Samstag, 26. Oktober 2013

Standpunkt 787 - Nachrichten-Ticker, 13.10. ff


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: In eigener Sache – Auf ein Wort: US-Shutdown 


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist schon ein knappes Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten an einem Upgrade. Nach der Bundestagswahl erhöhen wir noch einmal unseren Arbeitseinsatz, damit wir unser neues Dossier kurzfristig zur Verfügung stellen können. Neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte beschäftigen wir uns mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


In eigener Sache:
Wir sind wieder da. Mit ein bisschen Verspätung, aber vollzählig und hoch motiviert. Wie in unserem letzten Ticker angekündigt, haben wir während unserer Abwesenheit alle wichtigen Ereignisse im Blick behalten. Nichts ist in dieser Zeit passiert, über das wir zeitnah hätten berichten müssen.

Ab heute nehmen wir wieder unseren täglichen Nachrichten-Ticker auf. Beginnen werden wir mit einer Nachlese zum US-Shutdown.


Auf ein Wort: Der US-Shutdown
Er ist Geschichte - vorläufig. Gereicht hat es in den verfeindeten politischen Lagern nur zu einer kurzfristigen, provisorischen Lösung bis Anfang 2014. Demnächst geht das Theater also schon wieder los.

Der Ausgang war absehbar. Schon sehr früh haben wir die Auseinandersetzung als "Sturm im Wasserglas" beschrieben und waren überzeugt, dass der Streit auch dieses Mal wieder ein gutes Ende nimmt. Unsere LeserInnen hatten wir jedenfalls schon frühzeitig darauf vorbereitet. Überrascht wurden wir lediglich von der frühen Einigung, bereits einen Tag vor Fristablauf. Alle Achtung.

Wie ein Haufen gackernder Hühner haben sich die "Experten" unter den Ökonomen und Journalisten in den letzten Tagen vor der Entscheidung noch einmal über die US-Haushaltskrise hergemacht. Wir zeigen einige Beispiele: 

Der Schweizer TAGES-ANZEIGER behauptete "Eskaliert der US-Budgetstreit, kommt es zum grossen Knall". Dort heißt es in der Einleitung: "Bei einem Zahlungsausfall gilt die grösste Sorge nicht den einbrechenden Aktienbörsen. Eine Austrocknung der Repo-Märkte wäre viel gravierender." Mehr dazu hier. Aus unserer Sicht völlig abwegig, dass es die Wall Street so weit hätte kommen lassen. Das HANDELSBLATT beschäftigte sich mit der Frage "Blind in die Katastrophe?" und erläuterte gleich noch platzgreifend die Folgen eines Fehlschlags: "Es gibt hoffnungsvolle Signale im US-Etatstreit. Dennoch ist der Worst Case nicht abgewendet: Den USA droht der Zahlungsausfall – mit fatalen Folgen für die Weltwirtschaft. Szenarien, was im schlimmsten Fall passiert." Mehr dazu hier. Der Beitrag hat immerhin einen gewissen Unterhaltungswert, mehr aber auch nicht. Natürlich beteiligt sich auch noch die WELT an den Spekulationen um die Auswirkungen einer fehlenden Einigung. Sie mutmaßt "Jedes Finanzinstrument könnte infrage gestellt werden" und fasst ihre Sorgen so zusammen: "Showdown im Haushaltsstreit: Stellen die Republikaner weiter auf stur, stoßen die USA am Donnerstag an die Schuldenobergrenze. Die Folgen für Realwirtschaft und Finanzmärkte sind unvorhersehbar." Mehr dazu hier

