Dienstag, 17. Juli 2012

Standpunkt 311 - Wer gewinnt?


Dan Rodrik: Die (relativen) Gewinner der neuen globalen Wirtschaft 

Während die Euro-Krise gerade Amerika überfordert, Madame Lagarde vom IWF den Europäern nur noch wenig Zeit zur Lösung ihrer Krise zubilligt, George Soros wieder einmal das Ende des Euro ausruft und in Deutschland, angefacht vom Wirtschaftswoche-Star-Ökonom Hans-Werner Sinn ein Streit über die richtige Lösung der europäischen Krise ausgebrochen ist, philosophiert der türkische Harvard-Ökonom Dan Rodrik schon einmal über die Zeit danach, gibt einen Ausblick auf die Bedingungen, unter denen es Ländern besser geht als anderen.

Rodrik erscheint aber nur oberflächlich betrachtet als unverbesserlicher Optimist. Seine Beschreibung der aktuellen Situation in Europa, in den Industrieländern, den Schwellenländern, einschliesslich seiner Heimat, der Türkei, ist eher verhalten, im Kern richtig.

Rodrik hat das grosse Ganze im Auge, etwas, was wir uns von einem deutschen Top-Ökonomen wie Hans-Werner Sinn auch wünschen würden. Dessen Analysen sind stattdessen nationalistisch ausgerichtet und deshalb nicht geeignet, in einer globalisierten Wirtschaft Grundlage richtiger Entscheidungen zu sein.

Dan Rodrik beschreibt nicht nur die momentanen Defizite, sondern auch das Umfeld, in dem überhaupt erst wieder Wirtschaftswachstum ohne schwerwiegende Konflikte möglich ist. Wenig erfreulich für die deutsche Industrie ist seine Einschätzung, dass „Wachstum, das von der Nachfrage im Inland bestimmt wird, ist eine verlässlichere Strategie als exportorientiertes Wachstum. Das bedeutet, dass Länder mit einem großen Binnenmarkt und einer vermögenden Mittelschicht einen großen Vorteil haben werden.“ Nachvollziehbar, oder?

So gesehen spräche alles für Europa. Nirgends sonst auf der Welt werden diese Voraussetzungen noch erfüllt. In den USA erodiert gerade die Mittelschicht, China hat zwar 1 Million Millionäre, aber rund 800 Millionen Menschen mit einem Jahreseinkommen von unter 1000 US-Dollar, Russland steckt in unklaren politischen Verhältnissen fest, die Wirtschaft ist in der Hand einiger Weniger. Indien ist zu sehr abhängig von den Industrienationen, hat außerdem noch hausgemachte Probleme, kann selbst keine Impulse geben. Ähnlich Brasilien. Die Türkei, mit Verlaub, ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ihre wirtschaftliche Entwicklung, in Deutschland gerne gelobt, hängt massgeblich vom Export ab, die Binnennachfrage  ist vollständig kreditfinanziert. Leider ist das Land als Nachbar Syriens auch Teil des krisengeschüttelten Nahen Ostens und läuft Gefahr in absehbare kriegerische Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden. Was dann auch wieder Folgen für Europa hätte, die noch nicht einzuschätzen sind. Jedenfalls ein Grund mehr, die europäische Krise so schnell wie möglich zu lösen.

Haben wir irgendein Land ausserhalb Europas oder einen Erdteil vergessen, der etwas tun könnte für die Weltwirtschaft? Es ist ins keiner mehr eingefallen. Doch, doch, wir haben an Japan gedacht, aber waren damit schnell fertig. Das Land trägt schwer an seinen Problemen und froh, wenn es in Ruhe gelassen wird. 230% Staatsschuldenquote (offiziell, wir kennen andere Schätzungen) und eine hohe Exportabhängigkeit sind keine guten Voraussetzungen dafür, die Welt zu retten. Für alle in den 1990ern geborenen: Japan kämpft bereits seit über 20 Jahren gegen eine Krise an, die primär durch das Platzen einer gigantischen Immobilienblase ausgelöst wurde, vielen Banken das Leben kostete und selbst durch haushohe Konjunkturprogramme bis heute nicht gelöst werden konnte. Japans einziger Schutz bisher einem Kollaps zu entgehen ist die weltweit einmalige Konstellation, sich hauptsächlich bei der eigenen Bevölkerung verschuldet zu haben. Die Japaner nehmen ihre Funktion als Staatsbürger wirklich sehr wörtlich. Japan hofft darauf, sich China als neuen, wichtigen Exportmarkt erschliessen zu können. Natürlich wegen der geographischen Nähe eine sehr vernünftige Idee. Nur hat China demnächst so seine ganz eigenen Schwierigkeiten und Japan muss viel Geduld aufbringen und Rückschläge hinnehmen. 




