Montag, 3. September 2012

Standpunkt 364 - Nachrichten-Ticker, 02.09.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Themen: Mega-Crash – Morgan Stanley – Samsung – China – Frankreich – Rezession – Europa – Sonderwirtschaftszonen – Euro – Griechenland – Biedenkopf vs Kohl – Inflation in Deutschland – Österreich – Osteuropa - Altersarmut


Angst vor Mega-Crash: Mysteriöse Vorgänge bei Morgan Stanley
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Wird Morgan Stanley das nächste Lehman? 40 Top-Manager wollen die Bank verlassen, offiziell wegen Problemen mit der „Technik“. Spekulationen verweisen dagegen auf eine möglicherweise fatale falsche Wette, die die Bank zu Fall bringen könnte, Weiterlesen…

Kommentar: Die Hiobsbotschaften aus der Finanzindustrie reißen nicht ab. Jetzt ist wieder einmal der Derivatehandel direkt betroffen. Was in der Meldung beschrieben wird ist genau so ein Ereignis, vor dem wir immer wieder einmal warnen. Warum, steht hier. Es genügen ein paar Milliarden die ausfallen und die (Finanz-)Welt verschwindet in einem Schwarzen Loch.  


Samsung lässt in China Kinder für sich arbeiten
(format.at) Der südkoreanische Elektronikhersteller Samsung setzt in einigen seiner chinesischen Fabriken einem Magazinbericht zufolge angeblich Kinder ein. Laut „Spiegel“ werden die teils unter 16 Jahre alten Schüler angeblich von Lehrern zur Fabrikarbeit gezwungen, weil sie sonst kein Abschlusszeugnis erhielten. Weiterlesen…

Kommentar: Die Nachrichten über äußerst schlechte Arbeitsbedingungen in China erreichen schon seit Monaten den Westen. Apple und sein Produzent Foxconn waren bisher das prominenteste Beispiel. Jetzt also Samsung, der härteste Rivale von Apple. Wann begreifen die Kunden, dass sie mit ihrem Kaufverhalten solche Entwicklungen fördern? Außerdem zeigt es, dass China noch weit davon entfernt ist, den Standards einer anerkannten Führungsmacht zu genügen.


Paukenschlag: Frankreich muss zweitgrößte Immobilien-Bank verstaatlichen
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) In Frankreich erreicht die Immobilienkrise einen neuen Höhepunkt: Finanzminister Pierre Moscovici gab am Freitag bekannt, dass der Staat den angeschlagenen Immobilien-Finanzierer Crédit Immobilier de France verstaatlichen muss. Für die marode Bank hatte sich kein Käufer gefunden. Weiterlesen…

Kommentar: Was uns stört ist diese gespielte Entrüstung, die mit solchen Nachrichten in den deutschen Medien einhergeht. Die sollten das lassen, in absehbarer Zeit werden diese Probleme auch Deutschland erreichen. Dann hilft es nicht mehr, den Südeuropäern die Schuld in die Schuhe zu schieben, dann erblickt auch die nackte Wahrheit das Licht der Welt. Eine Wahrheit, die dem Deutschen Michel an den Stammtischen der Republik nicht sonderlich gefallen wird. Deutschlands schwere Schuld an dem Debakel lässt sich danach nicht länger leugnen.  


Die Rezession umzingelt Europa
(handelsblatt.com) Europa droht ein verlorenes Jahrzehnt, warnt Zeit-Herausgeber Josef Joffe. Die Rezession hat noch lange kein Ende genommen, Europa stehe vor einem „Double-Dip“. Das schwache Wachstum bedroht uns mehr als Griechenland. Weiterlesen…

Kommentar: Joffe erklärt uns wieder einmal die Welt, seine Welt. Die beschriebene Rezession ist die logische Folge der Spardiktate in Südeuropa und der fehlenden Lösung der europäischen Krise. Ändert sich nichts daran, wird sich die Rezession bis in den Kern Europas fressen. Journalisten wie Joffe sind es, die durch Untätigkeit auf der einen und Gefälligkeiten auf der anderen Seite für den Fortbestand der Krise sorgen.


Krisen-Länder erholen sich schneller als erwartet
(welt.de) Überraschende Zahlen von Eurostat: Die Krisen-Länder heilen viel schneller als gedacht. Die Sparprogramme zeigen messbare Wirkung. Auch die Ungleichgewichte im Außenhandel schrumpfen. Weiterlesen…

Kommentar: Schönen Dank für diese durch und durch positive Analyse über die Erholung in Europa. Nur leider passt sie so gar nicht zu den übrigen Nachrichten aus diesen Ländern. Wir qualifizieren diesen Beitrag als Meinungsmache, mit der scheinbar die Austeritätspolitik Deutschlands in Europa gestützt werden soll.  


