Dienstag, 19. Juni 2012

Standpunkt 270 - Asien unter Druck


Stephan S. Roach: Erneuter Weckruf für Asien

In unserer letzten Standpunkt-Ausgabe, No. 269, dem Nachrichten-Ticker vom 18.06.2012, haben wir zu dem Artikel „G20-Gipfel: Kein Retter aus Fernost” erneut, ähnlich wie an den Tagen vorher, unsere Bedenken gegenüber der Entwicklung in China geäußert.

Wir beziehen hier eindeutig eine Minderheitenposition, erleben jedoch in den Berichten aus dem angelsächsischen Raum zunehmende Unterstützung für unsere Meinung.

Schon vor Monaten haben wir uns in einem China-Dossier (hier) kritisch mit den wirtschaftlichen Fähigkeiten des Landes auseinandergesetzt. Wir sehen keine Anzeichen, uns von dieser pessimistischen Haltung verabschieden zu müssen. Vielmehr deutet alles, trotz schöner Statistiken, auf eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft hin.

Dabei sind es nicht nur die so gerne zur Begründung der chin. Probleme angeführten Entwicklungen in Europa oder den USA. Vieles ist tatsächlich hausgemacht und wird von der Entwicklung in den Industriestaaten höchstens noch verstärkt. Die Schuldzuweisungen aus China an Europa auf dem G20-Gipfel in Mexico bewerten wir deshalb als Nebelkerzen, Ablenkungsmanöver für das heimische Publikum. Die USA geben hierfür schließlich seit mehr als zwei Jahren ein gutes Beispiel.  

Es hat uns anlässlich einer Recherche wieder einmal in unser Archiv getrieben und wir sind zufällig auf den  folgenden Artikel bei „project-syndicate.org“ gestoßen, der dort bereits am 28.11.2011, kurz vor dem angeblich so wichtigen EU-Gipfel, auf dem die europäische Krise endgültig beendet werden sollte, erschienen ist. Der Autor, Stephen S. Roach, Mitglied der Fakultät der Universität Yale, ist ein ausgewiesener Freund Chinas und hält regelmäßig in seinen Beiträgen die chinesische Fahne hoch.

In diesem Beitrag setzt sich Roach einigermaßen kritisch mit der Situation und den Aussichten Asiens auseinander, in dessen Mittelpunkt China die Fäden politisch und wirtschaftlich in der Hand hält. Natürlich verortet er die Gründe für die asiatischen Schwierigkeiten in Europa und den USA, nicht im Land selbst (die Zukunft wird ihn eines Besseren belehren).

Wegen der obligatorischen Retter-Rolle, die China von der Welt, besonders aber von Europa, zugedacht ist, halten wir es für dringend geboten, Roach’s damalige Auffassung unseren LeserInnen gerade jetzt zur Verfügung zu stellen. Wir finden, er hat nichts an Aktualität eingebüßt. 

Bei dem abgedruckten Text haben wir die auf “project-syndicate.org” angebotene deutsche Übersetzung unverändert übernommen (hier). Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache, Another Asian Wake-Up Call, gibt es hier.


NEW HAVEN: Zum zweiten Mal in drei Jahren ist die weltwirtschaftliche Erholung in Gefahr. Im Jahre 2008 drehte sich alles um die Subprime-Krise in Amerika; heute ist es die staatliche Schuldenkrise in Europa. In Asien – einer exportorientierten Region, die es sich nicht leisten kann, wiederholte Erschütterungen in seinen beiden größten Quellen der Außennachfrage zu ignorieren – sollten jetzt lautstark die Alarmglocken schrillen. 

Tatsächlich werden diese beiden Erschütterungen langanhaltende Auswirkungen haben. In den USA bleiben die amerikanischen Verbraucher (auf die immer noch 71% vom US-BIP entfallen) in einer äußerst schmerzhaften Bilanzrezession nach japanischem Muster gefangen. In den 15 Quartalen seit Anfang 2008 haben die realen Verbraucherausgaben durchschnittlich nur um blutleere 0,4% jährlich zugelegt. 

Noch nie hat Amerika, der weltgrößte Verbraucher, so lange geschwächelt. Bis die US-Haushalte größere Fortschritte beim Abbau ihrer exzessiven Schuldenlasten machen und wieder private Ersparnisse aufbauen – ein Prozess, der, wenn es im bisherigen Schneckentempo weitergeht, noch viele Jahre dauern könnte –, wird die unter bilanziellen Beschränkungen leidende US-Wirtschaft durch ein äußert geringes Wachstum beeinträchtigt bleiben. 

In Europa ist ein vergleichbares Ergebnis wahrscheinlich. Selbst unter der inzwischen scheinbar heroischen Annahme, dass die Eurozone überlebt, sind die Aussichten für die europäische Wirtschaft trübe. Die krisengeschüttelten Volkswirtschaften der Peripherie – Griechenland, Irland, Portugal, Italien und sogar Spanien – stecken bereits in der Rezession. Und im einstmals soliden Kern, in Deutschland und Frankreich, ist das Wirtschaftswachstum in Gefahr; führende Indikatoren – insbesondere der steile Rückgang der Auftragseingänge in Deutschland – lassen hier deutlich Unheil verkündende Zeichen einsetzender Schwäche erkennen. 

