Freitag, 20. September 2013

Standpunkt 763 - Nachrichten-Ticker, 18.09.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance...

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: Deutsche Krisenpolitik (5 Beiträge) – EU und die Zypern-Krise – Griechenland – Fed


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht" 
Es ist schon ein knappes Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten an einem Upgrade. Neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte beschäftigen wir uns mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Schon unseren Beitrag zur Bundestagswahl 2013 gelesen? Der steht hier.


Hat Mutti doch recht?
(tagesanzeiger.ch) Kanzlerin Angela Merkels strenge Sparpolitik wird seit Jahren von vielen angelsächsischen Ökonomen kritisiert. Umso überraschender kommt nun das Votum des "Economist": "Stick with Mutti." Mehr...

Kommentar/Ergänzung: Eigentlich nimmt dieser Beitrag Bezug auf einen gerade in der Financial Times (FT) erschienenen Artikel von Wolfgang Schäuble. Ein übles Propagandamachwerk. Wir zitieren aus dem TAGESANZEIGER: "Die Welt sollte die positiven wirtschaftlichen Signale bejubeln, die uns die Eurozone derzeit beinahe täglich sendet", triumphierte Schäuble und zählte gleich auf, was seine Regierung alles richtig macht: Deutschland investierte noch nie so viel in Forschung und Infrastruktur wie in den letzten Jahren. Deutschland hat gesunde Staatsfinanzen, eine sinkende Zahl von Arbeitslosen und eine boomende Binnennachfrage. Und was die Austeritätpolitik betriff, die sein Land angeblich den Defizitländern aufbürdet – alles Unsinn. O-Ton Schäuble: "In nur drei Jahren hat sich das gesamte Defizit der öffentlichen Hand in Europa halbiert, die Lohnstückkosten und die Wettbewerbsfähigkeit passen sich an, die Bilanzen der Banken verbessern sich und die Defizite der Leistungsbilanzen verschwinden. Im zweiten Quartal ist die Rezession in der Eurozone zu Ende gegangen." Alles Lügen, in seinen Behauptungen steckt kein Fünkchen Wahrheit. Es ist eine Schande, wie Schäuble mit den Fakten umgeht.

Nicht von ungefähr hat sich Ambrose Evans-Pritchard von der britischen Tageszeitung THE DAILY TELEGRAPH mit dem Schäuble-Beitrag in der FT, "Ignore the doomsayers: Europe is being fixed", beschäftigt. Seine Antwort: "My grovelling apology to Herr Schäuble" ("Meine kriecherische Entschuldigung an Herrn Schäuble"). Der Beitrag hat es in sich, Evans-Pritchard pflegt eine spitze Feder. Mehr hier. Eine lohnende Lektüre, die es leider kaum in eines der deutsprachigen Leitmedien schaffen wird.

Zur Eisernen Lady Kanzlerin meldet sich aber der CEO der dänischen Saxo Bank , Lars Seier Christensen, zu Wort. Er attackiert Merkel und findet, ihre fehlende Vision sei die Archillesferse Europas: "Merkel's Lack of Vision Is The Achilles Heel Of Europe". Bei ZERO HEDGE erscheint dazu ein von Christensen autorisierter Beitrag mit den Hintergründen: Saxo Bank CEO Slams Merkel: "The Verdict Is Out, Need To Re-Evaluate The EU". Weiter heißt es dort: "I have met a number of politicians over the years, but lately it has dawned on me that very few of them are seriously prepared to stand up for their beliefs, if indeed they have any. I can just about recall a time long ago when things seemed slightly different; nowadays, politics is all about solving day-to-day problems and following opinion polls on what voters are prepared to tolerate, rather than leadership and fundamental personal integrity. Ideologies and courage have been consigned to the past and, as I see it, Europe’s Achilles’ heel is the German Chancellor Angela Merkel, the de facto leader of the EU, and her lack of vision for the single-currency bloc. Her lack of vision stands as a striking contrast to the emotional feelings that dominated much of post-war European political thinking." Read more here. Das muss man gelesen haben. 

Abschliessend noch der Hinweis auf einen kleinen Beitrag von Paul Krugman. Der schreibt in der NEW YORK TIMES zur deutschen Krisenpolitik in Europa: "They Have Made A Desert, And Called It Reform" ("Sie haben eine Wüste gemacht und nennen es Reform"). Krugman nimmt Stellung zu dem Schäuble-Beitrag in der FT. Mehr hier. Sehenswert die grafische Darstellung der Entwicklung des BIP im Vergleich zwischen Indonesien und Griechenland in den vergangenen Jahren. 

