Sonntag, 1. Juli 2012

Standpunkt 288 - Nachrichten-Ticker, 30.06.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Realwirtschaft ist out, virtuelles Kasino wieder in
(welt.de) Die Finanzmärkte haben die Beschlüsse des EU-Gipfels mit Kurssprüngen gefeiert. Doch Experten halten sie nicht für nachhaltig: Zu groß ist die Angst, dass Banken hemmungslos neue Risiken eingehen. Weiterlesen…

Kommentar/Ergänzung: Wie immer hängt die Journaille der Wirklichkeit hinterher. Was der Autor beschreibt hat nie aufgehört, ganz im Gegenteil. Beispielsweise schön zu sehen an dem folgenden Vergleich der Entwicklung der Kreditvolumen zwischen Schattenbanken und Geschäftsbanken in den USA (Angaben in Billionen USD). 


 
Exporteure klagen über Imageschaden durch Merkels Sparkurs
(spiegel.de) Die rigide Sparpolitik der Kanzlerin sorgt in Europa für Unmut, das bekommt offenbar auch die deutsche Exportwirtschaft zu spüren. Der Branchenverband berichtet bereits über eine zunehmende Zurückhaltung der Handelspartner. Weiterlesen...

Kommentar: Der Artikel spricht für sich. Da es immer noch keine nützlichen Lösungen gibt, sondern aus Berlin, Brüssel und New York weiter knallharte Sparpakete verordnet werden, dürfte diese Situation sich so schnell nicht ändern. Es sei denn die Bundesregierung schafft es, in die neuen Sparprogramme Zwangskäufe bei deutschen Firmen hineinzudiktieren. Alternativ könnte Deutschland demnächst die Exporte mit Staatshilfen subventionieren, oder?


Europa lebt
(sueddeutsche.de) Die Ergebnisse des Euro-Gipfels sind respektabel und beweisen: Europa funktioniert, auch wenn es knirscht. Dass in Deutschland nun debattiert wird, ob die Euro-Rettungsmechanismen dem Grundgesetz entsprechen, ist wichtig. Für Europa ist diese Diskussion aber nicht mehr als eine von vielen nationalen Kontroversen. Weiterlesen...

Kommentar: Eine Schönschreibung des Gipfels. Tatsächlich wurden keine wirklich vernünftigen Beschlüsse gefasst. Nichts als Placebos. Wie bei allen EU-Krisen-Gipfeln vorher gab es nur eine Menge Aktionismus, Streit und Spesen. Wenigstens hat jetzt noch niemand, wie sonst üblich, die Krise für beendet erklärt. Auch schon ein Fortschritt.       


In der Euro-Haftung
(faz.de) Die Staats- und Regierungschefs der EU haben aus dem ESM ein Instrument zur Gemeinschaftshaftung für Banken in der Euro-Zone gemacht. Das ist unglaublich. Wenn Italien und Spanien zu Reformen nicht bereit sind, warum soll der Norden Transfers zahlen? Weiterlesen...

Kommentar: Der Kommentar vermittelt den Eindruck, als hätte der Gipfel richtungsweisende Beschlüsse gefasst. Hat er aber nicht. Warum also diese Entrüstung?  


Die schwäbische Hausfrau hat ausgedient
(spiegel.de) Der Krisengipfel in Brüssel hat überraschend die Trendwende gebracht: Die Eurozone wird zur Transferunion. Kanzlerin Merkel musste Positionen aufgeben, die für sie gestern noch als unverhandelbar galten. Einmal mehr zeigt sich: Deutschland steht im Abseits. Weiterlesen...

Kommentar: Günter Verheugen stimmt ebenfalls ins Konzert der Beschlüsse-Verkünder ein. Warum? Merkel taktiert, ignoriert, sitzt aus. Ihre alte Masche, schliesslich hatte sie dafür den besten Lehrmeister von allen: Helmut Kohl. Nach wie vor haben sich die Gipfelstürmer in Brüssel auf die Rettung der Banken verständigt. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Eine unpopuläre Sache, den Wählerinnen und Wählern, bzw. den eigenen Bürgern, nur schwer zu vermitteln.
Merkel verteidigt deshalb nach wie vor jeden Cent aus Deutschland, koste es was es wolle. Lieber rettet sie unnötigerweise die Hypo Real Estate (HRE), die erste staatseigene Bad Bank Deutschlands, oder unterstützt großzügig die teilverstaatlichte Commerzbank. Außerdem wird ein üppiger Rettungsfonds (Soffin) von rund 450 Milliarden Euro vorgehalten, für die eigenen Banken darf es schon ein bisschen mehr sein. Natürlich getrennt gehalten vom normalen Bundeshaushalt, versteht sich. So lassen sich diese deutschlandeigenen Rettungsmilliarden vor der Öffentlichkeit besser verstecken. Übrigens verfahren EU und EZB bei ihren Hilfsbemühungen ähnlich virtuos.   


