Samstag, 8. September 2012

Standpunkt 371 - Nachrichten-Ticker, 07.09.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir kurz kommentieren oder ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell über das Wichtigste informieren wollen. Keinesfalls geht es darum, nur das zu veröffentlichen, was uns in den Kram passt. Gegensätzliche Meinungen bekommen ihre Chance ...


Themen: Bundesbank – Merkel – EZB – Bundesbank – ESM – Euro – EZB-Klage – Vollgeld – Spekulanten – Österreich – China  


Erniedrigte Bundesbank: Euro auf Lira-Kurs
(handelsblatt.com) Die Finanzmärkte jubeln. Doch die Entscheidung der EZB zum massenhaften Ankauf von Staatsanleihen ist ein Fanal. Die Geldschöpfung eskaliert, Deutschland wird abgezockt – und gedemütigt. Weiterlesen…  

Kommentar: Klar muss sich das ultra-nationale, neokonservative deutsche Kampfblatt gleich zu Wort melden und den Teufel an die Wand malen. Die Fakten spielen dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle. Das Inflationsgespenst wird losgeschickt, um den geschichtsschwachen Deutschen Michel gleich in Angst und Schrecken zu versetzen. Natürlich trifft es die Euro-Gegner beim Handelsblatt hart, wenn Draghi erklärt, der „Euro sei unumkehrbar“. Er hat schlicht und einfach recht. Der Ökonom Mario Draghi war bei Goldman Sachs in London das, was man ein „hohes Tier“ nennt. Sicherlich nicht ohne Grund. Goldman Sachs ist im weltweiten Finanz-Casino das Maß aller Dinge, d. h. diese Leute beherrschen die Spielregeln dort nicht nur aus dem Effeff, sie machen diese zu 90% auch selbst. Der Mann ist also bestens ausgebildet, bestens vernetzt und wird bestens gebrieft. Wir gehen davon aus, Draghi versteht sein Geschäft, ob es uns gefällt oder nicht. Das ist auch der Grund, warum die Politiker, mittlerweile inklusive Angela Merkel, ihn machen lassen. Greift die Politik nicht bald in das Geschehen ein, dann geht es schlecht aus für die Menschen in Europa. Andererseits verschafft Draghi mit seinen Notmaßnahmen allen Zeit, die sich doch noch aufraffen wollen, um sich gegen die zukünftige Entwicklung der Krise zu schützen.

Die Bundesbank wurde erniedrigt? Das ist lächerlich! In diese Situation hat sie sich, angeführt von ihrem Chef Jens Weidmann und gegen viele Warnungen, selbst hinein manövriert. Für die Deutschen ist die Bundesbank eine heilige Kuh, die auf jeden Fall verehrt wird, gedankenlos und ohne Bedacht der Kosten.  
    

Merkels kalte Entmachtung
(spiegel.de) Er will unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten ankaufen: Mit diesem Programm hat EZB-Chef Mario Draghi Angela Merkel in die zweite Reihe verbannt. Der Staatsstreich gegen die Kanzlerin ist die Folge ihrer zaudernden Finanz- und Personalpolitik in der EU. Weiterlesen…

Kommentar: Wieder so ein Fehldeuter. Momentan sprießen sie wieder wie Pilze aus dem Boden. Es ist wirklich gut zu beobachten: Allen gemein ist ein hohes Kritikpotential an der europäischen Krisenpolitik, aber gleichzeitig auch ein maximaler Mangel an alternativen Lösungsvorschlägen. Da kommt nichts. Deshalb unser Rat an diese Leute: Einfach die Klappe halten.

Übrigens: „Ein Staatsstreich ist eine meist überraschende, meist gewaltsame Aktion einer kleineren Gruppierung von Staatsorganen (meistens Militär) mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen und die Macht im Staat zu übernehmen“ (Wikipedia, 07.09.2012). 


