Montag, 4. November 2013

Standpunkt 796 - Nachrichten-Ticker, 03.11.


Täglich stellen wir für unsere LeserInnen aktuelle und interessante Beiträge aus dem Internet zusammen, die wir mehr oder weniger kommentieren und ergänzen. Ideal für alle, die sich schnell informieren wollen. Wir bemühen uns darum, ausgewogen zu sein. Gegensätzliche Meinungen bekommen bei uns eine Chance... 

Fragen, Anregungen und Kritik einfach an der-oekonomiker@email.de schicken.

Für "Neuankömmlinge" und "Auffrischer" haben wir hier und hier unsere wichtigsten Blog-Beiträge zusammengestellt. Die "Gastbeiträge" gibt es hier.


Tagesthemen: Deutschland unter Druck – Notenbanken blasen – Kein Plan B  – Böse Banker, brave Banker


Top-Thema: "Die staatlichen Werkzeuge der Enteignung - eine Übersicht"
Es ist mittlerweile schon mehr als ein Jahr her, daß wir ein Update zu diesem wichtigen Thema hier für unsere LeserInnen zur Verfügung gestellt haben. Wir arbeiten schon längere Zeit an einem Upgrade. Unmittelbar nach der Bundestagswahl haben wir unseren Arbeitseinsatz erhöht, um unser neues Dossier kurzfristig zur Verfügung stellen zu können. Die lahmen Verhandlungen zur Bildung der Großen Koalition haben uns einen Strich durch diese Rechnung gemacht. Das Upgrade ist nach unserer Ansicht nur dann vollständig, wenn wir auch die Pläne der neuen schwarz-roten Bundesregierung berücksichtigen. Sicherlich werden die schlimmsten Vorhaben nicht öffentlich gemacht, trotzdem wird es eine Menge Indizien dafür geben, wo die politische Reise in der kommenden Berliner Regierungszeit in Deutschland und Europa hingeht. Außerdem beschäftigen wir uns, neben den zahllosen Methoden der Enteignung aus der deutschen Geschichte, mit den Vorschlägen von DIW und Boston Consulting Group zur Lösung der Krise in Europa, der virtuellen Währung Bitcoin, dem Zypern-Modell, den Plänen der EU zur Bankenrettung, außerdem mit Bargeldverbot, Kapitalverkehrskontrollen, Goldverbot und den Folgen der Bekämpfung von Geldwäsche und Terrorismus.


Warum Europa Deutschland braucht
(diepresse.com) Die USA attackieren Deutschland scharf: Das Land exportiere zu viel und konsumiere zu wenig. Ohne Deutschland ginge es der Eurozone besser. Klingt gut, stimmt aber nicht. Ein Blick hinter Washingtons krude Logik. Mehr...

Kommentar: Es ist immer wieder erstaunlich, mit welchen hemdsärmeligen Behauptungen das deutsche Exportmodell umworben wird. In diesem Fall kommt die Unterstützung vom Nachbarn, aus Österreich. Schon möglich, dass die Qualität deutscher Produkte teilweise für den Erfolg im Ausland verantwortlich ist. Für diese Qualität sind hauptsächlich deutsche Arbeitnehmer verantwortlich, denen man aber bereits seit 1998 jede reale Einkommenssteigerung verweigert, während auf der anderen Seite die Gewinne deutscher Unternehmen Jahr für Jahr neue Rekordmarken brechen und sich die sogenannten Führungskräfte immer höhere Einkommen sichern. 


Quelle: querschuesse.de

Die Grafik zeigt das offensichtliche Mißverhältnis zwischen Exportvolumen, Arbeitnehmerentgelten und Konsum in Deutschland. Warum die deutschen Unternehmen mit allen Mitteln, Bestechung inklusive, ihre Exporte ausweiten hat nichts mit Gemeinsinn zu tun, wie diese Grafik zeigt: 


Quelle: querschuesse.de

Es ist ein Hohn, dass ausgerechnet eine rot-grüne Regierungskoalition in Deutschland dafür gesorgt hat, den größten Niedriglohnsektor aller Industrienationen zu schaffen. Von den großzügigen Steuergeschenken ganz zu schweigen. Dazu ebenfalls, wie wir finden, drei aussagefähige Grafiken: 








Der Anstieg des "Volksvermögens" ist seit dem eine sehr einseitige Sache: 


Quelle: dgb.de

Die folgende Grafik, schon ein bisschen älter, bedarf keiner weiteren Erklärung, oder? 



Alles vor den Augen der Gewerkschaften, teilweise sogar mit deren tatkräftiger Unterstützung. Außerdem wurden die Weichen dafür gestellt, dass in Zukunft Millionen Deutsche von der Altersarmut bedroht sind. Deutschland für diese Entwicklung zu loben, beweist  ein hohes Maß an Zynismus. 

Deutschlands Nachbar Frankreich zeigt, wie diese Grafik beweist, dass es auch anders, besser geht: 


 

Das ist sicherlich ein wesentlicher Grund dafür, dass Frankreich schon seit Monaten in der Schußlinie deutscher Propaganda steht, die dieses Modell gerne schleifen möchte.

Vor diesem Hintergrund ist die Empörung der deutschen Wirtschaft gegen die Kritik der USA und, ganz neu, des IWF (beispielsweise hier nachzulesen), nur allzu verständlich.

