Montag, 16. Juli 2012

Standpunkt 310 - Nachrichten-Ticker, 15.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...



Deutsche Bank packt als Kronzeuge aus
(ftd.de) Im Skandal um den Libor-Skandal hat die Deutsche Bank offenbar einen Weg gefunden, den Schaden zu begrenzen. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge erwirkt das Geldhaus einen Kronzeugenstatus, um drohende Strafen abzumildern. Weiterlesen...

Kommentar/Ergänzung: Na also, geht doch. Bei „manager-magazin.de“ heißt es ganz offen, die „Deutsche Bank hofft auf Kronzeugenrabatt“ um eine „milliardenschwere Strafe“ zu vermeiden ("Deutsche Bank hofft auf Kronzeugenrabatt", hier). Die Deutsche Bank würde, im übertragenen Sinn, ohne mit der Wimper zu zucken die eigene Oma verkaufen. Zweifelt wirklich noch irgendjemand daran, dass es sich bei dem deutschen Banken-Primus um eine simple Zockerbude handelt? Die mit jedem paktiert, der ihr Vorteile verschafft? D. h. solche Vorteile, die sich in ihrer Bilanz auf die Stellen auswirken, aus denen sich am Ende des Geschäftsjahres die Vergütungen der Bosse errechnen. Die Kunden der Bank haben keine Vorteile. Denen fliegt demnächst einfach nur die Bank um die Ohren (hier). Und sie können nur zuschauen. Mit einer Rettung wäre sogar die Bundesrepublik überfordert.  


„Die Finanzbranche ist amoralisch“
(tagesanzeiger.ch) Erneut sorgen Tricksereien für Empörung: Einige Banker haben den Libor-Zinssatz manipuliert. Der Theologe und ehemalige Investmentbanker John Reynolds über die Ethik seiner früheren Berufskollegen. Weiterlesen...

Kommentar: Schon vor acht Jahren hat Ludwig Poullain in seiner ungehaltenen Rede die Moral der Banker am Beispiel von Josef „Joe“ Ackermann in Frage gestellt (hier). Deutschland war das egal, die öffentliche Reaktion: gleichgültiges Schulterzucken. Später, 2008, sollten Regularien her, um diese Entwicklung für die Zukunft wenigstens einzudämmen. Passiert ist nichts (hier). Jetzt ist wieder ein Skandal aufgetaucht, der die fehlende Moral der Banker erneut belegt. Wir sind uns sicher: wieder wird sich nichts ändern. Wer dieses Interview aufmerksam liest, der muss sich anschliessend wahrscheinlich einige unangenehme Fragen zu seiner Bank stellen und, wenn er sie korrekt beantwortet, daraus Konsequenzen ziehen.


Großkonzerne stellen die Mehrheit der offiziellen EU-Berater
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Ein Großteil der Beratungsgremien der EU-Kommission wird von Großunternehmen dominiert. Vertreter aus Mittelstand, Wissenschaft oder Nichtregierungsorganisationen sind unterrepräsentiert. So können die Großunternehmen einen sehr großen Einfluss auf die EU-Kommission ausüben. Weiterlesen...

Kommentar: Der kommt von Johannes Rau: "Nicht wir Politiker machen die Politik, wir sind nur die Ausführenden. Was in der Politik geschieht, diktieren die internationalen Großkonzerne und Banken." Er musste es ja wissen.  


„Weltmacht wird Europa nicht“
(zeit.de) Wir wollen unsere nationalen Identitäten bewahren, doch an der europäischen Integration führt kein Weg vorbei. Weiterlesen...

Kommentar: Das hat schon Konrad Adenauer erkannt: Die Einheit Europas war ein Traum weniger. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für alle.  Schon um die 50 Jahre her, diese Erkenntnis. Und immer noch richtig. Helmut Schmidt’s Plädoyer für mehr europäische Integration kommt aber zum falschen Zeitpunkt. Die Krise in Europa lässt sich damit nicht bekämpfen. Das wissen die Menschen sehr genau und lehnen deshalb bisher mehrheitlich diesen Schritt ab. Andererseits könnte eine erfolgreiche Krisenbekämpfung der Einstieg dafür sein, dass die Mehrheit der Europäer doch eine tiefere Integration innerhalb der EU wagen würden.