Merkel billigt neuen Kurs der EZB
(spiegel.de) Trotz heftiger Kritik aus den eigenen Reihen stellt sich Angela Merkel hinter die Europäische Zentralbank. Die will künftig unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern kaufen – eine Kehrtwende in der Euro-Rettungspolitik. Auch Finanzminister Schäuble verteidigt den neuen Kurs. Weiterlesen…

Kommentar: Schon wieder fehlen wichtige Informationen zu den neuen Maßnahmen der EZB. Es fehlt der Hinweis, dass die Europäische Zentralbank die Auflagen verschärft hat: Ohne Rettungsschirm keine Anleihenkäufe, d. h. ohne eine strenges Sparregiment keine Hilfe. Nach wie vor bleibt die Politik im Boot, um grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. Da muss Merkel die Zustimmung nicht schwer fallen.


Presseschau EZB: „Zum Teufel mit der monetären Lehre“
(zeit.de) Die Kommentatoren sind zwiegespalten: Sie loben den unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen der EZB. Gleichzeitig zweifeln sie, dass die Euro-Krise sich so lösen lässt. Weiterlesen…

Kommentar: Einfach mal lesen, was woanders zu dem Thema gedacht wird.


„Eine intensivmedizinische Maßnahme“
(faz.net) Tabubruch oder letzter Ausweg? EZB-Präsident Draghi spaltet mit seinem neuen Ankaufprogramm von Staatsanleihen die deutsche Politik. Während der Wirtschaftsweise Bofinger den Ankauf als „intensivmedizinische Maßnahme“ verteidigt, drängt CSU-Politiker Gauweiler die Bundesregierung zu einer Klage. Weiterlesen…

Kommentar: Noch ein Sammelsurium von Meinungen. Viel Nützliches ist nicht dabei.


Deutsche hoffen auf ESM-Verbot aus Karlsruhe
(sueddeutsche.de) Euroskeptische Stimmung in Deutschland: Vor der Entscheidung am kommenden Mittwoch hoffen die meisten Wähler nach einer Umfrage, dass das Bundesverfassungsgericht den Rettungsschirm ESM und den Fiskalpakt kippt. Weiterlesen…

Kommentar: Das wäre ein Unglück. Für alle. Deshalb für uns noch nicht einmal denkbar.


Koalitionspolitiker fordern Klage gegen die EZB
(handelsblatt.com) Koalitionspolitiker kritisieren mit deutlichen Worten die EZB-Entscheidung zum unbegrenzten Kaufprogramm von Staatsanleihen. Deshalb prüfen sie nun eine Klage gegen die Zentralbank vor dem Europäischen Gerichtshof. Weiterlesen…

Kommentar: Verbohrte Dogmatiker ohne ernsthafte eigene Lösungen. 37.000 Deutsche können sich irren. 


Front der EZB-Kritiker bricht auf
(handelsblatt.com) Zwar halten die Euro-Kritiker den EZB-Plan, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, für einen Rechtsbruch. Die Hardliner fordern eine Klage in Luxemburg – doch ein wichtiger Verbündeter hält das für populistisch. Weiterlesen…

Kommentar: Das reicht nicht. Die Betonköpfe machen unbeirrt weiter und beschädigen damit das Bundesverfassungsgericht.           


Goldman Sachs: Verfassungsrichter in Karlsruhe werden dem ESM zustimmen
(deutsche-wirtschafts-nachrichten.de) Für die Investmentbank Goldman Sachs besteht kein Zweifel: Das Bundesverfassungsgericht wird am 12. September den ESM durchwinken. Dies schreibt Goldman in seinem Fahrplan für den Herbst. Dem Plan zufolge wird Spanien am 14. September den Bailout beantragen. Weiterlesen…

Kommentar: Ein Testballon oder belastbare Information? Goldman Sachs ist bestens vernetzt und möglicherweise um eine Stellungnahme gebeten worden. Oder hören die Flöhe husten.

Selbst deutsche Rechtsprofessoren sind sich sicher: Verfassungsexperten erwarten zustimmendes ESM-Urteil aus Karlsruhe (hier). 


„Euro steht Schicksal wie Lira bevor“ 
(ftd.de) Ökonom Thorsten Polleit rechnet wegen der lockeren Geldpolitik mit Inflation wie in den 1970er Jahren, Gold ist für ihn das Gebot der Stunde. Weiterlesen…


Kommentar: Noch so ein Populist, zu Gunsten der eigenen Tasche. Polleit ist Chefökonom bei Degussa Goldhandel. Seine Affinität für Gold ist deshalb kaum verwunderlich. Was er vorsorglich unterschlägt ist die zunehmende Gefahr eines Goldbesitzverbotes, wie es die USA beispielsweise von 1933 bis in den Anfang der 1970er Jahre praktiziert haben. Für uns ein klarer Grund, Gold als Krisensicherung nur sehr bedingt zu empfehlen.


