Montag, 2. Juli 2012

Standpunkt 290 - Nachrichten-Ticker, 01.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Die spanische Krise
(fotografiona.wordpress.com) Meine Schwester schickte mir und ein paar FreundInnen vor Kurzem eine Email in der sie sehr ausführlich über ihre Wahrnehmung der Krise in Spanien schrieb. Damit hätte ich nie gerechnet. Bis zum Ende der Email fragte ich mich, was sie eigentlich will. Es kam so unerwartet. Sie lebt mittlerweile seit drei Jahren in Parets del Valles. Sie hat eine beeindruckende Laufbahn hinter sich und die aktuelle Station ist ein fester Job, ein festes Gehalt, ein fester Freund und ein wunderschönes Haus. So war zumindest mein Eindruck. Aber das, was um sie herum passiert, ist alles andere als stabil. Sie wollte ihre Perspektive mit uns teilen, weil sie richtig erkannte, dass uns dieser Blick fehlte. Ich war unheimlich dankbar für ihre lebendige Schilderung der Umstände in ihrer Wahlheimat. Ich bat sie daher, einen Text zu verfassen, den ich online stellen und teilen kann. Was wir uns hierzulande kaum vorstellen können, davon berichtet Yasmin in diesem Artikel. Weiterlesen…

Kommentar/Ergänzung: Ein Bericht, direkt aus dem Auge des neuen Wirbelsturms, Spanien. Über ähnliche Zustände wurde schon im Zusammenhang mit Griechenland berichtet. Manchmal sogar in einem der deutschen Leitmedien. Zwischendurch war schon mal Italien dran. Jetzt geht das Drama in Spanien weiter. Natürlich interessiert das in Deutschland (noch) niemand. Wir sind uns da ganz sicher: es wird sich ändern. Die Krise wird auch an deutsche Haustüren klopfen. Wer nicht aufmacht, egal, sie kommt wieder. Was in Spanien passiert, zeigt anschaulich die folgende Grafik: 



Warum auch Spanien auf einen Euro-Austritt zusteuert
(faz.de) Bislang konzentrieren sich die Spekulationen über einen Euro-Austritt auf Griechenland. Doch die Bankenkrise in Spanien ist so schlecht gemanagt, dass sie zu einer noch größeren Gefahr für den Euro wird. Ein Standpunkt des Ökonomen Harald Hau. Weiterlesen...

Kommentar: Eine Analyse der besonderen Art. Kohärent formuliert. Leider eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit. Weder sind die Ursachen korrekt beschrieben, noch die Wirkungen. Und erst die Lösung. Schon wieder einer, der einer Verkleinerung der Eurozone das Wort redet, begleitet von einer “vorübergehenden Wiedereinführung von Kapitalkontrollen”. Was machen wir aber dann mit Staaten wie den scheinbar soliden Niederlanden, die nach den Maßstäben des Herrn Hau eine katastrophale Gesamtverschuldung von 690% des BIP aufweisen? Italien steht übrigens im Vergleich dazu mit 340% richtig gut da, Deutschland bringt es auf 290% Gesamtschulden. (aus “taz.de”, 22.11.2011, “Der noch größere Schuldenberg”, hier) Wer hat dieses Werk bloß bei Hau in Auftrag gegeben?


Gipfelbeschlüsse verschleppen die Krise
(ftd.de) Die Märkte feiern die Ergebnisse des EU-Gipfels in Brüssel. Zu unrecht. Denn die Maßnahmen mildern die Krise nicht ab, sondern ziehen die Misere nur weiter in die Länge. Weiterlesen...

Kommentar: Theorie trifft auf Wirklichkeit. Eine sehr wissenschaftliche Arbeit. Die natürlich mindestens zwei wesentliche Dinge außer acht lässt: “Die Märkte” gibt es schon lange nicht mehr, es sind “die Spekulanten” und die verdienen immer, besonders an einer Fortsetzung der Krise. Es ist weder eine Staatsschulden- noch eine Vertrauenskrise im Euro-Raum, es ist eine weltweite Bankenschuldenkrise, von der mit Europa der wichtigste Wirtschaftsraum der Welt betroffen ist. Deshalb ziehen die beiden Autoren falsche Schlüsse. Die von ihnen vorgeschlagenen “Krisenpräventionsmechanismen” haben keine Eile. Erst müssen die Banken an die Kandare. Und das schnell.


