Freitag, 20. Juli 2012

Standpunkt 315 - Nachrichten-Ticker, 19.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...



Warum tritt Deutschland nicht selbst aus der Währungsunion aus?
(focus.de) Die Eurorettung strapaziert Deutschlands Finanzkraft und die Geduld seiner Bürger. Warum steigen wir nicht aus? Aus Sicht von Experten hat die Idee durchaus Charme – birgt aber auch grosse Sprengkraft. Weiterlesen...

Kommentar: Überraschend, dass nur Hans-Olaf Henkel als Befürworter eines „Nord-Euro“ zu Wort kommt. Alle anderen warnen mehr oder weniger deutlich vor einem Austritt. Für den FOCUS doch einigermassen erstaunlich. Die Idee von Henkel ist eine Luft-Nummer, eine Sau, die er regelmässig durch das mediale Dorf jagt. Er sollte sich „seine“ Partnerländer eines solchen Währungsverbundes endlich einmal näher ansehen. Deutschland wird früher oder später von einer kapitalen Bankenkrise heimgesucht und dann noch froh sein, wenn Hilfe von aussen kommt. Holland steckt längst schon in ernsten Schwierigkeiten (Rezession, Bankenkrise), Österreich wird in Osteuropa sein Waterloo erleben, Finnland riskiert gegenüber Griechenland und Spanien eine dicke Lippe, während zuhause die industrielle Basis einen Knacks bekommt, von dem sich das Land auf Jahre hinaus nicht erholen wird. Für alle diese Länder gilt natürlich: Die zunehmende Rezession in Europa wird sich zwangsläufig auswirken. Alle zitierten Analysten unterschlagen den wirklichen Hintergrund der Krise in Europa: die Überschuldung der Banken wegen oberfauler Geschäfte.


So geht’s nicht weiter, Europa!
(zeit.de) Die EU ist ein merkwürdiges, unfertiges Gebilde: erfolgreich, unverzichtbar, von den Bürgern ungeliebt. Das ewige Projekt muss sich weiterentwickeln. Weiterlesen...

Kommentar: Ein charmanter Beitrag zur EU-Debatte, mehr nicht. Im Augenblick sind andere Ideen gefragt als Europa weiterzuentwickeln. Zuerst muss die Krise gelöst werden, die einen Keil zwischen die Staaten treibt. Einzelinteressen stehen gegen Gemeinschaftsinteressen. Egoismus gegen Solidarität. (Währungs-)Krieg gegen Frieden. Eine zukunftsorientierte Europäische Gemeinschaft gegen rückwärtsgewandte Kleinstaatlichkeit. Das Ganze verstärkt durch ultra-konservative, nationalistische Ökonomen. Da bleibt wenig Hoffnung.


Der Euro-Fighter
(zeit.de) Hans-Werner Sinn riskiert seinen Ruf als Ökonom, um die Krisenpolitik der Regierung zu stoppen. Warum tut er das? Weiterlesen...

Kommentar: Der Versuch einer umfassenden Analyse. Wird, bei aller Kritik, den Freundeskreis des Ökonomen nur weiter festigen. Für uns ist Hans-Werner Sinn ein Brandstifter, der seine Finger in Wunden legt um sie noch zu vergrössern, statt endlich einmal mit Lösungsvorschlägen daher zu kommen, die bisher grundsätzlich ausbleiben. Vielleicht hat er ja keine. Oder sie stehen, verkaufsfördernd, in seinem neuen Buch. 


IWF-Forderung an Euroland: mehr Europa gegen die Krise
(wirtschaftsblatt.at) Schuldenkrise. In seinem jährlichen Prüfbericht über die Politik in der Eurozone fordert der IWF mehr Integration in Europa als Mittel zur Krisenbekämpfung. Weiterlesen...