Zudem scheint eine europaweite Rezession unvermeidbar, da die Sparmaßnahmen die Gesamtnachfrage in den kommenden Jahren bremsen und die kapitalknappen Banken vermutlich ihre Kreditvergabe drosseln werden – ein ernstes Problem für Europas bankenzentrisches System der Kreditvermittlung. Die Europäische Kommission hat kürzlich ihre BIP-Prognose für 2012 auf 0,5% gesenkt – ein an eine Rezession grenzender Wert. Die von weiteren Sparmaßnahmen ausgehenden Risiken für die offizielle Prognose sind hoch und weiter im Steigen begriffen. 

Es ist schwer erkennbar, wie Asien in einem derart schwierigen weltwirtschaftlichen Klima weiter eine Oase des Wohlstands bleiben kann. Doch die Realitätsverleugnung geht tief, und der gegenwärtige Schwung ist trügerisch. Schließlich war Asien in den letzten Jahren derart erfolgreich, dass viel zu viele glauben, dass die Region praktisch alles abschütteln kann, was die restliche Welt ihr aufbürdet. 

Wenn die Dinge nur so einfach lägen. Wenn überhaupt hat sich Asiens Anfälligkeit für Erschütterungen von außen verstärkt. Im Vorfeld der Großen Rezession von 2008-2009 waren die Exporte auf einen Rekordwert von 44% des gemeinsamen BIP der asiatischen Schwellenmärkte geklettert – volle zehn Prozentpunkte höher als der Exportanteil während der Asienkrise der Jahre 1997-1998. Während sich also Asien während des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts darauf konzentrierte, die Finanzschwächen zu reparieren, die derart verheerende Schäden angerichtet hatten – indem es enorme Devisenreserven anhäufte, Leistungsbilanzdefizite in Überschüsse verwandelte und die durch übergroße kurzfristige Kapitalzuflüsse bedingten Risiken verringerte –, versäumtes es, die Makrostruktur seiner Volkswirtschaft neu auszubalancieren. Tatsächlich machte sich Asien, was sein Wirtschaftswachstum angeht, noch abhängiger von Exporten und von der Außennachfrage. 

Infolgedessen erlebte jedes Land innerhalb der Region, als der Schock der Jahre 2008-2009 zuschlug, entweder einen abrupten Konjunkturabschwung oder rutschte in eine ausgewachsene Rezession. Ein ähnliches Resultat ist auch für die kommenden Monate nicht auszuschließen. Nach einem deutlichen Einbruch in 2008-2009 liegt der Exportanteil der Schwellenländer Asiens inzwischen wieder bei seinem früheren Höchstwert von rund 44% vom BIP – d.h. die Region ist heute genauso durch Erschütterungen der Außennachfrage gefährdet, wie sie es im Vorfeld der Subprime-Krise vor drei Jahren war. 

China – lange der Motor der übermächtigen asiatischen Wachstumsmaschine – ist typisch für Asiens potenzielle Anfälligkeit gegenüber derartigen Erschütterungen aus den entwickelten Volkswirtschaften. Tatsächlich entfielen auf Europa und die USA gemeinsam volle 38% der chinesischen Gesamtexporte des Jahres 2010; diese waren damit die beiden bei weitem größten Auslandsmärkte. 

Aktuelle Daten lassen wenig Zweifel, dass sich die jüngste globale Erschütterung inzwischen auf Asien auszuwirken beginnt. Wie schon vor drei Jahren geht China dabei voran: Sein jährliches Exportwachstum fiel im Oktober 2011 auf 16%, gegenüber 31% im Oktober 2010 – und dürfte sich in den kommenden Monaten weiter verlangsamen. 

In Hongkong gingen die Exporte im September um 3% zurück – der erste Rückgang im Vergleich zum Vorjahr in 23 Monaten. Ähnliche Trends sind auch bei den steil zurückgehenden Exporten in Korea und Taiwan erkennbar. Sogar in Indien – das lange als eine der unerschütterlichsten Volkswirtschaften Asiens galt – ist das jährliche Exportwachstum von 44% im August 2011 auf nur noch 11% im Oktober zurückgegangen. 

Wie vor drei Jahren hoffen derzeit viele darauf, dass Asien sich „abkoppeln“ kann – dass sich diese im Höhenflug befindliche Region gegenüber globalen Erschütterungen als immun erweisen wird. Doch angesichts des derzeitigen Rückgangs beim BIP-Wachstum scheint das Wunschdenken zu sein.
Die gute Nachricht ist, dass ein starker investitionsgeleiteter Anstoß den Rückgang beim Exportwachstum teilweise ausgleichen und Asien statt einer harten eine weiche Landung ermöglichen könnte. Im Falle eines Auseinanderbrechens der Eurozone und einer ausgewachsenen europäischen Implosion freilich kann man für nichts garantieren. 

Dies ist Asiens zweiter Weckruf in drei Jahren, und diesmal muss die Region die Warnung ernst nehmen. Angesichts der Tatsache, dass den USA und jetzt auch Europa eine lange Durststrecke vorhersteht, können es sich Asiens Schwellenvolkswirtschaften nicht länger leisten, zur Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaftsentwicklung auf einen soliden Anstieg der Außennachfrage zu setzen. Sofern sie sich nicht mit einem geringeren Wachstum, einer schwachen Absorbierung von Arbeitskräften und einem erhöhten Risiko gesellschaftlicher Instabilität begnügen wollen, müssen sie ihren Schwerpunkt in aggressiver Weise auf ihre eigenen 3,5 Milliarden Verbraucher in der Region verlagern. Die Notwendigkeit einer von den Verbrauchern ausgehenden Neuausbalancierung Asiens war noch nie größer. 

Copyright: Project Syndicate, 2011.
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