Dienstag, 17. September 2013

Standpunkt 760 - Nachrichten-Ticker, 16.09.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance...

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: 5 Jahre Finanzkrise (5 Beiträge) – Hypo Real Estate: Ein Skandal! – Krise in Europa – Frankreich


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht" 
Es ist schon ein knappes Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten an einem Upgrade. Neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte beschäftigen wir uns mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Noch einmal bringen wir einige lesenswerte Beiträge zum 5. Todestag von Lehman-Brothers. Damit beenden wir gleichzeitig die Reihe von Berichten aus diesem Anlass. Es ist alles Wichtige dazu geschrieben worden. Natürlich freuen wir uns, dass die von uns regelmäßig vertretene Meinung über die unterlassene Finanzreform in den Beiträgen mehrheitlich geteilt wird. 


Fünf Jahre Nichtreform des Finanzsektors
(project-syndicate.org)  Fünf Jahre nachdem der Zusammenbruch von Lehman Brothers die größte globale Finanzkrise seit der Großen Depression ausgelöst hat, haben übergroße Bankensektoren die irische, isländische und zyprische Wirtschaft zerrüttet. Die Banken in Italien, Spanien und anderswo vergeben nicht genügend Kredite. Chinas Kreditgelage verwandelt sich gerade in einen Abschwung. Kurz gesagt: Das Finanzsystem der Welt bleibt gefährlich und dysfunktional. Schlimmer noch, trotz jahrelanger Debatten gibt es keinen Konsens über die Probleme des Finanzsystems – geschweige denn darüber, wie man sie behebt. Und das scheint die politische Macht der Banken wiederzugeben. Mehr...

Kommentar: Dieser Beitrag von Anat Admati, Professorin an der Stanford Graduate School of Business (Stanford GSB), beschäftigt sich mit den Folgen und Versäumnissen seit der Lehman-Pleite. Admati übt reichlich Kritik und kommt in jedem ihrer Beispiele auf den Punkt. Sehr gut auch ihre Anmerkungen zu den Basel III-Regeln, die in der Politik und bei vielen Wirtschaftsjournalisten bereits als Allheilmittel für die kriselnde Finanzindustrie angesehen werden. Admati's Fazit: "Einige meinen, Banken seien etwas Besonderes, da sie die Ersparnisse der Gesellschaft verteilen und Liquidität schaffen. Zu etwas Besonderem sind die Banken dabei allerdings vor allem durch ihre Fähigkeit geworden, Glücksspiele auf Kosten anderer zu betreiben und damit davonzukommen. Nichts an ihrer Rolle als Finanzmittler rechtfertigt es, den Banken zu erlauben, die Wirtschaft so sehr zu verzerren und die Öffentlichkeit so stark zu gefährden, wie sie es tun. Leider hat sich trotz des gewaltigen Schadens durch die Finanzkrise wenig an der Bankenpolitik geändert. Zu viele Politiker und Aufsichtsbehörden stellen ihre eigenen Interessen und die 'ihrer' Banken vor ihre Pflicht, die Steuerzahler und Bürger zu schützen. Wir müssen etwas Besseres fordern." Es ist an der Zeit, die Regierungschefs der G8-Staaten nachdrücklich an ihr Versprechen zu erinnern, eine tiefgreifende Finanzreform durchzuführen, die diesen Namen verdient, statt den Bankstern weiter in den Allerwertesten zu kriechen. 


"Viele Banken sollten schließen"
(taz.de)  Fünf Jahre nach der Lehman-Pleite spielen Staat und Banken immer noch mit viel zu hohem Risiko, warnt Finanzmarktexperte Martin Hellwig. Mehr...

Kommentar: Ein sehr gutes Interview zum Thema. 