Gute Zonen, schlechte Zonen
(sueddeutsche.de) Größer, schneller, reicher. China verdankt seinen wirtschaftlichen Aufstieg auch Sonderwirtschaftszonen. Seit30 Jahren gilt die Idee aus der Volksrepublik als Wachstumsmotor. Doch nicht überall läuft es rosig, ungewollte Folgen lauern. Weiterlesen…

Kommentar: Wir haben es schon vor zwei Tagen geschrieben: Sonderwirtschaftszonen verstoßen gegen EU-Recht. Deshalb können solche Zonen weder in Griechenland noch anderswo in Europa so ohne weiteres eingerichtet werden, wie die Diskussion zu vermitteln sucht. Ohne entsprechende Beschlüsse der EU gibt es keine Sonderwirtschaftszonen. Die Sonderwirtschaftszonen in Polen sind längst von der EU untersagt und waren bis Ende 2011 aufzulösen (hier).   


Agenda: Rollenspiele der Euro-Retter
(ftd.de) Jörg Asmussen und Jens Weidmann haben ein gemeinsames Ziel: die Euro-Rettung. Doch das einstige Dream-Team streitet über den Weg, die Positionen von EZB und Bundesbank scheinen unvereinbar. Schon machen Rücktrittsdrohungen die Runde. Alles nur ein großer Bluff im politischen Machtpoker? Weiterlesen...

Kommentar: Eine Ergänzung der bisher von uns zitierten Beiträge zum Thema. Weidmann kämpft für den Einfluss der Bundesbank innerhalb der EZB, nicht für den Euro. Die Bundesbank kann auch sehr gut ohne Euro leben. Alle anderen versuchen sich, wenn auch mit mäßigem Erfolg, an dessen Rettung.         


„Fakten sprechen eindeutig gegen Griechenland“
(welt.de) Bayerns CSU-Finanzminister Markus Söder sieht die EZB auf dem „falschen Weg“ und fordert Rückendeckung für Bundesbank-Chef Weidmann. Auch betont er die Schuld der Griechen an ihrer eigenen Krise. Weiterlesen…

Kommentar: Er kann es nicht lassen, der Herr Söder, spielt weiter verantwortungslos und opportunistisch mit dem Feuer. Alternativ dazu haben wir für unsere LeserInnen die belastbaren Fakten noch einmal als Grafiken zusammengestellt.

Wir beginnen mit einer Übersicht über die Entwicklung der Reallöhne. Davon abgesehen, dass der Anstieg in Griechenland mit knapp 40% deutlich unter den von Söder angegebenen 50% bleibt, sind die Angaben zu Portugal, Spanien oder Italien sehr aufschlussreich. Alle drei Länder haben nur sehr moderate Anstiege der Reallöhne zu verzeichnen, trotzdem stecken sie in Schwierigkeiten.  





Die nächste Grafik zeigt den Preisanstieg in Griechenland. Dabei wird deutlich, dass den Griechen auf diesem Weg das Mehr in der Lohntüte wieder genommen wurde. Zum Nutzen seiner Handelspartner, versteht sich. Tatsächlich geht das schon so seit der Aufnahme Griechenlands in die EU, 1981. 



 
Die folgende Grafik ist selbsterklärend und zeigt einmal mehr, wohin die griechischen Einkommen seit Gründung der Euro-Zone geflossen sind: 

 
© dgb, 2012


Die Entwicklung der Lohnstückkosten in Griechenland hat in der Vergangenheit auch keinen Anlass zu ernsthafter Kritik gegeben, wie die Grafik zeigt: In allen anderen Krisenländer war die Entwicklung deutlich schlechter. 



© tagesanzeiger.ch


Beschämend die folgende Grafik – für Deutschland. Aber auch Griechenland gehört zu den Ländern, in denen die Arbeitsarmut zugenommen hat. 




Abschließend noch eine Darstellung, die unmissverständlich zeigt, was Deutschland aus seiner Vormachtstellung in Europa gemacht hat: die Einkommen der Unternehmen und Vermögen überdurchschnittlich gesteigert. Auf Kosten der Arbeitnehmereinkommen und zu Lasten des Volksvermögens. 



© dgb, 2012


Einzelheiten zu dieser Entwicklung sind auch schön nachzulesen in unserem Beitrag „Reichtum durch Arbeit ist etwas für Anfänger“ (hier).

Leider finden Söders freihändige Interpretationen breite Zustimmung genau bei denen, die in den vergangenen Jahren schleichend enteignet wurden.  


