Samstag, 3. März 2012

Standpunkt 184 - Retter China?


Krise: Rettet China Europa?

Wir haben schon davon berichtet: Die Europäer betteln in Peking um finanzielle Hilfe für die Lösung ihrer Krise. Der Finne Olli Rehn, EU-Währungskommissar, war dort, zuletzt die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Kaiserin von Europa (vgl. Standpunkt, Ausgabe 102, „Angie I. - Kaiserin von Europa“, gibt es hier). Schliesslich verfügt China über den weltgrößten Währungsschatz. 3,2 Billionen US-Dollar sollen es sein. Das weckt Begehrlichkeiten. Über das Ergebnis dieser Bettelreisen schweigen sich die Beteiligten aber aus.

Deshalb gibt es auch für die deutschen Leitmedien nichts zu schreiben. Lediglich verschämte Kurzmeldungen berichten davon, daß chinesische Investoren sich gerade in Portugal einkaufen. Portugal muß, genau wie Griechenland, Staatseigentum privatisieren. Dankbare Abnehmer sind chinesische Konzerne, die bereits mehr als 3 Milliarden Euro investiert haben. Europäische Konzerne gehen leer aus. Insgesamt soll Portugal auf Verlangen von EU/IWF durch die Privatisierung 5 Milliarden Euro erlösen. Portugal macht besonders viele Geschäfte mit den früheren Kolonien Brasilien und Angola. Für China eine lukrative Gelegenheit, die Geschäfte dorthin auszubreiten. (Quellen: „ftd.de“, 22.02.2012 und „derStandard.at“, vom 23.02.2012)

Nachdem bereits früher vergleichsweise kleinere Beträge nach Griechenland geflossen sind, mit denen in Häfen und die Eisenbahn investiert wurde, steht jetzt Portugal auf der chinesischen Agenda. Hier wollen die Investoren aus dem Reich der Mitte klotzen statt kleckern. Die Gegenwehr ist gering bis nicht vorhanden. Selbst Brüssel schaut diesem Treiben bisher tatenlos zu.

Chinas Pläne sind nur zu erahnen. Sicher scheint jedenfalls, dass die Machthaber in Peking Zahlungen an harte Forderungen knüpfen. Hier und da finden sich in englischsprachigen Medien Berichte, die wenigstens in Ansätzen Chinas Haltung zu einer Rettung Europas erkennen lassen.

Kürzlich erschien in der englischen Ausgabe der „China Daily“ ein Artikel des Chefredakteurs, abgefaßt als Brief „an die verschuldeten Staaten von Europa“ (Quelle: „To the indebted nations of Europe“, „chinadaily.com.cn“, 23.02.2012). Wegen der schmalen Nachrichtenlage wollen wir diesen Beitrag aus China hier auf unserem Blog den Leserinnen und Lesern zur Verfügung stellen. Wir haben den Artikel in eigener Regie übersetzt. Für Kontrollfreaks gibt es hier den Originaltext.

Der Schreiber geht davon aus, daß China bereits europäische Staatsanleihen gekauft hat. Eine Bestätigung dafür, vor allen Dingen auch über den Umfang, haben wir nicht. Wir gehen vielmehr davon aus, daß es sich dabei um die Euro-Bestände handelt, in die China bereits früher, unabhängig von der Krise in Europa, investiert hat. In den vergangenen Monaten gab es schon mehrere stimmungsvolle Absichtserklärungen, besonders im Zusammenhang mit den Problemen in Griechenland, Portugal, Spanien oder Italien, „neues“ Geld ist aber nach unserer Kenntnis noch nicht geflossen.

Hier nun unsere Übersetzung des „China Daily“-Artikels:


„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich weiß, daß Sie Schwierigkeiten haben und wollen, daß China Ihnen hilft. Ich habe die mehrfachen Appelle in den Medien gehört, wo Sie unsere Führer darum bitten, die Schulden europäischer Regierungen zu kaufen. Ich möchte Ihnen versichern, daß Ihr Flehen nicht vergebens war.

Letzte Woche hat unser Premier zugesichert, daß China „stärker involviert sein wird“ Ihre Schuldenkrise zu lösen. Unser Zentralbankchef versuchte dem Marktvertrauen in den Euro Auftrieb zu geben, indem er versprach Ihre Staatsschulden zu halten.(1) Diese Erklärungen kamen sogar, als die internationalen Ratingagenturen – Moody’s, S&P and Fitch – die Ratings Ihrer Nationen wegen sinkender Aussichten auf Besserung in Europa herabstuften.

Wir möchten, daß Sie wissen, daß wir Ihnen als Freund zur Seite stehen in dieser für Sie schwierigen Zeit.