Sicherlich gab es Ausnahmen. Anshu Jain stand wahrscheinlich bereits der Angstschweiß über das bevorstehende Ende des deutschen Bankenprimus auf der Stirn als er noch Stunden vor der sich abzeichnenden Einigung behauptet hat "Es gibt kein Leben nach dem US-Zahlungsausfall" (hier). Selbst Barry Eichengreen, sonst besonnen, hatte offensichtlich schlecht geträumt und sich zu einer "Brand-Rede" hinreißen lassen. Der Schweizer TAGES-ANZEIGER zitierte aus einem Interview: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es zum Äussersten kommt", ebenfalls erschienen wenige Stunden vor der Lösung des Haushaltsstreits. Der US-Ökonom bezieht darin eindeutig Stellung: "Der renommierte Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen teilt die Überzeugung nicht, dass ein US-Zahlungsausfall in letzter Sekunde verhindert wird. Er warnt vor katastrophalen Folgen weltweit."  Ein Stück weit lässt sich seine Haltung sogar nachvollziehen wenn er erklärt: "Vernünftige Politiker werden verhindern, dass der Ernstfall eintritt. Das Problem ist: Ich bin mir nicht sicher, dass wir wirklich vernünftige Politiker haben." Mehr dazu hier. Nur ist es so, dass Vernunft in der Politik schon seit Jahren keine Rolle mehr spielt. Es sind nur noch die Interessen weniger, die die Politik bestimmen. Politiker sind nur noch Erfüllungsgehilfen für die pseudo-demokratische Durchsetzung dieser Interessen, von Angela Merkel deshalb auch längst treffend und zielführend als "marktkonforme Demokratie" beschrieben.

Stunden nach den entscheidenden Abstimmungen ist dann Erleichterung spürbar. So, als wäre mit knappster Not das Schlimmste gerade noch einmal abgewendet worden. Tatsächlich folgte das Schauspiel einer bereits erprobten Regie mit fest definiertem Höhepunkt.

