demokratische Regierung helfen, die Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen und sie stabil zu machen.
Das ist klassisch keynesianische Nachfragepolitik. Wir dachten, die Lehren von John Maynard Keynes wären überholt?
 
Ich bin kein einfältiger Keynesianer, aber ich fand das immer bemerkenswert: Wie kann jemand, der ein bisschen Wirtschaftsgeschichte kennt, denken, in so einer Situation wie jetzt ginge es ohne die Regierung? Sehen Sie Amerika an: Die Finanzkrise und die Rezessionsgefahr hat die Vereinigten Staaten vor Europa getroffen. Und sogar die konservativste und unfähigste Regierung, die Amerika in vielen Jahrzehnten hatte, hat fast sofort reagiert.
 
Sie spielen darauf an, dass die Regierung Bush jedem Bürger einen Scheck über bis zu 600 Dollar geschickt hat.
 
Das können Sie „Keynesianismus“ nennen, wenn Sie wollen, immerhin basiert diese Politik auf der Arbeit von Keynes. Aber ich würde es lieber anders nennen. Ich kann das nämlich auf einen großen deutschen Ökonomen zurückführen: Richard Musgrave. Er ist in Deutschland geboren und hat in Amerika gelebt. Auch er sagte: Wenn die Wirtschaft in eine Rezession gerät, weil die Nachfrage schwach ist, Exporte oder Investitionen zurückgehen, dann ist es die Aufgabe der Regierung, diese Lücke zu füllen.

Was sollte also die deutsche Regierung jetzt tun?
 
Ich gebe der deutschen Regierung ungern Ratschläge. Das sollten Leute tun, die Deutschland besser kennen. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, der Aufschwung der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahren stammte zu sehr aus Exporten.

Was ist daran schlimm?

 
Für Deutschland nichts, aber für den Rest der Welt. Denn wenn ein Land wie Deutschland seine Wirtschaft vom Export antreiben lässt, dann wird es für die anderen Länder schwieriger, ihre Waren loszuwerden. Die deutsche Wirtschaft sollte lernen, mehr über die Inlandsnachfrage zu wachsen und weniger über Exporte.
 
Das ist nicht so leicht. Kämen die Deutschen in der Konjunkturkrise überhaupt noch rechtzeitig, wenn sie jetzt anfangen würden, Geld an die Bürger zu verteilen? 

Wenn der Staat zu langsam reagiert, dann wird das tatsächlich nicht funktionieren. Aber dann ist die nächste Frage: Wie sorgt man dafür, dass der Staat schneller wird?
 
Und wie?
 
Dazu muss man nicht unbedingt das politische System ändern. Das zeigt Amerika. Denn eigentlich sollte ja das amerikanische System das langsamere sein. In Amerika kontrolliert der Präsident nicht einmal die Stimmen seiner eigenen Partei. Trotzdem kamen die Steuerschecks schnell. In Deutschland dagegen kontrolliert die Partei, die die Macht hat, auch die Gesetzgebung. Wenn die Koalition etwas tun will, wird das getan. Ob und wie schnell der Staat handelt, ist also eine Frage der Denktraditionen.

Nun hat Europa in den siebziger Jahren gemerkt, dass es mit so einer Politik wenig Erfolg hatte. Sie trieb nur die Staatsschulden in die Höhe.
 
Dann muss man fragen, warum die Staatsausgaben nicht geholfen haben. Woran lag es, dass die Wirtschaft nicht richtig reagiert hat? Oder hat sie reagiert, doch das wurde von anderen Faktoren überlagert? Solche Fragen sollten die europäischen Ökonomen beantworten. Jetzt haben wir das Jahr 2008. Die Frage ist: Welche Lehren werden die Europäer aus diesem Jahr ziehen?
 
Viele Deutsche sind dagegen, dass die Regierung in der Krise Geld ausgibt. Sie sind skeptisch, ob die Regierung ihre Schulden zurückzahlt. Jetzt können Sie uns vom Gegenteil überzeugen.
 
Ein chronisches Staatsdefizit ist natürlich schlecht, und die Politik sollte darauf zielen, die Neuverschuldung zurückzufahren. Das sollte man allerdings nicht mit einer genauen Zahl als Ziel tun wie beispielsweise im Maastricht-Vertrag. Man sollte sich nicht einmal vornehmen, das Staatsdefizit jedes Jahr weiter zu senken. Denn welche Neuverschuldung richtig ist, das ändert sich mit den wirtschaftlichen Umständen.
 
Selbst im Aufschwung hat die deutsche Regierung nicht gespart. Erst für 2011 verspricht sie, keine Schulden mehr zu machen. Das Misstrauen der Bürger ist groß.
 
Es kann gut sein, dass die Europäer deshalb anders über Wirtschaftspolitik denken als Amerikaner, weil sie ihren Politikern weniger vertrauen.
 
Aber in allen Ländern geben Politiker lieber Geld aus als Schulden zurückzuzahlen.
 