Tatsächlich haben die stetig wachsenden Handelsstränge zwischen China und der EU uns näher gebracht. China ist jetzt der Top-Handelspartner Europa’s und umgekehrt. So würde ein Kollaps der Euro-Zone Chinas Interessen ebenfalls verletzen. Der IWF hat gewarnt, daß ein Vertiefen der EU-Schuldenkrise das wirtschaftliche Wachstum Chinas dieses Jahr drastisch halbieren könnte.(2)  Wir sind also im selben Boot.

Aber das bedeutet nicht, daß Sie Chinas Hilfe auf die leichte Schulter nehmen sollten.

Ja, China hat das Geld. Es hat den weltweit größten Vorrat an ausländischen Währungen, bewertet mit rund 3,2 Billionen US-Dollar. Dies hat sich über drei Jahrzehnte angesammelt und aufgebaut aus rasierklingendünnen Gewinnen. Wir sind am unteren Ende der globalen Wertekette und müssen für jeden verdienten Penny schwitzen und uns abrackern. China muß 800 Millionen Pullis exportieren, um sich einen Airbus A380 kaufen zu können.

Um ehrlich zu sein, einige von uns verstehen nicht, warum die Reichen den Armen die Hand entgegenstrecken, um Geld zu bekommen. Für den gewöhnlichen Chinesen ist der Reichtum Ihrer Nationen unvorstellbar. Das durchschnittliche Monatseinkommen Ihrer Bürger – ca. 4.000 US-Dollar in Ländern wie Deutschland und Belgien – ist das 12fache eines durchschnittlichen chinesischen Bürgers. Die chinesischen Fabrikarbeiter in den Küstenstädten müssen 12 Stunden und länger jeden Tag arbeiten, normalerweise ohne freien Tag, während Arbeiter in Frankreich zwei Monate bezahlten Urlaub, Feiertage und regionale Festtage haben. Wenn wir es fertigbringen 50% unseres Verdienten zu sparen, sollten Sie es fertigbringen wenigstens 1% zu sparen.

Die Ursache der Krise ist einfach: Sie haben mehr Geld ausgegeben als Sie verdient habt. Falls wir unser hart verdientes Geld in griechische, irische, portugiesische oder italienische Staatspapiere investieren, sollten Sie auch den politischen Entschluß fassen „Ihren eigenen Hinterhof zu kehren“. Sie müssen aufhören zu zanken und langsam die dringend benötigten Sparmaßnahmen umsetzen. Es ist höchste Zeit die Ärmel hochzukrempeln und diesen Job zu machen.

Da ich weiß, daß jede Investition Risiken birgt, hoffe ich, Sie können versichern, daß unser Geld nicht verdampft. Wir wurden schon mit einer „Dollar-Falle“ reingelegt. Sie sind nicht gesetzlich verpflichtet, die Sicherheit unserer Investition zu garantieren, aber Sie wollen sicherlich nicht als diejenigen angesehen werden, die China in eine „Euro-Falle“ locken. Wir haben durch das Halten von US-Staatsanleihen hohe Verluste hinnehmen müssen, weil uneingeschränkt Dollars gedruckt wurden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat betont, daß die USD-Abwertung bis zu 20 – 30% Verlust an Chinas Investition in US-Staatsanleihen zur Folge haben wird. Das ist der Grund weswegen wir versuchen unser Investment in einem Währungskorb zu streuen, anstatt nur auf US-Dollar zu setzen.

Jetzt, wo China seinen guten Willen Ihnen gegenüber gezeigt hat, indem es europäische Schulden gekauft hat, können wir vielleicht eine Demonstration Ihres guten Willens erwarten. Ich denke, Sie sollten Chinas Status als Marktwirtschaft so schnell wie möglich anerkennen. Im Grunde ist dies ohne wesentliche Bedeutung, weil China diesen Status sowieso in ein paar Jahren gemäß den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) erhält. Gute Beziehungen beruhen auf Gegenseitigkeit.

Ich hoffe, es geht Ihnen gut.

Herzliche Grüße“


Noch einmal: Keine Leistungen ohne Gegenleistungen. Die europäischen Politiker scheinen bereit zu sein, China sehr weit entgegen zu kommen. Wir halten das für keine gute Idee. Das Land steigert so seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluß in Europa, auf jeden Fall gehen Arbeitsplätze verloren, die Löhne und Gehälter geraten weiter unter Druck. Ein Beispiel dafür ist der Bau der Autobahn in Polen von der deutschen Grenze bis Warschau. Den Auftrag hat ein chinesisches Unternehmen, beschäftigt werden chinesische Arbeiter zu Dumping-Löhnen, lediglich einige polnische Ingenieure stehen in Lohn und Brot. Ähnliches passiert in Griechenland, wenn demnächst die Infrastruktur ausgebaut wird: Chinesische Firmen setzen dafür chinesische Billiglöhner ein. Oder in Portugal, wo die neuen Herren nach dem gleichen Muster verfahren werden. Keine gute Entwicklung.


Fußnoten:

(1) (2)  „IWF warnt vor Flaute in China“, „faz.net“, 06.02.2012