Übrigens verliert niemand ein Wort darüber, dass die reichlichen Defizite der deutschen Handelspartner irgendwie von irgendjemand finanziert werden müssen. Das geschieht regelmäßig mit deutschen Krediten aus den Einlagen heimischer Sparer. D. h. deutsche Banken gewähren den Defizitstaaten großzügige Kredite für den Kauf deutscher Qualitätsprodukte. Gerät einer dieser Staaten in die Krise, so bleiben die Verträge mit deutschen Unternehmen weitestgehend unangetastet, wie das Beispiel Griechenland und die Rüstungsgeschäfte mit Deutschland zeigen.


Blasen in der Suppe
(project-syndicate.org) Die meisten hoch entwickelten Volkswirtschaften leiden nach wie vor unter einem hinter dem Trend zurückbleibenden BIP-Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit; daher haben sich ihre Zentralbanken auf eine zunehmend unkonventionelle Geldpolitik verlegt. Sie haben uns eine Buchstabensuppe von Maßnahmen serviert: ZIRP (Nullzinspolitik), QE (quantitative Lockerung: der Ankauf von Staatsanleihen zur Verringerung der langfristigen Zinsen angesichts kurzfristiger Leitzinsen von null), CE (Kreditlockerung: Ankauf privater Vermögenswerte mit dem Ziel, die Kapitalkosten des privaten Sektors zu senken) und FG (Forward Guidance: die Zusage, QE bzw. ZIRP aufrechtzuerhalten, bis etwa die Arbeitslosenquote einen bestimmten Zielwert erreicht). Manche sind so weit gegangen, eine NIPR (Negativzinspolitik) vorzuschlagen.

All dem zum Trotz verharren die Wachstumsraten bisher hartnäckig auf niedrigem Niveau, und die Arbeitslosenquoten bleiben inakzeptabel hoch, u.a. weil die Zunahme der Geldmenge im Gefolge der QE nicht zu einer Kreditschöpfung zur Finanzierung von privatem Konsum oder Investitionen geführt hat. Stattdessen haben die Banken das zusätzliche Geld in Form von Reserveüberschüssen gebunkert. Es besteht eine Kreditverknappung, da Banken mit unzureichendem Eigenkapital keine Kredite an risikobehaftete Kreditnehmer vergeben wollen, während das niedrige Wachstum und das hohe Schuldenniveau der privaten Haushalte zugleich auf die Kreditnachfrage drücken. 

Infolgedessen fließt all diese überschüssige Liquidität in den Finanzsektor statt in die Realwirtschaft. Leitzinsen von nahezu null ermutigen zu sogenannten "Carry Trades" – schuldenfinanzierten Investitionen in ertragsstärkere riskante Anlagen wie längerfristige Staats- und Privatanleihen, Aktien, Rohstoffe und Währungen von Ländern mit hohen Zinssätzen. Das Ergebnis: überhitzte Finanzmärkte, auf denen sich letztlich Blasen bilden könnten. Mehr...

Kommentar: Ein lesenswerter Beitrag von Nouriel Roubini. Er beschreibt, was am Programm der Notenbanken, allen voran des Fed, schief läuft. Leider scheint die zukünftige Fed-Chefin Janet Yellen den Murks ihres Vorgängers fortsetzen zu wollen. Fälschlicherweise wird sie von vielen Experten den Keynesianern zugeordnet ("Yellenomics – or the Coming Tragedy of Errors", hier) und tut damit John Maynard Keynes großes Unrecht. Der hätte in dieser Situation ganz sicher andere Pläne. Die würden sehr viel mehr an den New Deal eines Franklin D. Roosevelt erinnern. Roubini jedenfalls scheint Zweifel am Erfolg der aktuellen Maßnahmen zu hegen.


Buying Time In A Brought-Forward World... And Why There Is No Plan B
(zerohedge.com) Here we go again, creating another asset bubble for the third time in a decade and a half, is how Monument Securities' Paul Mylchreest begins his latest must-read Thunder Road report. As Eckhard Tolle once wrote, “the primary cause of unhappiness is never the situation but your thoughts about it," and that seems apt right now. After Lehman, policy makers went “all-in” on bailouts/ZIRP/QE etc. This avoided an “all-out” collapse and bought time in which a self-sustaining recovery could materialise. The Fed’s tapering threat showed that, five years on from Lehman, the recovery was still not self-sustaining. Mylchreest's study of long-wave (Kondratieff) cycles, however, leaves us concerned as to whether it ever will be. More commentators are having doubts; and the problem looming into view is that we might need a new "plan." The (rhetorical) question then is "Have we really got to the point where it's just about more and more QE, corralling more and more flow into the equity market until it becomes (unsustainably) 'top-heavy'?" Read more...

Kommentar: Dieser Beitrag ergänzt quasi den vorangegangenen von Roubini. Er enthält viele aussagekräftige Grafiken und bedenkenswerte Aussagen. Wer es ganz ausführlich haben will, der findet direkt hier den 40-seitigen Report "Into a Bubble? Buying Time in a Brought Forward World".


Böse Banker, brave Banker
(format.at) Keine andere Branche hat durch die Krise so an Vertrauen eingebüßt wie das internationale Banking. Sind aus den „bösen“ nun „brave“ Banker geworden? 

Der Beginn der Finanzkrise war das Ende der "Master of the Universe“. Kein anderer Beruf hat so stark an Vertrauen verloren und an Glamour eingebüßt wie jener des Bankers. Besserung wurde gelobt. Aber auch gehalten? Mehr...


Kommentar: Eine treffliche Analyse über das völlige politische Versagen der Regierungen in den Industrienationen, der wir nur noch die folgende Karikatur hinzufügen möchten: 


Quelle: americanprogress.org