Die F.A.Z. stellt sichtlich erfreut fest "Amerikas Regierung arbeitet wieder" und fasst das Ereignis und seine Folge so zusammen: "Der mühsam ausgehandelte Finanzkompromiss des amerikanischen Kongresses ist in Kraft. Barack Obama hat das Gesetz in der Nacht unterzeichnet. Hunderttausende Angestellte der amerikanischen Bundesregierung müssen jetzt wieder arbeiten." Mehr dazu hier. Die SÜDDEUTSCHE bringt das Ereignis so auf den Punkt:  "Die Halbstarken einigen sich". Sie schreibt im Vorspann: "Wer zuerst Schwäche zeigt, hat verloren: Präsident Obama hat sich im Dauerstreit um den US-Haushalt durchgesetzt. Verlierer der Konfrontation sind die Scharfmacher der Tea Party und Republikaner-Chef Boehner. Allerdings hat auch Obamas Image im In- und Ausland gelitten - und die wahren Probleme der USA bleiben ungelöst." Mehr dazu hier. Wir finden es einen fatalen Irrtum, Obama als Sieger und die Republikaner als Verlierer zu feiern. Alle zusammen haben die ihnen zugedachte Rolle gespielt und lediglich einen Kompromiss auf kleinstem Nenner erzielt, mit dem einige Wochen Zeit gewonnen wurde, mehr nicht. Obama hat sich erneut als durchsetzungsschwach und wenig krisentauglich erwiesen, während die Republikaner dieser Auseinandersetzung ihren Stempel aufgedrückt haben. Die ZEIT hat, sowieso gegenüber Obama wenig kritisch gestimmt, ebenfalls die Verlierer eindeutig ausgemacht: "Debakel für die Republikaner" heißt es dort. Immerhin ist sie in ihrer Zusammenfassung des Ereignisses dicht dran an der Wirklichkeit: "Der Haushaltsstreit ist aufgeschoben, eine globale Wirtschafts- und Finanzkrise aber noch lange nicht verhindert. Der politische Wahnsinn geht weiter." Mehr dazu hier. Ebenfalls klarer Verlierer in diesem Kommentar der SZ sind die Republikaner: "Zyklen der Selbstzerfleischung". Dort heisst es im Vorspann: "Alle ein bis zwei Generationen häutet sich Amerika, durchlebt das Land einen schmerzhaften inneren Konflikt. Gerade ist es die theokratische Anmaßung der Tea Party, die das Land vor dem vermeintlich liberalen Barack Obama bewahren will. Aktuell geht es um die Freiheit von der Bevormundung des Staates. Doch die Republikanische Partei zerschellt wieder einmal an ihrem selbstgezimmerten Feindbild." Mehr dazu hier. Die Frage nach Sieger und Verlierer beschäftigt auch die US-Ausgabe des ROLLING STONE: "Winners and Losers of the Government Shutdown": "As the government reopens, we look at the damage for John Boehner, Ted Cruz and more" (here). Der Beitrag kommt zu bemerkenswerten Antworten. Das HANDELSBLATT zieht aus dem Durchbruch im US-Haushaltsstreit den Schluss "Die Katastrophe ist vertagt" und schreibt zusammenfassend: "Der Zahlungsausfall ist abgewendet, die brach liegende Verwaltung kann wieder öffnen: In letzter Minute haben sich die Politiker in Washington im Haushaltsstreit geeinigt. Doch vorbei ist der Kampf noch lange nicht." Mehr dazu hier. Der US-Ökonom Paul Krugman kommentiert die Einigung auf seine Weise: "The Damage Done - Der angerichtete Schaden". Wir beziehen uns dabei auf die von NACHDENKSEITEN angebotene Übersetzung (hier). Krugman verweist auf eine Studie, die sich mit den Folgen der US-Krisenpolitik seit 2010 beschäftigt und ihr einen immensen wirtschaftlichen Schaden attestiert (hier). Schuld daran sind hauptsächlich die "Extremisten und Erpresser, die das Repräsentantenhaus kontrollieren", sprich die Republikaner, so Krugman. Wer möchte, der findet den englischen Original-Artikel in der NEW YORK TIMES hier. Hierzulande sucht HEISE/TELEPOLIS Antwort auf die gleiche Frage: "Wie sehr hat der Regierungs-Shutdown der US-Wirtschaft geschadet?". Zusammengefasst heißt es dort: "Obama geißelt die Taktik der Republikaner, die Tea-Party-Bewegung bläst schon zum nächsten Angriff, obgleich ihr Stern sinkt. Der Streit um die Erhöhung der Schuldengrenze und die Gesundheitsreform hat zu einem Regierungs-Shutdown geführt. Um die 800.000 Staatsangestellte mussten in einen vorerst unbezahlten Zwangsurlaub geschickt werden, zahlreiche Behörden und Dienste wurden geschlossen. Das Ansehen der Politiker ist in den USA ebenso wie das Vertrauen in die Regierbarkeit und Zuverlässigkeit der USA eingebrochen. Mitglieder der Tea-Party-Bewegung verurteilen inzwischen bereits den Kompromiss und werfen den Abgeordneten, die ihm zugestimmt haben, Kapitulation vor. Man rüstet sich also für den nächsten Showdown im Januar." Die Zahl dazu liefert ein anderer: "Nach einer Schätzung von Standard & Poors hat der Shutdown der Wirtschaft einen Schaden von 24 Milliarden US-Dollar verursacht." Mehr dazu hier. Für uns steht fest, dass unter Barack Obama (ähnlich wie in Europa unter der Regie von Angela Merkel) keine Maßnahmen ergriffen werden, um die tiefgreifende Krise zu lösen. Die SÜDDEUTSCHE hat in dem Beitrag "Amerikas gewaltige Probleme" den Versuch unternommen, den Umfang dieser neuen Jahrhundertkrise in den USA zu beschreiben: "Die Schlacht um den Haushalt hat US-Präsident Obama gewonnen. Doch das tatsächliche Problem der USA ist langfristiger und grundsätzlicher Natur, es geht um das Verhältnis von Bürgern und Staat. Worüber Demokraten und Republikaner jetzt verhandeln müssten." Mehr dazu hier. Wie langwierig diese Sache ist, beschreibt noch einmal die SÜDDEUTSCHE in dem Beitrag "Drei Krisen, die Amerika noch lange lähmen werden". Das Land gebärdet sich völlig handlungsunfähig: "Der Kompromiss im Haushalts- und Schuldenstreit zeigt das Grundsatzproblem Amerikas. Die Elite in Washington drückt sich seit Jahren davor, die wichtigsten Probleme des Landes zumindest mittelfristig zu lösen. Zu wenig Wachstum, Dauerblockade im Parlament und Polarisierung in der Gesellschaft: Es liegt nicht nur an den Betonköpfen der Tea Party, dass die USA sich selbst blockieren." Mehr dazu hier. 

