Montag, 30. Juli 2012

Standpunkt 327 - Nachrichten-Ticker, 29.07.


Hier stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge des vergangenen Tages aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...



„Noch nicht alle haben unsere Strategie verstanden“
(welt.de) Viele Themen verlangten nach einer Reaktion des Finanzministers: die Rufe nach einem Euro-Austritt Griechenlands, die Krise in Spanien, das Rating Deutschlands. Doch Wolfgang Schäuble bleibt gelassen. Weiterlesen...

Kommentar: Ein so ausführliches Interview mit dem Bundesfinanzminister, da hätten wir uns eines mehr an nützlichen Informationen erhofft. Vor allen Dingen über die angebliche Strategie gegen die Krise in Europa. Leider Fehlanzeige. Auch aus dieser Ecke kommt nichts Neues. Jedenfalls nichts, was man nicht schon in den vergangenen Tagen irgendwo lesen konnte. Schade. Das nährt unseren Eindruck, es gibt keine wirkliche Strategie. Die Bundesregierung versucht nur, mit dem geringsten Einsatz die Eurozone zu retten. Das wird nie und nimmer funktionieren, Herr Schäuble.  


Spekulationen um Schäubles Inseldiplomatie
(ftd.de) Finanzminister Schäuble hat sich seinen US-Kollegen Geithner als Gast auf die Urlaubsinsel Sylt eingeladen. Über den Hintergrund des Treffens an der Nordsee herrscht Rätselraten. Weiterlesen...

Kommentar: Wir hätten da einen Vorschlag: Schäuble verbittet sich jede Form einer US-Einmischung, wirklich jede. Statt dessen wird er Geithner die deutsche rote Linie erklären, bis zu der finanzielle Hilfen für die notleidenden Länder bereitgestellt werden, und um Verständnis werben.. Da wird man aber in Spanien nicht sehr weit kommen (hier).


Schäuble: Aufspaltung von Universalbanken möglich
(faz.net) Diese Worte des Bundesfinanzministers dürften für Unruhe in der Finanzwelt sorgen. In einem Zeitungsinterview sagt Wolfgang Schäuble, dass er sich durchaus vorstellen könne, europäische Großbanken in Geschäfts- und Investmentbanken aufzuteilen. Weiterlesen...

Kommentar: So wie Schäuble seine Antwort formuliert hat, müssen sich die Großbanken in Europa nicht wirklich Gedanken machen. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Und wenn es entschieden ist, dann wird man feststellen, das klappt so nicht: Wer soll denn den ganzen wertlosen Müll übernehmen, der sich noch in den Bilanzen dieser Banken tummelt (hier)? Sehr wahrscheinlich eine staatliche Bad Bank, vielleicht sogar nach schwedischem Vorbild (hier). Die Derivate verschwinden in einer Zweckgesellschaft oder Schattenbank und wuchern im Verborgenen weiter. 

Die Sache mit den schärferen Regeln hat sich vor diesem Hintergrund auch längst erledigt. Hätte unmittelbar nach der Lehman-Pleite noch Erfolg haben können, heute ist es zu spät. Aufspaltung und Regulierung werden nur funktionieren, wenn die Finanzindustrie, also ausnahmslos alle Finanzkonzerne, auseinander genommen, gereinigt und wieder zusammengesetzt wird. Dann natürlich getrennt, mit Regulierung und unter Aufsicht. 

Wir können es nur immer wieder betonen: Ohne eine tiefgreifende Restrukturierung der Finanzwirtschaft sind alle, wirklich alle, Rettungsmilliarden vollkommen nutzlos, das Ganze tatsächlich ein Fass ohne Boden. Europa wird vor den Trümmern der Gemeinschaftswährung stehen und danach nicht wie „Phönix aus der Asche“ wieder auferstehen. Kommt es so weit, dann verlieren 99% der Menschen ihr Hab und Gut, weil sie dann in bester Staatsbürgerpflicht für ihren Staat bürgen müssen: „Wenn der Staat Pleite macht, geht natürlich nicht der Staat pleite, sondern seine Bürger.“ – Carl Fürstenberg, deutscher Bankier.