Biedenkopf macht Kohl für Euro-Desaster verantwortlich
(handelsblatt.com) Ego vor Verantwortung: So lautet der Vorwurf von Kurt Biedenkopf an Helmut Kohl. Der habe das heutige Euro-Desaster mit einer überhasteten Währungsunion erst möglich gemacht. Biedenkopf erhält prominente Unterstützung. Weiterlesen… 

Kommentar: Wir erinnern daran: Biedenkopf und Kohl waren in ihrer aktiven Zeit als Politiker über viele Jahre hinweg erbitterte Gegner. Was Biedenkopf betreibt hat den Anschein später Rache, mehr nicht. Das Euro-Desaster hat die Bundesbank zu verantworten, die mit den von ihr diktierten Maastricht-Kriterien deutschen Kleingeist als definierten Sprengsatz auf die Euro-Zone übertragen hat. Diese Lunte brannte von Anfang an. Man kann Kohl eine Menge vorwerfen, eine Schuld an der heutigen Krise aber nicht. Die müssen sich Issing, Schlesinger, Tietmeyer und Konsorten anheften lassen. Für die deutsche Volksseele aber undenkbar, die hängt lieber weiter dem „Mythos Bundesbank“ (Jacques Delors) nach. Aus reiner Bequemlichkeit, versteht sich. Theo Waigel, der damalige Bundesfinanzminister, war es, der zu schwach war, das Unwesen der Bundesbank und deren Eingriffe in die Politik zu verhindern. Helmut Schmidt nannte sie damals einen „Staat im Staate“ (hier). Sehr aufschlussreich auch die Arbeit von Stephan Schulmeister über die Rolle der Bundesbank als Sachwalter der deutschen Finanzindustrie (hier).

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„Deutschland kann mit vier Prozent Inflation gut leben“
(faz.net) Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen lobt die geplanten Anleihekäufe. Im Interview spricht er über die amerikanische Notenbank als Vorbild, den Rettungseinsatz der EZB und Mitt Romneys Steuerpläne. Weiterlesen…

Kommentar: Eine mutige Aussage von Eichengreen, nur undenkbar für deutsche Köpfe. Viel zu tief sitzt die über Generationen geschürte Angst vor den Gefahren einer Hyperinflation und der damit verbundenen Vermögensverluste. Mittlerweile steckt diese Angst sogar in den Genen des deutschen Volkes, hüben wie drüben. Deshalb übersehen die Menschen eine sehr viel naheliegendere, nicht minder gefährliche Entwicklung, die Deflation, wie John Exter, ehem. Leiter New York Federal Reserve Bank, beschreibt: "Die USA und die anderen Ökonomien dieser Erde stehen an der Schwelle eines deflationären Zusammenbruchs, gegen den die 1930er Jahre den Anschein eines Booms haben werden.“  Darüber sollten die Herrschaften in den Regierungen und an den Stammtischen einmal gründlich nachdenken.


„Ihr habt den ganzen Osten gekauft“
(format.at) Der deutsche Kabarettist Dirk Stermann, der seit 1987 in Wien lebt, spricht über die Osterweiterung des Wirtschaftsstandortes Österreich und erklärt, warum die Ösis jetzt besser als die Deutschen sind. Weiterlesen…

Kommentar: Ein wirklich treffliches Interview, in dem sich das wiederfindet, was wir als österreichisches Krisenpotential für die kommenden Monate ausgemacht haben: Osteuropa. Der gesamte osteuropäische Raum steht vor der Pleite, ohne Ausnahme. Für die Länder, die bereits davon erfasst sind ist es noch lange nicht zu Ende, für diejenigen, die an der Schwelle stehen, kommt es knüppeldick. Dann für Österreich auch. Viel zu sehr haben sich die österreichischen Banken in den vergangenen Jahren zu Engagements in diversen osteuropäischen Ländern hinreißen lassen. Das wird sich rächen. Verglichen damit sind die bisherigen Milliarden-Maßnahmen zur Stabilisierung einiger Banken in Österreich nicht mehr wie die sprichwörtlichen Peanuts. Sorry, liebe Österreicher, für diese schlechten Aussichten. Wir sind da ohne Häme, gerne lassen wir uns deshalb vom Gegenteil überzeugen.


Rentenreform: Millionen Normalverdienern droht Altersarmut
(ftd.de) Selbst nach 35 Jahren Vollzeit und einem Gehalt von 2500 Euro können Arbeitnehmer ab 2030 nur mit dem Grundsicherungsbetrag rechnen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen warnt vor der beschlossenen Rentenreform – und wirbt für die von ihr geplante Zuschussrente. Weiterlesen…

Kommentar: Natürlich, maximales Angstpotential zur Förderung privater Altersvorsorge, sprich Geld für windige Versicherungsleistungen, wo eigentlich rund 20% Beitrag Monat für Monat in die gesetzliche Rentenversicherung reichen sollten. Die dann auch noch, wenn es hart auf hart kommt, vom Staat per § 89 Versicherungsaufsichtsgesetz (Zahlungsverbot, Herabsetzung von Leistungen, hier) einkassiert werden, gegen Weiterzahlung der Beiträge bis zum Vertragsende versteht sich. So geht Enteignung heute.

Es geht sehr viel günstiger und ohne Enteignung. Nur gewusst wie.