Die Kolumne – Der ESM und die Demokratiewächter
(ftd.de) Die Kläger poltern, Europas Dauerrettungsschirm schränke nationales Budgetrecht ein. Damit malen sie ein arg romantisches Bild von der Macht von Abgeordneten in Krisenzeiten. Weiterlesen...

Kommentar: Besonders lesenswert. Einen Kommentar können wir uns sparen.


„Mehr Europa“ greift zu kurz
(fuw.ch) Ein Zentralisieren wirtschaftspolitischer Kompetenzen in der EU könnte die strukturellen Probleme kaum beheben. Weiterlesen…

Kommentar: Eine sachliche Analyse, die unsere Zweifel an der Eilfertigkeit nährt, mit der die EU-Krisenmanager neue europäische Institutionen installieren wollen. Das Grundübel bleibt bestehen, die maroden Banken.


Alle Macht der Notenbank
(sueddeutsche.de) Das meiste Geld kommt heute in Form von Schulden in die Welt. Geschäftsbanken erschaffen es, indem sie wie aus dem Nichts Kredite vergeben. Manche sehen darin eine Ursache der Krise und fordern radikale Reformen: Banken sollen nur das Geld verleihen, das sie auch besitzen. Die Idee heißt Vollgeld – und bekommt nun Unterstützung von ungewöhnlicher Seite. Weiterlesen…

Kommentar: Schon seit einigen Wochen nimmt die Diskussion über das Vollgeld zu. Besonders seit dem die Studie des IWF auf dem Markt ist (hier), auf die sich auch dieser Artikel bezieht. Die Anfänge gehen zurück bis in die 1930er Jahre und nannte sich "Chigaco Plan" (hier). Leider ist es brotlose Kunst, sich mit dieser Idee eingehend zu beschäftigen. Es ist vollkommen illusorisch anzunehmen, dass sich dieser Vorschlag in absehbarer Zeit durchsetzen lässt. Für die Verfechter eines Vollgeld-Systems sicherlich eine bittere Pille, da sich mittlerweile auch in diversen Foren Zustimmung breitmacht. Die Finanzindustrie lehnt das Projekt selbstverständlich ab und wird es mit allen Mitteln bekämpfen. Nirgends auf der Welt gibt es Politiker „reinen Herzens“, die nicht korrumpiert sind vom System des Gebens und Nehmens oder gefangen in Partei-Interessen und Lobbyistendschungel. Erst ein vollständiger Kollaps des bestehenden Systems, auf den wir gerade zulaufen, eröffnet eine kleine Chance der Veränderung. Darauf müssen wir hoffen, mehr bleibt momentan nicht. Nur die Hoffnung.


Spekulanten verdienen prächtig an globaler Lebensmittelkrise
(wirtschaftsfacts.de) In manchen Teilen der Welt verschärft sich die Lebensmittelkrise, nachdem starke Dürren im Hochsommer zu starken Ernteausfällen führten. Während viele Menschen unter dieser Situation und den steigenden Preisen für Getreide, Brot und Korn leiden, profitieren manche Banken, Hedgefonds und andere Kapitalmarktanleger hingegen, indem sie seit Jahren auf Preiszuwächse in diesem Sektor spekulierten. Sie gehören zu den größten Marktakteuren im Sektor der Agrarrohstoffe. Allein die britische Großbank Barclays soll in den vergangenen zwei Jahren mehr als eine halbe Milliarde Pfund durch Spekulationen auf eine Lebensmittelkrise verdient haben. Weiterlesen…

Kommentar: Das ist krank, oder? Vor den Augen korrupter Regierungen weltweit verdienen sich die Finanzkonzerne eine goldene Nase und ihre Manager dicke Boni. Dafür hungern eine Milliarde  Menschen auf der Welt, sterben täglich unzählige Kinder einen erbärmlichen Tod, wandert Ackerland in Bankerhand. Finanzverbrecher nennt sie der Ulmer Unternehmer Ernst Prost. Eine treffende Beschreibung.


