Freitag, 18. Mai 2012

Standpunkt 230 - Griechenland


TELEPOLIS: „Krisenmythos Griechenland“


Es wird Zeit, den Befürwortern eines Austritts Athens wieder einmal die Maske der Scheinheiligkeit vom Gesicht zu reissen. Unseren LeserInnen einmal mehr deutlich zu machen, wie unglaublich leichtsinnig von diesen Leuten argumentiert wird. Die Forderung ist grotesk, die Folgen unabsehbar.

Keiner dieser Fanatiker war bisher in der Lage diesen ersten Rauswurf eines Landes aus der Euro-Zone vernünftig und nachvollziehbar zu begründen. Alle eiern nur rum, verbreiten Thesen und Theorien, bleiben aber harte, belastbare Fakten schuldig. 

Die jüngsten Berechnungen kommen Ammenmärchen gleich, reichen von 80 Milliarden bis zu 1 Billion Euro, erscheinen allesamt aus der Luft gegriffen. Dominoeffekte werden völlig ausgeblendet, der Austritt sei beherrschbar, so die obersten Krisenmanager Europas.

Erpressungsvorwürfe an die Adresse der griechischen Linken, die eigenen Verfehlungen der vergangenen Monate spielen keine Rolle. Der erzwunge Rücktritt der alten Regierung, den Diebstahl der Souveränität, die immer schärferen Spardiktate und die massiven Eingriffe in die Demokratie, gehen für die Machtpolitiker im Kern Europas völlig in Ordnung.

Sprunghafter Anstieg von Armut, Arbeitslosigkeit und Selbstmordrate sind unerheblich. Das sind Flurschäden eines europäischen Manövers, ausgetragen auf dem Boden Griechenlands.  Rezession als Folge der Sparprogramme, weiterer Anstieg der Staatsschulden als Folge des verordneten Hardcore-Sparens, sind zumutbarer Teil der Rettungsmaßnahmen. Irgendwann wird es auch wieder besser.

Was die Euro-Raus-Befürworter unterschlagen: Das verordnete EU-Spardiktat diente im Euro-Sprech nur einem Ziel: Griechenland in der gemeinsamen Währung zu halten. Oder etwa nicht?

Diente es vielleicht nur dazu, den betroffenen ausländischen Banken die Möglichkeit zu geben ihren sprichwörtlichen Hintern zu retten, den reichen Griechen ihre Milliarden ins Ausland – vorzugsweise in die Schweiz, nach Deutschland oder Luxemburg – zu schaffen, also den Leichnam auszuweiden solange er noch warm ist? Dabei natürlich den Spekulanten, ach nein, den Märkten, die Chance zu geben an dieser Ausweidung noch kräftig zu verdienen und, als krönender Abschluss, das griechische Volk noch für mindestens 30 Jahre in eine bisher beispiellose Schuldenknechtschaft zu überführen?

Wie pervers ist es, wenn dem schwachen Griechenland astronomisch hohe Zinsen aufgebürdet werden für Geld, das sich die Banken vorher für mickrige 0,25 % Zins bei der EZB geliehen haben? Das gleiche Geld hätte die EZB auch direkt geben können, der Not gehorchend unter Umgehung des nutzlosen, seit 2003 ständig gebrochenen Maastricht-Vertrages, zu einem bezahlbaren Zinssatz von 1 – 2 %. Das Zentralbank-System ist ein Privatbank-System, dessen Aufgabe es ist, die Geschäfte eben dieser Banken zu schützen und zu fördern. Alles andere ist schöner Schein, wie der Ökonom Stephan Schulmeister am Beispiel der Deutschen Bundesbank schon 1997 nachgeweisen hat (hier).

Die nächsten Kandidaten für dieses Programm stehen schon bereit: Portugal, Spanien, Italien, wahrscheinlich auch Frankreich, Belgien, die Niederlande, usw. Selbst Deutschland kann am Ende Ziel von Angriffen werden, da schon aus vielen Wunden blutend.

Aktuell nimmt die Diskussion zum Euro-Aus Griechenlands eine erstaunliche Wende: Den Großbanken geht dieser Schritt entschieden zu weit, sie reden gar schon von Weltuntergang. Richtig, der könnte es für die auch werden. Die dann fällig werdenden Kreditversicherungen könnten das fragile Bauwerk des Derivatehandels innerhalb kürzester Zeit zum Einsturz bringen. Dann sind die 3 Milliarden Verlust, die JPMorgan gerate erlitten hat, sprichwörtlich Peanuts. 

Eine sachliche Auseinandersetzung findet nicht mehr statt. Trotzdem starten wir heute dazu einen Versuch. Wir verweisen noch einmal auf eine Analyse, die schon vor rund zwei Jahren, nämlich im Mai 2010, bei "Heise-Telepolis" erschienen ist und sich ausführlich mit den Problemen rund um Griechenland beschäftigt. Der Autor, Tomasz Konicz, hat eine umfangreiche Bewertung vorgenommen, diese ausführlich mit Schaubildern unterlegt und reichlich Quellen aufgeboten. In unserem Archiv füllt das ganze Werk stattliche 24 Seiten. Aus diesem Grund haben wir hier nur den Link hinterlegt.

Der Artikel erklärt am Beispiel Griechenlands auch sehr viel über die andauernde Finanzkrise und ihre Ursachen.

Unbedingt eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die noch ein letztes Mal an einer Versachlichung des Themas interessiert sind.