Dienstag, 3. April 2012

Standpunkt 197 - Europas Krise (26) - Buiters "bad" Bank

 Europas Krise: Titel, Thesen, Lösungen! - Folge 26


„Bad Bank“-Konzept von Willem Buiter

Wir wollen uns heute mit der Vorrede nicht lange aufhalten. Nur so viel: Nach wie vor fehlen die wirklichen Lösungen für die Finanzkrise, die z. Zt. eher als Euro-Krise wahrgenommen wird.

Aktuelle Fakten in Europa: höchste Arbeitslosenquoten, massive Wirtschaftseinbrüche, zunehmende Armut, überschuldete Kommunen, Korruption und Vorteilsnahme bei den Politikern und ihren Beratern, wirkungslose milliardenschwere Hilfspakete für die Banken, krisenverschlimmernde Schuldenbremse und verfassungswidriger Fiskalpakt sind die Ergebnisse monatelanger Krisenverschärfungsmaßnahmen. Die deutsche Bundeskanzlerin erhält dafür erstklassige Umfragewerte. In der zuletzt veröffentlichten Umfrage zum Politikerranking in der  „Stern“-Ausgabe vom 01.03.2012 kommt sie auf unangefochtene 64% Zustimmung. Chapeau: Still und leise wird Europa von ihr in einen Zustand „marktkonformer Demokratie“ versetzt und niemand begreift, dass damit auch die allerletzten Spurenelemente sozialer Marktwirtschaft in Deutschland abgewickelt werden. 

Regelmäßige LeserInnen wissen, dass wir in dieser Reihe Beiträge wieder veröffentlichen, die wir aus den Tiefen unseres Archivs noch einmal ausgraben, um damit die Diskussion über die Lösung der europäischen Krise zu bereichern.

Heute kommt bei uns der englische Ökonom Willem Buiter zu Wort. Buiter war bis September 2011 Professor an der „London School of Economics“, seit Januar 2010 ist er Chef-Ökonom der Citigroup in London, außerdem Berater von Goldman Sachs und der HSBC, Hongkong Shanghai Banking Corp. Trotzdem bewahrt sich der Mann eine kritische Meinung und spricht auf seinem eigenen Blog „mavereon“ bei „blogs.ft.com“ gerne Klartext.

Der folgende Artikel ist bereits am 23.01.2009 bei „weissgarnix.de“ erschienen, der Webseite von Thomas Strobl, der leider seine Mission im letzten Jahr beendet hat. Deshalb ist ein Verweis auf diese Quelle nicht mehr möglich. Uns liegt der komplette Text, aus dem wir die Passagen hierher übernehmen, als „pdf“ vor. Selbstverständlich rühren wir das Copyright nicht an. Nur die Druckfehler haben wir korrigiert.

Hier nun Buiters Plan, eine der wahrhaftigsten Lösungen, um die real existierende Welt aus den Fängen der Blutsauger von Goldman Sachs, FED, EZB, IWF, Weltbank und ihren Helfershelfern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu befreien:


»(1) Alle privaten Großbanken werden komplett verstaatlicht. Und zwar zwangsweise, ohne
Ausnahme, auch die Banken, die nach wie vor meinen, sie wären solvent und könnten es auch alleine schaffen.

(2) Das bestehende Management wird gefeuert, die Aufsichtsgremien dito, mit Ausnahme derer, die erst nach Ausbruch der Krise im September 2007 an Board gekommen sind.

(3) Es gibt keine weiteren staatlichen Garantien für bestehende Kreditforderungen oder sonstige Assets. Unabhängig davon, ob sie toxisch, zweifelhaft oder werthaltig sind. Garantien gibt es stattdessen nur noch für Neukredite.

(4) Alle toxischen und zweifelhaften Assets werden von den nunmehr verstaatlichten Banken in eine neue “bad bank” transferiert. Eventuell zum Nulltarif, soweit das möglich ist, und wo nicht (etwa aus rechtlichen oder regulatorischen Gründen), bestimmt man die Transferpreise im Rahmen von offenen Auktionen. Da beide Banken, die alte übernommene wie die neue bad bank, ohnehin dem Staat gehören, ist die Bewertung letztlich egal. Der Ankauf der Assets durch die bad bank wird durch einen staatlichen Kredit an die bad bank finanziert, oder durch eine durch sie begebene Anleihe, die der Staat zeichnet.

Soweit es die bad bank betrifft, war’s das auch schon. Mit dem Staat als einzigem Eigentümer wie auch einzigem Gläubiger, kann sie nun mit den übertragenen Assets machen, was sie will, sie weiterverkaufen oder sonstwie verwerten, soweit das eben geht. Oder, falls einige der Forderungen tatsächlich noch zu laufenden Cash Flows führen, dann kann sie sie auch bis zur Fälligkeit halten, warum nicht.

(5) Als Spezialfall von (4) wäre auch denkbar, die Banken zu verstaatlichen, und hernach samt und sonders als “bad banks” zu klassifizieren, was bedeuten würde, dass sie effektiv für Neugeschäfte geschlossen wären, und damit in der bestehenden Form das Zeitliche segnen. Ihre Einlagen werden aus den bad banks auf neue “good banks” übertragen, dafür erhalten sie gleichhohe Forderungen an den Staat. In einem Auktionsprozess könnten die neuen Banken all diejenigen Vermögenswerte der alten, nunmehrigen bad banks, erwerben, von deren Werthaltigkeit sie überzeugt sind. Die restlichen verwertet der Staat wie oben.

Die neuen Banken verbleiben in öffentlichem Eigentum und betreiben ihr Geschäft nach den neuen regulatorischen Grundsätzen, die die Politik (hoffentlich) für sie aufstellen wird. Und dereinst, wenn der Himmel wieder blau ist und die Vögel wieder fröhlich zwitschern, kann man auch darüber nachdenken, sie wieder zu privatisieren.«

(© 2008-09 Thomas Strobl/Frank Lübberding)