Montag, 2. Juli 2012

Standpunkt 291 - Derivate-Desaster


Desaster Derivatehandel

Wieder ist ein EU-Krisen-Gipfel, allen journalistischen Eiferern zum Trotz, erfolglos zu Ende gegangen. Schon Tage vorher wurden die nutzlosen Vorschläge von den Kontrahenten medienwirksam in Stellung gebracht, um sie dann still und leise wieder zu begraben.

Schlimm ist das nicht, keiner davon hätte das Zeug dazu, die Krise in Europa zu beenden. Scheinbar auch gar nicht gewollt. Offensichtlich dient die Krise einzig dem Abbau demokratischer Grundrechte mittels eiliger Verfassungsänderungen und der Einführung einer europaweiten „Financial Repression“ der EU-Staaten. Das wird nicht funktionieren. Die Krise ist in einem Stadium, in dem die Menschen den Politikern auf diesem Weg nicht folgen werden.

Wir haben in dem kürzlich erschienenen Beitrag „Euroland in Bankenhand“, mit Hilfe eines gleichnamigen Aufsatzes von Wieslaw Jurczenko, erschienen bei „www.blaetter.de“,  wichtige politische Ursachen über die Entstehung und die Entwicklung der europäischen Krise erläutert (hier).

Heute drücken sich die Parteien vor ihrer Verantwortung für dieses Fiasko. Scheinbar bestehen für die fragliche Zeit bei allen Beteiligten breiteste Gedächtnislücken, die sie auch nicht mehr schließen wollen.  

Das Erinnerungsvermögen der deutschen Öffentlichkeit reicht nur höchstens drei Jahre zurück, als damit begonnen wurde, die Bankenschuldenkrise in eine Staatsschuldenkrise umzudeuten. Seit dem sind die Feindbilder der Deutschen klar umrissen: Fast ganz Europa lebt auf ihre Kosten.

Nur ist die Euro-Krise im Kern nach wie vor eine Bankenkrise. Ursächlich verantwortlich für den teilweise enormen Anstieg der Staatsschulden seit 2008.

Diese Bankenkrise ist mit den bisher bekannten Maßnahmen nicht zu lösen. Viel schlimmer, niemand kennt die wirklichen Risiken dieser Krise. Selbst die betroffenen Banken nicht, davon sind wir vollkommen überzeugt.

Anlässlich des „Swiss Economic Forum“ (SEF) im schweizerischen Interlaken haben wir den folgenden Beitrag verfasst, der am 06.06.2012 in der Verlagsbeilage (Seite 18) der „Neue Züricher Zeitung“ unter der Überschrift „Das nahende Desaster – Der Derivatehandel wächst – und parallel dazu das Risiko eines Finanzkollaps“ in einer Zusammenfassung erschienen ist (hier). Heute wollen wir unseren Leserinnen und Lesern das Dossier ungekürzt zur Verfügung stellen. Aber Achtung, nur Mutige sollten weiterlesen... 


Die europäische Krise ist doch eine richtig gute Sache. Eine Krise, gemacht für die Ewigkeit. Längst beschäftigt sie nicht nur Europa und Amerika, sondern die ganze Welt. Alle schauen zu, diagnostizieren die Leiden und geben ihre Ratschläge ab. Die Entwicklung dieser Krise ist mittlerweile besorgniserregend: Alle Lösungsversuche sind überaus kläglich gescheitert, milliardenschwere Rettungspakete wirkungslos verpufft, Rezession und Inflation die neuen Schlagworte, erste Zerfallserscheinungen machen sich am Rand der Euro-Zone bemerkbar. Da hat es überhaupt nichts geholfen, dass Gesetze und Verfassungen ständig gebrochen, Regierungen weggemobbt oder die Demokratie mit Füssen getreten wurde. Wir erleben jämmerliche Gestalter auf der großen europäischen Bühne.

Diejenigen, die dieses Drama angezettelt haben, orchestrieren seinen Verlauf (hier und hier). Fein formuliert und durch intensive Lobbyarbeit verstärkt, haben sie die Bankenkrise in Europa erfolgreich in eine Staatsschuldenkrise umgedeutet. Aus gutem Grund. So merkt nämlich keiner, dass sich im Vergleich zu 2008 nichts, rein gar nichts geändert hat, oder, wie es der oberste deutsche Bankenaufseher Jochen Sanio anlässlich seiner Verabschiedung im Dezember auf den Punkt gebracht hat: "Bis heute hat der Rückbau des weltweiten Finanzsystems nicht stattgefunden" (hier).