Die Grafik zeigt sehr deutlich die Entwicklung zwischen 1990, dem Beginn der Krise, und heute. Japan steigerte seine Staatsverschuldung von 60% kommend auf über 230%. Das Land lebt seit mehr als 20 Jahren über seine Verhältnisse, trotz einer Mischung aus Sparprogrammen und riesigen Konjunkturmassnahmen, alles unterstützt von 0% Leitzinsen. Außerdem steht Japan weit vorne in der Reihe der Halter von US-Staatsanleihen. Rund 800 Milliarden US-Dollar.

Noch ein paar Worte zu Amerika, dem Rodrik nichts so richtig mehr zutraut. Wir schon. Okay, erst einmal ist es viel Hoffnung, die wir in dieses Vertrauen investieren. Wir bleiben aber unseren LeserInnen die Erklärung nicht schuldig.

Vorneweg: Wir halten wenig von der augenblicklichen amerikanischen Wirtschaftspolitik. Sie ist geprägt von den egoistischen, menschenverachtenden Interessen der Wall-Street-Konzerne auf der einen und fehlenden politischen Ideen auf der anderen Seite. Irgendwo dazwischen stecken 320 Millionen Amerikaner mehr oder weniger fest. Werden gebeutelt von über 20% Arbeitslosigkeit (hier), verlieren ihre Pensionsansprüche, ihre Häuser, ihre Zukunft, den „American Way Of Life“. Nur, es beginnt sich Widerstand zu regen. Die Menschen wehren sich. Einiges geht daneben, wie die Ereignisse in Wisconsin gezeigt haben (hier). Aber wir bleiben zuversichtlich. Wer sich ein bisschen mit der amerikanischen Geschichte seit dem 1. Weltkrieg beschäftigt, der wird auf das Phänomen des „New Deal“ treffen, der amerikanischen Antwort auf die Große Depression von 1929 (hier). Der damalige US-Präsident Roosevelt hat vieles falsch, aber am Ende doch noch mehr richtig gemacht und sein Land aus dieser Depression geführt. Zugegeben, so weit ist Washington noch lange nicht. Nur wird kein Weg daran vorbeiführen, dass sich Amerika auf diese alten Programme besinnt und die besten davon einsetzt, um aus der Krise zu finden. In den USA hat diese Krise begonnen, dort wird sie auch enden. Das wusste schon Winston Churchill: „Amerika wird es immer richtig machen, aber erst nachdem alle anderen Optionen ausgeschöpft sind.“

Zurück zu Europa. Folgende Dinge brauchen die Europäer im Augenblick nicht: Die Vereinigten Staaten von Europa, einen Fiskalpakt und eine Bankenunion, um nur die wichtigsten zu nennen. Alles absolut nicht notwendig, um den Euro zu retten. Fiskalpakt und Bankenunion sind aus unserer Sicht wahrscheinlich überhaupt entbehrlich. Ein Rettungsschirm ist nur bedingt notwendig.

Was Europa dagegen dringend braucht ist eine sofortige, grundlegende Restrukturierung seiner Banken und Finanzmärkte. Besser heute als morgen. Gerne  als eine EU26-Lösung, also ohne Großbritannien. Alles andere kann/muss warten. Diese Neuordnung führt zwangsläufig zu einem massiven Rückgang der Staatschulden, selbst in Griechenland. Nur die Probleme in Osteuropa bleiben, schade für Österreich. Nur auf diesem Weg lässt sich die Krise lösen. Alles andere führt nicht zum gewünschten Ergebnis, falls eine Lösung der europäischen Krise überhaupt gewollt ist.

