Donnerstag, 12. Juli 2012

Standpunkt 303 - Nachrichten-Ticker, 11.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Profithunger
(german-foreign-policy.com) Bundesdeutsche Unternehmen sind maßgeblich an der Spekulation mit Nahrungsmittel-Rohstoffen beteiligt. Nach Angaben der Organisation Oxfam hielten sie 2011 mit 11,4 Milliarden Euro rund ein Sechstel des weltweit in diese Anlage-Klasse investierten Kapitals. Die größten Fonds bieten die Allianz und die Deutsche Bank an; zu den weiteren Akteuren am Markt zählen die Commerzbank und die Bank Sal. Oppenheim. Die Weltbank misst Finanzprodukten wie den "PowerShares" der Deutschen Bank eine Schlüsselrolle beim Lebensmittel-Preisanstieg 2007/2008 zu, der zu einer Hungersnot führte. Die Konzerne hingegen streiten einen Zusammenhang zwischen ihren Börsen-Aktivitäten und Versorgungskrisen ab und machen stattdessen "Fundamentalfaktoren" wie das Bevölkerungswachstum, den Biosprit-Boom, den Klimawandel und politische Krisen für die Teuerung verantwortlich. Weiterlesen… 

Kommentar: Wir eröffnen heute mit einem Artikel, der nicht unmittelbar mit der europäischen Krise in Zusammenhang steht. Aber mit der weltweiten Finanzkrise seit der Lehman-Pleite 2008.  Die Spekulation mit Nahrungsmitteln gehört dringend verboten. Längst ist bewiesen, dass diese Spekulation für überhöhte Preise und Millionen Hungernde verantwortlich ist. Vor Monaten haben wir auf diese Gefahren schon einmal hingewiesen (24.01.2011, hier, Rubrik "Rohstoffe" ). Durch die Krise in Europa gerät in Vergessenheit, dass vor der Finanzkrise 2008 weltweit 500 Millionen Menschen hungerten. Seit 2008 hat sich diese Zahl wieder verdoppelt. Verantwortlich dafür sind ausschließlich die Spekulationen der Finanzkonzerne.


Studie: Große Mehrheit der Deutschen hält Politiker und Wirtschaftsvertreter für unglaubwürdig. Politik und Unternehmen im Glaubwürdigkeitstief
(uni-hohenheim.de) In der Euro- und Verschuldungskrise sehnen sich die Bürger nach verlässlichen Informationen. Weder Politiker noch Journalisten und Unternehmen erklären die Krise aber so, dass es den Menschen weiterhilft. Dabei bleibt die mangelnde Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen auch 2012 das zentrale Problem. Weiterlesen...

Kommentar: Eine wirklich aufschlußreiche Studie, mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. Herausragend die Glaubwürdigkeit der Journalisten, die nach unserer Auffassung gerade in der Finanzkrise durch nichts begründet ist. Die Studie nennt es Vertrauensvorschuss. Was dabei herauskommt formuliert Klaus Dittko von der Werbeagentur Scholz & Friends so: „Es gibt inzwischen wesentlich mehr Journalisten, die in der Politik mitmischen, die Trends setzen und Meinung machen wollen.“  Andererseits ist erstaunlich, wie klar die Menschen davon überzeugt sind (76%), daß die Politiker die Wahrheit zur Krise verschleiern. Nach wie vor sehen die Menschen für sich persönlich keine Gefahr wegen der Krise. Abschließend dazu eine Grafik aus der Studie:  

  
 
Euro bleibt zweitwichtigste Reservewährung weltweit
(wirtschaftsblatt.at) Wetterfest. Trotz der Schuldenkrise sinkt die Bedeutung des Euro als Reservewährung laut EZB bislang nur marginal. Weiterlesen...

Kommentar: Bei dem allgemeinen Krisengeheul der Euro-Gegner wird diese Tatsache gerne unterschlagen. Die USA werden sich darüber kaum freuen, langsam zehrt der Währungskrieg Dollar versus Euro (hier und an vielen anderen Stellen im Blog) an der amerikanischen Substanz. Vor der Krise lag der Anteil deutlich höher, bei 31%. Es wird Zeit, daß sich Europa endlich wieder auf seine wirtschaftliche Stärke besinnt, statt sich von den USA und ihren Helfershelfern weiter in die Enge treiben zu lassen.   


Eurozone droht Verlust von 4,5 Millionen Jobs
(wort.lu) Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat vor einer folgenschweren Zunahme der Arbeitslosigkeit in der Eurozone gewarnt. Ohne politische und wirtschaftliche Gegenmaßnahmen drohen der UN-Sonderorganisation zufolge in den nächsten vier Jahren weitere 4,5 Millionen Jobs verloren zu gehen. Die Zahl der Arbeitslosen in den 17 Staaten der Eurozone würde dadurch von derzeit insgesamt 17,4 Millionen auf rund 22 Millionen anwachsen, warnte die ILO in einer am Mittwoch in Genf veröffentlichten Studie. „Ohne zielgerichtete Maßnahmen zur Erhöhung der Investitionen in der Realwirtschaft, wird sich die wirtschaftliche Krise vertiefen und die Erholung des Arbeitsmarktes wird niemals beginnen“, warnte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. Nötig sei ein globaler Konsens darüber, dass Wachstum und Globalisierung viel stärker auf die Schaffung von Arbeitsplätzen ausgerichtet werden müssten. Weiterlesen...