Österreich: S&P hält weitere Banken-Hilfen für möglich
(derstandard.at) Die Ratingagentur sieht den österreichischen Banksektor positiv, Fremdwährungskredite bleiben die Achillesferse. Weiterlesen…

Kommentar: Liest sich wie ein Gefälligkeitsgutachten. Ein bisschen Risiko bei den Fremdwährungskrediten und ein paar Mutmaßungen über mögliche zusätzliche Bankenhilfen, ansonsten Friede, Freude, Eierkuchen. Kein Wort über die immensen Risiken im Osteuropageschäft der österreichischen Institute. Wir halten an unserer Meinung fest: Osteuropa ist für Österreich ein unkalkulierbares Risiko und beginnt längst sich zu formieren. Es wäre fahrlässig, sich nicht darauf einzustellen.


Droht China der Crash?
(blog.zeit.de) Aus China kommen derzeit eine Reihe schlechter Nachrichten. In den Bilanzen der chinesischen Banken wächst das Volumen an faulen Krediten. Und im ganzen Land haben sich bei Kommunen, Lokalregierungen und Firmen Schuldenberge aufgetürmt, die denen in den USA und Südeuropa nur kaum nachstehen. Das hat bereits zu einer Kreditklemme vor allem für mittelständische Unternehmen und Privatinvestoren geführt. Hinzu kommt, dass aufgrund der Euro-Krise das Exportwachstum inzwischen fast zum Erliegen gekommen ist. Das Wachstum insgesamt lag im zweiten Quartal so niedrig wie seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise vor vier Jahren nicht mehr. Der Aktienindex CSI300 in Shanghai hat seit Anfang des Jahres fünf Prozent an Wert verloren. Nicht dass Börsenkurven zuverlässig die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung widerspiegeln – schon gar nicht die chinesischen Börsen. Die Stimmung ist aber eindeutig: Auch in China ist es mit der großen Sause zunächst einmal vorbei. Doch neigt sich nun der jahrzehntelange Boom in der Volksrepublik allgemein dem Ende zu? Und steht das Land gar vor einem Crash, wie es einige Kollegen und Ökonomen bereits seit einigen Monaten voraussehen? Immerhin lehrt ja auch die Erfahrung anderer Länder wie Japan Ende der achtziger Jahre oder Südkorea Ende der neunziger Jahre, dass allzu hitzigen Boomphasen früher oder später ein abruptes Ende folgte. Nein, ich glaube nicht, dass China vor einem solchen Crash steht. Weiterlesen…

Kommentar: Ein klares Bekenntnis zu China. Dem wir nicht folgen. Aber unsere LeserInnen sollen sich ihre eigene Meinung bilden können.

Chinas Entwicklung ist auf den gleichen kapitalistischen Regeln aufgebaut, die der Westen schon seit Jahrzehnten praktiziert und die dort gerade kollabieren. China stützt sich auf den Export als Werkbank der Welt und im Land selbst auf riesige kreditfinanzierte Konjunkturprogramme, hauptsächlich im Immobiliensektor, der 60% zum BIP beiträgt. Eines der Probleme: Neben der Zentralregierung in Peking schaffen sich auch die Regionalparlamente ihren Wirtschaftsaufschwung, mit Krediten finanziert und völlig unkontrolliert. Schätzungen gehen davon aus, dass in diesem Bereich mittlerweile 700 – 800 Milliarden US-Dollar notleidender Kredite existieren und Peking schon längst das Leben schwer machen. Diese Schulden von denen der Zentralregierung zu trennen ist keine Lösung sondern eine Milchmädchenrechnung.


Konjunkturprogramm: China pumpt Milliarden in die Infrastruktur
(ftd.de) Peking will die sich verlangsamende Wirtschaft mit neuen Infrastrukturprojekten ankurbeln. Für den Bau von Autobahnen, Flughäfen und Stadtstraßen macht China 124 Mrd. Euro locker. Weiterlesen…

Kommentar: Kapitalismus trifft Planwirtschaft. Ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm. Und die industrielle Entwicklung? Die wird im Westen dazugekauft, auf Schiffe verladen und in China wieder aufgebaut (hier).