Dienstag, 3. Juli 2012

Standpunkt 292 - Nachrichten-Ticker, 02.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Noch nie waren so viele Menschen in der EU arbeitslos
(tagesanzeiger.ch) Im März 2012 knackte die Arbeitslosenquote in der Eurozone erstmals die 11-Prozent-Marke. Im Mai nun hat die Zahl der Menschen ohne Job für die gesamte EU einen neuen Rekordwert erreicht. Weiterlesen…

Kommentar/Ergänzung: Wundert sich wirklich noch jemand über diese Entwicklung? Die bisherige europäische Krisenpolitik unter deutscher Führung ist krachend gescheitert. Ein Ergebnis dieses Scheiterns sind die Arbeitslosenquoten in Europa, wie die folgende Grafik zeigt:  


Der zitierte Artikel stellt außerdem u. a. die Daten für Lettland vor. Das zuletzt für seinen Umgang mit der Krise hoch gelobte Land liegt mit einer Arbeitslosigkeit von 14,6% noch vor Irland mit 14,5%. Vorläufige Ausreißer sind Spanien und Griechenland, die zusätzlich noch von einer hohen Jugendarbeitslosigkeit geplagt werden. Wir erwarten, dass die Spekulanten den Euro über diese Länder in die Knie zwingen. Spätere Angriffe auf Italien, Frankreich, Österreich, Holland und Deutschland werfen die Gemeinschaftswährung endgültig in den Staub. Wehrt sich Europa nicht mit geeigneten Maßnahmen – gerne Masterplan genannt – dann werden die Europäer ihre Ersparnisse und der Kontinent seine Wirtschaftskraft verlieren. Wir werden demnächst unseren Masterplan für Europa vorstellen.


Starker Gegenwind für Gipfelbeschlüsse von Brüssel
(manager-magazin.de) Noch ist die Tinte kaum trocken, da geraten die Gipfel-Beschlüsse von Brüssel schon ins Wanken. Finnland kündigt sein Veto gegen die Anleihenkäufe des ESM an. Auch das deutsche Verfassungsgericht nimmt die Klagen der ESM-Gegner offenbar sehr ernst. Weiterlesen...

Kommentar: Wir bleiben dabei, in Brüssel wurden keine Beschlüsse gefaßt, die diese Bezeichnung verdienen. Es wurde geschachert und der Eindruck von Handlungsfähigkeit vermittelt, mehr nicht. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Widersprüche regen. Na und, was spielt das für eine Rolle? Die Spekulanten bestimmen das Tempo. Die brechen auch Finnland und die Niederlande. Der Sachverstand der dortigen Regierungen erscheint uns nicht zwingend.


Montis und Rajoys zweites Westfalen
(presseurop.eu) Die auf Druck Spaniens und Italiens getroffenen Brüsseler Gipfel-Beschlüsse bedeuten vor allem eines: Dreieinhalb Jahrhunderte nach dem Westfälischen Frieden wird der Nationalstaat nur überleben, wenn er Souveränität abgibt. Weiterlesen...

Kommentar: Charmanter Vergleich. Ansonsten eine brauchbare Beschreibung des Brüsseler Gipfels und der Schwierigkeiten in Spanien und Italien. Nach wie vor gilt: Geld gibt es nur gegen Kontrolle und harte Austeritätsmaßnahmen. Die in diesem Artikel geforderte Aufgabe nationaler Souveränität wird die Krise nicht lösen. Erst muss den europäischen Großbanken auf die Finger gehauen werden. Warum steht hier.


Hollande gräbt Merkel Macht ab
(ftd.de) Beim Gipfeltreffen spielt sich François Hollande in den Vordergrund: Frankreich will als Verbindungsglied in Europa die Geschicke der europäischen Gemeinschaft lenken. Kanzlerin Merkel bleibt nur, gute Miene zu machen. Weiterlesen...

Kommentar: Möglich, dass Hollande die beschriebenen Ziele verfolgt. Nur geht es hier nicht um Machtgewinn oder Machtverlust. Die Mächtigen sitzen ganz woanders: in der Wall Street, der Londoner City, in Frankfurt oder Zürich. Die Politiker sind machtlos, das ist die Botschaft aus Brüssel.


