Sonntag, 1. April 2012

Standpunkt 196 - Korruption


„Das deutsche Wissenschaftssystem ist korrupt“


betitelte vor wenigen Tagen “taz.de” einen Kommentar von Wolfgang Wodarg, Vorstandsmitglied bei Transparency International Deutschland. Wodarg, Mediziner und SPD-Mitglied, versucht in diesem Beitrag zu erklären, warum die Wissenschaften kaum noch in der Lage sind, auf die Herausforderungen, vor denen die globale Gesellschaft steht, Antworten zu geben. Als Beispiel für eine solche Herausforderung führt er u. a. den Zusammenbruch des globalen Finanzsystems an.

Die globale Gesellschaft sei “angewiesen auf belastbare Normen und Kenntnisse, auf einen Kompass, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuorientierungen (...) in Angriff nehmen zu können. Der Kompass fehlt.” 

Der Autor erklärt, “die Wissenschaften haben ihre Leitfunktion verloren”, werde “heute deformiert von den Interessen jener, die dafür viel zu zahlen bereit sind”. Er sieht “eine zunehmende Empfänglichkeit und Abhängigkeit von Geldmitteln, die direkt aus der Wirtschaft kommen oder die nach wirtschaftlichen Interessen verteilt werden.”  Wodarg hält dies für ein “politisches Programm mit gravierenden Folgen”.

Beispiele findet er in den “von Saatgutmonopolisten bezahlten Studien zum Kampf gegen Hunger in der Welt”, in den “Sicherheitsgutachten mancher Kernkraftanlagen oder haltlosen Expertisen der Weltgesundheitsorganisation”, die viele Menschenleben kosten.

“Der Einfluß der Geldgeber hat längst den Blickwinkel von WissenschaftlerInnen in vielerlei Weise verändert”, schreibt Wodarg. Er erläutert an Hand der Agrarforschung, der Energiepolitik und der Pharmalobby die tiefgreifenden Einflüsse auf die Wissenschaft.

Am Ende fordert der Autor “mehr Transparenz” und “den Straftatbestand des Wissenschaftsbetrugs bei Irreführung oder Verfälschung von wissenschaftlichen Ergebnissen oder Daten”, mit denen dieser Entwicklung zukünftig begegnet werden kann.

Die Wirtschaftswissenschaften fehlen als Beispiel. Ob zu Recht, möge jeder selbst für sich entscheiden. Wir jedenfalls können uns nur schwer vorstellen, daß gerade in diesem Bereich alles mit rechten Dingen zugehen soll. Zu offensichtlich werden von den akademischen Stimmungsmachern der Ökonomie in Deutschland die überholten neoliberalen Glaubenssätze hochgehalten und gegen jeden Widerstand verteidigt. Alternativen werden erst garnicht bedacht und in Erwägung gezogen.

Für alle Interessierten: Den Original-Beitrag von “taz.de” gibt es hier.