Österreichs WIRTSCHAFTSBLATT stellt eine andere, höchst interessante Frage: "US-Budgetstreit: Alles nur Theater?". Der Beitrag beginnt mit einer bemerkenswerten Einschätzung:  "Am Ende ging alles ganz schnell, die Einigung im großen Washingtoner Finanzdrama erschien plötzlich wie ein Kinderspiel. Wochenlang hatten die Republikaner blockiert, den USA und der Weltwirtschaft die Hölle heiß gemacht. Niemals werde man den Finanzgesetzen zustimmen, ohne das amerikanische Volk von der verhassten Gesundheitsreform zu befreien. Noch am Mittwoch in der Früh schienen die USA am Rande des Abgrunds zu stehen, alle Lösungsversuche im Streit um Schulden und Budget schienen gescheitert. Und dann, nur Stunden später, der Durchbruch - war etwa alles nur Theater? "Es war ein Spaß für uns alle und gut für die TV-Sender", ironisiert David Frum, Kommentator und einst Redenschreiber für den damaligen Präsidenten George W. Bush." Mehr dazu hier. Uns gefällt diese Bewertung.

Bei der ganzen Aufregung um die Gefahr einer angeblichen Staatspleite Amerikas wurde ein Aspekt vollkommen ignoriert, den der Schweizer TAGES-ANZEIGER am 17.10.2013 in einem Beitrag auf den Punkt bringt: "Die USA sind noch lange zahlungsfähig". Und liefert die Begründung gleich mit: "Standen die USA in der vergangenen Nacht eigentlich kurz vor der Pleite? Von wegen. In der Not kann sich die Supermacht immer mit der Notenpresse retten. Ein Privileg, das andere nicht geniessen." Mehr dazu hier. Diese schlichte Tatsache zu akzeptieren, hätte den vielen "Experten" sicherlich gutgetan und sicherlich einiges von dem Mist verhindert, der von diesen Leuten in den vergangenen zwei Wochen verfasst worden ist. Auf dieser Gewissheit basiert wohl auch Warren Buffetts Aussage im HANDELSBLATT "Kreditwürdigkeit ist wie Jungfräulichkeit" und die Erklärung dazu: "Der Großinvestor Warren Buffett glaubt fest daran, dass der amerikanische Staat seine Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern erfüllt. Rechnungen nicht zu bezahlen, wäre verrückt." Mehr dazu hier.