Nur so kann Europa weiter eine führende Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Im Interesse des ganzen Kontinents und damit auch Deutschlands.

Wieder zu Dan Rodrik. Er erklärt in seinem Beitrag für Project Syndicate die grundsätzlichen Zusammenhänge, nüchtern und ohne Pathos. 

Bei dem folgenden Abdruck handelt es sich um die bei  „www.project-syndicate.org angebotene deutsche Übersetzung (vgl. hier). Das Copyright liegt selbstverständlich bei Project Syndicate! Für die Kontrollfreaks: Das Original in englischer Sprache, “The New Global Economy’s (Relative) Winners“, gibt es hier.

CAMBRIDGE – Auf die Weltwirtschaft kommen in nächster Zeit beträchtliche Ungewissheiten zu. Wird es dem Euroraum gelingen, seine Probleme zu lösen und ein Auseinanderbrechen zu verhindern? Werden sich die Vereinigten Staaten wieder auf den Weg des Wachstums begeben? Wird China eine Möglichkeit finden, seinen Konjunkturrückgang umzukehren?
Von den Antworten auf diese Fragen wird es abhängen, wie sich die Weltwirtschaft in den nächsten Jahren entwickelt. Doch unabhängig davon, wie diese unmittelbar bevorstehenden Herausforderungen gemeistert werden, steht fest, dass sich die Weltwirtschaft auch am Anfang einer schwierigen neuen längerfristigen Phase befindet – einer Phase, die möglicherweise ein wesentlich feindlicheres Klima für das Wirtschaftswachstum aufweisen wird als irgendein anderer Zeitraum seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.
Egal, wie sie ihre aktuellen Schwierigkeiten bewältigen: Europa und Amerika werden mit hoher Verschuldung, geringen Wachstumsraten und innenpolitischen Konflikten aus der Krise gehen. Selbst im besten Fall, in dem der Euro intakt bleibt, wird Europa von der anspruchsvollen Aufgabe, seine bröckelnde Einheit wiederherzustellen, aufgehalten werden. In den USA wird zudem die ideologische Polarisierung zwischen Demokraten und Republikanern weiterhin die Wirtschaftspolitik lähmen.
In fast allen Industrieländern werden hohe Ungleichheit, Belastungen für die Mittelschicht und die alternde Bevölkerung – vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit und knapper finanzieller Ressourcen – zu politischen Konflikten führen. Während sich diese alten Demokratien immer stärker auf sich selbst konzentrieren, werden sie als Partner international weniger hilfreich – sie sind weniger bereit, das multilaterale Handelssystem aufrechtzuerhalten, und eher gewillt, einseitig auf ausländische wirtschaftspolitische Entscheidungen zu reagieren, die nach ihrem Empfinden ihren Interessen zuwiderlaufen.
Dabei werden große Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien das Vakuum wahrscheinlich nicht füllen, da sie nach wie vor erpicht darauf sind, ihre nationale Souveränität und ihren Spielraum zu schützen. Infolgedessen werden die Möglichkeiten für eine globale Zusammenarbeit in wirtschaftlichen und anderen Fragen weiter schwinden.
Genau diese Art von Weltwirtschaftsklima schwächt das potenzielle Wachstum aller Länder. Man kann davon ausgehen, dass wir keine Rückkehr zu einem solchen Wachstum sehen werden, wie es die Welt in den beiden Jahrzehnten vor der Finanzkrise – insbesondere in den Entwicklungsländern – erlebt hat. Dieses Klima wird auf der ganzen Welt zu gewaltigen Unterschieden in der Wirtschaftsleistung führen. Einige Länder werden viel stärker betroffen sein als andere.
Die, denen es relativ gesehen besser geht, werden drei Eigenschaften aufweisen. Erstens werden sie nicht durch eine hohe Staatsverschuldung erdrückt. Zweitens werden sie nicht zu stark von der Weltwirtschaft abhängig sein, und der Motor ihres Wirtschaftswachstums wird eher im Inland liegen als außerhalb. Und schließlich wird es sich um solide Demokratien handeln.