Diese und die anderen Wirklichkeiten im heutigen Nachrichten-Ticker machen Wolfgang Schäuble zum Trottel.  


Aggressives Gebaren
(konicz.info) Deutsche Exportüberschüsse ruinieren Europa. Aller Wahlkampfpropaganda zum Trotz: Der Aufschwung in der Bundesrepublik "läßt auf sich warten". Mehr...

Kommentar: Ein Beitrag, der mit einigen der Schäuble'schen Lügen aufräumt. Und dem Irrsinn hinter der deutschen Borniertheit: "Die beständig geäußerte Empörung über die ausartende Auslandsverschuldung stellt somit die größte Absurdität der deutschen Krisendebatte dar: Die bundesrepublikanische Öffentlichkeit kritisiert in aller Ahnungslosigkeit die wichtigste konjunkturelle Stütze des aggressiven deutschen 'Geschäftsmodells'."


In Zypern droht Euro-Rettern die Blamage
(focus.de) Die Rettung Zyperns vor dem Bankrott liegt nur wenige Monate zurück. Doch schon droht das Hilfsprogramm aus dem Ruder zu laufen, warnt der Internationale Währungfonds. Der Inselstaat könnte mehr Geld als geplant brauchen. Mehr...

Kommentar: Was dann, Herr Schäuble? Eine neue Runde Enteignung nach dem "Zypern-Modell"? 
Hilfe!! Dieb! Quelle: zerohedge.com


Ein neuer griechischer Test für Europa
(project-syndicate.org)  Im Laufe des vergangenen Jahres war es leicht, die griechische Schuldenkrise aus den Augen zu verlieren. Randvoll mit öffentlichen Geldern, war Griechenland offensichtlich auf dem Weg zur Besserung. Obwohl sich die Privatisierungspläne verzögerten, erwarben sich die Griechen für ihren Haushaltssparkurs einen guten Ruf. Im europäischen Sommer des stillen Triumphes waren die Erwartungen am Boden und leicht zu übertreffen. Aber Griechenland wird Europa erneut einem schweren Test aussetzen. Mehr...

Kommentar/Ergänzung: Der Beitrag von  Ashoka Mody beschäftigt sich mit den Konsequenzen aus der völlig verfahrenen Schuldensituation in Griechenland. Er erwartet zwingend einen tiefgreifenden Schuldenschnitt, obwohl er eine völlig andere Entwicklung für geboten hält: "Natürlich gibt es immer die Möglichkeit, dass Griechenlands zunehmend düstere Lage schließlich zur Gründung eines demokratisch legitimierten, europaübergreifenden Rettungsfonds führt, der angeschlagenen Ländern automatische und bedingungslose Erleichterung verschafft. So würde die Europäische Union zu einer echten Föderation, den Vereinigten Staaten von Europa. Für das europäische Projekt wäre das ein Triumph." Andererseits glaubt er nicht an die dafür nötige Einsicht: "Angesichts der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung müssen sich die Europäer allerdings auf weiteren politischen und rechtlichen Tumult einstellen. Was auch geschieht: Das Europa, das daraus entstehen wird, könnte sehr anders aussehen als das heutige."  

Im Sinne eines Schuldenschnitts für Griechenland meldet sich aktuell auch die DZ Bank zu Wort. "Schuldenerlass für Griechenland ist unvermeidbar", meldet die WELT und nimmt Bezug auf Berechnungen der Bank. Im Vorspann heißt es: "Neue Berechnungen zeigen: Selbst mit kräftiger Unterstützung der Euro-Partner wird Griechenland seine Sparziele deutlich verfehlen – obwohl Bundesfinanzminister Schäuble das Gegenteil behauptet." Mehr hier. Außer dass der Beitrag mit einer weiteren Schäuble-Lüge aufräumt (vgl. oben), findet sich nichts Neues, vor allen Dingen zur Lösung Brauchbares in dem Artikel.


Griechenland: Grexit mit Euro als Parallelwährung
(diepresse.com) Anstatt eine "Neue Drachme" als Parallelwährung einzuführen, könnte Griechenland dem Euro diese Rolle überlassen. Ein vollständiger Austritt aus der Währungsunion wäre überflüssig. Mehr...