Diese Sonderstellung beschäftigt auch José Antonio Ocampo, Professor an der Columbia University und 2012 Brasiliens Kandidat für den Chefsessel der Weltbank, in seinem Beitrag "Die Aberkennung eines exorbitanten amerikanischen Privilegs" für PROJECT SYNDICATE. Ocampo setzt sich sehr kritisch damit auseinander: "Aus dem anhaltenden politischen Stillstand in den USA ergeben sich zwei bedeutende Auswirkungen für das internationale Währungssystem. Die besser bekannte Folge ist die sich vertiefende Ungewissheit hinsichtlich des US-Dollars, der wichtigsten Weltreservewährung, sowie im Hinblick auf US-Staatsanleihen, der vermeintlich "sichersten" Finanzanlage der Welt. Keine Überraschung also, dass China und Japan als wichtigste Anleger in US-Staatsanleihen ihre Besorgnis bekundeten. Einfach ausgedrückt ist festzustellen: im Zentrum der Weltwirtschaft befindet sich ein dysfunktionales politisches Regime, das für wiederkehrende Bedrohungen eines Zahlungsausfalls der weltweit wichtigsten Reservewährung sorgt." Mehr dazu hier. Ocampo will eine Neuordnung des internationalen Währungssystems und, im Zuge dessen, die Rolle des IWF stärken. Ein irrelevanter Vorschlag, vorläufig werden die USA ihre Weltleitwährung Dollar mit allen diplomatischen, militärischen, wirtschaftlichen und finanziellen Mitteln verteidigen. Wie das funktioniert, erlebt seit 2009 die Eurozone. Bis dahin war der Euro anerkannte Weltreservewährung mit einem "Marktanteil" von 35%. Mittlerweile ist der auf 25% gesunken und der Dollar in seiner Leit-Funktion neu erstarkt. Falsche Schlüsse zieht nach unserer Ansicht auch der US-Ökonom Stephen S. Roach, der wie so oft auch in dieser Sache die chinesischen Interessen vertritt. Aus Anlass des US-Haushaltsstreits hat er sich ebenfalls vor wenigen Tagen bei PROJECT SYNDICATE mit einem Beitrag zu Wort gemeldet. Er glaubt fest an "Chinas Weckruf aus Washington" und erklärt dazu: "Ja, mit der Einigung über die Schuldenobergrenze haben die Vereinigten Staaten gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Da aber nur 90 Tage bleiben, um die ideologischen und parteipolitischen Gräben vor Ausbruch der nächsten Krise zu überbrücken, wird die Zündschnur an der amerikanischen Schuldenbombe immer kürzer. Angesichts einer dysfunktionalen, in den Abgrund blickenden US-Regierung steht für China – Amerikas größtem ausländischen Gläubiger – viel auf dem Spiel." Mehr dazu hier. Roach ist davon überzeugt, "die Zeit der unbegrenzten Anleihenkäufe wird bald zu Ende gehen". Eine klare Fehldiagnose. Die Rolle der USA und des Dollars bleiben vorläufig unangefochten. Besonders unter dem Eindruck der weltweiten Rezession. China ist zweifellos auf Amerikas Wohlergehen angewiesen. Dazu gehört auch, zu einem erheblichen Teil dessen Schulden zu finanzieren. Natürlich kann die chinesische Führung ein kleines Zeichen setzen und die Anleihenkäufe zurückfahren. Für die USA ist das kein Problem, wir haben schon gelernt, dass dann die US-Notenbank einspringt. Natürlich werden allerorts die Rolle der USA und des Dollar gerade jetzt gerne diskutiert. So auch von Michael Spence in dem Beitrag "Das rücksichtslose Amerika", wo gleichfalls den chinesischen Interessen Raum gegeben wird. Der US-Ökonom kommt aber zu der Erkenntnis,  "ein umfassender Ausstieg aus US-Staatsanleihen ist höchst unwahrscheinlich, da sich viele Länder, einschließlich China, damit in das eigene Fleisch schneiden würden". Sein Fazit: "Die Weltwirtschaft steht in den nächsten Jahren vor ungeheuren Bewährungsproben: Wachstum,  Beschäftigung sowie Herausforderungen im Bereich der Verteilungsgerechtigkeit in vielen Industrie- und Entwicklungsländern; weitreichende institutionelle Reformen in Europa; der komplexe Übergang zu einem Land mittleren Einkommens in China sowie die fortgesetzte  Notwendigkeit, weltweit die Armut zu verringern. Diese Aufgaben wirksam zu bewältigen, erfordert die Schaffung eines globalen Governance-Systems, innerhalb dessen es nicht möglich ist, dass die Innenpolitik eines Landes die Aussichten der anderen Länder gefährdet." Mehr dazu hier. Mit der Idee eines globalen Governance-Systems liegt Spence auf einer Linie mit José Antonio Ocampo (hier). Noch einmal: Das ist ein sehr, sehr weiter Weg und mit den machtpolitischen Interessen Amerikas nicht vereinbar, also nach unserer Einschätzung erst einmal irrelevant. Selbst wenn sich der IWF schon zu Zeiten Strauss-Kahns sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt hat (hier). Der ist längst Geschichte und auf unrühmliche Weise aus dem Amt entfernt worden (hier).