Eine niedrige bis gemäßigte Staatsverschuldung ist wichtig, weil Schuldenstände, die 80 bis 90 % des BIP erreichen, das Wirtschaftswachstum erheblich behindern. Sie lähmen die Fiskalpolitik, führen zu schwerwiegenden Verzerrungen des Finanzsystems, lösen steuerpolitische Konflikte aus und heizen kostspielige Verteilungskämpfe an. Regierungen, die mit dem Schuldenabbau beschäftigt sind, werden wahrscheinlich nicht die Investitionen tätigen, die für einen langfristigen Strukturwandeln notwendig wären. Mit wenigen Ausnahmen (unter anderem Australien und Neuseeland) befindet sich die große Mehrheit der Industrieländer weltweit bereits in dieser Kategorie oder wird es bald tun.
Viele Schwellenländer, z. B. Brasilien und die Türkei, haben es dieses Mal geschafft, das Anschwellen der Staatschulden einzudämmen. Doch haben sie die exzessive Kreditaufnahme in ihren Privatsektoren nicht verhindert. Da Privatschulden sich oft in staatliche Verbindlichkeiten verwandeln, bietet die geringe staatliche Schuldenlast diesen Ländern in Wirklichkeit womöglich nicht das Polster, über das sie zu verfügen meinen.
Auch Länder, deren Wirtschaftswachstum zu stark von den Weltmärkten und der globalen Finanzwirtschaft abhängig ist, sind benachteiligt. Eine instabile Weltwirtschaft wird kein gastlicher Ort sein für Länder mit hohen Netto-Auslandsschulden (oder hohen Netto-Außenhandelsüberschüssen). Länder mit großen Außenhandelsdefiziten (wie die Türkei) bleiben den sprunghaften Stimmungen am Markt ausgesetzt. Diejenigen mit großen Überschüssen (z. B. China) werden zunehmend unter Druck gesetzt, ihre „merkantilistische“ Politik im Zaum zu halten – unter anderem auch durch Androhung von Vergeltung.
Wachstum, das von der Nachfrage im Inland bestimmt wird, ist eine verlässlichere Strategie als exportorientiertes Wachstum. Das bedeutet, dass Länder mit einem großen Binnenmarkt und einer vermögenden Mittelschicht einen großen Vorteil haben werden.
Und schließlich werden Demokratien besser abschneiden, weil sie über die institutionalisierten Mechanismen der Konfliktbewältigung verfügen, die autoritären Regimes fehlen. Es mag manchmal den Anschein haben, als würden sich Demokratien wie Indien zu langsam vorwärtsbewegen und seien anfälliger für Stillstand. Doch bieten sie die politische Bühne für Rücksprachen, Kooperation und Kompromisse zwischen widerstreitenden sozialen Gruppen, die in Zeiten der Turbulenzen und Schocks entscheidend ist.
Ohne derartige Institutionen können aus Verteilungskämpfen leicht Proteste, Aufstände und öffentliche Unruhen werden. Das demokratische Indien und Südafrika sind in dieser Hinsicht China oder Russland überlegen. Länder, die in die Hand autokratischer Politiker gefallen sind – beispielsweise Argentinien und die Türkei – leiden ebenfalls zunehmend unter Nachteilen.
Ein wichtiger Indikator für die Größenordnung der neuen weltweiten Wirtschaftsprobleme ist, dass so wenige Länder alle drei Voraussetzungen erfüllen. Tatsächlich können einige Länder, die die spektakulärsten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten unserer Zeit vorweisen können – insbesondere China –, nicht mehr als eine erfüllen. Es wird für alle schwierig. Aber einige – man denke an Brasilien, Indien und Südkorea – sind besser aufgestellt als der Rest.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann
Copyright: Project Syndicate, 2012.
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