Hat Angela Merkel dem Ende des Nationalstaats zugestimmt?
(handelsblatt.com) Mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) dürften die gewählten Regierungen in Zukunft kaum noch etwas Wesentliches entscheiden. Die EZB übernimmt die Verantwortung – politische Rechenschaft nicht nötig. Weiterlesen...

Kommentar: Quatsch. Lupenreine Meinungsmache.


Merkels heimliche Hintertürchen
(spiegel.de) Auf den ersten Blick sieht Angela Merkel aus wie die Verliererin des EU-Gipfels. Künftig gibt es direkte Hilfe für Banken, und Krisenländer bekommen Geld im Schnellverfahren. Doch das Kleingedruckte bietet der Kanzlerin Spielraum: Wenn sie will, kann sie ihren harten Sparkurs doch noch durchdrücken. Weiterlesen...

Kommentar: Taktiert haben sie alle, in Brüssel. Am Ende bleibt alles so schlecht wie es ist.


Merkels kritische Phase
(zeit.de) Der Ruf der Kanzlerin hat seit dem EU-Gipfel gelitten; fast konnte man glauben, ihr politisches Ende rückt näher. Doch noch immer spricht viel für sie. Weiterlesen...

Kommentar: So, so, der Ruf hat gelitten. Nicht wirklich. Ihr politisches Ende erwarten wir erst 2013. Bis dahin ist die Krise für alle spürbar auch in Deutschland angekommen.   


EU-Politiker ohne Euro-Vision
(manager-magazin.de) Großes war vor dem EU-Gipfel angekündigt worden, doch Europas Politiker konnten sich wieder nur auf kurzfristiges Krisenmanagement einigen. Dabei ist eine gemeinsame Vision für Europa wichtiger denn je. Weiterlesen...

Kommentar: Noch eine brauchbare Bestandsaufnahme. Die Wünsche an Europas Spitzenpolitiker werden weiter ungehört bleiben. Obwohl die Probleme schon riesengroß sind. Aussitzen ist zur schädlichen Maxime erhoben worden.


Banken-Rettung beschädigt die Demokratie
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Die Art und Weise wie Banken wirtschaften, hat wenig mit dem zu tun, was ihre eigentliche Aufgabe ist, kritisiert der ehemalige Chefökonom der Weltbank Joseph Stiglitz. Die Institute sollten stärker reguliert werden. Sie schwächen unsere Wirtschaft. Eine Reform der Regulierung sei das dringlichste Problem der Weltwirtschaft. Weiterlesen...

Kommentar: Recht hat er. Nur, welche Regulierung will er reformieren? Es gibt keine Regulierung, noch nicht einmal eine “Unterregulierung”. Sehr schön an dem neuen Skandal in Großbritannien rund um Barclays zu beobachten. Die Banken sind übermächtig und diese Übermacht muss gebrochen werden. Europa, die Schweiz inklusive, sollte dabei voran gehen so lange es noch nicht zu spät ist, auch ohne USA und Großbritannien. Die Verbindungen zum US-dominierten Welt-Finanz-Casino müssen gekappt, falls nicht in jedem Fall möglich, die betroffenen europäischen Banken separiert werden.Es gibt keine systemrelevanten Banken mehr. Die hätte es nie geben dürfen.


Großbritannien ist das neue Vorbild für Europa
(welt.de) Vergessen wir die deutsch-französische Achse. Wenn die EU eine starke Kraft in der Welt sein will, sollte sie sich von der Liberalität und internationalen Erfahrung Großbritanniens inspirieren lassen. Weiterlesen...

Kommentar: Unglaublich, was da geschrieben steht. Der pure Populismus. Jetzt soll auch noch die abgehalfterte frühere Weltmacht für Europa als Vorbild dienen. Blanker Irrsinn. Großbritannien ist pleite, die Gesamtschuldenquote liegt bei 900%. Die beschlossenen Sparmaßnahmen treiben den Lebensstandard der Briten zurück in die 1920er Jahre (Bank of England), Krankenversicherung und Altersversorgung werden gerade ruiniert, die Wirtschaft ist abhängig von der Finanzindustrie in der Londoner City. Großbritannien braucht Europa, nicht umgekehrt. Die folgende Grafik macht deutlich, was wir meinen: 

 
Soweit wir wissen liegt nur die Gesamtverschuldung Luxemburgs noch höher, bei rund 1200%. Dieser Artikel ist “BILD”-ung auf höchstem Niveau.  