Kommentar: Super Idee, der verkappte Grexit - und von Roland Vaubel, Ökonom und Unterstützer der "Alternative für Deutschland" (AfD), toll erklärt. Die Sache hat nur einen entscheidenden Haken: Sie wird nicht funktionieren. Nicht nur weil es in Wahrheit darum geht, den Austritt aus der Gemeinschaftswährung zu bewerkstelligen, der in den Verträgen nicht vorgesehen ist. Was geschieht mit den Milliarden Schulden in Euro? Umtausch in die "Neue Drachme"? Bezahlen mit der neuen Währung? (So viel "Neue Drachme" kann die griechische Notenbank überhaupt nicht drucken...) Schuldenschnitt (davon ausgenommen natürlich IWF, EZB, Rettungsschirme) mit vorheriger, völliger Enteignung der Griechen? Streckung über die kommenden 100 Jahre? Eine Kombination aus allen Möglichkeiten? Oder buchen beispielsweise IWF, EZB und die anderen Notenbanken ihre Forderungen an Griechenland einfach aus, was möglich wäre? Fragen, auf die der Autor aus gutem Grund erst gar nicht eingeht. Das ist eines der grundsätzlichen Probleme der "Macher" hinter der AfD: Ihre Pläne sind entweder unbezahlbar oder undurchführbar. Dazu fällt uns ein kleines Bonmot von Alt-Kanzler Helmut Schmidt ein: "Intellektuelle neigen immer zu Spinnereien." 


Salto rückwärts statt Zinswende
(handelsblatt.com) Ben Bernanke blamiert sich, die US-Notenbank und die Zunft der Währungshüter. Der Ausstieg aus der Zeit des billigen Geldes ist doch schwieriger als zuvor behauptet. Mehr...
Kommentar: Es ist wie immer eine Sache des Standpunkts. Für uns hat sich Bernanke jedenfalls nicht blamiert und sowieso hat er zu keiner Zeit behauptet, der Ausstieg sei einfach, ganz im Gegenteil. Wir halten die Entscheidung für folgerichtig. Schon Anfang September haben wir geschrieben, der Ausstieg sei eine "waghalsige Idee". Deshalb sei es auch "schädlich, ständig öffentlich darüber zu sinnieren" (hier). Wir warnen schon immer vor den offiziellen US-amerikanischen Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten, die regelmäßig geschönt sind und nicht die rauhe Wirklichkeit wiederspiegeln. Bernanke dürfte das noch besser wissen. Analysten, die mit dem Beginn des Ausstiegs gerechnet haben, leben in einem Wolkenkuckucksheim ("cloud cuckoo land") und ignorieren schlicht diese Tatsache. Bernanke kann sich das nicht leisten. Wie sehr sich der offizielle Traum von der Wirklichkeit unterscheidet, zeigt der folgende aktuelle Chart (Stand 06.09.2013) der US-Arbeitslosenquote, dargestellt von "John Williams' Shadow Government Statistics":



Weitere Hintergrundinformationen dazu gibt es hier. Die Pressemitteilung der Fed zu ihren aktuellen Entscheidungen steht hier.


Beim Denken ans Vermögen leidet oft das Denkvermögen."
(Karl Farkas, österreichischer Kabarettist) Stimmt. Es kostet sehr viel Überwindung, sich von den eingefahrenen, ererbten Anlagegewohnheiten zu trennen. Aber nur so geht es. Nur so ist es möglich, Ersparnisse oder Vermögen vor den Folgen der weltweit schwelenden Krisen abzusichern. 

Die Finanzkrise von 2008 geht weiter. Die Krise in Europa auch. Ein Ende ist nicht in Sicht. Wir erwarten einen Kollaps des weltweiten Finanzsystems, der nicht beherrscht werden kann. 

Deutschland ist bisher gut weggekommen. Die Fassade bröckelt, zeigt schon tiefe Risse, hält aber bis zur Bundestagswahl. Die Bundesregierung hat sich, mit deutscher Gründlichkeit, auf die Zeit danach bestens vorbereitet. Ihre Planungen für die Enteignung der Bürger (noch einmal hier, inkl. pdf-Datei für das eigene Archiv) sind abgeschlossen. Wer sich vor diesen Maßnahmen erfolgreich in Sicherheit bringen will, muss jetzt handeln.