Koalition verliert Geduld mit Griechenland
(manager-magazin.de) Mit einem neuen Sparpaket will Griechenland in letzter Sekunde eine Staatspleite abwenden. Doch die Unmut in Deutschland wächst. Bundeskanzlerin Merkel bemüht sich um Beruhigung. Doch Spitzenpolitiker aus FDP und CDU äußern sich skeptisch über neue Zugeständnisse. Weiterlesen…

Kommentar: Ein lächerliches Sommertheater ist das. So schnell geraten die Dinge in Vergessenheit. In den Wochen vor der griechischen Neuwahl Mitte Juni wurden den Griechen vollmundig Zugeständnisse in Aussicht gestellt, wenn sie die richtigen, den europäischen Krisenmanagern genehmen, Parteien wählen (hier). Es hat geklappt und nun ist keine Rede mehr von Zeitaufschub oder Abschwächung der sowieso unhaltbaren Ziele. Jetzt verfallen EU und IWF wieder in die alte Rolle des Erpressers, in der sich besonders deutsche Politiker richtig wohlfühlen (hier). Hier noch eine Forderung, dort noch ein Nadelstich und immer schön die grobe Keule „Grexit“ schwingen (hier). Wie soll das denn gehen, der Austritt? Diese Antwort bleiben ausnahmslos alle diese Keulenschwinger schuldig. Müssen sie auch, es gibt dafür keine Regelung, ein Austritt aus der Währungsunion ist im entsprechenden EU-Vertragswerk schlicht nicht vorgesehen. Die „simple Mathematik“ des Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs hilft da auch nicht weiter. Auffällig ist jedoch, dass diese Forderungen wunderbar zur öffentlichen Meinung in Deutschland passen, der eine Emnid-Umfrage nachgegangen ist. Das Ergebnis ist eindeutig: 71% Zustimmung für einen Grexit.  


Juncker warnt vor Zerfall der Euro-Zone
(sueddeutsche.de) "Keine Zeit mehr zu verlieren": Der Vorsitzende der Euro-Gruppe sieht einen entscheidenden Punkt der Schuldenkrise gekommen. Jean-Claude Juncker unterstützt Pläne von EZB-Chef Draghi zum Ankauf von Staatsanleihen – und gibt Deutschland eine Mitschuld an der Krise. Berlin behandle die Euro-Zone "wie eine Filiale". Auch "Geschwätz über den Austritt Griechenlands" sei nicht hilfreich. Weiterlesen…

Kommentar: Nach längerer Pause meldet sich Juncker wieder wortgewaltig zur europäischen Krise und kümmert sich u. a. um das deutsche Sommerloch. Treffend, seine Bewertungen.   


Portugal: Hausbesitzer blicken einer „Steuerkatastrophe“ entgegen
(wirtschaftsfacts.de) Portugals Immobilienbesitzern stehen harte Zeiten ins Haus, von denen die meisten noch gar nichts wissen. Denn die anstehende Erhöhung der Gemeindesteuern wird sich auf Basis von Expertenschätzungen in vielen Fällen auf bis zu 400% belaufen. Es ist damit zu rechnen, dass eine Vielzahl von Hausbesitzern ihre Steuern zukünftig nicht mehr leisten kann, wodurch die Gemeinden sich als Beschleuniger von Zwangsversteigerungen entpuppen dürften. Verbände warnen bereits vor einer Steuerkatastrophe. Die Besitzer von Betongold werden nun durch den Staat geschröpft. Weiterlesen…

Kommentar: Portugal gehört zu den Staaten, die Philipp Rösler ausdrücklich für ihre Strukturreformen gelobt hat (hier). Deren Ergebnis hat zu Rezession, massivem Anstieg der Arbeitslosigkeit, Plünderung der Pensionskassen und Armut geführt. Jetzt auch noch die Maximierung der kommunalen Steuerbasis.


Die D-Mark wäre eine große Belastung für Deutschland
(welt.de) Eine Rückkehr zur D-Mark würde hohe Verluste beim Export und ein geringeres Wirtschaftswachstum bedeuten. Der Schock überträfe die Folgen der Lehman-Krise bei weitem. Weiterlesen...