Die vollmundigen Absichtserklärungen der Politiker nach der Lehman-Pleite sind schon lange wieder vergessen, in den folgenden Monaten ausgearbeitete Gesetze und Verordnungen gammeln in irgendwelchen Schubladen vor sich hin, eine ernsthafte juristische Aufarbeitung der ermittelten kriminellen Handlungen findet nach wie vor nicht statt (hier).  Dabei war es Adam Smith, der schon 1776 erkannte: “Solche Regulierungen können, ohne Zweifel, in mancher Hinsicht als Eingriff in die natürliche Freiheit angesehen werden. Aber diese Ausübungen natürlicher Freiheit einiger Individuen, welche die Sicherheit der gesamten Gesellschaft gefährden können, sollen und müssen durch Gesetze der Regierungen eingeschränkt werden.”

Milliardenschwere Forderungen in den USA werden durch bruchteilige Millionen-Vergleiche von den Banken, zuletzt von UBS und Deutsche Bank, erfolgreich abgewehrt. In Europa ist Ähnliches erst gar nicht vorgesehen. Das macht erfolgreiche Lobbyarbeit aus. Für Deutschland nennt es der Wirtschaftsjurist Prof. Karl-Joachim Schmelz einen Skandal: “Es geht nicht nur um einige gierige Investmentbanker. Es geht darum, dass eine ganze Berufsgruppe, eine ganze Wirtschaftssparte sich verantwortungslos verhalten hat und dadurch unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem fast in den Abgrund geführt hätte. Nur dadurch, dass Staat und Bürger Garantien und Bürgschaften in Höhe von Hunderten von Milliarden übernommen haben, konnte da bisher der Zusammenbruch verhindert werden. Deswegen ist nicht zu verstehen, warum gegen diese Personen nicht ermittelt, jedenfalls Anklage erhoben wird. Während gegen jeden kleinen Taschendieb mit der ganzen Macht des Staates vorgegangen wird.” Der Rechtsstaat versagt, aus naheliegenden Gründen. Noch einmal Prof. Schmelz: “Es besteht keinerlei politisches Interesse, die Vorgänge um die Landesbanken strafrechtlich aufzuarbeiten. Strafrechtliche Ermittlungen würden sich immer gegen führende Politiker richten, die in den Vorständen, Aufsichtsräten, Verwaltungsräten der Landesbanken sassen. Deswegen werden von den Landesregierungen eben kein Personal, zusätzliches Personal für die Staatsanwaltschaften und sonstige Ressourcen zur Verfügung gestellt, und das sehen Sie überall in der Praxis, in der gesamten Republik.” (Zitiert aus “Ohnmächtige Justiz: Wie der Staat die Finanzkrise ein zweites Mal verliert”, WDR 2012, hier)

Gut versteckt hinter dieser filmreifen Kulisse wächst und gedeiht immer noch der größte Schwarzmarkt der Welt, der Handel mit Finanzderivaten. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) erklärt es so: „Die Zeit der öffentlichen Reue in der Bankenbranche ist vorbei. Nun machen die Geldinstitute dort weiter, wo sie vor der Krise aufgehört haben“ (hier).  

Völlig unreguliert und unbeaufsichtigt verzockt eine Hand voll Banken im wahrsten Sinne des Wortes die reale Welt. Verrichten Banker „Gottes Werk“, wie es einst der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, formulierte.

Bloomberg definierte kürzlich Finanzderivate so: „Derivate sind Finanzinstrumente, die zur Absicherung von Risiken oder zum Zwecke der Spekulation eingesetzt werden. Sie werden an Aktien, Anleihen, Kredite, Währungen und Rohstoffe oder an spezielle Ereignissen wie Veränderungen des Wetters oder der Zinssätze gekoppelt.“ (hier) Der US-Großinvestor Warren Buffett bezeichnet sie als Massenvernichtungswaffen (hier). Es sind Wetten, sonst nichts.

Das Volumen ist gigantisch, aktuell gibt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Notenbanken, knapp 700 Billionen US-Dollar an (hier). Andere Schätzungen in den USA gehen von 1.000 Billionen USD aus (Hera Research), bzw. 1.400 Billionen USD (Phoenix Capital Research). Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der ganzen Welt beträgt aktuell gerade einmal 63 Billionen US-Dollar. Nach US-Schätzungen basieren diese Wetten gerade einmal auf 60 Milliarden USD werthaltigem Vermögen, der Rest ist gehebelte, heisse Luft.