Das ist vollkommen richtig. Darum wird jede Lösung unvollkommen sein, in der die Regierung die Konjunktur anschiebt. Aber alles andere ist auch unvollkommen. Wir müssen vergleichen, was ein aktiver Staat erreichen kann und was ein untätiger Staat erreicht. Wenn politische Fehler geschehen, kann man die immer noch politisch bestrafen. Vielleicht bin ich ein naiver amerikanischer Demokratie-Fan, aber ich glaube, es ist ein Fehler, wenn man aufgibt und sagt: Ein demokratischer Staat kann da nichts tun. Aktive Politik hatte ja in der Vergangenheit auch Erfolg.
 
Wie denn?
 
Die Wirtschaft ist viel stabiler geworden. Das nennt man heute „die große Mäßigung“: Nach den siebziger Jahren ist das Wirtschaftswachstum immer gleichmäßiger geworden. Jeder Versuch, das zu erklären, kommt zum Ergebnis, dass das hauptsächlich an der verbesserten Geldpolitik liegt.
 
Damit sind wir bei der Zentralbank, die die Geldpolitik steuert. Hat aber nicht gerade die amerikanische Federal Reserve in den vergangenen Jahren zu viel Geld bereitgestellt und so die Finanzkrise verursacht?
 
Das glaube ich nicht. Rückblickend weiß man, dass die amerikanische Geldpolitik hätte besser sein können. Man hätte die Immobilienblase früher als Problem sehen können. Menschliches Versagen und zu großer Optimismus haben dazu geführt, dass die Fed zu langsam war. Aber ich glaube, die Zentralbank hat im Großen und Ganzen gut gehandelt. Die Fehler, die passiert sind, waren Kleinigkeiten. Wenn man eine Finanzkrise wie die jetzige in Zukunft verhindern will, muss man über etwas anderes nachdenken. Darüber, wie man die Regulierung des Finanzsystems verbessern kann.
 
Die Amerikaner haben nach 2001 viel Geld verteilt. Deutschland ist in derselben Zeit mit angebotsorientierten Reformen ganz gut gefahren, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Was ist besser?
 
Nun, ich habe mein berufliches Ansehen damit gewonnen, dass ich die Angebotsseite betrachtet habe . . .

. . . Sie haben den Nobelpreis für eine Theorie des Wirtschaftswachstums bekommen, in der das Arbeits- und Kapitalangebot zentral sind.
 
Ja, ich sehe mich deshalb nicht als Nachfrage-Ökonom. Wo angebotsorientierte Reformen notwendig und möglich sind, sollten sie geschehen. Die Arbeitsmarktreformen in Deutschland etwa waren offensichtlich notwendig. Ich widerspreche aber dem Glauben einiger europäischer und deutscher Ökonomen, dass es ausreicht, auf die Angebotsseite zu achten, um die Wirtschaft zu festigen.
 
Warum reicht das nicht?
 
Es gibt nun mal von Zeit zu Zeit Probleme mit der Nachfrage. Und es ist gar nicht so schwierig, etwas dagegen zu tun. Man kann montags, mittwochs und freitags an das Angebot denken und dienstags, donnerstags und samstags an die Nachfrage. Man sollte das sogar tun. Ich bin überhaupt kein Gegner angebotsorientierter Reformen. Aber die Deutschen haben bei ihren Arbeitsmarktreformen eine Möglichkeit verpasst.
 
Warum? Das lief doch ganz gut?
 
Es war völlig klar, dass die Reform auf dem Arbeitsmarkt Einkommen umverteilt: weg von Löhnen und Gehältern, hin zu Kapitalzinsen und Firmengewinnen. Es war also nicht das, was die Amerikaner gerne eine „Win-Win-Situation“ nennen.
 
Viele Menschen haben wieder Arbeit gefunden. In Deutschland arbeiten heute so viele Menschen wie nie zuvor. Die Arbeitslosigkeit ist um ein Drittel gesunken. Ist das kein Gewinn?
 
Es wäre politisch trotzdem viel einfacher gewesen, wenn man sich da auf eine Abmachung geeinigt hätte: Wir reformieren den Arbeitsmarkt, und dafür stärken wir die Nachfrage, um noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Vielleicht wäre die Arbeitslosigkeit dann um zwei Drittel gesunken, und die Arbeitnehmer hätten noch stärker profitiert.«
 
Der Wachstumsforscher  
Seinen wissenschaftlichen Ruhm hat Robert Merton Solow dadurch bekommen, dass er gegen den Keynesianismus anschrieb: Er entwickelte in den fünfziger Jahren ein Modell des langfristigen Wirtschaftswachstums, in dem die Nachfrage keine Rolle spielt. Stattdessen betrachtet er das Angebot an Arbeit und Kapital und betont: Das allein reicht nicht für langfristiges Wachstum, es muss technischer Fortschritt dazukommen. Damit schuf er die Grundlage für das „neoklassische Wachstumsmodell“. Dafür erhielt er 1987 den Wirtschafts-Nobelpreis. In der vergangenen Woche nahm Solow in Deutschland am Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau teil. Dort trafen sich 15 Preisträger mit Studenten und stellten ihre aktuelle Forschung vor. Solow lehrte bis zu seiner Emeritierung am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er nach wie vor ein Büro neben Paul Samuelson hat. Solow ist 83 Jahre alt.
 
Das Gespräch führten Patrick Bernau und Philip Plickert.
 
Quelle: F.A.S.