Freitag, 17. Februar 2012

Standpunkt 176 - Der Verrat


„Schäme dich Europa für den Verrat an Griechenland“

„Shame on Europe for betraying Greece“, so überschreibt der irische Schriftsteller William Wall einen Beitrag, den er für den englischen „Guardian“ geschrieben hat und der am 14.02.2012 auf „guardian.co.uk“ erschienen ist. Das Original in englischer Sprache gibt es hier: http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/feb/14/europe-betraying-greece.

Dieser Beitrag gefällt uns. Er gibt nämlich eindrucksvoll wieder, was hinter der europäischen Krisenpolitik tatsächlich passiert. Wie dabei der europäische Gedanke kaputtgeht und das Miteinander in Europa auf Jahre hinaus in ein Gegeneinander verkehrt wird. Das alles passiert unter deutscher Schirmherrrschaft. Schon der Volksmund weiß: „Bei Geld hört nun einmal die Freundschaft auf.“ Besonders, wenn der Deutsche geben muss, statt zu nehmen.  

Wir haben  für unseren Blog die folgende Zusammenfassung des Artikels formuliert, um den Inhalt auch denen zugänglich zu machen, die sich nicht regelmässig im englischen Sprachraum tummeln.

William Wall schreibt aus der Sicht Irlands und geht mit Europa hart ins Gericht. Der Kapitalismus triumphiere, während EU-Staaten die griechische Bevölkerung opfern, im verzweifelten Versuch die Götter der Spekulation zu beruhigen.

Er bemängelt vor allen Dingen die fehlende Solidarität, die nicht mit dem Geist der EU vereinbar sei. 

Das „Sparmaßnahmen-Paket“, wie es die Zeitungen gerne nennen, könne von der griechischen Bevölkerung so nicht angenommen werden. Die massiven Kürzungen der Löhne (22 - 32%), bei den Leistungen im staatlichen Gesundheitswesen (40%) oder die sprunghaft angestiegene Arbeitslosigkeit seien nicht tragbar. Die auf die Umsetzung des Sparpakets folgende Rezession führe zu unabsehbaren Folgen für die Arbeitslosigkeit in allen Altersgruppen, besonders bei den 15 – 24jährigen.

Außerdem verlange das Paket drastische Kürzungen bei Renten, Kürzungen im Öffentlichen Dienst, den Sozialleistungen und der Bildung. Der Notverkauf staatlicher Unternehmen sei geplant. Alles überwacht durch Nicht-Griechen. Es handele sich nicht um Sparpolitik, bestenfalls um ein Disziplinierungs- und Bestrafungssystem.  

Wall erkennt, dass es keine Rettungsaktion für die griechische Bevölkerung sei, mit der griechische Leben gerettet werden. Es ist eine Rettungsaktion für das Finanzsystem aus Banken, Hedge Fonds, Pensionssystemen der anderen EU-Staaten, für die die griechische Bevölkerung zahlen muss. Mit Geld, Zeit, Hoffnungslosigkeit, fehlenden Bildungsmöglichkeiten. Der Autor nennt es Gefühllosigkeit, nicht Sparmaßnahmen.

Diese Strategie der Einsparungen sei völlig unsinnig. Jeder halbwegs intelligente Mensch wisse, dass Kürzungen kein Wachstum produzieren.

Die Krise zeige das Unvermögen der EU-Staaten zu Solidarität gegenüber dem Ansturm der Spekulanten. Vielmehr wurde die Herrschaft dieser Spekulanten und ihrer Sucht auf Reichtum für alle sichtbar. Es sei ein Triumph des Kapitalismus, der damit beweist, dass er die Welt beherrscht. Die Staaten bevorzugen den Kapitalismus, nicht das Gemeinwohl.

Wall erklärt, dass so 200 Jahre Kampf zwischen den einfachen Leuten und den Superreichen weggefegt werden. „Wir stehen an der Schwelle, dies alles zu verlieren.“

Der Kapitalismus triumphiere auf höchster Stufe. Griechische Polizei schlage die Bevölkerung, um den Willen der Banken und Hedge Fonds durchzusetzen. Die übrigen EU-Staaten, inklusive Irland, seien Mittelsmänner, Kollaborateure des Kapitalismus’. Anstatt die Hand auszustrecken im Sinne der Solidarität heißt es: „Lieber die als wir!“ Als ob die Spekulanten Irland verschonen würden, wenn Griechenland zerstört ist. Solidarität sei nicht nur Mitleid mit jedem Einzelnen, es ist auch materialistischer Eigennutz. Wir stehen oder fallen zusammen. In dieser Einigkeit liegt Kraft.

Stattdessen hätten wir beschlossen, das griechische Volk den Spekulanten zu opfern, in der Hoffnung, dass die Götter der Spekulation sich dann beruhigen. Wir verdammen die Griechen zu Armut. Wall ist davon überzeugt, dass wir uns damit verrechnen. Er ist davon überzeugt, dass sich die politischen Verhältnisse in Griechenland ändern, die Regierungspartei PASOK steht bei 8% und wird in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Er glaubt, dass sich Griechenland dem Euro verweigern werde und seine Schulden nicht bezahle. Es sei nicht abzusehen, was in diesem Fall passieren wird. Sicher sei aber, dass sich die Spekulanten dann ihr nächstes Opfer für ihre Wetten aussuchen werden. Vielleicht werde der irischen Regierung dann ihr Mangel an Solidarität leid tun.

William Wall schreibt, egal was noch passiert, unser Benehmen und das unserer europäischen Mitbürger ist beschämend.