Investor Rogers: Crash kommt trotz der EU-Beschlüsse
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Der US-Investor Jim Rogers glaubt, dass die Rettungsversuche durch mehr Schulden einen Crash der Märkte nicht verhindern werden. Durch die Bankenrettung werde die Situation nur verschlimmert. “Der finanzielle Armageddon kommt in jedem Fall.” Weiterlesen...  

Kommentar: Grundsätzlich richtig, nur an einem Punkt formuliert Rogers (bewußt?) ungenau: Nicht “die Leute” müssen aufhören, Geld auszugeben, das sie nicht haben, es sind “die Politiker und Technokraten”. Klar verdient Rogers an dieser Entwicklung viel Geld. Andererseits ist er über die Entwicklung besorgt und redet darüber.


Sparkassen-Verband warnt vor Blanko-Schecks für marode Banken durch den ESM
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Der Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon, lehnt eine europäische Bankenaufsicht für alle Banken Europas ab. Zugleich fordert er strikte Auflagen für Banken, die aus dem ESM gerettet werden sollen. Weiterlesen...

Kommentar: Populistisches Gequatsche über Dinge, die so gar nicht vorgesehen sind. Wie er wohl reagiert, wenn es bei den Landesbanken wieder ans Eingemachte geht? Dann wird er froh und glücklich sein, dass Deutschland, unabhängig von EU/EZB/IWF seinen eigenen Rettungsschirm aufgespannt hat (hier).


Kampf um ein deutsches Europa mit Bild, Glotze und BamS
(heise.de/telepolis) Das von Wolfgang Schäuble ins Gespräch gebrachte Referendum ist vor allem Populismus. Weiterlesen...

Kommentar: Dem haben wir nichts hinzuzufügen.


“Weiter so, Politiker, auf dass wir Geld machen!”
(welt.de) Für die Händler an der weltgrößten Devisenbörse CME ist die Euro-Krise ein Fest. Mit riesigen Summen versuchen sie, aus Kursschwankungen Profit zu schlagen. Je größer die Angst, desto besser. Weiterlesen...

Kommentar: In der Krise werden Vermögen gemacht. So ist die Realität. Zu diesem Artikel haben wir noch eine aussagefähige Grafik (BIS = BIZ): 

 

Knapp 5 Billionen USD werden täglich gehandelt (hier). Große Teile davon gegen den Euro. Da schlägt jedes Spekulantenherz höher, wenn wieder ein EU-Krisen-Gipfel erfolglos zu Ende gegangen ist.

  
EZB könnte zur Müllhalde für Schrottpapiere werden
(welt.de) Je weiter die Euro-Krise um sich greift, desto mehr Aufgaben werden auf die EZB übertragen. Ökonomen warnen vor Überforderung. Schon jetzt hat sie viel zu viele gefährliche Papiere in ihren Büchern. Weiterlesen...

Kommentar: Was denn sonst? Die EZB hat, genauso wie die einzelstaatlichen Notenbanken nur die Interessen der Banken im Auge. Einschliesslich der Bundesbank, wie der österreichische Ökonom Stephan Schulmeister schon vor Jahren untersucht hat (hier). Das muss natürlich, besonders in der Krise, unbedingt kaschiert werden. Schliesslich hat man einen Ruf zu verteidigen. Weil es schon seit Jahren funktionierende Märkte nicht mehr gibt und auf breiter Front gegen die Banken spekuliert wird, bleibt nur noch die EZB als letzte Instanz. Bei den Ratings gegen die betroffenen Staaten und Banken könnte die EZB das Geld eigentlich längst ohne jede Sicherheit geben, so wie zuletzt im Februar geschehen (hier). Die Hereinnahme von Wertpapieren dient der öffentlichen Show, sonst nichts .   


Britischer Premier Cameron kritisiert “zuviel Europa”
(handesblatt.com) Die EU ist bei den Briten nicht allzu gut gelitten, die Schuldenkrise verschärft die Stimmung gegen die Union. Auch Premierminister David Cameron ist “nicht glücklich” mit dem derzeitigen Verhältnis seines Landes zur Europäischen Union – und kann sich daher eine Volksabstimmung über die künftigen Beziehungen vorstellen. Zugleich warnt er vor einem Austritt. Weiterlesen...