Der Dollar und die steigenden US-Staatsschulden haben kürzlich auch Barry Eichengreen beschäftigt. Anfang des Monats hat er sich in dem Beitrag "The Dollar and the Debt Ceiling" für PROJECT SYNDICATE damit auseinandergesetzt:  "The dollar is the world’s go-to currency. But for how much longer? Will the dollar’s status as the only true global currency be irreparably damaged by the battle in the US Congress over raising the federal government’s debt ceiling? Is the dollar’s “exorbitant privilege” as the world’s main reserve currency truly at risk?" Die US-Haushaltskrise vor Augen, schreibt Eichengreen am Ende: "Sane governments do not default when they have a choice – especially not when they enjoy the “exorbitant privilege” of issuing the only true global currency. We are about to find out whether the US still has a sane government." Mehr dazu hier. ZERO HEDGE bietet ebenfalls einen lesenswerten Beitrag zum Thema: "The Most Dangerous Line Uttered During The Debt Ceiling Debate" (here). Angereichert mit drei Grafiken, die den Stand der Entwicklung augenfällig dokumentieren: 











Als Folge der unversöhnlichen Auseinandersetzung der politischen Lager in den USA hat die chinesische Ratingagentur Dagong reagiert: "China's Dagong Downgrades US To A- From A" meldet ZERO HEDGE: "Since all US rating agencies (Fitch is majority French-owned) have been terrified into submission and will never again touch the rating of the US following the DOJ's witch hunt of S&P, any US rating changes on the margin will come from abroad. Like China's Dagong rating agency, which several hours ago just downgraded the US from A to A-, maintaining its negative outlook. The agency said that while a default has been averted by a last minute agreement in Congress, the fundamental situation of debt growth outpacing fiscal income and GDP remains unchanged. "Hence the government is still approaching the verge of default crisis, a situation that cannot be substantially alleviated in the foreseeable future." Mehr dazu, auch die ausführliche Begründung, hier

Abschliessend wollen wir noch zwei Spezialisten der heimischen Ökonomenzunft zitieren, die sich zur Haushaltskrise der USA geäußert haben.

Der Schweizer Thomas Straubhaar,  Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Hamburg und Leiter des HWWI, kommentiert in der Schweizer FINANZ UND WIRTSCHAFT tiefsinnig "Nach dem Kliff ist vor dem Kliff" und erklärt: "Die USA werden sich von Budgetkrise zu Budgetkrise hangeln. Dennoch modernisiert sich das Land rascher als die meisten anderen." Straubhaar glaubt, "im Produktionsbereich werden die USA chinesischer, im Sozialen europäischer". Bei der Beschreibung der Krise folgt der Ökonom aber hauptsächlich der vom Mainstream in diesen Tagen verbreiteten Meinung. Der von ihm beschriebene Boom exisitiert bestenfalls in den Köpfen unverbesserlicher Schönfärber, in der Wirklichkeit gibt es ihn (noch) nicht. Immerhin findet auch Straubhaar, der Dollar "bleibt das Mass der Dinge". Diesen zwiespältigen, alles in allem aber lesenswerten Beitrag gibt es hier.

Deutschlands erklärter Super-Star unter den Ökonomen, Hans-Werner Sinn, lässt es natürlich wieder richtig krachen. Mit dem Beitrag "Ein Lob der Schuldenobergrenze" (hier) bleibt er stur und betonköpfig seiner Linie treu. Belegt damit aber nur, dass er einfach nichts dazulernen will und hemmungslos die Fakten verdreht, um seinen Standpunkt zu behaupten. Das wird besonders deutlich bei seiner Beschreibung der Krise in Europa: Immer noch weigert sich Sinn beharrlich, die Bankenkrise als Ursache der Staatsschuldenkrise in Europa zu benennen. Deshalb ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass Sinn zu keiner Zeit in der Lage gewesen ist, nützliche Lösungsansätze für die Krise zu liefern. So auch in diesem Beitrag, wo er kein Wort verliert über die Defizite im US-Arbeitsmarkt, die marode Infrastruktur, die weit verbreitete Armut oder das fehlende Verbrauchervertrauen. Alles Dinge, die übrigens auch auf Europa passen. 

Unser Fazit zur US-Haushaltskrise ist kurz: Viel Lärm um fast nichts.