Es sind nur eine Hand voll Banken, die diese tickende Zeitbombe zu verantworten haben. Allen voran die „big 5“ aus den USA, JPMorgan, Bank of America, Citigroup, Wells Fargo und Goldman Sachs. Dazu gesellen sich die europäischen Grössen Deutsche Bank, UBS, Crédit Suisse (CS), HSBC. Ein nennenswertes Volumen vom grossen Derivate-Kuchen, 11,6 Billionen, gehört der mit Milliarden Steuergeldern geretteten teilstaatlichen Commerzbank.

Die genannten US-Banken halten aktuell zusammen für 226,5 Billionen USD Finanzderivate (hier), die Deutsche Bank, UBS, CS und Commerzbank kommen zusammen auf 188,6 Billionen USD (Quelle: Geschäftsberichte 2011). Das Eigenkapital der vier europäischen Banken beträgt gerade einmal 197 Milliarden USD, auf das der US-Banken können wir verzichten, steht in einem ähnlich desolaten Verhältnis zum Volumen im Derivatehandel. Die folgende Grafik verdeutlicht am Beispiel Deutsche Bank eindrucksvoll den Wahnsinn. Besonders im Vergleich zum Eigenkapital (unten rechts, bitte Lupe nicht vergessen!) und zur deutschen Jahreswirtschaftsleistung. 



Wie schnell die Dinge sprichwörtlich in die Hose gehen können, zeigt gerade JPMorgan: 3 Milliarden sind futsch, verzockt genau hier, im Derivatehandel. Insider behaupten, das war es noch nicht, da sei in den kommenden Wochen „noch mehr drin“. [Brandktuell ist schon von 9 Milliarden die Rede (hier)] Für Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, nie um ein klares Wort verlegen, ist es „menschliches Versagen in unreguliertem System“, so in einem Interview gegenüber „tagesschau.de“ (hier).

Die „Stationen“ dieser Entwicklung in Zahlen: 2002 war das Volumen 1,95 Billionen USD, vier Jahre später, 2006, waren es schon 429 Billionen USD, im folgenden Jahr wurden 673 Billionen USD erreicht, für das 1. Halbjahr 2011 meldet die BIZ mit 708 Billionen USD den vorläufigen Höhepunkt. 


Diese Summen zeigen, die Sache ist völlig außer Kontrolle geraten. Der Nobelpreisträger Myron Scholes, der „Vater“ der Finanzderivate, verlangte nach der Lehman-Pleite den gesamten Handel mit ausserbörslichen Derivaten komplett einzustellen (hier). Scheinbar war das nicht möglich, also macht man einfach weiter, wird schon irgendwie gut gehen, schliesslich macht man ja regelmässig gute Erfahrungen mit der Sozialisierung der „überzähligen“ Schulden. Der Ökonom James Galbraith nennt es in der „F.A.Z.“ „institutionalisierten Betrug“ (hier). Klar und griffig ausgedrückt: Diese Banken sind finanzielle Leichenschauhäuser für Schulden aus verstümmelten Finanzderivaten. Oder, „ein stillschweigendes Kartell“ (Zitat von Ludwig Poullain).

Am Beispiel der beiden Schweizer Großbanken und der Deutschen Bank lässt sich aber leicht erkennen, dass ein Zusammenbruch des Derivatehandels praktisch nicht zu beherrschen ist. Weder die Schweiz noch Deutschland könnten ihren Banken helfen. Das Schweizer BIP beläuft sich für 2011 auf 665,898 Mrd. USD, das deutsche auf 3,628 Billionen USD (Quelle: Wikipedia, 17.05.2012). Das trifft, mit Verlaub, besonders die rund 8 Mio. Schweizer hart. Auf einen Schlag wäre das Ansehen des Finanzplatzes Schweiz dem Erdboden gleich gemacht. Deutschland hat dieses Ansehen nicht, da wäre kein guter Ruf zu verlieren. In Deutschland würden sich die Menschen höchstens die Augen reiben, was mit dieser so hoch angesehenen Deutschen Bank in den vergangenen zehn Jahren passiert ist. Der Bank, die immer noch vom tadellosen Ruf eines Hermann Josef Abs oder Alfred Herrhausen zehrt.   