Harvard-Ökonom: „Deutschland wäre töricht zu zahlen“
(focus.de) Ökonomen streiten über den richtigen Weg aus der Euro-Krise. Ist ein Zahlungsstopp eine Option für Deutschland? Wirtschaftsprofessor Kenneth Rogoff aus Harvard jedenfalls warnt die Bundesrepublik im FOCUS-Interview, jetzt schon Transferzahlungen für die Euro-Zone zu unterschreiben. Weiterlesen …

Kommentar: Was Rogoff fordert, lässt sich – wir haben es oben beschrieben – in Deutschland nicht durchsetzen, jedenfalls nicht jetzt. Rogoff zeigt einmal mehr, dass er die Bedenken der Menschen nicht zur Kenntnis nimmt. Harvard hin oder her, sein Interview ist gespickt mit Fehldeutungen. Er will der Krise wissenschaftlich beikommen, was nicht funktionieren wird. Heute lieben wir Zitate: „Die Intelligenz verdirbt den Sinn für das Wesentliche.“ (Antoine de Saint-Exupery)


Deutschland hortet tonnenweise Lebensmittel-Vorräte
(welt.de) 800.000 Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland für den Notfall gelagert – Weizen, Hafer und Kondensmilch etwa. Die Idee stammt aus der Zeit des Kalten Krieges. Doch ist sie noch zeitgemäß? Weiterlesen...

Kommentar: Vielleicht keine schlechte Idee, in einer Versorgungskrise nicht von den Discountern abhängig zu sein. Deshalb sehr zeitgemäß.  


Analyse: Schweiz muss bei Euro-Crash mit massiven Folgen rechnen
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Der Schweizer Think Tank BAK aus Basel erwartet selbst im günstigsten Fall gravierende wirtschaftliche Folgen für die Schweiz, sollte die Euro-Zone auseinanderbrechen. Wenn dagegen nur Griechenland austritt, sehen die Analysten kaum Gefahren für die Schweiz. Weiterlesen...

Kommentar: Scheinbar sehen sich selbst die Schweizer durch einen Euro-Zusammenbruch gefährdet. Was uns wenig verwundert. Ausserdem sind wir davon überzeugt, dass die der Analyse zugrunde liegenden Annahmen noch zu günstig sind. Es fehlen einfach vergleichbare Daten.  


Euro-Krisenländer sollen Millionäre schröpfen
(handelsblatt.com) Der Reichtum der Oberschicht in den Euro-Krisenländern weckt Begehrlichkeiten. Deutsche Politiker fordern Vermögensabgaben. Durch die Einnahmen könnten deutsche Steuerzahler von Hilfszahlungen entlastet werden. Weiterlesen…

Kommentar: Das Interessante an diesem Artikel ist die Aufzählung der deutschen Vorbilder für eine Zwangsabgabe. Denkt diese Idee jemand zu Ende? Offensichtlich nicht. Der Effekt auf die Entwicklung der Staatsschulden ist marginal, ein Tropfen auf den heissen Stein. Die Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung wären andererseits äusserst negativ: Die Staatschuldenquote steigt, weil die Bemessungsgrundlage, das BIP, vergleichbar mit den Sparprogrammen, massiv einbricht. Leicht nachzurechnen. Das Ganze wäre nur eine grosse Show, publikumswirksam abgezogen für den Rest der Eurozone/EU.  


Firmen wollen bei Reichensteuer abwandern
(welt.de) Ökonomen wollen Bürger mit einem Vermögen ab 250.000 Euro heranziehen, um die Staatsfinanzen zu sanieren. Dagegen geht nun die Wirtschaft auf die Barrikaden – und droht unverhohlen mit Abwanderung. Weiterlesen… 

Kommentar: Erst einmal: Es ist keine Reichensteuer. Kaum einer fühlt sich reich, der ein Haus oder eine Wohnung im Wert von 250.000 Euro besitzt. Der Begriff beschönigt, verdeckt dass sehr viel mehr davon betroffen wären. Was der Artikel dagegen deutlich macht: Gleich am Anfang der Diskussion baut die Wirtschaft ein Drohszenario gegenüber dem Staat auf. Diese Möglichkeit hat Otto Normalverbraucher leider nicht. Sein Vermögen steht irgendwo festgemauert in Deutschland. Abwandern geht da nicht. Tröstlich nur: auch die Firmen können nicht so ohne weiteres die Klamotten packen und abhauen. Also erst einmal viel Lärm um nichts. Bei "focus.de" heisst es schon gleich: "Reichensteuer brandgefährlich" (hier). 

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