Banken verzocken jetzt auch das letzte Vertrauen
(welt.de) Mitarbeiter der Barclays-Bank haben offenbar, einen der wichtigsten Zinssätze Großbritanniens manipuliert. Ein weiterer Fall, der belegt: Die Finanzbranche hat nichts aus der Krise gelernt. Weiterlesen...

Kommentar: Klar ist das eine Bande Krimineller. Und die Politik lässt sie gewähren, während der Aufklärungsjournalismus wieder in einen Dornröschenschlaf gefallen ist. So sieht Mitschuld aus.


Paul Krugman: Europe’s great Illusion
(nytimes.com) Over the past few months I’ve read a number of optimistic assessments of the prospects for Europe. Oddly, however, none of these assessments argue that Europe’s German-dictated formula of redemption through suffering has any chance of working. Instead, the case for optimism is that failure — in particular, a breakup of the euro — would be a disaster for everyone, including the Germans, and that in the end this prospect will induce European leaders to do whatever it takes to save the situation. Weiterlesen...

Kommentar: Wie Recht hat wieder einmal Paul Krugman. Seine Artikel in der “New York Times” können wir nur empfehlen, selbst wenn wir nicht immer seiner Meinung sind. Eine solche fundierte Analyse würden wir uns von einem umserer deutschen Top- oder Star-Ökonomen wünschen. Diesen Hardlinern fällt nur ein, immer wieder eine Gefahr für Deutschland an die Wand zu malen, die sie mit den Verhältnissen in Griechenland, Spanien, Italien oder Portugal begründen. Ursachenforschung, Faktenanalyse ist nicht ihr Ding. Statt dessen lehrmeisterliche Theorien, die jeder praktischen Grundlage entbehren und selbst unter historischer Betrachtung deutscher Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen an Wahrhaftigkeit nicht gewinnen.


“Deutschland haftet für Südeuropas Banken”
(handesblatt.com) Nach dem Euro-Gipfel sind die Investoren erst einmal zufrieden. Aber zu welchem Preis? Deutschland werde immer tiefer in die Krise hineingezogen, warnt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Weiterlesen...

Kommentar: Nicht zuletzt wegen solcher Leute wie Hans-Werner Sinn gerät Deutschland immer tiefer in die Krise. Es sind deren Ratschläge, die völlig an der Wirklichkeit vorbeigehen. Schlimmer noch, die überhaupt nicht begriffen haben, wie der Hase läuft. Die sich terriergleich an überkommenen, ultra-nationalen, alt-neoliberalen Theorien festgebissen haben und diese mit hetzerischen Pamphleten in der Welt verbreiten, statt sich ein bisschen zurückzuhalten und in sich gekehrt erst noch einmal gründlich nachzudenken. Kürzlich formulierte die Londoner “Times” eine wunderbare Überschrift: “In der Krise sind auch Götter machtlos”, Herr Sinn (hier eine deutsche Übersetzung des dazugehörigen Artikels).


Deutsche Industrie: Größter Wachstumseinbruch seit drei Jahren
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Im Juni ist die deutsche Industrie den vierten Monat in Folge geschrumpft, wie der aktuelle Einkausmanager-Index zeigt. Sinkende Neu- und Folgeaufträge führten zu einem deutlichen Rückgang in der Produktion. Die Exporte sanken so stark wie zuletzt im Mai 2009. Weiterlesen...

Kommentar: Deutschlands Manager sind in der Wirklichkeit angekommen, endlich. Wie diese Wirklichkeit aussieht, hat “querschuesse.de” am Beispiel der Pkw-Neuzulassungen in Italien gestern eindrucksvoll herausgearbeitet (hier). 


Wer glaubt da immer noch an Deutschlands Insel der Glückseligkeit? Wahrscheinlich nur noch Ifo-Institut und GfK. Wider besseren Wissens versteht sich. Und das “Handelsblatt” (hier): “Der Pessimismus in Deutschland ist längst noch nicht so ausgeprägt wie im Rest der Euro-Zone.” Na also, klingt doch gar nicht so schlimm.


Zum Schluß:  “Ein Optimist kauft Gold und Silber, ein Pessimist Konserven.“