Kommentar: Der Beitritt Großbritanniens zur EU war ein Fehler. Für den Kontinent. Ein schlimmerer Fehler als z. B. die Aufnahme Griechenland oder Italiens in die Euro-Zone. Großbritannien war und ist vor allen Dingen eines: der wichtigste US-Brückenkopf in Europa. Was der EU heute so sehr zu schaffen macht, lässt sich ohne Umwege direkt mit den Briten in Verbindung bringen. Selbst bei der Gründung der EWU haben sie ihre Finger zu Gunsten der USA im Spiel. Sie halfen tatkräftig mit, eine starke politische und wirtschaftliche Union zu verhindern. Was gerade passiert, dient dem gleichen Zweck. Großbritannien ist ein Quertreiber. Wir begrüßen ein Referendum und am Ende eine Entscheidung gegen die EU. Leider bleibt unser Wunsch ungehört. Großbritannien kann es sich wirtschaftlich überhaupt nicht leisten auszutreten. Das Land ist pleite. Die Banken auch. Wer soll dafür demnächst geradestehen? Die Briten? Die Schuldenquote aus Staatsschulden und Schulden der privaten Haushalte beträgt über 900% der Wirtschaftsleistung (hier). Wer Großbritannien tatsächlich regiert, verdeutlich folgende Grafik: 

 
Was uns Cameron bietet? Viel vom berühmten britischen Humor.


“You’ll never walk alone”
(zeit.de) In Großbritannien fordern Kritiker, die EU zu verlassen. Was für ein Unfug! Weiterlesen...

Kommentar: Lesenswert.  


Obama gibt Europa Schuld an schwacher US-Beschäftigung
(wirtschaftsblatt.at) Geht es nach Experten, sind US-Aktien das Non-plus-ultra. Davon zeugt auch das erste Halbjahr der US-Börsen. Präsident Obama braucht indes dringend gute Nachrichten.
In den USA geht es langsam aber sicher in die heiße Wahlkampfphase. Nach der zuletzt veröffentlichten US-Arbeitsmarktstatistik ließ Barack Obama am Wochenende vermelden, dass Europa schuld an den schwachen Mai-Beschäftigungszahlen der USA sei. “Die größte Herausforderung ist derzeit in Europa zu finden, nicht in den USA”, tönte der US-Präsident, nachdem auch das BIP der USA im zweiten Quartal nur um 1,9 Porzent (3,0 Prozent im ersten Quartal) zugelegt hatte. Weiterlesen...

Kommentar: Obama in Not. Die Mittelschicht zerfällt, die Zwangsversteigerungen gehen unvermindert weiter, dadurch steigt die Zahl der Obdachlosen und die Zahl der Food Stamps-Bezieher verharrt weiter auf hohem Niveau, neue Jobs sind Mangelware, die Konsumlaune ist im Keller, usw. Statt die eigenen Fehler abzustellen, bekommt wieder einmal Europa den Schwarzen Peter zugeschoben. Dabei kommt ihm Europa mit seiner verfehlten Krisenpolitik weit entgegen. Ein sehr durchsichtiges Manöver, jedenfalls für unsere LeserInnen. Wahrscheinlich erhält Obama im November eine zweite Chance, besser machen wird er es sicherlich nicht.


Zum Abschluss noch ein bisschen Volkswirtschaft für Europäer:
„Sparzwang führt in die Depression“
(derStandard.at) Warum der Fiskalpakt ein Übel ist: Ökonom Stephan Schulmeister sieht ein vernünftiges Ziel mit fataler Methode, die den Sozialstaat demontieren, die Krise vertiefen und die Politik entmündigen werde. Weiterlesen…

Kommentar: Wir machen nach wie vor keinen Hehl daraus: Schulmeister ist mit seinen Einschätzungen absolut auf der Höhe der Zeit. Die folgende Grafik zeigt augenfällig wo die Reise ohne Wiederkehr hingeht: 


 © Boeckler.de