Allein gegen den Rest Europas
(heise.de/telepolis) Beim EU-Gipfel in Brüssel hat sich Merkel ins Abseits manövriert. Im Streit mit Italien und Spanien hat sie aber keine großen Kompromisse gemacht - die Sorge vor einem "Ausverkauf" Deutschlands ist unbegründet.
Der EU-Gipfel ist zu Ende, die Legendenbildung fängt an. Kanzlerin Angela Merkel habe Deutschland verkauft, eine allgemeine Schuldenhaftung für Italien und Spanien eingeführt, den Rettungsschirm ESM heimlich umgemodelt und überhaupt alle "roten Linien" verraten, schallt es aus einem vielstimmigen Chor. Weiterlesen...

Kommentar: Die Zusammenfassung zeigt: alles halb so wild. Am Ende durfte jeder etwas mit nach Hause nehmen, was ihm beim Regieren hilft. Wie immer. Die deutschen Leitmedien machen wieder viel Wind um Nichts.     


“Angela Merkel zerstört mit ihrem Kurs Europa”
(welt.de) Die stellvertretende Vorsitzende der Linken Sahra Wagenknecht verteidigt die neue Parteispitze, geißelt “verlogene Kürzungsdiktate” bei der Euro-Rettung und erklärt, warum sie jetzt Französisch lernt. Weiterlesen...

Kommentar: Das mit der neuen Führung übergehen wir einfach. Was uns aber gefällt: “Ein zentrales Thema ist die Euro-Krise, die verlogene Politik der Kürzungsdiktate bei gleichzeitiger Milliardenverschwendung für die Rettung von Hedgefonds und Banken.” Legen die Linken gerade einen Finger in die offene Wunde der europäischen Krise? Besser wäre gleich die ganze Hand. Gerade beschleicht uns ein amüsanter Gedanken: DIE LINKE, nicht CDU/CSU, FDP, SPD und BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN, rettet das Vermögen der Deutschen. Die anderen retten lieber die Banken und verpfänden dafür die Ersparnisse aller EU-Europäer.


Zum Abschluss noch einen Blick über den großen Teich:
Kanadische Banken: Die mit Abstand besten der Welt
(wirtschaftsblatt.at) Von der Finanzkrise 2008 verschont, von der Schuldenkrise weit weg – Kanadas Banken sind in Top-Form. Weiterlesen…

Kommentar: Zur Abwechslung kommt der Schwachsinn heute aus Österreich. Wo hat die Autorin diesen Quatsch bloß abgeschrieben? Die Royal Bank of Canada wurde erst vor wenigen Tagen von Moody’s herabgestuft, wie die Zeitung selbst am 22.06.2012 (hier) gemeldet hat. Gründe? Bitte schön:

„Seit einer kritischen Analyse des Immobilienmarktes durch die Nationalbank finden sich die kanadischen Medien in hellster Aufregung. Die Situation sei schlimmer als in den USA vor dem Subprime-Crash; die Haushalte über beide Ohren verschuldet und der Crash stehe unmittelbar bevor, titeln die Wirtschaftsblätter unter Berufung auf eine tatsächlich höchst beunruhigende Studie der Nationalbank. Demnach übertrifft die Verschuldung der Haushalte nach einem 30-jährigen Anstieg inzwischen jene in den USA und in Großbritannien, während die Immobilienpreise sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben. So wie die US-Amerikaner hatten die Kanadier die Preissteigerung ihrer Eigenheime in großem Stil auf Kredit verkonsumiert, so dass ihre Verschuldung inzwischen mehr als 150 Prozent des verfügbaren Einkommens beträgt [vgl. Grafik].
Nun hat das rohstoffreiche Kanada immerhin eine ausgeglichene Handelsbilanz, und das Bankensystem scheint noch in eher robustem Zustand zu sein. Allerdings liegen die Staatsschulden bereits bei rund 85 Prozent des BIP und eine Bankenrettung könnte durchaus erforderlich werden.“ (Quelle: „Blasen-Alarm in Taiwan und Kanada, 29.02.2012, hier