Montag, 1. Oktober 2012

Standpunkt 399 - Cohn-Bendit trifft den netten "Joe"


Daniel Cohn-Bendit hält Händchen mit Josef Ackermann 
 
Vielleicht ging es ja einem Teil unserer LeserInnen genauso: Was waren wir gespannt auf dieses Duell gestern Abend bei Günter Jauch – und wie sehr wurden wir enttäuscht (hier).

Daniel Cohn-Bendit war nur mittelmäßig vorbereitet, seine Beiträge lauwarm und an keiner Stelle für Josef „Joe“ Ackermann brenzlig. Da hatten sogar die Einspieler mehr zu bieten. Das hätten wir besser, viel besser, gemacht.  

„Banker trifft Revoluzzer – Ackermann gegen Cohn-Bendit“ wurde die Sendung verheißungsvoll angekündigt. Der Banker geriet zu keiner Zeit unter Druck – weil Cohn-Bendit offensichtlich den Revoluzzer zu Hause gelassen hatte. So konnte Jauch routiniert seinen Talk abspulen, ohne echte Höhepunkte und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Kontrahenten.

Bemerkenswert nur einige Aussagen von Ackermann. Der machte sich erst gar nicht die Mühe, die Schuld der Banken an der Krise in Europa abzustreiten. Vielmehr bestätigte er, dass die Staatsschulden wegen der Bankenhilfen stark angestiegen seien und die Immobilienblasen in Irland und Spanien durch die leichtfertige Kreditvergabe der Banken entstanden sind. Es sind genau die Gründe, die wir von Anfang an ursächlich für die Probleme in Europa verantwortlich machen. Weder Cohn-Bendit noch Jauch nutzten die Gelegenheit, Ackermann für diese Bemerkungen zur Rede zu stellen. 

Wie andere Politiker hatten wir Daniel Cohn-Bendit schon im Juli über das „Desaster Derivatehandel“ (hier) und die Rolle der Deutschen Bank ausführlich informiert. Ein Thema, über das sich mit dem Ex-Banker trefflich hätte diskutieren lassen. Kein Wort davon.

In dieser unverkrampften Runde älterer Herren konnte Ackermann dann auch unwidersprochen behaupten, die Deutsche Bank habe nach der Krise keine Staatshilfe in Anspruch genommen. Eine sehr gewagte Aussage. Die folgende Grafik entlarvt sie offensichtlich als glatte Lüge: 

    © washingtonsblog.com, 2012 

Die Zusammenstellung zeigt unmissverständlich, dass die Deutsche Bank aus diversen Bailout-Programmen der US-Regierung unmittelbar nach der Finanzkrise 2008 insgesamt die wahrlich stolze Summe von 354 Milliarden US-Dollar erhalten hat. Sie wird aus der Reihe der europäischen Großbanken nur noch von der Royal Bank of Scotland ($541 Mrd.) und Barclays Bank (sagenhafte $868 Mrd.) übertroffen. 

Außerdem gab es noch mittelbare Hilfen für die Deutsche Bank. Einerseits durch die Übernahme der Postbank. Die erhielt nämlich ebenfalls Geld vom „reichen Onkel“ aus Amerika, wie die folgende Grafik eindrucksvoll zeigt: 


    © zerohedge.com, 2012 

Andererseits durch die Rettung der Hypo Real Estate (HRE), die von Josef „Joe“ Ackermann eingefädelt wurde und in der vollständigen Übernahme durch den deutschen Staat gipfelte. Nicht nur Milliarden Euro aus der Altersversorgung wurden so für die Mitarbeiter der Bundesbank gerettet, sondern auch viele Milliarden Euro Anlagevermögen der Deutschen Bank. Der deutsche Staat steht bis heute für die Rettung der HRE mit mehr als 200 Milliarden Euro im Obligo. Eine Abwicklung der HRE wurde erfolgreich verhindert. Ein Gutachten mit dieser Empfehlung wird in Berlin unter Verschluss gehalten. 

Falsch auch seine Aussage zum Eigenhandel der Banken, der praktisch schon längst zum Erliegen gekommen sei. Eine aktuelle Zeitungsmeldung bestätigt das Gegenteil. "Verbot von Eigenhandel ist das Entscheidende", zitiert das österreichische Nachrichtenportal diepresse.com den österreichischen Vizepräsidenten des EU-Parlaments, Othmar Karas, heute (hier). „Die Bankenreform soll beim Eigenhandel der Banken ansetzen, um künftige Krisen zu verhindern“, so Karas. Er betonte, es müsse eine klarere Abgrenzung zwischen Privatkundengeschäft und Investmentbanking formuliert werden. Die Briten seien da schon weiter. 

Es kommt, was kommen musste: „In den meisten grundlegenden Fragen sind sich die beiden einig“ schreibt heute sueddeutsche.de zu der launigen Runde. Überschrift: "Legal, illegal, scheißegal" (hier). „Der verräterische Satz des "Mephisto" Ackermann“ betitelt welt.de die Kritik an der Sendung (hier) und gibt der Sache auf den ersten Blick den vermuteten kämpferischen Anstrich: „Mit Josef Ackermann und Daniel Cohn-Bendit saßen sich bei Günther Jauch zwei unerbittliche Diskutanten in Sachen Finanzkrise gegenüber.“ Tatsächlich ist es aber der Autor des Artikels, der mit Ackermann kritisch ins Gericht geht. Ein müder Cohn-Bendit war dagegen gestern Abend nicht zum Streiten aufgelegt. 

Am Ende bleibt uns nach wie vor die Aussage des US-Ökonomen Simon Johnson im Gedächtnis haften, für den ist Josef Ackermann einer der „gefährlichsten Banker der Welt“ (hier).