Vor einigen Wochen war im Zusammenhang mit dem Schuldenschnitt für Griechenland schon zu erahnen, wie gefährlich jede weitere Verschärfung der europäischen Krise für den Derivatehandel wird (hier und hier im englischen Original, hier und hier in einer deutschen Übersetzung). Spätestens bei Italien ist Schluss. Werden hier Kreditversicherungen fällig, dann wird die Luft dünn im Paralleluniversum Derivatehandel. Noch sehr viel grösser ist das Risiko, wenn gleich die gesamte Euro-Zone kollabiert. Dann gehen die Lichter aus bei den Derivate-Junkies rund um die Welt. Leider für alle anderen auch.

Was überhaupt nicht zu bewerten ist, sind die außerbilanziellen Derivateschulden der Großbanken aus den Zweckgesellschaften und Schattenbanken. Die gibt es, fehlen aber natürlich in der BIZ-Übersicht. 

Warnungen gegenüber dieser Entwicklung hat es frühzeitig gegeben, lange bevor die Sache in schwindelerregende Höhen getrieben wurde. Der Ökonom Jörg Huffschmid von der Uni Bremen 1998 in „Finanzmärkte und Finanzkrisen“ (hier) oder 1999 der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht (Basel Commitee on Banking Supervision, BCBS) und dem Technical Committee der IOSCO in den  „Empfehlungen zur Offenlegung des Handels- und Derivativgeschäfts“ (hier). Einige Jahre später, das Derivatevolumen war erst bei 220 Billionen USD, meldete sich in Deutschland Ludwig Poullain noch einmal zu Wort. Die „F.A.Z.“ druckte seine „Ungehaltene Rede eines ungehaltenen Mannes“ zum Sittenverfall im (deutschen) Bankwesen am 16.07.2004 ab. Poullain hat hier viele gescheite Dinge gesagt, u. a. folgendes: „Doch warum sollte eine Bank der eigenen Profitgier Grenzen ziehen, wenn das Motto „Bereichert euch“ ohne moralische Hemmungen öffentlich gepredigt werden kann? Warum moralisch sein, solange die Unmoral nicht mit dem Handelsgesetzbuch und dem Strafgesetzbuch kollidiert? Warum also Gutes tun, wenn Böses tun so einträglich ist? Elementare Fragen sind oft am schwersten zu beantworten. Es ist aus meiner Sicht nur konsequent, wenn sich die Banken den moralischen Rahmen ihres Handelns selber gebastelt haben: daß sie sich alles erlauben können, was nicht ausdrücklich verboten ist. Daß auch wirtschaftliches Denken und Handeln nicht wertneutral ist, scheint sie nicht zu beschweren.“ Lesenswert übrigens auch, wie er den Unterschied zwischen Bankier und Banker erklärt.

Unmittelbar nach der Lehman-Pleite gab es in der Schweiz gewichtige Stimmen, die sich kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Eine davon, Herbert J. Scheidt, CEO Bank Vontobel AG, äusserte sich anlässlich einer Podiumsdiskission der NZZ zu „Die Weltwirtschaftskrise – Analyse und Ausblick“ am 05.02.2009 sehr dezidiert (hier, ab Seite 8). Sein Fazit: „Wenn wir aus der aktuellen Krise - trotz aller Schäden - auch gestärkt hervorgehen wollen, dann müssen wir neue alte Tugenden an die Spitze unseres Handelns stellen. Wenn Solidität, Integrität, Transparenz und Nachhaltigkeit wieder zu bestimmenden Handlungsmaximen unseres Marktverhaltens werden, dann haben wir aus der aktuellen Krise wirklich etwas gelernt. Insofern verstehe ich mein Statement als Plädoyer für eine „moralische Ökonomie“ in der Finanzwelt - und damit als ein Plädoyer für die Vereinbarkeit von zwei Sphären, die in den letzten Jahren eher selten in Einklang zu stehen schienen.“ Auf dem Weg zu den Großbanken ist dieses Plädoyer offensichtlich stecken geblieben.

Diese Banken versuchen einfach, den Ball so lange am laufen zu halten, wie es geht. Mehr können sie auch nicht mehr tun. Wie das aussieht, macht die Karikatur des US-amerikanischen „Rolling Stone“ von Victor Juhasz dem Betrachter deutlich (bitte auf die Details achten!): 

                      © Victor Juhasz, „rollingstone.com“      


Die Politiker schauen diesem Treiben tatenlos zu und machen sich auf diese Weise mitschuldig am nahenden Desaster. 

WHB, 2012