Mittwoch, 15. Februar 2012

Standpunkt 175 - Europas Krise (20) - Prinzipienreiter


Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 20

Carl-Ludwig Holtfrerich: „Die Deutschen sind als Prinzipienreiter bekannt“


Wie gerne würden wir uns mit neuen Themen befassen, oder z. B. unsere Jahresvorausschau 2012 präsentieren. Augenblicklich leiden wir jedoch zu sehr unter der Entwicklung in Griechenland und ihrer Auswirkungen auf Europa. Es ist für uns keine Freude, dass wir mit unseren Ansichten über die Ursachen der europäischen Krise und ihrer weiteren Entwicklung richtig liegen. Besser fänden wir, Mark Twain hätte in dieser Sache recht: “Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie in die Zukunft gehen.“ Nur liegen die Dinge so offen und vorhersehbar, dass es nur noch verwundern kann, dass die politischen Führungskräfte nur noch eines tun: Versagen.

Die griechischen und portugiesischen Wirtschaftsdaten zeigen Richtung Süden. Die griechischen befinden sich bereits im Sturzflug, die portugiesischen werden folgen. Unausweichlich, so sicher wie das berühmte “Amen in der Kirche”. Diese Länder werden kaputtgespart, einfach fertig gemacht.

In Portugal wird bereits offen über eine Militärdiktatur alter Prägung nachgedacht, Griechenland könnte eine ähnliche Entwicklung nehmen. Viele Menschen im Land sind schon der Auffassung, dass es früher zu Zeiten der Militärdiktatur besser war: Keine Korruption, geringe Arbeitslosigkeit, geringe Staatsverschuldung, funktionierendes Gesundheitswesen und es eine Steuerverwaltung gab, die diesen Ruf noch verdient hat. Sollte diese Entwicklung das Ziel deutscher und französischer Europapolitik sein?

Eurogruppenchef Juncker erklärt heute, aus Griechenland “nicht die verlangten politischen Zusicherungen erhalten” zu haben (Quelle: “wirtschaftsblatt.at”, 14.02.2011, 19.36 Uhr). Der OECD-Generalsekretär Jose Angel Gurria sagt zum gleichen Thema und an gleicher Stelle, “es ist nötig, den Deal jetzt zu machen” und meint damit den “schnellen Abschluss des neuen Hilfspakets für das überschuldete Griechenland. Schon jetzt habe der langwierige Streit über Prinzipien in Sachen Griechenland riesige Kosten auf allen Ebenen verursacht, etwa in Form von entgangenem Wachstum, von Zinsanstiegen und Unsicherheiten an den Finanzmärkten. Diese Kosten seien um ein Vielfaches höher als eine umfassende Umschuldung des Landes.” Soweit eine nachvollziehbare Erkenntnis. Dann erklärt er noch, Spekulanten müsse “angst und bange werden” statt gegen Europa zu spekulieren. Da redet der Mexikaner Gurria an der Wirklichkeit glatt vorbei.  

Noch rechtzeitig, um die deutsche Linie zu stützen, meldet sich Deutschlands untadeliger Manager, der Bosch-Chef Franz Fehrenbach, zu Wort und fordert den Austritt Griechenlands aus der EU und der Euro-Zone. Für ihn ist das griechische System in einer Solidargemeinschaft eine untragbare Belastung. Er dickt noch weiter auf: Falls die Griechen den Schritt nicht freiwillig gingen, müsse die Gemeinschaft ihre Gesetze ändern und das Land ausschließen. “Dieser Staat mit Phantomrentnern und reichen Nichtsteuerzahlern, ein Staat ohne funktionierende Verwaltung”, habe in der EU nichts zu suchen. (Aus: “wirtschaftsblatt.at”, 14.02.2012)

Die deutsche Linie verläuft hier: “Schäuble verteidigt Spardiktat für Griechenland”, äußert gleichzeitig Verständnis für die Not der griechischen Bürger und ihre Proteste (Quelle: “zeit.de”, 14.02.2012). Die “Zeit” schreibt weiter, Schäuble “könne nachvollziehen, dass die Menschen die internationalen Sparauflagen als ungerecht empfänden. Es sei aber auch klar, dass Griechenland lange über seine Verhältnisse gelebt habe.”

Diesen falschen Weg beschreibt der Ökonom Dani Rodrik so: “Wäre Merkel in Bezug auf die stark verschuldeten Länder Europas weniger sparverliebt gewesen und hätte sie es geschafft, ihre Wähler von der Notwendigkeit eines anderen Ansatzes zu überzeugen, hätte sich die Krise in der Eurozone ganz anders entwickelt.”  (Quelle: “Die Wiedergeburt des Nationalstaats”, bei “project-syndicate.org”, 13.02.2012) Warum fehlt diese Einsicht bei der Bundeskanzlerin?

Eine mögliche Antwort haben wir in unserem Archiv gefunden. Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich, emeritierter Professor der Freien Universität Berlin, hat “Focus Money” im Oktober 2010 ein Interview gegeben. Veröffentlicht wurde dieses Gespräch auf “focus.de” am 26.10.2010 unter der Überschrift

“Die Deutschen sind als Prinzipienreiter bekannt”.