Boom – Blase – Crash
(blaetter.de) Fünf Jahre ist es jetzt her, dass die Banken krachten: Am 15. September 2008 brach an der Wall Street die Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Ihr Bankrott sandte Schockwellen durch das internationale Finanzsystem. Binnen Tagen und Wochen standen weltweit Dutzende weiterer internationaler Großbanken vor dem Aus. Alles schrie nach dem Staat und die Staaten spielten Feuerwehr. Dabei hatte das große Bankenretten schon im Jahr zuvor begonnen. Doch nun ging es erst richtig los, im ganz großen Stil. Was zunächst wie eine Serie von lokalen Insolvenzen britischer und amerikanischer Banken und Finanzinvestoren ausgesehen hatte, verwandelte sich nach dem Lehman-Crash binnen Wochen in eine Weltfinanzkrise, eine globale Börsen-, Banken- und Kreditkrise, die die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund zu reißen drohte.
Im November 2008, bei der Eröffnung eines neuen Gebäudes der London School of Economics, seufzte Ihre Majestät, die Königin: „Why did nobody see it coming?“ Gute Frage. Warum hat keiner der hochgelehrten Ökonomen, keiner der Hohepriester der neoliberalen Weltordnung, etwas geahnt von dem großen Krach? Warum hat niemand das Platzen der Spekulations- blasen und die Implosion der Weltfinanz kommen sehen und rechtzeitig davor gewarnt?
Dass der Boom der vorangegangenen Jahre auf wachsenden Schuldenbergen und fiktiven "Werten" gebaut und von Spekulationsblasen getrieben war, das zumindest wussten die meisten der Leute, deren Beruf es ist, die internationalen Finanzmärkte zu beobachten und zu analysieren. Denn Warnungen hatte es genug gegeben: Seit Mitte der 80er Jahre haben wir im Durchschnitt alle drei Jahre eine Finanzkrise erlebt, in bunter Folge. Von der Krise der Savings and Loans Banken in den USA, über die Pfund-Sterling und Peso-Krise, die Asien-, Russland- und Brasilienkrise bis schließlich zur Dotcom-Krise im März 2000, mit der die „neue Ökonomie“ ihr unrühmliches Ende fand. Doch all diese Krisen dauerten nicht lange, sie waren nach ein paar Monaten überstanden, sie erfassten nur Teile der Finanz- und Teile der sogenannten Realökonomie, alle blieben regional begrenzt oder wurden durch entschlossene Eingriffe in engen Grenzen gehalten. Daher konnte das global agierende Finanzkapital aus den jeweils abstürzenden Wertpapieren oder Währungen aussteigen bzw. aus den Krisenländern fliehen. Unken, die bei jeder dieser Finanzkrisen die nächste Weltkrise heranrauschen sahen, wurden Lügen gestraft. Das mag die Nonchalance erklären, mit der auch die Krise der Banken bis zum Sommer des Jahres 2008 behandelt wurde. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück war nicht der einzige, der sie als rein US-amerikanisches Phänomen klein- und schönredete.
Dabei waren die Haupt- und Staatsakteure des Dramas im Sommer 2008 sehr wohl davon unterrichtet, dass sie es mit einer Bankenkrise von globalem Ausmaß zu tun hatten. Die US-Regierung und die US-Notenbank Fed, die im Tandem agierten, beschlossen, die hoch verschuldete AIG, den größten Versicherungskonzern der Welt, zu retten und Lehman Brothers fallen zu lassen. Bei der Rettung der AIG ging es um Billionen Dollar, bei Lehman "nur" um etwas über 600 Milliarden. Um die AIG zu retten, spendierte die Regierung fast 90 Mrd. Dollar, ein Großteil davon, 56,7 Mrd., ging an europäische Banken. Die Deutsche Bank, Barclays, die Société Générale waren die größten Nutznießer in Europa, in den USA bekamen Goldman Sachs (12,9 Mrd.), Bank of America und Merrill Lynch den Löwenanteil.
Im Fall von Lehman Brothers sah dagegen der Rivale Goldman Sachs seine Chance gekommen und ergriff sie beim Schopf. Mit einer klassischen Intrige, gut für ein Brechtsches Schurkenstück, wurde Lehman in die Pleite geschickt. Niemand ahnte wohl zu diesem Zeitpunkt, dass sich eine bloße Intrige, wenn auch auf "höchstem Niveau", zu einer Weltfinanzkrise auswachsen könnte. Erst nach dieser Erfahrung wurde die neue Banken-Formel geprägt: too big to fail – zu groß zum Scheitern. Die politischen und ökonomischen Eliten hatten ihre erste Lektion gelernt: Mit dieser Krise war nicht zu spaßen, diesmal wurde es ernst und Banken waren in Zukunft zu retten. Mehr...

Kommentar: Diese Analyse der Krisenursachen und ihrer Folgen ist hervorragend. Sie gibt einen sehr guten Überblick allen, die ihr Wissen rund um die Finanzkrise auffrischen wollen. 

Quelle: papundits.com


Die verpasste Chance
(fuw.ch) Fünf Jahre nach der Beinahe-Kernschmelze im Bankensystem lautet die bittere Erkenntnis: Die Finanzwelt ist nicht sicherer als zuvor. Was ist schiefgelaufen? Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli. Mehr...

Kommentar: Dittli greift zu kurz: Die Erhöhung des Eigenkapitals bleibt für sich genommen ohne nennenswerte Wirkung. Auf jeden Fall, so lange sie nicht 30% Eigenkapital erreicht. Das ist völlig illusorisch. Noch einmal, auch an dieser Stelle, ohne Finanzreform geht die Krise unvermindert weiter. 