Kommentar: Rundherum die systematischen Vorschläge zu mehr Integration. Europa hilft es für die Krise nicht. Die Vorschläge sorgen für Unruhe bei den Menschen und führen zu Widerspruch. Sie schwächen Europa. Im Interesse Amerikas. Niemand darf vergessen, dass die Krise in Europa den US-Interessen nützt. Europa hat den Schwarzen Peter für die kommende Entwicklung in der ganzen Welt fest in der Hand. Wir können es nur wiederholen: Jede schwächelnde Wirtschaft kann mit dem Finger auf Europa zeigen und die europäische Krise für alles, sogar ihre hausgemachten Fehler, die Schuld in die Schuhe schieben. China, Indien, Brasilien, Kanada und natürlich die USA nehmen dieses Angebot bereits dankend an, wie der letzte G20-Gipfel eindrucksvoll gezeigt hat.  


Warum Spanien Finanzhilfe braucht
(tagesspiegel.de) Spaniens marode Banken sollen bis zu 100 Milliarden Euro erhalten. Doch ganz selbstlos sind die Europäer nicht, wenn sie die Hilfen bewilligen – wankt das spanische Finanzsystem, wankt das europäische mit. Wieder einmal. Weiterlesen …

Kommentar: Wenigstens einmal ein Artikel, der über die banalen Schuldzuweisungen der Medien hinausgeht. Leider erklärt der Autor damit nur die Notwendigkeit der spanischen Finanzhilfe, statt eine alternative Lösung anzubieten. Schade.   


Spanien muss für seine Banken haften“
(spiegel.de) Bisher steht die CSU in der Euro-Krise treu zur Kanzlerin. Das gilt auch, wenn der Bundestag nun über die Spanien-Hilfen abstimmt. Doch es grummelt in der Partei. Im Interview warnt Generalsekretär Dobrindt vor direkten Bankenhilfen - und beklagt griechische Verhältnisse in den deutschen Ländern. Weiterlesen...

Kommentar: Noch so ein Brandschatzer. Nach innen und aussen. Dobrindt vermittelt Eindrücke, die dem Wahlkampf geschuldet sind, nicht der Wirklichkeit. Natürlich haftet Spanien für seine Banken und natürlich ist und bleibt Deutschland eine Transferunion. Im Zusammenhang mit dem Länderfinanzausgleich würde ein bisschen bayerische Nachkriegsgeschichte jedenfalls helfen, die Verhältnisse zurechtzurücken. Aber wie schon gesagt, es ist Wahlkampf.


Europa droht handlungsunfähig zu werden
(fuw.ch) „Die Eurozone erfährt durch die Bürger vieler Mitgliedsländer ein völlig neuartiges Mass an Ablehnung.“ Die Politiker in der EU müssen handeln. Je länger sie damit warten, desto kleiner wird ihr Handlungsspielraum. Ein Kommentar von Pimco-CEO Mohamed El-Erian. Weiterlesen...

Kommentar: Eine eloquente Beschreibung der Krise, um als Lösung auch wieder nur mehr Integration anzubieten. Warum verstehen diese „Geldsäcke“ (eine Metapher, keine Beschimpfung) nicht, dass so die Krise nicht zu lösen ist. Gerade wieder zeigt die Finanzindustrie ihr wahres, skandalträchtiges Gesicht. Die Politiker müssen erst den Bankern kräftig auf die Finger hauen, denen den Geldhahn zudrehen, die nachweislich pleite sind, gleichzeitig die Wirtschaft stabilisieren und den Menschen, besonders in den krisengeschüttelten Ländern, eine Perspektive geben. Bis zu 50% Jugendarbeitslosigkeit sind keine gute Basis für mehr europäische Integration. Deutsche Handelsbilanzüberschüsse auf Kosten der Nachbarn und die Verweigerung von Transferzahlungen auf der anderen Seite aber auch nicht.  