Kommentar/Erklärung: Noch einmal das vor einigen Tagen schon veröffentlichte Ergebnis einer Allianz-Studie in den Worten des Chefvolkswirts. Zum besseren Verständnis zeigen wir eine Grafik, die mögliche Folgen eines Euro-Zusammenbruchs visualisiert. Selbst in dieser Darstellung, die sicherlich nicht von den härtesten Folgen ausgeht, erscheinen die Konsequenzen dramatisch. Gezeigt werden die Entwicklung der Wirtschaftsleistung, der Arbeitslosenquote und der Inflation. Aber Achtung: Überhaupt nicht einzuschätzen sind die Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzwirtschaft, deren Konzerne reihenweise in die Knie gehen. Es gab bisher in der Menschheitsgeschichte kein vergleichbares Ereignis, an dem man sich ein Vorbild nehmen könnte. Denjenigen, die hier und da immer noch mal für die Insolvenz von Banken plädieren, fehlt ein Konzept. Die Schweizer Nationalbank (SNB) hat so etwas schon seit Jahren – in einer ihrer Schubladen. Bisher haben die beiden Schweizer Großbanken, UBS und Credit Suisse (CS), sehr erfolgreich dessen Inkraftsetzung verhindert. Deshalb wird es auch der Schweiz das Genick brechen, wenn die Eurozone kollabiert. Das Land wäre mit einer Rettung von UBS und CS komplett überfordert, eine Staatspleite wäre die Folge. 


    © SPIEGEL, 2012


Argentinien: Wir wären gerne ihr
(zeit.de) Dieser Kontinent steckt voller Möglichkeiten! Europa und seine Krise, von Argentinien aus betrachtet. Weiterlesen…

Kommentar/Ergänzung: Lesen, wirken lassen. Die beschriebenen tollen Verhältnisse im heutigen Argentinien decken sich nicht mit unseren Informationen (Beispiel hier). Wichtiger erscheint uns aber die Beschreibung der großen Bewunderung, die Europa offensichtlich aus weiter Ferne genießt. Schade, dass in Europa selbst dieses Gefühl nicht weit verbreitet ist.


Analyst: Erste Anzeichen von Kapitalflucht aus Deutschland
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Deutsche Staatsanleihen sind im Begriff, ihre Funktion als „sicherer Hafen“ zu verlieren. Den Grund sieht Josh Rosner von Graham Fisher darin, dass Deutschlands Erfolge in der Euro-Zone auf Lohndumping und massiver Exportförderung durch die deutschen Banken beruhen. Die sich abzeichnenden Schwierigkeiten Deutschlands bei der Finanzierung werden weitreichende Folgen für den deutschen Steuerzahler haben. Weiterlesen...

Kommentar: Eine Analyse, die es faustdick hinter den Ohren hat. Bitte aufmerksam lesen. Die Ergebnisse sind schwer verdaulich, jedenfalls für die deutschen Politiker und die Unternehmer. „Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) widerspricht den Skeptikern: Ein Prozent Wirtschaftswachstum sei in diesem Jahr „sehr realistisch“. Der deutschen Wirtschaft stellt der BDI ein glänzendes Zeugnis aus.“ Aus „Industrie nennt Wirtschaftslage robust!“, faz.net (hier).


Chinas Behörden kapitulieren vor der Protestgeneration
(welt.de) Aus den Fenstern geworfene Dokumente, verwüstete Büroräume, zerstörte Computer: Die Chinesen glauben ihren Behörden nicht mehr. Erstaunlich ist, wie viele junge Menschen sich dem Protest anschließen. Weiterlesen...

Kommentar: Chinas Weg an die Weltspitze ist steinig und mit vielen Rückschlägen verbunden. Das bekommen auch die Handelspartner zu spüren. Wir bleiben skeptisch.  


Wie die Olympischen Spiele Griechenland ruinierten
(zeit.de) Schulden, Ruinen und gebrochene Versprechen: Jetzt, wo alle nach London schauen, ist in Griechenland die Misere des Olympia-Erbes erschreckend zu erkennen. Weiterlesen...

Kommentar: Eine der Ursachen der griechischen Misere. Haushaltsdefizit 2002 3,7% des BIP, 2004 dann schon 7,5% und Anstieg der Staatsverschuldung von 182 auf 201 Milliarden Euro. Ein dickes Geschäft für die europäische und US-amerikanische Finanzindustrie, die griechischen Banken waren bestenfalls Erfüllungsgehilfen und bekamen ein paar Brotsamen vom Tisch der Mächtigen ab. Ein aufschlussreicher Artikel und Pflichtlektüre für unsere LeserInnen.  

Da kann man sich schon gut vorstellen, wie es dem klammen Großbritannien ergeht...