Finanzkrise: Es geht wieder was
(zeit.de) Erstmals besteht in Europa die Chance auf eine Wende in der Krise. Wird sie verspielt? Mehr...

Kommentar/Ergänzung: Der Tenor des Beitrags von Mark Schieritz erschließt sich uns nicht. Deshalb überlassen wir die Bewertung unseren LeserInnen. Vielleicht hilft dabei ein Blick in die aktuellen Zahlen zur Industrieproduktion in Europa: "Industrieproduktion im Euroraum um1,5% gefallen -Rückgang um1,0% in der EU28" (hier). 


Skandalbank HRE: Wie Ackermann Kanzlerin Merkel in der Rettungsnacht erpresste
(focus.de) Bloß kein deutsches Lehman: Vor fünf Jahren beschlossen Staat und Banken in einer dramatischen Nachtsitzungen die Rettung der Hypo Real Estate. Die Banken konnten große Lasten abwenden. Der Steuerzahler hat das Nachsehen. Mehr...

Kommentar: Für den FOCUS ein bemerkenswert kritischer Artikel an dem früheren Top-Banker Josef "Joe" Ackermann. Es festigt unsere Meinung über den Cowboy aus der Schweiz: Ein Bankster allererster Güte. Nur den eigenen und den Vorteil seiner Bank im Auge. Viele mögen das gut finden, das wird sich ändern, wenn der heimische Primus als Pleite-Bank entlarvt ist. 


Ackermann's Goldene Gans ist ein Pleitegeier. Quelle: toonpool.com


Italy Public Debt Will Rise More Than Expected Next Year; Spain Debt Also Rises To Record
(zerohedge.com) For all complaints about painful, unprecedented (f)austerity, the PIIGS (even those with restructured debt such as Greece) sure have no problems raking up debt at a record pace. Over the weekend, Spanish Expansion reported that Spanish official debt (ignoring the contingent liabilities) just hit a new record. "The debt of the whole general government reached 942.8 billion euros in the second quarter, representing an increase of 17.1% compared to the same period last year. Debt to GDP of 92.2% exceeds the limit set by the government for 2013..." Moments ago, it was Italy's turn to show that with employment still plunging, the only thing rising in Europe is total debt. From Reuters, which cites a draft Treasury document it just obtained: "Italy's public debt will rise next year to a new record of 132.2 percent of output, up from a previous forecast of 129.0 percent." Read more... 

Kommentar: Die Krise in Europa läuft weiter auf vollen Touren und ist noch lange nicht zu Ende. Vielmehr erklimmt sie neue Höhen...

"Katar ist zum Inbegriff sämtlicher Ängste Frankreichs geworden"
(format.at) Das Emirat Katar ist in dem unter der Euro-Krise ächzenden Frankreich auf Shoppingtour. Die Scheichs kaufen dabei alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Besonders Immobilien stehen hoch im Kurs. In Frankreich polarisiert das die Massen. Mehr...

Kommentar: Die europäische Krise schwellt auch in Frankreich unvermindert weiter. Der Beitrag beschreibt eine ihrer Wirkungen. Und Frankreichs Hollande halten wir für zu schwach, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Hollande müsste auf europäischer Ebene eingreifen und sich gegen Merkel durchsetzen. Dazu fehlt ihm offenbar die Kraft. Nur ein bisschen rummeckern reicht nicht: 

Quelle: toonpool.com


Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen."
(Karl Farkas, österreichischer Kabarettist) Stimmt. Es kostet sehr viel Überwindung, sich von den eingefahrenen, ererbten Anlagegewohnheiten zu trennen. Aber nur so geht es. Nur so ist es möglich, Ersparnisse oder Vermögen vor den Folgen der weltweit schwelenden Krisen abzusichern. 

Die Finanzkrise von 2008 geht weiter. Die Krise in Europa auch. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wir erwarten einen Kollaps des weltweiten Finanzsystems, der nicht beherrscht werden kann. 

Deutschland ist bisher gut weggekommen. Die Fassade bröckelt, zeigt schon tiefe Risse, hält aber bis zur Bundestagswahl. Die Bundesregierung hat sich, mit deutscher Gründlichkeit, auf die Zeit danach bestens vorbereitet. Ihre Planungen für die Enteignung der Bürger (noch einmal hier, inkl. pdf-Datei für das eigene Archiv) sind abgeschlossen. Wer sich vor diesen Maßnahmen erfolgreich in Sicherheit bringen will, muss jetzt handeln.