Wir wollen diesen Beitrag unseren Leserinnen und Lesern noch einmal zugänglich machen und drucken den Originalwortlaut des “Focus” hier ab. Das Copyright bleibt selbstverständlich bei “Focus Online”.

Holtfrerich liefert jedenfalls eine mögliche Erklärung für die deutsche Haltung in der Krise:


»Die German „Angst“ ist in der englischen Sprache ein fester Begriff. Doch die Deutschen sind nicht das einzige Volk, das bang in die Zukunft blickt. Wirtschaftshistoriker Holtfrerich über deutsche und amerikanische Ängste.

FOCUS Online: Die Deutschen haben mehr Angst vor Inflation als vor einer schweren Krankheit. Woran liegt das – die Hyperinflation der 20er-Jahre und den Währungsschnitt nach dem Zweiten Weltkrieg hat ja kaum einer bewusst miterlebt?

Carl-Ludwig Holtfrerich: Die beiden Inflationserfahrungen des vergangenen Jahrhunderts spielen natürlich eine große Rolle. Aber sie sind nicht der einzige Faktor, der diese tief sitzende Angst auslöst. Es kommen auch jüngere Erfahrungen hinzu: Im System fester Wechselkurse, das bis 1973 bestand, war es günstig, weniger Inflation zu haben als die anderen Länder. Die Inflationsaversion hatte eine Funktion: die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

FOCUS Online: Das funktioniert aber nur im System fester Wechselkurse?

Holtfrerich: Richtig. Wir erwirtschaften jedoch den größten Teil unserer riesigenExportüberschüsse der letzten Jahre auch in einem System fester Wechselkurse, nämlich gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten der Währungsunion. Die Chinesen praktizieren das in ähnlicher Form gegenüber dem US-Dollar. Die Deutschen haben das Gefühl, dass wir uns in der Weltwirtschaft sehr gut behaupten können und unsere Arbeitsplätze sichern, wenn die Inflation niedrig ist. Da ziehen sogar unsere Gewerkschaften mit.

FOCUS Online: Reicht das als Erklärung?

Holtfrerich: Es gibt noch einen zweiten Ansatzpunkt, der mit den Inflationserfahrungen nichts mehr zu tun hat: Die Deutschen sind – stärker als andere europäische Nationen und die Amerikaner mit ihrem Pragmatismus – als Prinzipienreiter bekannt. Das hat auch positive Seiten, wie zum Beispiel die größere Pünktlichkeit der Züge – früher mehr als heute – gegenüber denen in Italien oder Frankreich oder die Verlässlichkeit bei der Einhaltung von Lieferzeiten im Export. Übertragen heißt das: Wenn wir die Wirtschaftspolitik gesetzlich und deklaratorisch auf Preisstabilität aufbauen, dann muss das auch so durchgesetzt werden. Wir wollen eben keine 3- oder 4-Prozent-Inflationsrate. Wir wollen dann Preisstabilität.

FOCUS Online: Am liebsten legen die Deutschen ihr Geld auf ein Sparbuch. Inflation ist für diese Sparform aber schädlich.

Holtfrerich: Die Risikoaversion spielt sicherlich auch eine große Rolle.

FOCUS Online: Die Amerikaner sind deutlich risikobereiter. Ist das der Grund für deren Angst vor Deflation?

Holtfrerich: Das liegt in der Geschichte. Die Einwanderer aus Europa gingen größtenteils aus wirtschaftlicher Not weg. Sie gingen nicht in ein Land, das besonders gute Sozialleistungen bot – anders, als das heute einige Zuwanderer bei uns empfinden. In den USA boten sich wirtschaftliche Möglichkeiten ungeahnten Ausmaßes, die es in Europa nicht mehr gab. Um überleben zu können, waren die Einwanderer unternehmerisch tätig und darauf angewiesen, dass Geld und Kredit expandierten. Dazu kommt: Im 19. Jahrhundert arbeitete der überwiegende Teil der US-Bevölkerung als Farmer. Unter Inflation litten Farmer nicht – sie litten unter Deflation, wenn die Preise sanken. Nach 1873, als die große Deflation einsetzte, kämpften sie für eine Währung, die durch Silber gedeckt sein sollte, das im Gegensatz zu Gold reichlich vorhanden war.

FOCUS Online: Warum hielt sich die Deflationsangst auch noch danach?

Holtfrerich: Im 20. Jahrhundert kommt die katastrophale Erfahrung der Großen Depression hinzu. In Deutschland war die Weltwirtschaftskrise 1936 überwunden, die USA litten bis in den Zweiten Weltkrieg unter den Folgen. Danach war Vollbeschäftigung – gleichberechtigt neben der Preisstabilität – der gesetzliche Auftrag der Notenbank Federal Reserve. Vollbeschäftigung ist für die USA Sozialpolitik, und zwar die beste, die es gibt. Dafür opfert man dort, wenn nötig, gern ein wenig von der Preisstabilität.«

© FOCUS Online 1996-2012