Kommentar: Die unzähligen Sparpakete sind da wenig hilfreich. Letztlich wird davon auch Deutschland betroffen sein. Auch wenn heute noch niemand daran denken mag. Zeit, über die Ideen von John Maynard Keynes nachzudenken (hier).


Daniel Gros – Nationale Bankenkrisen kleingeredet
(ftd.de) Eine nationale Bankenaufsicht neigt dazu, die Probleme ihrer Banken zu vertuschen. So lange, bis die Institute so instabil sind, dass sie das europäische Bankensystem bedrohen. Ein Bankenrettungsfonds ist die einzig wirtschaftlich logische Lösung. Weiterlesen...

Kommentar: Stimmt fast alles, was der Ökonom Gros schreibt. Leider aber thematisiert auch er nicht das Problem, das vor allen anderen gelöst werden muß: die Bankenkrise. Es darf nicht sein, daß immer weiter Milliarden Euro aufgewendet werden, um die Banken zu stabilisieren, zu retten sind sie damit sowieso nicht. Unter dem Deckmantel einer angeblichen, über viele Jahre gewachsenen,  Staatsschuldenkrise werden dafür im Gegenzug ganze Völker an den Bettelstab gebracht. Das muß schnellstens aufhören. Leider sehen wir nicht, wer diese Herkulesaufgabe übernehmen kann. Die bekannten Spitzenpolitiker sind zu schwach dazu.   


Karlsruhe, wo Richter den Euro begraben könnten
(presseurop.eu) Das deutsche Verfassungsgericht könnte die gesamte Euro-Rettung stoppen. Wie beim Lissabon-Urteil 2009, fürchtet die Regierung, dass sich die Richter gegen mehr europäische Integration stellen. Es geht aber nicht nur um Europa, es tobt auch ein Machtkampf zwischen Exekutive und Judikative. Auszüge. Weiterlesen...

Kommentar: Nach unserer Einschätzung ist es für den Fortgang der Krise völlig unerheblich, wie Karlsruhe entscheidet. Die Spekulanten bestimmen nämlich über das Schicksal der europäischen Rettungsmaßnahmen. Wenigstens noch so lange, wie sich die Europäer nicht mit den richtigen Mitteln gegen deren Angriffe wehren. Die Forderung nach einer neuen deutschen Verfassung wäre die denkbar schlechteste Option.  


“Merkel mangelt es an Courage”
(sueddeutsche.de) Hat Bundespräsident Gauck recht, muss die Kanzlerin die Euro-Rettung besser erklären? Ja, sagt der Philosoph Otfried Höffe. Wer in seinen Visionen die Probleme unterschlage, betrüge den Bürger. Weiterlesen...

Kommentar: Ein lesenswertes Interview. Erklärt nicht die Ursachen der Krise, beleuchtet aber die Gründe für die falschen Lösungen.    


Spanien will 65 Milliarden Euro einsparen
(manager-magazin.de) Spaniens Regierungschef Mariano Rajoy hat den Euro-Partnern Bankenhilfen von bis zu 100 Milliarden Euro abgerungen. Nun kündigt er ein Spar- und Reformprogramm an, das auch eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 21 Prozent vorsieht. Bis 2014 soll es den Haushalt um 65 Milliarden Euro entlasten. Weiterlesen...

Kommentar: Eine lächerliches Vorhaben. Schickt Spanien in eine lange Rezession (hier). Wirkt absolut krisenverschärfend, auch für den Rest Europas.  


Brüssel will Spaniens Kleinanleger zahlen lassen
(ftd.de) Nach dem Willen der Euro-Retter sollen Spaniens marode Institute erst umfangreiche Abschreibungen vornehmen, bevor sie Euro-Hilfen in Anspruch nehmen können. Das geht aus einem vertraulichen Papier hervor. Weiterlesen...

Kommentar: Klassische Enteignung. Für Spanien geregelt in einem “Memorandum of Understanding”. Wie viele Möglichkeiten es bereits gibt, haben wir in einem eigenen Dossier zusammengetragen und ausführlich erläutert (hier). Noch haben die Menschen in den sogenannten Kernländern (Deutschland, Frankreich, Österreich, Niederlande) Zeit, sich auf diese absehbare Entwicklung vorzubereiten. Woche für Woche wird sich dieses Zeitfenster weiter schließen.


Spaniens kleine Leute sind die großen Verlierer
(ftd.de) Spaniens Cajas haben Hundertausenden Kunden riskante Wertpapiere angedreht, die “Preferentes”. Jetzt müssen die arglosen Kleinsparer bluten. Die bringen ihre Wut auf die Straße. Weiterlesen...