Fitch stuft BIL herab
(tageblatt.lu) Die Ratingagentur Fitch hat am Donnerstag die Bonitätsnote der Banque Internationale à Luxembourg für langfristige Schulden von A+ auf A- gesenkt. Weiterlesen…

Kommentar: Jetzt auch Luxemburg. Es handelt sich bei der BIL um eine der angesehensten Banken im Großherzogtum. Die Spekulanten treffen Europa ins Herz. Die Begründung ist fadenscheinig. Für solche Bewertungen geniessen die Ratingagenturen in Deutschland seit der Finanzkrise 2008 wieder einen guten Ruf. Sorry, aber das ist idiotisch.  


Top-Notenbanker bringt Libor-Abschaffung ins Spiel
(ftd.de) In großem Stil haben Banken den Referenz-Zinssatz Libor manipuliert. Kanadas Notenbankchef schlägt deshalb einen radikalen Schnitt vor. Sein Wort hat Gewicht: Der Währungshüter steht dem einflussreichen Finanzstabilitätsrat vor. Weiterlesen…

Kommentar: So geht das also: Statt umfassende Aufklärung, einfach die Abschaffung. Schwamm drüber und die Sache ist erledigt. In ein paar Wochen ist Gras über die Sache gewachsen und das Casino geht weiter. Wir sehen uns bestätigt: Die Notenbanken sind die Interessenwahrer der Finanzkonzerne, keinesfalls unabhängig. Hier noch einmal die Arbeit des österreichischen Ökonomen Stephan Schulmeister, der sich schon in den 1990er Jahren mit diesem Thema beschäftigt hat.


Deutsche Bank rückt in Fokus des Zinsskandals
(ftd.de) Die Ermittler untersuchen die Verbindungen eines Barclays-Händlers mit Mitarbeitern der Deutschen Bank und drei weiteren europäischen Banken. Sie sollen ihre Handelsstrategien für Swaps auf Basis des Referenzzinssatzes Euribor miteinander abgestimmt haben. Weiterlesen… 

Kommentar: Noch einmal zur Erinnerung: Die Deutsche Bank ist der Primus in Deutschland, stand unter Leitung von Bankiers wie Abs, Guth, Christians und Alfred Herrhausen. Danach kamen die Banker. Den Unterschied hat Ludwig Poullain schon 2004 herausgestellt:

„Was den Unterschied zwischen einem Bankier und einem Banker ausmacht? Der Bankier war ein vornehmer Mann, kein Vornehmtuer, er war also ein Herr, der die Kunst und die Geduld des Zuhörens beherrschte und so souverän war, seine eigene Meinung durch das, was er aufnahm, zu korrigieren. Er räumte den Ratgebern Zeit ein, und er nahm die Sorgen derer, die sich ihm anvertrauten, ernst. Er war kein Mann des schnellen Geldmachens, sondern suchte seinen Nutzen in der Beständigkeit einer Beziehung.

Ein Banker dagegen ist ein globaler Universeller. Er weiß nicht nur alles, er weiß auch alles besser; etwa von Abläufen in Produktion und Versand, von Forschung und Entwicklung, also von Dingen, von denen er von Haus aus nur wenig wissen kann. Hat er sich einmal eine Meinung gebildet, steht sie unverrückbar fest. Sie ist nicht mehr diskutierbar. Am liebsten verkehrt er nur unter Gleichgekleideten. Gepflegte Tischsitten und strikte Beachtung der Regeln der Etikette gelten ihm als Ausdruck hochentwickelter Kultur.“ (Aus "Ungehaltene Rede", 17.04.2004, F.A.Z.)

Heute ist die Bank heruntergekommen, gebärdet sich wild und ungezügelt, fühlt sich niemand gegenüber verantwortlich, Gesetze haben für sie keine Bedeutung. So ist sie zu einer der weltgrössten Banken geworden, zu gross, um zu scheitern, aber auch schon lange zu gross, um gerettet zu werden. Dagegen ist die Politik machtlos und versucht erst gar nicht, die Kräfte zu messen.