Kommentar: Eine schlimme Sache. Kostet Tausende die Alterssicherung. Wer glaubt, so etwas sei in Deutschland nicht möglich, der handelt fahrlässig. Die Produkte heißen nur anders. Kommt der Staat in Not, dann wird er sich auch seiner Verpflichtungen für die diversen Staatsanleihen, inklusive der Bundesschätzchen, entledigen. Oder beispielsweise die zur Absicherung von vielen Anlegern gerne gekauften Zertifikate, die angeblich mit physischem Gold unterlegt sind. Völlig abwegig. US-Schätzungen gehen davon aus, dass für einen Teil Gold zehn Teile Zertifikate in Umlauf gebracht worden sind. Leicht auszurechnen, dass es am Schluss auch nur wieder Geld, dann eben wertloses, zurückgibt.  


DIW will Reiche für Staaten blechen lassen
(manager-magazin.de) Es ist ein skurriler Vorschlag: Weil sich manche Euro-Krisenstaaten nicht selbst aus dem selbst verursachten Schuldensumpf ziehen können, schlagen Berliner Ökonomen eine hemdsärmelige Lösung vor: Zahlen sollen die reichen Bürger – mit einer Form der Enteignung.  Weiterlesen...

Kommentar: Eine charmante Idee, diese Zwangsabgabe. Und ein wunderbarer Test-Ballon, um die öffentliche Meinung für so eine Lösung auszuloten. Ausprobiert würde dieser Vorschlag natürlich in den augenblicklichen Krisenstaaten Griechenland, Spanien und Italien. Noch weit weg von Deutschland. Nach unserer Einschätzung eine Abwandlung der BCG-Studie (Boston Consulting Group, hier), die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) entwickelt hat. In Deutschland könnte so der Schuldenstand deutlich näher an die 60-%-Grenze von Maastricht zurückgeführt werden. Der Staat würde “auf die einschlägigen Vermögensarten, also Immobilienvermögen, Geldvermögen und Betriebsvermögen zurückgegriffen. D. h., notfalls “wird der Handwerksbetrieb verstaatlicht, verkauft”, der Erlös fließt in die Schuldentilgung. Dieses Prozedere wäre ab einem individuellen Vermögen von 250.000 Euro (Ehepaare 500.000 Euro) vorgesehen. Das trifft viele. Auf diese Bemessungsgrundlage sollen 10% “Zwangskredit oder eine Abgabe” erhoben werden. Läuft es gut, dann gibt es irgendwann Geld zurück. Eine Garantie darauf gibt es allerdings nicht. Genausogut kann diese Abgabe auch endgültig verloren gehen. Erst Financial Repression, am Ende die Enteignung.   


Märkte weiter verunsichert: Bund verschuldet sich so günstig wie nie zuvor
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Bei einer Auktion von langfristigen, zehnjährigen Anleihen erreichte die deutsche Finanzagentur unglaublich niedrige Zinssätze. Die Investoren setzen angesichts der Lage in Spanien und dem Misstrauen gegenüber den italienischen Reformen weiterhin auf sichere Häfen. Weiterlesen...

Kommentar: Deutschland ein sicherer Hafen? Kaum. Wir sind immer wieder erstaunt, wie wenig die Anleger sich über die Folgen der Krise für Deutschland Gedanken machen. Was passiert denn, wenn rundherum die Länder in dauerhafte Rezessionen versinken, China seine Probleme nicht lösen kann und die Deutsche Bank sich im Finanz-Casino verzockt? Dann müssen die Staatsbürger für ihren Staat bürgen. Alle, ohne Ausnahme, sogar Hartz4-Empfänger usw.  


Lasst die Banken endlich wieder arbeiten!
(spiegel.de) Der Skandal um manipulierte Bankenzinsen lässt den Ruf nach schärferer Regulierung laut weren. Doch statt die Finanzinstitute weiter zu schwächen, sollte die Politik sie nun stärken – sonst droht großer Schaden für die gesamte Volkswirtschaft. Weiterlesen...

Kommentar: Unglaublich, was Wolfgang Münchau in seiner Kolmune vorschlägt. Gefühlt wird gerade alle 2 – 3 Tage ein neuer Finanz-Skandal aufgedeckt. Die konnte es nur geben, weil es die von den G20-Staaten unmittelbar nach der Krise 2008 versprochene straffe Regulierung der Finanzmärkte bis heute nicht gegeben hat. Anders als von Münchau behauptet, ist es gar nicht Ziel der Banken, neue Arbeitsplätze zu schaffen und das Wachstum zu stärken. Lächerlich, die Vorstellung. Die Notenbanken haben genau dafür gigantische Liquiditätsprogramme aufgelegt und den Banken Milliardenbeträge zur Verfügung gestellt (Beispiel hier). Die bleiben darauf sitzen und nutzen das Geld für ihre Spiele als Zockerbude. Den Banken fehlt es nicht an Selbstvertrauen, sondern an Moral. Kapitalerhöhung? Ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man sich das an Hand der Deutschen Bank vor Augen führt (hier). Dort wird 1 Euro Eigenkapital mit 50 Euro Schulden belastet, unabhängig vom Derivatehandel, der nach eigenen Regeln funktioniert. Die Größenverhältnisse sind in dem verlinkten Beitrag grafisch dargestellt.  

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